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Permanente Geschlechtsmarkierung

Gendersterne und andere „gerechte“ Sonderzeichen widersprechen den amtlichen Rechtschreibregeln. Dennoch machen sie sich schon im Unterricht für Grundschüler breit. Gerald Ehegartner schreibt: 

Gendern steht auch in einem Spannungsverhältnis zum sprachlichen Ökonomieprinzip. Untersuchungen zeigen, dass Sprachen Informationen trotz großer struktureller Unterschiede mit einer erstaunlich ähnlichen Rate von durchschnittlich rund 39 Bit pro Sekunde übertragen. Wird für eine vergleichbare Information mehr sprachliches Material benötigt, zum Beispiel mit der Paarform „Schülerinnen und Schüler“ oder mit „Schüler:innen“ statt „Schüler“, so verlängert sich tendenziell die Übertragungsdauer.

Sprache unterliegt einem natürlichen Ökonomisierungsdruck: Was häufig gebraucht wird, tendiert zu Verkürzung und Vereinfachung – nicht zu zusätzlicher Komplexität.

Gendern wirkt diesem Prinzip entgegen: Es erweitert oder markiert Personenbezeichnungen zusätzlich und unterbricht in der gesprochenen Form bei Sonderzeichen den Redefluss durch einen Glottisschlag. Zugleich markiert die Gendersprache permanent das Geschlecht – auch wenn dieses völlig unerheblich ist. Das gilt ebenso für die Paarform. Gendern sexualisiert damit die deutsche Sprache – nicht im Sinne einer Erotisierung, sondern einer permanenten Kategorisierung nach Geschlecht.

Dabei verlieren Tausende grammatisch maskuline Oberbegriffe wie „Bürger“ oder „Schüler“ ihre geschlechtsneutrale Funktion. Oberbegriffe sind für das abstrakte und schnelle Verarbeiten von Informationen jedoch unerlässlich.

Damit stellt sich die Frage, ob der Verlust einer universellen, generischen Ebene unsere Fähigkeit schwächt, sprachlich vom Besonderen zu abstrahieren und das Allgemeine zu denken. Der erzwungene Einschub der Geschlechterklasse fragmentiert jedenfalls die sprachliche Repräsentanz des Universalen – das generische, also geschlechtsneutrale Maskulinum muss einer permanenten Geschlechtsmarkierung weichen.

Mehr: www.welt.de.

Michel Foucault: Das Nichts als Götzenbild

Heute jährt sich der 100. Geburtstag von Michel Foucault. Schon zu Lebzeiten war er einflussreich, doch 42 Jahre nach seinem Tod ist Foucault eine Größe, mit der sich Soziologen und Philosophen auseinandersetzen müssen. Vom Postkolonialismus bis zur Queer-Theorie bleibt er eine der meistzitierten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Geisteswissenschaften. Tatsächlich hat er diese nach seinem eigenen Bild neu geprägt.

Freilich hat er keine einheitliche Theorie hinterlassen. Und das wird ihm gern verziehen oder als Stärke ausgelegt. „Dass seine Theorie selbst viele Widersprüche und Wendungen in sich trägt und damit unterschiedliche Lesarten begünstigt, kann man eher als Ausdruck der Beweglichkeit seines Denkens denn als Schwachstelle einer Theorie sehen, die nie auf Systematik zielte. Schon den Werkbegriff als solchen wies er für seine Arbeit streng zurück“, schreibt Tania Martini in ihrem Nachruf auf Foucault (FAZ, 02.10.2026, S. L11).

Sowohl Michel Foucault (1926–1984) als auch Georges Bataille (1897–1962) haben sehr düstere, ja sogar finstere Seiten. Beschrieben hat sie zum Beispiel James Miller in seiner Biographie Die Leidenschaft des Michel Foucault (1995). In seinem eigenen Rückblick stellt Carl Trueman den Nihilismus Foucaults heraus.

