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Gott begegnen mitten im Alten Testament

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„Gott begegnen – mitten im Alten Testament“ – so lautet der Titel der Evangelium21-Regionalkonferenz Schweiz 2026, die vom 30. bis 31. Januar 2026 in Schönenwerd bei Aarau stattfinden wird. Prof. Benjamin Kilchör (STH Basel) wird dabei über das Wohnen Gottes unter uns Menschen sprechen – ein Bild, das sich durch die gesamte Heilsgeschichte hindurch zieht. 

Mehr Infos hier: www.evangelium21.net.

Vom steten Rückbezug auf das Evangelium

 

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Mark P. Linden schreibt in seiner Dissertation (zu der ich herzlich gratuliere): Sehnsucht nach Glück im theologischen Horizont: Jonathan Edwards’ und John Pipers Beitrag zu einer erfahrungstheologischen Vertiefung eines anthropologischen Grundbedürfnisses (Tübingen: Mohr Siebeck, 2025, S. 374–375)

„Nicht im Geschöpf, nicht in den Gaben, mein Ruhplatz ist in dir allein. Hier ist die Ruh, hier ist Vergnügen, drum folg’ ich deinen sel’gen Zügen“, formuliert Gerhard Tersteegen in Ich bete an die Macht der Liebe (1750), Strophe 6. Statt eine „inhumane Perfektionsideologie“ zu befördern, liegt der Fokus einer Theologie des Glücks auf dem reditus ad perfectum: Die Lösung von einer rastlosen und selbstzentrierten – und dadurch unvollkommenen – Frömmigkeit liegt in der Konzentration auf das bei Gott vollkommene Glück, an welchem er die Menschen teilhaben lassen möchte. Glück bedeutet, von der Fülle, dem Überfluss des Glücks Gottes erfüllt zu sein und an diesem Glück zu partizipieren. Gerade die Auseinandersetzung mit erfahrungstheologischen Konzeptionen, die als ein maßgebliches Kennzeichen ihrer Anthropologie der Wiedergeborenen die sinnliche Erneuerung hervorheben, gebietet eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Fehlbarkeit des Wiedergeborenen und seiner Gefühle. Die für Jonathan Edwards wichtigen Verse aus 2. Pet 1,3–4 zeigen in nuce das Potenzial seines Heiligungsverständnisses für eine Theologie des Glücks: 3 Alles, was zum Leben und zur Frömmigkeit dient, hat uns seine göttliche Kraft geschenkt durch die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat durch seine Herrlichkeit und Kraft. Durch sie sind uns die kostbaren und allergrößten Verheißungen geschenkt, damit ihr durch sie Anteil bekommt an der göttlichen Natur, wenn ihr der Vergänglichkeit entflieht, die durch Begierde in der Welt ist. Heiligung ist erstens ein Beschenktwerden durch die Kraft Gottes (V. 3), zweitens die Erkenntnis der Herrlichkeit und Kraft Gottes (V. 3f.) und drittens die Teilhabe am Wesen Gottes durch die Abwendung von vergänglichen Glücksversprechen (V. 4). Gerade angesichts der persönlichen Unzulänglichkeiten kann die Zusage seiner Kraft Gelassenheit schenken. Die Verheißung der Teilhabe an seinem Wesen – Edwards spricht in diesem Kontext von Partizipation – ist eine in hohem Maße befreiende und beglückende Zusage zugleich, die sich von einer mitunter quälenden Interospektion und selbstzentrierter Frömmigkeit zu lösen vermag. Entscheidend dabei ist die certitudo, die von Gott zugesprochene Heilsgewisseheit [sic!], nicht aber die Gier nach Erfahrung und – Edwards nannte dies „affected with their affections“ – der Wunsch nach Fixierung der Glaubensgefühle im Sinne menschlicher securitas. Das christliche Verständnis von Glück ist ein promissionales. Wer sein Glück im innertrinitarisch vollkommenen Glück Gottes gründet und daran partizipiert, ist vom Richtigen beglückt, aber bleibend gefährdet, die Abhängigkeit von Gott mit der Abhängigkeit von sich und seinen Gefühlen zu verwechseln. Passend dazu formulierte es der für John Pipers Theologie sehr prägende C.S. Lewis in Mere Christianity: „Though our feelings come and go, God’s love for us does not.“ Auch der Wiedergeborene bleibt – wie bereits deutlich wurde – gefährdet, seine Erweckung und Heiligung zur Eigenleistung zu erklären, statt sich von der unerschütterlichen Liebe Gottes abhängig zu machen – man könnte sogar noch stärker sagen: ganz von ihm absorbiert zu werden, wie es Edwards nennt.

