Wenn der Geist am Herzen wirkt

Philipp Melanchthon 1524 über die wahre Gerechtigkeit und das notwendende Wirken des Heiligen Geistes am menschlichen Herzen:

Da das Evangelium die Wahrheit lehrt, verurteilt es Heuchelei und Vortäuschung sowohl in der Buße als auch im Vertrauen. Der Heilige Geist aber deckt in den menschlichen Herzen die Sünde auf, er erschreckt und verstört die Gewissen, und er treibt sie an, den Verheißungen Christi zu vertrauen, der für unsere Sünden genug getan hat und aus Gnade die Vergebung der Sünden zuspricht. Weder jene Furcht vor dem göttlichen Gericht noch das Vertrauen, das das Gewissen aufrichtet und aufheitert, empfängt man, wenn nicht der Heilige Geist die Herzen bewegt. Denn Christus bezeugt in Johannes 6: „Niemand kommt zu mir, außer der, den der Vater gezogen hat.“ Und Jesaja: „Nicht steigt auf in das Herz des Menschen“ usw. Und Paulus: „Der natürliche Mensch nimmt nichts vom Geist Gottes wahr.“ Obwohl du nämlich die göttlichen Drohungen oder Verheißungen hörst, stimmt dein Herz dennoch nicht zu – selbst wenn du es irgendwie vortäuschst –, wenn nicht der Heilige Geist hinzugekommen ist. Im Glück träumen wir, Gott sei zu milde, um uns ernstlich zürnen zu können. Im Unglück urteilen wir, dass er zu grausam sei, um sich um uns zu kümmern, wie sehr man auch von ihm Hilfe erfleht. Schließlich nehmen wir niemals überhaupt ernsthaft und wahrhaftig wahr, dass Gott für uns sorgt, wie jene es sagen in Ezechiel 7: „Der Herr sieht uns nicht, der Herr hat die Erde verlassen.“ Dann erregt der Heilige Geist mit dem Aufweis der Sünde und des Gerichtes Gottes in den Gewissen Schrecken durch die Predigt der Buße. Und er richtet sie wieder auf durch das Evangelium, das heißt durch die Ankündigung der Vergebung der Sünden.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Seltsame melanchthonische Glaubenspsychologie.

    „Weder jene Furcht vor dem göttlichen Gericht noch das Vertrauen, das das Gewissen aufrichtet und aufheitert, empfängt man, wenn nicht der Heilige Geist die Herzen bewegt.“

    Ein Satz mit doppelter Verneinung. Was empfängt wer nun nicht?
    Das heißt umgedreht also nun: Wenn der HG das H bewegt, erhält „man“ Furcht vor dem göttlichen Gericht UND gewissensaufrichtiges Vertrauen? Irgendwas stimmt hier nicht im Satz.

  2. Stephan meint:

    Ich halte den Satz für ok. Vielleicht liegt das Verständnisproblem darin, dass heutzutage „Furcht“ mit „Angst“ gleichgesetzt wird, in früheren Zeiten der Begriff aber eher als „Erkennen einer Realbedrohung“, Respekt, Ehrfurcht usw. verstanden worden ist.
    Der HG schenkt das Erkennen des unausweichlichen Gerichts für den sündigen Menschen, und wer sich nunmehr von Gott ziehen läßt, erfährt durch den HG eine Aufheiterung und Aufrichtung des Gewissens. D.h. :
    a) man erhält Heilsgewissheit
    b) und erkennt, dass man ein sündiger Mensch war, der sein Gewissen belogen hatte; man könnte vielleicht sagen, der HG eicht das Gewissen neu nach Gottes Maßstab

  3. Schandor meint:

    Die Verwechslung von Furcht und Angst ist in diesem Fall gegenstandslos, da Furcht hier augenscheinlich Angst bedeutet, aber gegründete, begründete Angst.
    Die Verwechselungsgefahr besteht dort, wo Gott der Gegenstand des Denkens ist.
    Heilsgewissheit ist ein Psychologicum und für das Heil des Menschen zwar nützlich, aber nicht vonnöten. Sie wird mE überbewertet, auch gegen das Urteil der Altvorderen, die in sprachlich-heiliger Scheu Tod und Teufel gegen jene aufgebracht haben, die sich ihrer Meinung nicht zu fügen wussten.
    Der Satz bleibt problematisch, weil er Inkommensurables vereint.

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