So brillant er auch war: Bei Foucault drängt sich den Lesern die Frage nach Leben und Denken mit einer gewissen Dringlichkeit auf. Er hatte eine dunkle, unheimliche Seite. Er scheint stets am Rande des Wahnsinns geschwebt zu haben. Sein heimliches schwules Leben führte zu frühen Selbstmordversuchen und Nervenzusammenbrüchen. Nachdem er sich in den 1970er Jahren geoutet hatte, tauchte er in die BDSM- und Saunaszene ein und nahm damit die perversen Exzesse der heutigen sexuellen Anarchie vorweg. Es gibt sogar Behauptungen – umstritten, aber überzeugend –, dass er nach Afrika reiste, um gegen Bezahlung Sex mit minderjährigen Jungen auf Friedhöfen zu haben, und dass er andere wissentlich mit dem AIDS-Virus infizierte.

Natürlich wimmelt es in der Welt talentierter Intellektueller nur so von Persönlichkeiten, deren Privatleben von libidinösen Exzessen geprägt war. Doch Foucault scheint dennoch ein Extremfall zu sein. Und seine sexuellen Vorlieben, die durch Grenzüberschreitungen, Schmerz, Dominanz, Unterwerfung und das Spiel mit dem Tod gekennzeichnet waren, lassen sich zu deutlich mit seinen akademischen Interessen in Verbindung bringen, als dass sich beides klar voneinander trennen ließe. Er war kein Teilchenphysiker, der zufällig gerne Bondage-Clubs besuchte, nachdem das Labor am Abend geschlossen hatte. Es bestand eine tiefe Kontinuität zwischen seiner Philosophie und seiner Lebensweise. Erstere lieferte ihm die theoretische Legitimation für Letztere.

Seinem Denken lag zudem ein tiefer Nihilismus zugrunde, der jegliches Gefühl für moralische Werte ausschloss. Zu Lebzeiten trat er als Mann der Linken auf, doch das war das Ergebnis des Kontextes, nicht seiner Überzeugung. Seine Kritik an der Macht machte ihn zu einer oppositionellen Figur, und das Frankreich seiner Zeit – das von de Gaulle und später d’Estaing – neigte zufällig zur Rechten. Er war kurzzeitig Kommunist und liebäugelte zwar mit dem Maoismus, doch im Grunde hatte er keine stabile, positive politische Vision. Seine Äußerungen zur iranischen Revolution waren damals lächerlich und erscheinen heute umso mehr so, doch sie standen im Einklang mit seinem Fehlen jeglichen moralischen Kompasses. In einem 1980 in „Il Contributo“ veröffentlichten Interview fragte ihn der Interviewer, ob er die Demokratie für besser halte als den Totalitarismus. Sehr zum Frust des Interviewers wich Foucault der Frage immer wieder aus. Dies stand im Einklang mit seinem Bekenntnis zu einem genealogischen Ansatz in der Geschichtswissenschaft, der die Frage nach der Wahrheit vermied; es entlarvte aber auch den ohnmächtigen Nihilismus seines Denkens. Tatsächlich zitierte er in einem Aufsatz über Nietzsche und Genealogie die Bemerkung des Philosophen, dass es der Geschichte an einer von der Vorsehung bestimmten Gestalt und einem sinnvollen Schicksal mangele und sie nichts weiter sei als das Ergebnis „der eisernen Hand der Notwendigkeit, die den Würfelbecher des Zufalls schüttelt“. Nun, wenn die Geschichte nichts bedeutet, dann tun es auch diejenigen nicht, die sie gestalten.

Es war diese Leere, die sein Ende prägte. In seinem Roman „An den Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“ schilderte Hervé Guibert seine Freundschaft mit einem Mann namens Muzil und die Kämpfe, denen sich beide nach ihrer AIDS-Erkrankung stellen mussten. Muzil war Foucault, der „Roman“ eine kaum verhüllte Autobiografie.

