»Atemlos jappend laufen sie hinter der Zeit her«

Immer häufiger entdecke ich im Raum der Kirche folgendes Argumentationsmuster: Weil die Menschen vernünftigen Überlegungen nicht mehr zugänglich sind, müssen wir mehr in die Beziehungsarbeit investieren. Weil Jugendliche heute die Sprache und Konzepte der Bibel nicht mehr verstehen, müssen wir Übertragungen schaffen, die sich dem Verstehenshorizont postmoderner Subkulturen fügen. Weil das traditionelle Familienbild nicht mehr konsensfähig ist, müssen wir andere Formen des Zusammenlebens aufwerten. Weil der biblische Sündenbegriff und das damit verbundene Sühneverständnis unpopulär geworden sind, reden wir in unseren evangelistischen Bemühungen nicht mehr über Gottes Heiligkeit und Zorn, sondern über unsere Bedürfnisse nach mehr Spiritualität.

Das alles ist ja nicht völlig falsch. Natürlich sollen wir, um eine Formulierung von John Stott aufzugreifen, »doppelt Hören«, also achtsam wahrnehmen, was Gott sagt und was die Menschen bewegt. Aber was, wenn aus dem zeitgemäßen Christsein eine zeithörige Frömmigkeit wird? Was, wenn die evangelikale Glaubenskultur den Geist der Welt mehr fürchtet als Gott (vgl. 1Kor 2 u. Röm 12,2)?

Ich vermute, dass sich die Entwicklungen in Gesellschaft und vor allem in den Kirchen auch anders herum interpretieren lassen: Weil wir das christlichen Familienbild nicht mehr leben und begründen, öffnen sich immer mehr Menschen für alternative Lebensmodelle. Weil wir nur noch über den Wie-Glauben (fides qua creditur) diskutieren, schwindet das Verständnis für die Inhalte des Glaubens (fides quae creditur), was die Gläubigen in den Gemeinden tief verunsichert und natürlich Wankelmütigkeit fördert. Weil die präventive Seelsorge durch Predigt, Katechese und Gebet immer häufiger einer unterhaltsamem Theologie weichen muss, steigt der Bedarf an spezialisierter Seelsorge und Psychotherapie immens. Weil wir der Heiligkeit Gottes kaum noch liturgischen Raum geben, ist uns das Bewusstsein für unsere Sündhaftigkeit und die teure Gnade, von der wir alle leben, verloren gegangen.

Kurz: Selbstverständlich ändert sich Gemeinde und muss sich auch ändern. Wir sollten uns jedoch mehr Zeit für die Ursachenbekämpfung nehmen. Blicken wir auf Christus. Dieser Blick befreit von den lähmenden Verstrickungen mit dem Weltgeist. Und dieser Blick setzt im Leib Christi die Kraft frei, das prophetische Amt der Kulturkritik wahrzunehmen. Wenn wir diesen Blick nicht üben, wird wohl das ernüchternde Wort Kurt Tucholsky’s über die Kirchen seine Gültigkeit behalten: »Atemlos jappend laufen sie hinter der Zeit her, auf dass ihnen niemand entwische«.

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14 Kommentare
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Andreas

Hallo Ron, sehr gute und wichtige Gedanken! Vor allem die Umkehrung der Argumentationsmuster fand ich sehr bedenkenswert. Manchmal gibt es da merkwürdige … Merkwürdigkeiten eben. An eine musste ich denken, als ich den Satz „Weil wir der Heiligkeit Gottes kaum noch liturgischen Raum geben, ist uns das Bewusstsein für unsere Sündhaftigkeit und die teure Gnade, von der wir alle leben, verloren gegangen.“ gelesen habe. Ich bin Landeskirchler und versuche, in dieser meiner Kirche in Freud und Leid treu meinem Herrn zu dienen, wie man so schön sagt. Allerdings bin ich in den letzten Jahren aus familiären Gründen auch regelmäßig in verschiednen freien Gemeinden in Gottesdiensten zu Gast. Was mir zur Zeit auffällt ist, dass in meiner Landeskirche (mit recht frommen Pfarrern, die gut Evangelium predigen, das muss man dazu sagen) eigentlich Sonntag für Sonntag oder zumindest sehr regelmäßig in den übrigens ziemlich gut besuchten liturgischen Gottesdiensten ein ausformuliertes, ausführliches Sündenbekenntnis gesprochen wird, und das mit großem Ernst. In der evangelikal… Weiterlesen »

