Der Islamismus ist tief verankert

Der französische Intellektuelle Pascal Bruckner hat sich in der FAZ (27.10.2020, Nr. 250, S. 11) zum im Land tief verankerten Islamismus geäußert und stellt dabei fest, dass der Islam gegenüber dem Judentum und Christentum in der Kritik geschont wird. Hintergrund des Interviews ist das islamistische Attentat auf einen Lehrer in Paris.

Pascal Bruckner sagt:

Ich will damit sagen, dass die Aufklärung über Dschihadismus im Namen des Antirassismus, des Kampfes gegen „Islamophobie“, behindert wird. Sogar das Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo wurde von manchen heruntergespielt. Wer sich über den Propheten lustig mache, diskriminiere den Islam, während man Jesus oder Moses ruhig lächerlich machen dürfe. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Der Islam soll die einzige unberührbare Religion sein. Ich verwende das Wort „Islamophobie“ nicht, weil ich nicht weiß, was es bedeuten soll: Wir haben alle das Recht, Religionen nicht zu mögen oder sie zu kritisieren. Das ist ein fundamentaler Bestandteil der Meinungsfreiheit. Verboten ist nur, Gläubige zu verfolgen oder ihre Kultstätten anzugreifen. Es ist auch völlig berechtigt, den westlichen Kolonialismus zu kritisieren, aber soll man darüber den osmanischen Imperialismus vergessen, der so viele Jahrhunderte das östliche Europa und den Mittelmeerraum besetzt hat und heute in Berg-Karabach den Genozid an Christen und Armeniern vollenden will, der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts begangen wurde? Es handelt sich hier um ein expansives Imperium, das Europa für vergangene Verbrechen schuldig spricht und sich gleichzeitig weigert, seine eigenen anzuerkennen, das überall Dschihadisten bewaffnet und antreibt. Ich bedaure, dass Deutschland der Türkei so furchtsam gegenübertritt.

Wie leicht es fällt, die Verantwortung islamistischer Attentäter herunterzuspielen, demonstriert der Leserbrief eines deutschen Professors, der am 28. Oktober ebenfalls in der FAZ erschienen ist (28.10.2020, Nr. 251, S. 6). Er fragt dort nach Ursachen für den islamischen Terrorismus und meint:

Es gibt mittlerweile genügend soziologische Studien, die zeigen, wie die verweigerte Integration dazu beiträgt, dass die Identitätsangebote eines zunehmend militanten Islams bei einem Teil dieser Bevölkerung Widerhall finden – als Gegenidentifikation gegen eine Gesellschaft und eine Politik, die sie ausgrenzen. Und die Schule, der Auslöser der Mordtat, ist der Ort, an dem schon die Jugendlichen aus diesem sozialen Milieu ihre Ausgrenzung erfahren und gegen die sich einige blindwütig und keineswegs nur in diesem Fall zur Wehr setzen. Entgegen den hehren Werten der Republik, die dort gelehrt werden, der Gleichheit und Brüderlichkeit, ist sie eine hoch selektive Institution der Elitebildung und der Ausgrenzung der Benachteiligten. Trotz aller Absichtserklärungen und Programme hat sich an dieser Situation der Benachteiligung in den letzten Jahrzehnten nichts geändert (die spektakulären Aufstände in den Banlieues sind mittlerweile fünfzehn Jahre her!). Ein Kollektiv von Soziologen hat damals die Schule als eine Fortsetzung der kolonialen Situation analysiert, „in der Lehrer aus der weißen Mittelklasse die Ausgrenzung der Armen festschreiben, die aus den Ländern des Südens stammen“ (Autin „Banlieues, lendemains de révolte“, Paris 2006), und diese Analyse ist bis heute gültig. Die radikale Ablehnung der Schule und der von ihr propagierten Werte hat darin ihre Ursache. Dass der terroristische Akt seine gesellschaftlichen Wurzeln hat, rechtfertigt ihn natürlich nicht, macht ihn aber doch besser verständlich als die rituelle Verurteilung im Namen von Werten, die in den Banlieues für viele gerade unter den Jugendlichen ihre Glaubwürdigkeit längst eingebüßt haben. Solange hier keine grundlegenden Reformen in Angriff genommen werden, wird die französische Gesellschaft mit der Attraktionskraft des militanten Islamismus leben müssen.

Ich will gar nicht bestreiten, das misslungene Integration eine Radikalisierung junger Muslime beschleunigt. Insgesamt ist diese Analyse allerdings dann doch eher eindimensional. Denn nicht alle Gruppen mit Ausgrenzungserfahrungen radikalisieren sich. Die Weltanschauung, die Menschen mitbringen, spielt eben doch eine substantielle Rolle bei der Verarbeitung ungünstiger Begleitumstände.

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