Guiberts Beschreibung des körperlichen Leidens in Muzils letzten Tagen ist erschütternd, doch am eindringlichsten ist seine Schilderung eines Besuchs bei ihm im Krankenhaus, als er sich dem Ende näherte: Muzil saß vor dem sonnendurchfluteten Fenster in einem weißen Liegesessel aus Kunstleder, in jenem Raum, der nach gebratener Makrele stank, in der Stille jenes verlassenen Krankenhauses am Pfingstwochenende. Er vermied es, mir in die Augen zu sehen, und sagte: „Man glaubt immer, dass man in einer bestimmten Situation etwas dazu zu sagen hat, und nun stellt sich heraus, dass es doch nichts zu sagen gibt.“

Angesichts des Todes verstummte Foucault schließlich. Der Mann, der die Geisteswissenschaften nach seinem eigenen Bild neu gestaltete und der Millionen von Worten seiner zahlreichen Epigonen inspirierte, starb, ohne etwas zu sagen zu haben. Nichts.

Als ich diese Passage zum ersten Mal las, kamen mir sofort Gedanken an Psalm 115. Nachdem der Psalmist die leblosen Götzen beschrieben hat, die Menschen anfertigen und anbeten, zieht er eine vernichtende Schlussfolgerung: Diejenigen, die sie anfertigen, werden ihnen gleichen. Und Foucault hatte aus dem Nichts ein Götzenbild gemacht. So war es trotz all seiner faszinierenden Einsichten, seines schillernden Intellekts und seines enormen Einflusses sein Nihilismus, der das letzte Wort hatte – oder, vielleicht besser gesagt, ihm seine letzten Worte raubte.

Mehr: firstthings.com.

AfeT-Rezension zu „Menschenfischen & Schafeweiden“

 

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Dirk Scheuermann, Pfarrer und Studienleiter im Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen, hat für den AfeT das Buch Menschenfischen & Schafeweiden (2006, #ad) von Wolf Christian Jaeschke vorgestellt. Er schreibt in seiner Rezension: 

Jaeschke diskutiert die wichtige Frage, ob es einen Anknüpfungspunkt beim Menschen für das Evangelium gibt: „Ist das den Menschen verkündete Evangelium die Erfüllung dessen, was in deren bisherigem Glauben und Denken schon angelegt ist (Kontinuität), oder ist es etwas völlig anderes (Diskontinuität)?“ Doch wo liegen die Andockstellen für die Botschaft des Evangeliums? Für Jaeschke – er bezieht sich dabei auf Otto Haendler – ist es die Urangst, die in jedem Menschen steckt. Sie wird niemandem eingeredet, sondern ist a priori mit unserer Existenz verbunden. Bei allem Nachdenken über die Situation des Menschen möchte Wolf Christian Jaeschke das Kreuz im Blick behalten. Er zitiert Wilhelm Busch: „Es stellte sich heraus, dass die Predigt vom Kreuz (also das Thema der Brückenillustration) in der Tat hochaktuell ist. Wenn vom ‚Frieden mit Gott‘ (Röm 5,1) gepredigt wird, entdeckt der Mensch, was ihm fehlt und woher seine Nöte kommen. Ich lernte Paulus verstehen: ‚dass ich nichts wüsste als Jesus Christus, den Gekreuzigten‘ (1Kor 2,2).“

Ein weiteres Thema, dem sich der Autor zuwendet, ist die Frage nach dem freien Willen. Ist es legitim, zum Glauben einzuladen, wenn der Mensch keinen freien Willen hat? Hier argumentiert Wolf Christian Jaeschke mit Siegfried Kettling: „Der Satz ‚Komm zu Jesus‘ kann aber auch auf dem Hintergrund der Erkenntnis vom ‚unfreien Willen‘ des Menschen ausgesprochen werden; dann ist er ein Imperativ des Evangeliums. Weil der Schöpfergeist wirkt, ist das gepredigte Wort voller Kraft und Leben.“