Markus

Damit sprichst du wohl eine der größten Herausforderungen für (fast) das gesamte protestantischen Spektrum. „Das Auto steckt im Schlamm, also mehr Gas geben.“ Auch missionsgeschichtlich ist es äußerst herausfordernd, sich einmal die tatsächlich transformativen Bewegungen genauer anzusehen. Mit sieht die Aussage von Peter Zimmerling bestätigt: Nur die die Grenzen nach innen sprengen, können auch die Grenzen nach außen sprengen. D.h. paradoxerweise „entwickeln“ von der Liturgien und Gebet geprägte Bewegungen eine größere Dynamik, als rein „relevante“ Gruppen. (Entwickeln ist natürlich nicht ganz korrekt: sie bieten somit Platz für die Kraft Gottes.) Es ist schon mehr als verwunderlich, dass die Kerngebiete der Reformation mittlerweile die atheistisch geprägtesten Region dieser Erde ausmachen. Allen voran Ostdeutschland. Auch wenn es ein komplexes Phänomen ist, fällt doch auf: Wenn eine Diktatur oder ein „Zeitgeist“ das Wort verbietet, trocknet ein nur auf das Predigtwort bezogener Glaube aus. Ein Glaube, der noch andere Standbeine hat (eben z.B. Liturgie, Eucharistie, Gemeinsames Leben, usw.) wird eben auf anderen Ebenen weiter… Weiterlesen »

Andreas

Nur kurz: Fand interessant, das hier Fragen gestellt werden, die zumindest in eine etwas ähnliche Richtung gehen: http://blog.beliefnet.com/jesuscreed/2009/09/is-low-church-evangelicalism-p.html

Johannes

@Markus: Nach dem, was Ron oben geschrieben hat, würde ich eher sagen, die Evangelikalen sitzen im falschen Auto und das hat sich im Schlamm festgefahren. Es wäre Zeit um- bzw. zurück zu steigen, statt „atemlos“ immer wieder Gas zu geben.

Zum anderen: Trocknet ein nur aufs Predigtwort bezogener Glaube wirklich aus, wenn das Wort verboten wird? Wer von uns vermag das zu beurteilen? Und wäre das Ergebnis ein anderes, wenn man Eucharistie oder Liturgie verbieten würde (die ja auch erst durch das Wort ihre Bedeutung erhalten und ohne Wort bedeutungslos sind)? Ich kann dem nicht ganz folgen, zumal das einzige tragfähige Standbein des christlichen Glaubens das eine Wort – Christus selbst ist.

[…] auszuschweifen, möchte ich einen von “Ron” verfassten Artikel wiedergeben, den ich im Theoblog kürzlich las. Obwohl ich nicht in allen Punkten einer Meinung mit Ron bin, möchte ich trotzdem […]

dikosss

Haut rein! 🙂
Finde ich sehr gut. Geht von der Prämisse aus: Wir sind das Salz und Licht der Welt, weil wir durch Jesus, der das Licht der Welt ist, umgewandelt wurden.
Und weil wir durch Jesus das Salz und Licht der Gesellschaft sind, müssen wir auch geistlich, moralisch, ethisch… vorleben, was wirklich zählt.
Und dann davon reden.

trackback

[…] Ein Ron’sches Plädoyer dafür, dass Christen berufen sind, Maßstäbe zu setzen und einzuhalten und eben nicht nur den Weg […]

Markus

Nun, was das „austrocknen“ betrifft: da sprechen, finde ich, die Fakten für sich: Luthers Wirkungsgebiet zeigt die meisten Atheisten weltweit. Das ist natürlich kein schwarz-weiss Thema. Aber fragen muss man sich schon, weshalb z.B. das katholisch geprägten Polen, das auch eine traumatische Geschichte hinter sich hat und unter dem Kommunismus zu leiden hatte, eine andere „Atheismus-Quote“ aufweist.