Das Buch gibt es hier.

Zwei neue Serien über Mozart liefern politisch korrekten Nonsens

Derzeit sind zwei Serien über Amadeus Mozart im Gespräch, „Amadeus“ auf SKY/WOW und „Mozart/Mozart“ von der ARD. Und beide Serien illustrieren, dass der postmoderne Zeitgeist nicht nur an historischer Amnesie leidet (gemeint ist das Vergessen, Verdrängen oder Nicht-Wahrnehmen historischer Zusammenhänge, Ereignisse und Erfahrungen), sondern genüßlich und verführerisch Geschichtsverfälschung betreibt. Mühelos wird der woke und postkoloniale Geist in die Vergangenheit zurückprojeziert.

Beim Mozart der ARD sieht das laut FAZ so aus:

Zur Vorstellungskraft der Autoren gehört, dass Amadeus – er benutzte „Amadeus“ nie, sondern meist „Amadé“, wurde von Liebmeinenden gern „Wolferl“ genannt – drogensüchtig ist und in eine Entzugsklinik muss. Da litauische und lettische Geldgeber wichtige Ko-Produzenten dieser „Event-Serie“ sind, sieht diese Klinik aus wie das Schloss eines bal tendeutschen Barons aus dem späten 19. Jahrhundert (Mozart und dessen Frau trugen schon bei der Hochzeit Blumenkränze im Haar wie bei lettischen Jānis-Festen am Johannistag). Zur Vorstellungskraft der Autoren gehört auch, dass wegen dieser Drogensucht ihres Bruders Maria Anna das Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ komponiert. Amadeus konnte nämlich gar nicht komponieren, zuvörderst aus gesundheit lichen Gründen. Zur Vorstellungskraft der Autoren gehört ferner, dass Leopold Mozart, der Vater der Geschwister, vor 21 Jahren eine afroeuropäische Geliebte hatte, die aufgrund ihrer Hautfarbe – „Schauen Sie mich doch an!“ – keine Karriere als Opernsängerin machen konnte. Ausgerechnet diese Eleonora Maxim, kurz „Nora“ genannt (Ibsen, ick hör dir trapsen!), wird von Maria Anna überredet, im Ari enwettstreit mit dem fiesen, aber feschen Antonio Salieri um die Vergabe eines Auftrags von Kaiser Joseph II. zur neuen „Volksoper“ anzutreten.

Während uns der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen Mozart präsentiert, der nicht komponieren kann und seine eigene Musik verachtet, hat sich die Produktion von SKY/WOW der Teilhabegerechtigkeit verschrieben: 

Allerdings muss auch bei Farino und Seabright rückwirkend in der Geschichte Teilhabegerechtigkeit für verschiedenste soziale Gruppen hergestellt werden. Deshalb ist Mozarts Schüler Franz Xaver Süßmayr eine person of colour und Lorenzo da Ponte, Mozarts Lieblingslibrettist, nicht nur schwarz, sondern auch schwul. Dass der genetische Abstand Süßmayrs und da Pontes zu Afrika, der Mutter der Menschheit, geringer war als bei Mozart selbst, wäre ein neuer Befund, ist aber wahrscheinlich nur eine politisch korrekte historische Inkorrektheit.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net

Das Filme oft im Dienste des säkularen Missionsbefehls stehen und versuchen, unser Denken und Fühlen zu vereinnahmen, habe ich vor einigen Jahren in dem Artikel „Das Kino im Herzen“ zu zeigen versucht: www.evangelium21.net.