Im zweiten Hauptteil „Glaubensvertiefung“ erklärt Jaeschke die „Radillustration“, die auf einen Blick zeigt, wie es zum Glaubenswachstum und zu einem ausgewogenen Leben in der Gemeinschaft mit Jesus Christus kommt. Die Elemente der Radillustration: Der Mittelpunkt ist Christus. Um ihn dreht sich alles im Glaubensleben. Die beiden vertikalen Speichen sind das Gebet und das Wort Gottes. Die beiden horizontalen Speichen sind die Gemeinschaft der Christen und das Bekenntnis des Glaubens. Die Lauffläche beschreibt Jaeschke als die Umsetzung des Christenlebens im Alltag. Dabei geht es um den Gehorsam und um ein Leben von der Mitte her, die Jesus Christus ist. Interessant sind die Ausführungen von Jaeschke zum Thema Gehorsam (Heiligung). Er bezieht sich auf einen Vortrag von Jerry Bridges, der darüber spricht, wie wichtig es sei, dass Christen evangeliumsorientiert und nicht leistungsorientiert leben. Auf einen Schwerpunkt der Navigatoren sei noch hingewiesen. Jaeschke nennt ihn „Erwachsenwerden plus“. Seine Formel für diesen Begriff: Geistliches Erwachsenwerden + geistliches Elternwerden = Erwachsenwerden plus. Es geht darum, dass sich das Evangelium multiplikativ ausbreitet. Begründet wird die multiplikative Ausbreitung des Evangeliums mit 2Tim 2,2: „Und was du von mir gehört hast vor vielen Zeugen, das befiehl treuen Menschen an, die tüchtig sind, auch andere zu lehren.“

Die vollständige Buchbesprechung gibt es hier.

Wir scrollen uns zu Tode

 

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Jonas Erne hat das von Brett McCracken und Ivan Mesa herausgegebene Buch Wir scrollen uns zu Tode (CV, 2026, #ad) gelesen und streicht heraus, wie wichtig es ist, sich mit den Eigenschaften von Medien zu befassen: 

Im Oktober 1984 betrat der New Yorker Medienforscher Neil Postman das Podium der Frankfurter Buchmesse. Es war das Orwell-Jahr – vielleicht vergleichbar mit der Luther-Dekade –, in welchem unzählige Veranstaltungen zur Person und dem Wirken Orwells durchgeführt wurden. Anlass auf der Frankfurter Buchmesse war eine Podiumsdiskussion über George Orwells dystopischen Klassiker 1984. Postman kam, um Orwell zu widersprechen. Seine These vor dem Frankfurter Publikum war eine Provokation: Nicht Orwells totalitärer Überwachungsstaat bedrohe den Westen, sondern Aldous Huxleys Schöne neue Welt. Orwell fürchtete jene, die Bücher verbieten; Huxley fürchtete, dass Bücher überflüssig werden, weil niemand mehr lesen will. Orwell hatte Sorge, dass Informationen vorenthalten und gezielt manipuliert werden; Huxley sah voraus, dass wir in einem Meer von Belanglosigkeiten ertrinken.

Aus dieser Frankfurter Rede entstand im Jahr 1985 das Buch Wir amüsieren uns zu Tode. Als Kind des Jahrgangs 1985 bedeutet dieses Buch für mich eine ganz persönliche Wegmarke: Es beschreibt exakt jene Zeit in der Medien- und Kulturgeschichte, in die meine Generation hineingeboren wurde: das analoge Aufwachsen an der Schwelle zur digitalen Flut. Vier Jahrzehnte später legen die Herausgeber Brett McCracken und Ivan Mesa mit Wir scrollen uns zu Tode einen evangelikalen Sammelband vor, der Postmans medienkritisches Erbe für das Zeitalter des Smartphones antritt. Doch wer hier einen bloßen Ratgeber für „Digital Detox“ erwartet, greift zu kurz. Das Buch ist vielmehr der dringend notwendige Versuch, den Grundsatz von Postmans Vordenker Marshall McLuhan – „Das Medium ist die Botschaft“ – wieder in die theologische Reflexion zurückzuholen.

