Alles Einstellungssache

Alles eine Sache der Perspektive, meinen die Postmodernen. Bei der Abtreibungsfrage klingt das dann so (FAS vom 14.11.2021, Nr. 45, S. 15): Die Zeichnerin Julia Zejn zeigt Schwangerschaftsabbrüche so, wie viele Frauen sie empfinden: Als Entscheidung, die nicht leichtfertig getroffen wird, aber mit der sie im Reinen sind. Ich zitiere:

„Ihre Protagonistin sagt bei der Beratung, sie habe kein schlechtes Gewissen dem Embryo gegenüber. War das bei Ihnen auch so?
Ja. Ich habe das nicht als Wesen gesehen, sondern als ungewollte Schwangerschaft. Wenn man gewollt schwanger ist, hat man einen ganz anderen Bezug dazu. Gerade am Anfang einer Schwangerschaft sind Muttergefühle eine Einstellungssache.“

Jetzt stellen wir uns mal vor, wir reden mit einem, der eine Tankstelle brutal überfallen hat. Das geht dann so:

Haben Sie ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Tankstellenwärter, den sie ermordet haben?

Ich habe den Tankstellenwart nicht als menschliches Wesen gesehen, sondern als ein Ereignis, das in meine aktuelle Lebenssituation und meine Pläne nicht hineinpasst. Das ist letztlich eine Einstellungssache.

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Kriti-Sir
Kriti-Sir
5 Monate zuvor

Kann man hier so platt argumentieren?
Ich bezweifle es. Ich bezweifle zumindest, dass das Argument in einer sachlichen Debatte durchstoßen könnte.
Ein Anstoß ist es allemal; entweder einer, an dem man sich stößt und den man dann von sich stößt, oder einer, der etwas in einem anstößt.

Christian
Christian
5 Monate zuvor

Naja, man lese Dostojewski’s „Schuld und Sühne“ oder denke über sein berühmtes Wort „Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt“ nach und erkenne, wie scharfsinnig bereits Dostojewski vorhergesehen hat, was der Pluralismus nun mit sich bringt.

David
David
5 Monate zuvor

Good morning Sir, Herr K. verwendet hier schlicht eine Analogie, um sein Argument zu verdeutlichen. Was ist daran nicht sachlich? Oder ist das in der nach-tatsächlichen späten Moderne allzu gestrig und absurd. Bonhoeffer war, in Übereinstimmung mit 19 Jahrhunderten Kirchengeschichte, der gleichen Auffassung. Abtreibung „ist aber nichts anderes als Mord.“ (Ethik, 1. Auflage, München 1949, S. 187), schrieb er (da bleibt wohl kein Interpretationsspielraum, es sei denn „Mord“ bedeutet „kein Mord“ oder „nichts anderes“ bedeutet „was ganz anderes“ oder „ist“ bedeutet „ist nicht“ – Sie verstehen mein Argument). Eine Frage, die ich mir oft stelle und die Sie mir evtl. aus Ihrer Perspektive beantworten können: Wie kann man denn sachlich behaupten, dass das Personsein und der Wert eines Kindes im Mutterleib anhand des subjektiven Maßstabs von irgendwem bestimmt werden soll? Gehen wir mal von einem Kind aus, dass als Frühchen überlebensfähig ist (das ist nicht genau festlegbar und ändert sich ja fortlaufend). Diesem Kind das Menschsein abzusprechen, um es dann… Weiterlesen »

FrankS
FrankS
5 Monate zuvor

Diese Entwicklung kann eigentlich nicht verwundern. Der Mensch, der sich selbst Gesetz ist, ändert dieses Gesetz halt auch, wenn es ihm nicht mehr als zeitgemäß erscheint. Gerade im Bereich Abtreibung sind die historischen Wurzeln hier in Deutschland noch sehr christlich geprägt. Schaut man nach China kann man sehen, wohin die Reise geht. Abtreibung wird dort ganz anders betrieben.

Daphnis
5 Monate zuvor

Toller Denkanstoss – besten Dank!

Helge Beck
Helge Beck
5 Monate zuvor

Ist die Postmoderne jetzt ein Produkt „jüdisch-christlicher“ Kultur oder nicht?