Schwächt Achtsamkeit die moralische Urteilskraft?

Während die aus dem Schmalspur-Buddismus importierte Kultur der Achtsamkeit weiter in christliche Kreise einzieht (hier ein aktuelles Beispiel), mehren sich außerhalb der Wellness-Zirkel kritische Stimmen. Mark Siemons verweist heute in der FAZ Online auf eine aktuelle Studie, die die Annahme prüft, dass Meditation und Achtsamkeit eine individualistische und elitäre Kultur fördern. Die These, dass Achtsamkeitsübungen eine abschwächende Wirkung auf moralische Urteilskraft und Handlungen haben, lässt sich – so viel kann man sagen – nicht einfach von der Hand weisen. Siemons fragt sogar: „Hilft die Achtsamkeit womöglich auch dem Bösen dabei, seine dunklen Geschäfte stressfreier, gelassener und von Gewissensbissen unangefochtener zu betreiben?“

Im „European Journal of Social Psychology“ erschien kürzlich ein Aufsatz, der einem überraschenden Verdacht nachging: Schwächt die „Achtsamkeit“, diese auch über Wellnesszirkel hinaus in westlichen Gesellschaften so weit verbreitete Meditationsübung, deren wohlklingender Name Sensibilität, Umweltbewusstsein und Empathie auf unbestimmte Weise zu einer Art Super-Ethik zusammenfasst, schwächt eben diese Achtsamkeit in Wirklichkeit das moralische Empfinden? Die Hypothese von Simon Schindler, Marc-André Reinhard (beide Kassel) und Stefan Pfattheicher (Aarhus) fußt darauf, dass es bei der aus dem Buddhismus abgeleiteten Meditationsform um eine „nicht urteilende“ Konzentration auf die Erfahrung jedes einzelnen Augenblicks geht. Hat diese Art Entleerung nun nicht nur die in vielen Studien belegte Wirkung, von Stress und anderen destruktiven Emotionen zu befreien, sondern auch von Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen, selbst wenn diese durchaus angebracht wären?

Hier der Beitrag (allerdings hinter der Bezahlschranke): www.faz.net.

Kommentare

  1. Das gibt es auch dazu:
    https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-neugier-genuegt-freiflaeche/audio-achtsamkeit-und-ihre-nebenwirkungen–100.html
    Danke für die Aufklärung. So schleicht sich halt vieles in die Gemeinde Jesu ein…..

  2. Jede Kultur hat die Egoisten, die sie verdient.

  3. Der Begriff ist halt zurzeit in Mode. Nicht mehr, nicht weniger. Denn wer sein Herz nicht für den Nächsten öffnet geht auch nicht liebevoll mit sich selbst um. Gerade die Ausrichtung auf Gott und den Nächsten führt dazu, dass man sich selbst und die eigene Familie nicht zugrunderichtet.

    Wenn so ein Modewort dazu beiträgt, sich dessen wieder bewusst zu werden, soll es mir recht sein. Führt dieser Begriff lediglich zu einem verwaschenen und kultivierten Egoismus, wäre niemandem geholfen, schon gar nicht der eigenen Nachfolge. Diese Gefahr sollte in allen Schriften beleuchtet werden, damit die Ausgewogenheit und damit der klare Blick nicht verloren geht.

  4. Einer der Autoren der Studie hat sich dem WDR kritischen Fragen gestellt:

    https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-neugier-genuegt-freiflaeche/audio-achtsamkeit-und-ihre-nebenwirkungen–100.html

    Liebe Grüße, Ron

  5. Rolf Eicken meint

    Ich denke, dass Achtsamkeit nicht nur individualistisch zu sehen ist, sondern auch die Mitmenschen mit einschließt; denn sonst ist es keine A. Sie bedeutet doch nichts anderes als „bewusster“ zu leben und zu handeln.
    Das Böse – was ist das eigentlich? – damit in Verbindung zu bringen, halte ich für sehr weit hergeholt. Ganz im Gegenteil- wer achtsam lebt, erlebt seine Mitwelt nicht mehr oberflächlich sondern bewusster und sieht genauer hin.

    LG
    Rolf

  6. Stefan Beyer meint

    In Jena fördert die Stadt Achtsamkeitsprojekte in den Schulen. Als ich im Ausschuss fragte, auf welcher wissenschaftlichen Basis, wurde nur gesagt, dass Achtsamkeit funktioniere und von den Schülern gerne angenommen würde.

  7. Alternative These: Unachtsamkeit führt zu Pseudo-Moral.

    Meiner Meinung nach hat Dr. Simon Schindler die Ergebnisse seiner Befragungen zumindest teilweise fehlinterpretiert. Die vermeintlich „unmoralischeren“ Antworten der Versuchspersonen aus den Achtsamkeitsgruppen zeugen mMn. lediglich davon, dass diese Personen achtsame Antworten gegeben haben. Sie haben ehrlich in sich und die Situation hineingespürt und haben dann realistischere und wahrheitsgetreuere Angaben gemacht. Die anderen Versuchspersonen hingegen haben unachtsamer geantwortet. Das ist natürlich auch nur eine These. Es wäre mMn. in der Studie sinnvoll gewesen zu prüfen ob die Antworten auch der Realität entsprechen. Es sind sonst einfach nur achtsame Antworten vs. unachtsame Antworten. Ich bin mir ziemlich sicher die Studie hätte dann gezeigt, dass ein achtsames Beantworten von Fragen zu realitätsgetreueren bzw. wahreren Antworten führt.

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