Was tun, wenn Versammlungen untersagt sind?

In dem Buch Das Spalier und der Weinstock plädieren die Autoren dafür, in der Gemeindearbeit nicht so sehr auf Programme zu setzen. Vielmehr komme es darauf an, eine evangeliumszentrierte Mitarbeiterkultur fördern.

Das Buch schließt mit einem Beispiel, das angesichts der Ausbreitung des Coronavirus Covid-19 besondere Aktualität erhält (Colin Marshall u. Tony Payne, Das Spalier und der Weinstock, Betanien, 02015, S. 186–188):

Stellen Sie sich vor …

Während wir dieses Buch schreiben, machen die ersten besorgniserregenden Anzeichen einer Schweinegrippe-Pandemie in aller Welt Schlagzeilen. Stellen Sie sich vor, die Pandemie würde in Ihrem Teil der Welt grassieren und die Regierung würde aus Gründen des Gesundheitsschutzes und der öffentlichen Sicherheit alle öffentlichen Versammlungen von mehr als drei Personen verbieten. Und nehmen wir an, dass dieses Verbot aufgrund irgendeiner katastrophalen Kombination lokaler Umstände 18 Monate lang in Kraft bliebe.

Wie würde Ihre Gemeinde von 120 Mitgliedern dann weiter funktionieren – ohne regelmäßige Gemeindeversammlungen jeder Art und ohne Hauskreise (ausgenommen Gruppen bis drei Personen)?

Was würden Sie als Gemeindehirte tun?

Ich schätze, Sie könnten Ihren Gemeindemitgliedern Briefe und E-Mails schicken, Sie könnten Sie anrufen und vielleicht sogar einen Podcast bereitstellen. Wie aber würde die regelmäßige Arbeit des Lehrens, Predigens und der Seelsorge stattfinden? Wie könnte man die Gemeinde weiter anspornen, in Liebe und in guten Werken auszuharren, besonders unter solch widrigen Umständen? Und was wäre mit dem Evangelisieren? Wie könnte man neue Kontakte knüpfen, das Evangelium weitergeben und Neubekehrte im Glauben festigen? Es gäbe kein Männerfrühstück, keinen Morgenkaffee, keine evangelistischen Kurse oder Evangelisationen. Nichts.

Sie könnten natürlich zu der althergebrachten Praxis der Hausbesuche bei Ihren Gemeindegliedern zurückkehren und in der Umgebung Klinkenputzen gehen, um neue Kontakte zu knüpfen. Wie aber sollten Sie als Gemeindehirte jeden der 120 Erwachsenen in Ihrer Gemeinde besuchen und belehren, geschweige denn deren Kinder? Geschweige denn, in der Wohngegend alle Türen abzuklappern? Geschweige denn, allen Kontakten nachzugehen, die dabei entstanden sind?

Nein; in einer solchen Situation bräuchten Sie Hilfe. Sie müssten mit zehn Ihrer geistlich reifsten Männer anfangen und sich während der ersten beiden Monate mit jeweils zwei von ihnen zu einem intensiven Gespräch treffen (dabei blieben Sie mit allen anderen per Telefon und E-Mail in Kontakt). Sie würden diese zehn Männer darin trainieren, wie man die Bibel studiert und wie sie sich mit einem oder zwei weiteren Gläubigen treffen können, um dasselbe zu tun und sie auch zu Familienandachten anzuleiten. Diese Männer hätten dann eine doppelte Aufgabe: ihrer Frau und Familie als »Pastor« zu dienen, indem sie gemeinsam regelmäßig die Bibel lesen und beten, sowie sich mit vier weiteren Männern zu treffen, um sie zu schulen und zu ermutigen, dasselbe zu tun. Wenn 80 % Ihrer Gemeindeglieder verheiratet sind, würden die meisten verheirateten Erwachsenen durch diese ersten zehn Männer und durch die, die sie nachfolgend trainieren, regelmäßig auf biblischer Grundlage ermutigt.

Währenddessen (und während Ihrer zusätzlichen Telefon-und E-Mail-Seelsorge), könnten Sie die nächste Gruppe aussuchen, die Sie persönlich unterweisen – also Leute, die sich mit Singles treffen könnten, oder die fähig sind, von Haus zu Haus zu evangelisieren, oder Leute, die gut darin sind, neuen Kontakten nachzugehen.

Das wären eine Menge persönlicher Kontakte und eine Menge entsprechender persönlicher Treffen. Aber bedenken Sie: Es würden keine Gottesdienste abgehalten, keine Komitees tagen, keine Gemeinderatssitzung, kein Seminar würde stattfinden, ebenso keine Hauskreise, keine Mitarbeiterbesprechungen – ja, in der Tat überhaupt keine Gruppenaktivitäten oder Veranstaltungen welcher Art auch immer, die organisiert, durchgeführt, wofür die Werbetrommel gerührt oder die besucht werden müssten. Einfach nur persönliches Lehren und Jüngermachen und Ihre Gemeindeglieder trainieren, selbst Jüngermacher zu werden.