Mehr: www.evangelium21.net.

Evangelium mitten im Alltag

 

E21 Regio Südost 2026 Website 01.59a9e555.

Das Evangelium ist mehr als eine Botschaft für den Gottesdienst am Sonntag oder für das tägliche Bibellesen und Beten. Es durchdringt unser ganzes Leben – unseren gesamten Alltag.

Auf der E21-Regionalkonferenz Südost zum Thema „Evangelium mitten im Alltag: Die Gute Nachricht leben und weitergeben“ zeigen uns Alexander Reindl und Sebastian Götz, worin der Kern der rettenden Botschaft besteht und wie das Evangelium unsere Beziehungen, unsere Gastfreundschaft und unser Berufsleben prägt.

Die Konferenz findet am 24. Oktober in der CV Schwabach statt.

Ein Ablaufplan und die Möglichkeit zur Anmeldung finden sich hier: www.evangelium21.net.

Reinhard May: Du liegst in Gottes Hand

Auf seiner neuen LP „Schatzhauser“ singt Reinhard May: „Ach, wider bessres Zweifeln würd ich doch so gerne glauben, wenn sie mir tröstend sagen, keiner fällt aus Gottes Hand“ (im Lied „Zwei Köfferchen“). Sein Kommentar dazu:

Ich bin bekennender Agnostiker, weil ich nicht weiß, wie es weitergeht. Aber auch für einen finsteren Heiden ist das eine schöne Vorstellung: Es kann dir gar nichts passieren, du liegst in Gottes Hand. Ich bin evangelisch getauft und konfirmiert, meine Eltern waren keine frommen Leute, aber sie waren sehr gute Bibelkenner. Christliche Ideale, Nächstenliebe, Verzeihen, Barmherzigkeit, das sind für mich hohe Lebensideale. Der 23. Psalm, da kann man sich dran festhalten. Selbst als Agnostiker.

Das ist natürlich Romantik. Wenn Gott nicht da ist, dann ist der Psalm 23 nicht mehr als ein autosuggestives Lied. Aber vielleicht erkennt der so hochbegabte Liedermacher ja noch, dass es gute Gründe dafür gibt, den Agnostizismus anzuzweifeln, und dass der Gott, der seine Hände offenhält, wirklich da ist.

Charles Murray: Taking Religion Seriously

Der US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Publizist Charles Murray ist Hayek-Emeritus-Stipendiat am American Enterprise Institute, einem konservativen Thinktank, und wurde vor allem für seine Bücher Losing Ground (1984), The Bell Curve (zusammen mit Richard Herrnstein; 1994) und Coming Apart (2012) bekannt. Neuerdings bekennt er sich zum christlichen Glauben an Gott (siehe sein Zeugnis hier) und hat seine Überzeugungen in dem Buch Taking Religion Seriously (2025, #ad) niedergeschrieben. James N. Anderson hat das Buch gelesen und dabei einige Schwächen entdeckt, beispielsweise in der Christologie. Abgesehen von diesen Mängeln lassen sich seiner Meinung aus dem Buch zumindest fünf nützliche Erkenntnisse gewinnen.

Zitat: 

(1) Westliche säkulare Intellektuelle lehnen das Christentum in der Regel nicht ab, weil sie die Beweise verantwortungsbewusst geprüft hätten und dennoch nicht überzeugt seien, sondern weil sie durch die vorherrschende Meinung vorgeprägt sind, dass es keine seriösen intellektuellen Grundlagen für christliche Überzeugungen gibt. Um einen Satz von G.K. Chesterton abzuwandeln: Das Christentum wurde nicht untersucht und für mangelhaft befunden; es wurde als unliebsam empfunden und daher nicht untersucht.