„Ich kann dem nicht ganz folgen, zumal das einzige tragfähige Standbein des christlichen Glaubens das eine Wort – Christus selbst ist.“

Christus ist der Logos, was nun nicht auf das gesprochene Wort dezimiert werden sollte! Gott wurde eben Fleisch, Mensch, wurde „Gemeinde“, wurde „Brot und Wein“ – nicht „Grammatik & Vokabel“. Das ist m.M. nach ein großes protestantisches Missverständnis, das eben dem Protestantismus mehr und mehr schadet.

Ich möchte an Christus ja keinen Abstrich machen. Logos ist aber mehr als „gesprochenes Wort“.

waldy (schrotty)

Was müssen wir tun, damit das „wir“ auch wirklich zum „wir“ wird? Oder ist es dann schon? Inwiefern ist Gemeinde an eine Verbindlichkeit geknüpft?

Wenn wir davon reden, dass „wir auf Christus blicken“ sollen, dann ist das richtig und wahr! Aber dabei geht es doch dann immer um den Einzelnen.

Ich habe manchmal den Eindruck, dass genau die Leute darüber reden und nachdenken, die das sowieso schon wissen.

Markus

@Ron: Zu (1). Ich mache Luther nicht für den Atheismus im Osten verantwortlich. Ich wundere mich nur, weshalb die Kerngebiete der Reformation die Kerngebiete des weltweiten Atheismus geworden sind. Zufall kann das nicht sein. Kausal mag es nicht sein: Fakt ist, die äußeren Formen des Protestantismus reichten im wesentlichen nicht aus, um die Zeit der SED-Diktatur zu überleben. Die Aussnahmen in dem ganzen, scheinen mir das zu bestätigen: Herrnhut z.B. hat immer noch 20 % aktive (!) Gemeindemitglieder (in verschiedenen Gemeindeformen). Der ostdeutsche Schnitt liegt sonst bei ca. 1-3%. Deinen 2. Punkt (Religiösität ist nicht vertrauender Glaube) verstehe ich in dem Zusammenhang nicht. Ich sprach nicht von Religiösität. Es geht mir aber um die Fähigkeit, vertrauenden Glauben der nächsten Generation weiter zu vermitteln! Da empfinde ich es als tödliches Vorurteil alles bzw. vieles „katholische“ gleich von vornherein zu verurteilen, z.B. als „Fratze des praktischen Atheismus“. Den findet man doch in evangelischen Kreisen nun ungleich häufiger (Selbstsäkularisierung). Zu (3): Epheserbrief: Die… Weiterlesen »

Markus

Ich glaube, da treffen wir uns (ursächlich, habe ich ja auch auf deinen Beitrag kommentiert, weil ich ihm ja zustimme): denn gerade der Protestantismus in China unterscheidet sich ja enorm, von der unsrigen Form. Da kann man lernen, wie eben Glaube in einer Diktatur wachsen kann. Mir geht es vor allem darum, dass wir unseren Zustand in Europa ernst nehmen – und nicht darum, eine „Protestantismus oder nicht“ Debatte zu starten. Die – empirisch gesehen – am meisten säkularisierten Gebiete in Böhmen, Ostdeutschland und den Niederlanden (z.T. je 85%), zeigen nur, dass man nicht tatenlos bleiben kann. Das mit China finde ich sehr inspirierend, da ich da auch meine Merkmale eines überlebensfähigen Glaubens zu finden: inhaltliche Treue, relativ Gemeinschaftsorientiert und von einer praktischen & praktizierten Spiritualität/Frömmigkeit geprägt. Ähnliche tolle Beispiele findet man z.B. in Indien, da sowohl auf protestantischer, wie auch katholischer „Seite“.