Ralf Frisch: Gott

Frisch Cover.

In seinem neuen Buch Gott kritisiert Ralf Frisch die anthropozentrische Theologie unserer Zeit. Genauso wenig, wie Bäckereien überleben werden, wenn sie Hungrigen Steine statt Brot verkaufen, wird eine Kirche bestehen können, wenn der Mensch die Antwort auf alle Fragen ist.

Hier aus meiner Rezension: 

Aber wer ist dieser Gott, von dem die Kirche zu reden hat? Frisch verteidigt das „Deus semper maior“. Gott ist immer größer, als Menschen glauben und denken. Er übersteigt alle menschlichen Versuche, ihn mit der Vernunft zu fassen (vgl. S. 62). „Der Mensch ist Mensch. Und Gott ist Gott … Gott kann nicht das Wesen sein, dem die Welt überlegen sein könnte. Sonst wäre er nicht Gott“ (S. 63). Doch auch wenn sich Gott den positiven Definitionen entziehe, könne ausgeführt werden, was Gott nicht ist. Gott sei kein vergöttlichter Mensch und keine Chiffre für humanitäre Solidarität (vgl. S. 64 f.). Gott könne laut Frisch auch keine unpersönliche Macht, sondern müsse ein personales Wesen sein. Denn ein „Gott, der keine Person ist, verdient den Namen Gott nicht. Ein Gott, der nur irgendwie da wäre, aber nicht wissen und fühlen würde, wie es ist, ‚da‘ zu sein, wäre kein Gott“ (S. 71).

Es ärgert Frisch, dass die akademische Theologie verlernt hat, über Gott zu staunen. Sie duldet nicht, dass Gott die menschlichen Rationalisierungen aufbricht und „in den intellektuell, psychisch und moralisch abgeriegelten Raum der Welt eindringt“ (S. 85). „Dass Gott in irgendeiner Weise zu fürchten und ihm nicht mit Hochmut, sondern mit Demut zu begegnen sein könnte, ist eine Vorstellung, die von der humanistischen Theologie unserer Gegenwart nahezu rückstandslos entsorgt wird“ (S. 93).

„Eine erschreckend weltfremde Identifizierung von Gott und Natur und von Gottvertrauen und Naturvertrauen im Namen einer naturverklärenden Schöpfungsspiritualität inklusive der theologisch im Blick auf den HERRN längst verabschiedeten Demuts- und Ehrfurchtrhetorik greift immer unverhohlener und immer unwidersprochener um sich.“ (S. 98)

„Von Gottesfurcht und Gottesschrecken, die in der Bibel mit jeder Epiphanie einhergehen, ist vielleicht tatsächlich nur noch die Angst der aufgeklärten Christinnen und Christen übriggeblieben, Gott zum Thema zu machen“ (S. 85 f.). Unter Berufung auf Rudolf Otto und Ludwig Wittgenstein plädiert Frisch dafür, das Unaussprechliche dadurch zu ehren, dass man anbetend schweigt (vgl. S. 88): „Vielleicht herrscht im Protestantismus zu viel Ethos und zu wenig Sprachlosigkeit, also zu wenig Kultus und zu wenig Mystik“ (S. 87).

Mehr: www.evangelium21.net.