(2) Im Zusammenhang mit dem vorangegangenen Punkt: Intellektueller und sozialer Gruppendruck spielt eine wesentliche Rolle dabei, zu erklären, warum säkulare Wissenschaftler Religion nicht ernster nehmen. Wie Murray offen zugibt, war ein Grund für seine große Abneigung gegenüber den Beweisen, dass er zum „Stamm der Klugen“ gehörte und nicht wollte, „als leichtgläubig und töricht zu gelten und aus dem Stamm verstoßen zu werden“ (S. 147).

(3) Die Beweise für die Wahrheit des Christentums liegen in Hülle und Fülle vor für diejenigen, die Augen haben, sie zu sehen – das heißt für diejenigen, deren Blick nicht durch naturalistische Vorannahmen und intellektuellen Snobismus verengt ist.

(4) Auch wenn philosophische und historische Argumente vielleicht nicht der übliche Weg sind, auf dem Menschen zum christlichen Glauben finden, sind sie dennoch wichtig, insbesondere wenn die Bekehrten ein Publikum aus intellektuellen Gleichgesinnten haben. Lewis liefert ein solches Beispiel; Murray nun ein weiteres. Bemerkenswert ist, dass in beiden Fällen der Weg sowohl philosophische Reflexion als auch eine Reihe göttlicher Fügungen umfasste.

(5) Christliche Wissenschaft ist wichtig! Betrachten wir eine Auswahl der Wissenschaftler, deren Arbeit Murray dafür verantwortlich macht, dass er im Laufe der Zeit seine Meinung geändert hat: Stephen Meyer, Larry Hurtado, Paul Barnett, Richard Bauckham, Brand Pitre, Craig Blomberg, Michael Bird, Peter J. Williams, N. T. Wright, Gary Habermas und – nota bene – der emeritierte RTS-Professor Charles E. Hill. (Es sei angemerkt, dass Murray auch die Werke skeptischer Wissenschaftler wie Brian Greene, Sean Carroll, John Dominic Crossan und Bart Ehrman herangezogen hat – was die Bedeutung fundierter Wissenschaft zur Verteidigung des orthodoxen Christentums noch weiter unterstreicht.)

Die übergeordnete These von Taking Religion Seriously ist relativ bescheiden: Jeder, der sich Fragen der Religion mit offenem Geist und dem Engagement eines Wissenschaftlers nähert, den Beweisen zu folgen, wohin sie auch führen mögen, wird entdecken, dass es ernstzunehmende Argumente gegen den materialistischen Atheismus und zugunsten des christlichen Theismus gibt. Ob ein Ungläubiger solche Themen – abgesehen von einem Wirken göttlicher Gnade – wirklich unvoreingenommen angehen kann, ist eine Frage, die in dem Buch nicht aufgeworfen wird. Dennoch ist Murrays persönliches Zeugnis ein Grund zur Freude: „Gottes Gnade ist für mich Wirklichkeit geworden“ (S. 153). Man kann fast hören, wie sich die Engel im Himmel freuen.

Mehr: journal.rts.edu.

Die doppelte Berufung der Jesus-Nachfolger

VM Jaeschke Menschenfischen Werbematerial U1.

Pfarrer Ulrich Parzany hat das Buch Menschenfischen & Schafeweiden (Verbum Medien, 2026 #ad) von Wolf Christian Jaeschke besprochen. Hier ein Auszug:

Das Buch ist nach dem Missionsauftrag Jesu (Matthäus 28,18–20) mit seinen zwei Komponenten Glaubensvermittlung („Menschen fischen“) und Glaubensvertiefung („Schafe weiden“) inhaltlich geordnet. Beide Komponenten bilden das „Zu-Jüngern-Machen“, mit dem Jesus seine Nachfolger beauftragt. Leider wird in der Christenheit mal die eine, mal die andere Komponente vernachlässigt. Nachdem die Revision der Lutherbibel 2017 das „machet zu Jüngern alle Völker“ (Luther 1984) wieder in „lehret alle Völker“ (Luther 1912) zurückverwandelt hat, ist die begriffliche und theologische Klärung, die Jaeschke bietet, äußerst hilfreich.