Evangelium21-Hauptkonferenz 2026: „Ein Glaube, der bleibt – von Generation zu Generation“

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Die nächste Evangelium21-Hauptkonferenz findet vom 30. April bis zum 2. Mai 2026 in der Arche Gemeinde in Hamburg statt. Das Thema der Konferenz lautet „Ein Glaube, der bleibt – von Generation zu Generation“. Dazu heißt es: 

Der christliche Glaube versteht sich als einer, der weitergegeben werden muss – von Generation zu Generation. Jede Generation muss dabei neu für den Glauben gewonnen und begeistert werden, damit Gottes Reich wächst. Auf der diesjährigen E21-Hauptkonferenz wollen wir uns anhand des 2. Timotheusbriefs anschauen, wie diese Glaubensvermittlung gelingen kann – in verschiedenen Bereichen, wie dem des pastoralen Trainings, der Familie und Jüngerschaft. Wir sehnen uns danach, dass bereits auf der Konferenz das Miteinander der Generationen für den Glauben an unseren dreieinen Gott sichtbar wird.

Einblicke in das Hauptprogramm und die Seminarangebote gibt es zusammen mit einer Anmeldemöglichkeit hier: www.evangelium21.net.

Orwells „Neusprech“ im großen Sprachumbau von heute

Matthias Heine hat einen Auszug aus seinem Buch Der große Sprachumbau in der WELT veröffentlicht. Nachdem er das Grammatik-Kapitel am Ende von Orwells Roman 1984 gelesen hatte, entdeckte er verstörende Parallelen zur gesteuerten Sprachentwicklung in unseren Tagen: 

Orwell beschreibt den Zweck des Neusprechs so: Er „bestand nicht nur darin, ein Ausdrucksmedium für die Weltanschauung und die geistigen Gepflogenheiten der Anhänger des Engsoz bereitzustellen, sondern insbesondere alle anderen gedanklichen Formen unmöglich zu machen.“ Ein Gedanke, der von den Prinzipien des Engsoz abwich, sollte „buchstäblich undenkbar“ sein, „zumindest insofern, als das Denken von Wörtern abhängt.“

Zu diesem Zwecke wurden nicht nur neue Wörter erfunden, sondern vor allem alte Wörter ausgelöscht und der Wortschatz total reduziert: „Kein Wort, das entbehrlich war, durfte überleben. Neusprech war konzipiert, um die gedankliche Vielfalt nicht zu erweitern, sondern zu verkleinern (Hervorhebung von Orwell).“ Das erinnert an den Plan heutiger Sprachumbauer, man müsse die „Reproduktion“ von ungerechten Wörtern wie Neger oder Zigeuner stoppen, indem man sie nicht einmal mehr in historischen Zitaten oder alten Büchern zulässt.

In manchen Punkten sind die Spracharchitekten in unserer Wirklichkeit sogar radikaler als die von Ozeanien. Während in Orwells Phantasiestaat ein Wort wie frei immerhin weiter existieren kann, nachdem man es von seinem unerwünschten Sinn befreit und auf harmlose Bedeutungen wie „frei von Flöhen“, „frei von Unkraut“ eingeengt hatte, genügt heute die bloße äußere Ähnlichkeit des Ortsnamens Negernbötel mit dem Wort Neger, um ihn zur Löschung reif zu machen. Dabei geht der Bestandteil Negern im Namen des Dorfes auf eine alte mundartliche Form von näher zurück und bezeichnet bloß das nähere Bötel (plattdeutsch für Wohnstätte).

Auch auf dem Gebiet der Grammatik gibt es Ähnlichkeiten zwischen „1984“ und dem neuen Korrektheitsjargon. Orwell schreibt, eine der Eigenschaften der Neusprech-Grammatik sei „eine fast vollständige Austauschbarkeit verschiedener Wortarten“. Erste Schritte in diese Richtung finden heute auch statt: Die Herauslösung des substantivischen Trans- im zusammengesetzten Wort Transpersonen und seine Umwandlung in ein indeklinables Adjektiv beim erwünschten Terminus trans Personen geht in diese Richtung.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

Hexenjagd

Jakob Hayner hat mit Bernd Stegemann und Angela Richter ein hochinteressantes Interview über die Woke-Kultur in der deutschen Kulturlandschaft geführt. Zum Hintergrund: Im Jahr 2021 klagten 1.500 Theaterleute den Dramaturgen Bernd Stegemann wegen Rassismus an. Zu den Unterzeichnern ihres Offenen Briefs zählte auch die Regisseurin Angela Richter. Im Gespräch mit Stegemann erklärt sie nun, warum sie die Aktion heute bereut und welche Auswirkungen die „Woke“-Bewegung hatte.