Er schreibt: „Das ‚Jüngermachen‘ wird es wohl nicht in den Duden schaffen. Anders ist die Entwicklung im Englischen gelaufen. Dort sind die Begriffe discipling/disciplemaking und discipler/disciplemaker sprachliche Neuschöpfungen des 20. Jahrhunderts und haben sich als solche etabliert. Zu Matthäus 28,19 schrieb der bedeutende baptistische Neutestamentler John Albert Broadus 1886 in seinem großen Matthäuskommentar: ‚Wir brauchen dringend für diese Stelle und für [Mt] 13,52 und Apg 14,21 ein englisches Verb ‚[to] disciple‘.‘ Zu dieser Neuschöpfung kam es dann im Zuge der sogenannten Jüngerschaftsbewegung“ (S. 27). Die vor der Mitte des 20. Jahrhunderts entstandene neue Jüngerschaftsbewegung beschreibt Jaeschke anhand der Geschichte und Arbeit der Navigatoren.

Ich selber habe die Arbeit der Navigatoren durch die Teilnahme an der Billy-Graham-Evangelisation 1960 in Essen kennengelernt. Denn in der Vorbereitung und Nacharbeit zu diesen Großevangelisationen mit Billy Graham ging es nicht um Massen und öffentliche Kampagnen, sondern um persönliche Einladungen, Aufbau von Beziehungen und Begleitung Neubekehrter sowie Vertiefung ihres jungen Glaubens. Wolf Christian Jaeschke berichtet, wie die Navigatoren-Arbeit mit Dawson Trotman (1906–1956) in den 1930er Jahren begann und wie Billy Graham Dawson Trotman 1951 überzeugte, den Gemeinden in der Nacharbeit der großen Evangelisationsveranstaltungen zu helfen. Wie fruchtbar diese Zusammenarbeit war, habe ich als junger Christ erlebt.

Jaeschke erschließt für den deutschsprachigen Raum Theologie und Praxis der „Jüngerschaftsbewegung“. Er stellt sie mit ihren wesentlichen Inhalten sowohl in einen biblisch-theologischen als auch in einen kirchengeschichtlichen und missionstheologischen Zusammenhang. Er diskutiert auch die Kritik, die an dieser Bewegung geübt wurde.

Diese theologische Reflektion hätten wir in den 1970er Jahren gut gebrauchen können, bevor sich viele von der angeblichen Simplifizierung des Evangeliums durch die sogenannten „Vier geistlichen Gesetze“ abwandten. Jaeschke beschreibt die 1951 entstandene Brückenillustration (S. 72f.), die das Evangelium anschaulich zusammenfasst und die kurz als „Die vier geistlichen Gesetze“ formuliert wurde. Die Erläuterungen Jaeschkes werden heute hoffentlich vielen helfen, das rettende Evangelium von Jesus Christus wieder klar und anschaulich zu verkünden – im persönlichen Gespräch und in der öffentlichen Verkündigung. An dieser Klarheit mangelt es heute vielfach.

Auch das stellt Jaeschke überzeugend klar dar: Beide Komponenten des Missionsauftrags – das Menschenfischen und das Schafeweiden – geschehen in zwei Handlungsfeldern, nämlich öffentlich und individuell. Das öffentliche Handlungsfeld wird vor allem von den hauptamtlichen Mitarbeitern der Gemeinde bestellt, das individuelle vor allem von den ehrenamtlichen Gemeindegliedern. Jaeschke lässt keinen Zweifel daran, dass er das individuelle Handlungsfeld für wichtiger hält. Dem muss man zustimmen: Ohne die Mobilisierung aller Jesus-Nachfolger ist der Auftrag der Weltmission nicht zu erfüllen.

Mehr: www.bibelundbekenntnis.de.

E21-Regionalkonferenz in Salzburg (Österreich)

E21 Regio OESTERREICH 2026 Website 01 .59a9e555.