Hier einige Auszüge: 

Angela Richter: Ich erlebe einen Verlust an künstlerischer Freiheit. Was ich vor einigen Jahren als frei und offen empfunden habe, ist plötzlich von vielen unausgesprochenen Regeln moralischer und ideologischer Art durchsetzt. Zum Beispiel wollte ich die wahre Geschichte einer Detransition erzählen, also eines rückgängig gemachten Geschlechtswechsels. Ich bin naiv und unvoreingenommen an die Arbeit rangegangen, mich hat das Schicksal dieses Menschen berührt. Ich habe die aufgeladene Debatte über Trans völlig unterschätzt. Bereits nach der Leseprobe wurde ich als „transphob“ gebrandmarkt. Das Stück wurde nicht gespielt. Oder als ich einen Artikel über den Philosophen René Girard veröffentlichte – den frühen Diagnostiker unserer übersteigerten Opfermacht – und erwähnte, dass Peter Thiel und Elon Musk bei ihm studiert haben, ohne das obligatorische Verdammungsmantra abzuspulen: Schon galt ich als „rechts“. Das hat mich schockiert.

Bernd Stegemann: Theater wird eigentlich von Menschen gemacht, die den Mut haben, Geschichten, Gefühle und Widersprüche öffentlich sichtbar zu machen. Heute haben sie den Mut verloren und sind ängstlich darauf bedacht, keine Fehler zu machen. Das falsche Thema, ein falsches Wort, eine falsche Situation, alles kann missverstanden werden und jemand könnte sich gekränkt fühlen. So entsteht eine neue Beklommenheit am Theater. Man will eindeutige Botschaften versenden, die einen moralisch gut aussehen lassen und niemanden irritieren. Früher hätte man das Propagandatheater oder Tendenzdrama genannt. Also das Gegenteil von gutem Theater, das immer mit Widersprüchen zu tun hat. Die Widersprüche zwischen den Figuren und die Widersprüche zwischen der Inszenierung und den Erwartungen des Publikums werden von der tugendhaften Beklommenheit kassiert. Man ist dabei, dem Theater seinen Lebensnerv zu ziehen.

Angela Richter: Ich beobachte einen freiwilligen und vorauseilenden Gehorsam im Theater. Man unterwirft sich fragwürdigen ideologischen Moden. Wer das nicht tut, gilt als zurückgeblieben und gestrig.

Angela Richter: Ich selbst war lange in diesem Mechanismus gefangen. Ein Reflexmilieu wie bei Pawlow: Jemand ruft „rechts“ – und alle bellen, als wäre Denken optional. So habe auch ich mich vor ein paar Jahren an einem offenen Brief gegen Bernd Stegemann beteiligt. Ausgelöst durch Rassismusvorwürfe gegen einen Regisseur, den er in der „FAZ“ verteidigt hatte. Der Brief eskalierte zu einem massiven Shitstorm. Heute würde ich sagen: Wir verloren die Kontrolle, es wurde eine Hexenjagd.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

Sieg der Intoleranz

Thomas Thiel berichtet für die FAZ über die unsägliche Ausladung von Sebastian Ostritsch durch Münchner Hochschule für Philosophie (FAZ, 29.11.25, Nr. 278, S. 13):

Der Philosoph und Publizist Sebastian Ostritsch ist gegen Abtreibung und gegen das Recht auf Suizid. Er hält es für die moralische Pflicht des Staates, Bürger gegenüber negativen Konsequenzen von Einwanderung zu schützen, und sieht Kirchen, die sich mit Regenbogenflaggen schmücken, im Widerspruch zur eigenen Lehre. Dies sind streitbare, für einen gläubigen Katholiken aber keine ungewöhnlichen Ansichten. Man sollte meinen, dass sie an einer katholischen Hochschule kein Ausschlusskriterium sind, zumal Ostritsch sie scharfsinnig begründet.