Vielen Gläubigen hat er bereits Trost gespendet, fast jeder Christ kennt ihn auswendig, und dennoch bleibt er eine unversiegbare Quelle der Kraft für Christen: der Psalm 23. Auf der diesjährigen Regionalkonferenz in Salzburg möchten wir anhand des bekannten Psalms neu entdecken, was es bedeutet, dass „Jesus unser Hirte“ ist. 

Die Konferenz findet vom 2. bis 3. Oktober in der Chapel Salzburg statt. Hauptredner Larry Norman wird in drei Vorträgen Jesus als unseren Hirten, Freund und Gastgeber vor Augen malen. In einem abschließenden Vortrag von Hannes Ramsebner werden sich die Teilnehmer damit beschäftigen, wie wir als Christen in eine tiefere Beziehung mit unserem guten Hirten wachsen können.

Einen Ablaufplan und eine Anmeldemöglichkeit gibt es hier: www.evangelium21.net.

Verwundbarkeit als Selbstbild

Theresa Schouwink hat mit Maria-Sibylla Lotter über Ihr Buch Opfer: Über Verwundbarkeit als Selbstbild  (#ad) gesprochen. Maria-Sibylla Lotter beschreibt und kritisiert darin das neue Verständnis psychischer Verletzlichkeit und verbaler Gewalt.

Hier ein Auszug:

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass sich die Begriffe für Verletzbarkeit und Gewalt in den letzten Jahren stark ausgedehnt haben. Das betrifft auch den Begriff des Traumas. Wie hat sich dieser Begriff verändert?

Der Traumabegriff kam in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf, als man beobachtete, dass etwa nach Eisenbahnunglücken einige Betroffene Symptome aufwiesen wie Flashbacks und Schlaflosigkeit. Damals nannte man das „traumatische Neurose“ und entwickelte die Vorstellung, dass es bestimmte Persönlichkeiten gibt, die dafür anfällig sind. In den 1970er Jahren suchten Psychiater nach einer Möglichkeit, den psychisch und sozial belasteten Vietnam-Veteranen auf der Grundlage einer psychiatrischen Diagnose eine Anerkennung ihres Kriegsleids zu verschaffen. Um 1980 wurde die Kategorie der „posttraumatischen Belastungsstörung“ eingeführt. Sie war damals verbunden mit der Vorstellung, dass nahezu alle Menschen, die bestimmten schrecklichen Ereignissen ausgesetzt sind, danach Traumasymptome entwickeln. Man stellte jedoch in den Jahren darauf fest, und das bestätigt sich bis heute, dass auch nach sehr schweren Unglücken nur ein Teil der Menschen davon traumatisiert ist. Traumata haben offensichtlich etwas mit Dispositionen zu tun. Obgleich die Kategorie PTBS entsprechend revidiert wurde, setzte sich allgemein die Vorstellung durch, dass Menschen generell durch äußere Ereignisse so verletzt werden können, dass sie sich danach nicht aus eigener Kraft psychisch regenerieren können, sondern der Therapie bedürfen.

Welche Auswirkungen hatte die Einführung dieser Diagnose?

Daraus speist sich ein neues Verständnis von psychischer Verletzlichkeit. Ich nenne das die „Laientheorie des Traumas“, die seitdem unglaublich populär geworden ist. Sie kennen das aus dem Fernsehen, aus den Krimis. Es kommen heute ganz wenige Narrative ohne irgendeinen Trauma-Plot aus. Entsprechend hat sich auch der Fokus vom autonomen, selbstverantwortlichen Subjekt heute ein beträchtliches Stück verschoben zu einem verletzlichen Wesen, das des Schutzes durch andere bedarf. Auch der Gewaltbegriff hat sich mit dem Trauma-Begriff immer weiter ausgedehnt. Das führt zu einem anderen Verständnis der sozialen Welt. Wenn etwa Beleidigungen nicht nur als Beleidigungen, sondern als verbale Gewalt zählen, also mit physischer Gewalt gleichgesetzt werden, dann wirkt die soziale Welt viel gefährlicher.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.philomag.de.

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