Man kann sich davon auf seiner Website ein Bild machen, wo Texte, die er als regelmäßiger Autor der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“ und anderer Zeitungen schreibt, aufgelistet sind. Neben seiner publizistischen Tätigkeit lehrt Ostritsch Philosophie an der Universität Heidelberg und hat eine preisgekrönte Dissertation sowie eine vielbeachtete Biographie über Hegel verfasst. Am Donnerstag hätte er einen Vortrag mit dem Titel „Ist Gottes Existenz eine Sache der Vernunfterkenntnis?“ an der jesuitischen Münchner Hochschule für Philosophie halten sollen, der den Gottesbeweis von Thomas Aquin gegen Kants Zweifel verteidigt. Auch darüber hat er ein kürzlich bei Matthes & Seitz publiziertes Buch geschrieben. Ostritsch konvertierte vor einigen Jahren zum Katholizismus aus der Einsicht in die Grenzen philosophischer Vernunfterkenntnis.

Zum Vortrag kam es nicht, weil eine kleine Studentengruppe vorher gegen den in ihren Augen „rechtsextremistischen Fundamentalisten“ im Internet getrommelt hatte und die Hochschulleitung dem Druck nicht standhielt.

Sebastian Ostritsch konnte seinen Vortrag übrigens dennoch in München halten. Das Carlsbad Institute for Social Thought organisierte einen alternativen Veranstaltungsraum in einem Münchner Pfarrsaal. Dort konnten die Argumente aus dem Buch Serpentinen: Die Gottesbeweise des Thomas von Aquin nach dem Zeitalter der Aufklärung vorgestellt werden. Der Verkauf des Buches läuft hervorragend an – wohl ein Kollateralschaden der studentischen Protestaktion.

Jonathan Rauch: Die Kultur der Denunziation

Jonathan Rauch schreibt in Die Verteidigung der Wahrheit über die Verdampfung der Meinungsfreiheit und die gewollte Kultur der Denunziation (2022, S. 23–24): 

Als Angehöriger einer sexuellen Minderheit und langjähriger Verfechter von Schwulenrechten (und der Redefreiheit) hat es mich ganz besonders deprimiert zu sehen, dass sich eine zwar nicht repräsentative, aber lautstarke Minderheit von Transgenderaktivisten die Methoden der sozialen Einschüchterung zu eigen macht. Wie der britische Economist im August 2019 berichtete, „ist jede Diskussion von Transgenderfragen hochexplosiv“. Und wie Robby Soave in seinem Buch Panic Attack: Young Radicals in the Age of Trump aus demselben Jahr schrieb, „verurteilen viele der lautesten Trans-Stimmen, besonders in den Medien, jegliche Kritik an ihren Aktivitäten routinemäßig nicht nur als falsch, sondern als eine Art Übergriff“. Soave zitiert dort einen Professor mit den Worten: „Sie schaffen es, die Leute so zu verängstigen, dass sie lieber schweigen.“ Die Zielpersonen solcher Kampagnen können gesellschaftlich zu Aussätzigen werden – sie können ihren Ruf ebenso verlieren wie ihre Jobs oder ihre Unternehmen, ganz abgesehen von vielen ihrer Freundschaften und sozialen Kontakte. In zwischenmenschlicher und beruflicher Hinsicht laufen sie Gefahr, gecancelt zu werden, wie der neue Ausdruck dafür lautet.

Natürlich gehört es zum Zusammenleben dazu, sich selbst zu zensieren (wir nennen das „Höflichkeit“) – aber nicht, wenn dies den offenen Austausch und die offene Kritik im intellektuellen Leben der Universitäten beeinträchtigt. Denn gerade ein solcher Austausch und eine solche Art von Kritik sind ja die eigentlichen Gründe dafür, sich überhaupt dorthin zu begeben. In den 2010er-Jahren hatte sich ein unverkennbarer Wandel in diese Richtung vollzogen. Jonathan Haidt, ein prominenter Sozialpsychologe an der New York University (dessen Arbeit auch eine Inspirationsquelle für dieses Buch darstellt), sagte 2018 in einem Interview mit dem Radiomoderator Bob Zadek: „2015 breitete sich die Kultur der Denunziation im ganzen Land noch viel schneller aus. Ich würde sagen, dass sie in einem bestimmten Maße überall anzutreffen ist. Die Studierenden sind viel defensiver und fürchten sich viel stärker davor, mit der herrschenden Meinung nicht übereinzustimmen. Das Wesen des College als eines freien Ortes mit frei sich entfaltenden Diskussionen, wo man provokativ sein und die herrschenden Personen oder Ideen herausfordern kann, ist schwächer ausgeprägt, als es noch vor vier oder fünf Jahren der Fall war.“

Jürgen Habermas’ Warnung vor Verflachung der christlichen Glaubensgehalte zieht Kreise

Christian Geyer berichtet in der FAZ darüber, dass das mahnende Wort von Jürgen Habermas sowohl in kirchlichen als auch in akademischen Kreisen eine gewisse Wirkung hinterlassen hat (FAZ, 05.11.2025, Nr. 257, S. 9):

Im Hintergrund steht die Auseinandersetzung um den christlichen Hoffnungsbegriff. Ist ein inhaltlich nicht näher bestimmtes Konzept „Hoffen auf die Hoffnung“, auf ein besseres Leben, auf eine gerechtere Welt begrifflich schon als „religiöse Glaubenspraxis“ ausweisbar? Oder verlangt der theistische Bezugsrahmen mehr als eine Modalität der Zuversicht, nämlich, wie Habermas meint, ein religiös gehaltvolles Hoffnungskonzept: „Die christliche Hoffnung richtet sich unter ande-rem auf die Auferstehung von den Toten und eine Erlösung von allen Übeln dieser Welt und ist ihrerseits abhängig vom Glauben an die Verheißung Gottes. Dieser Akt des Glaubens an das Eintreten des Verheißenen prägt auch den Modus des täglichen Lebens.“

Und weiter: 

Dass Habermas einen theologischen Nerv getroffen hatte, ist auch an Reaktionen aus dem akademischen Raum ablesbar, etwa wenn der Frankfurter Theologe Oliver Wiertz fragt, wie sich bei Habermas die Sorge um den Theismus mit dessen Prämisse des nachmetaphysischen Denkens verträgt, eine Prämisse, „die zwar interessant und aufschlussreich und über Jahrzehnte hinweg immer differenzierter formuliert worden ist, aber nicht nur unzutreffend, sondern letztlich auch unzureichend begründet ist“ (F.A.Z. vom 31. Oktober). Doch hat Habermas selbst im Zuge seiner jahrzehntelangen Differenzierung des nachmetaphysischen Paradigmas gezeigt, dass es sich hierbei nicht etwa um eine starre Prämisse im Sinne einer bornierten Weltanschauung handelt – wie sonst hätte er über den Themenkomplex Vernunft und Glaube in immer wieder neuen Anläufen derart eingängig handeln können? Die Habermas in seinem Lebenswerk vielfältig umtreibende Frage, wie sich religiöse Gehalte postmetapysisch übersetzen lassen, setzt das philoso-phische Interesse an einer theologisch konsistenten Metaphysik ja gerade voraus. Anderenfalls gäbe es aus dem theistischen Rahmen heraus eben nichts mehr zu übersetzen. Wessen Amtes wäre aber der Theismus zunächst, wenn nicht der Theologen?

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