Da stellt sich die interessante Frage: Wenn das Versammlungsverbot nach 18 Monaten wieder aufgehoben würde und die Sonntagsgottesdienste und alle weiteren Versammlungen und Aktivitäten des Gemeindelebens wieder aufgenommen werden können, was würden Sie dann anders machen?

VD: AW

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6 Comments
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Artur
Artur
4 Monate zuvor

Interessante Gedanken. Was macht man aber, wenn es – wie bei uns jetzt in Österreich – verboten ist mit jeglichen Menschen persönlich zu interagieren, seine Familie/Mitbewohner ausgenommen? Das ist dann noch eine Spur schwieriger, man muss alles per Skype machen und kann nicht einfach bei irgendwem klingeln, um mit ihm zu reden.

Markus Jesgarz
Markus Jesgarz
4 Monate zuvor

Meine Meinung ist:  Eine evangeliumszentrierte Mitarbeiterkultur wird durch ein gutes evangelikales Studium der Religionsphilosophie gefördert. Im Beitrag: Das Studium der Religionsphilosophie im Zeitalter des Internets https://theknowledgereview.com/study-philosophy-religion-age-internet/ von Brian Huffling steht im 2. Absatz ab dem 4. Satz: Darüber hinaus konnten Religionsphilosophen Aufsätze (Academia.edu) und Artikel online einstellen, Zeitschriften online abonnieren und sich über Suchmaschinen oder Datenbanken über den neuesten Stand der Wissenschaft informieren. Solche Datenbanken sind von unschätzbarem Wert für die Forschung, wie z.B. ProQuest. Andere Websites ermöglichen allgemeine Recherchen für Studierende und Lehrkräfte. Eine dieser Websites ist die Stanford Encyclopedia of Philosophy (SEP, plato.stanford.edu). Es gibt weit mehr als 1000 Artikel, die von versierten und bekannten Philosophen verfasst wurden, die für die Seite begutachtet werden. Die SEP rühmt sich in vielerlei Hinsicht, dass sie sich von traditionellen Zeitschriften unterscheidet. Zum Beispiel kann die SEP, anders als traditionelle Zeitschriften, Artikel nach Belieben der Autoren ständig aktualisieren. Außerdem können sie eine umfassendere Liste von Themen verfassen, die in traditionellen Zeitschriften nicht… Weiterlesen »

Markus Jesgarz
Markus Jesgarz
4 Monate zuvor

Dies ist eine Bestätigung zu der Aussage: https://theoblog.de/stellen-sie-sich-vor/34917/#comment-86770 Eine evangeliumszentrierte Mitarbeiterkultur wird durch ein gutes evangelikales Studium der Religionsphilosophie gefördert. Im Beitrag: Die Realität: Es ist nicht nur eine gute Idee https://www.academia.edu/17522550/Reality_It_s_Not_Just_a_Good_Idea von Douglas E. Potter steht 1. am Anfang: Viele sehen heute nicht, wie wichtig es ist, ihren Denkprozess auf die Realität zu gründen, obwohl alles, was nicht auf der Realität basiert, nicht real, d.h. unwirklich ist. Der slippery slope des Subjektivismus und Relativismus ist das Ergebnis eines solchen „Denkens“, das in den Vorstellungen des Geistes und nicht in der Realität, auf der Wahrheit, hergestellt wird. Diese Unterscheidung ist besonders wichtig für die Christen, die ihren „vernünftigen“ Glauben teilen wollen. Leider hat sich der Subjektivismus in die Kirche eingeschlichen, in der Annahme, dass wir unseren Glauben nicht mit der Vernunft verteidigen müssen; wir brauchen nur die Bibel. Ich hoffe, dieser Artikel wird zeigen, dass Vernunft und Glaube nicht im Widerspruch zueinander stehen. Um den Zusammenhang zwischen Realität und Vernunft… Weiterlesen »

Matze
Matze
4 Monate zuvor

Der Beitrag ist für mich schon sehr zweispältig zu betrachten: Auf der einen Seite gehören Gemeinschaft, große Festversammlung (Gottesdienst) und Kleingruppen fest zum biblischen Bild. Deshalb ist die implizierte Schlussfolgerung, dass auf dies alles verzichtet werden kann biblisch nicht haltbar. Auf der anderen Seite ist es richtig, dass es an biblischen fundierten Famileinvätern und Hauskreisleitern fehlt und das schon lange, was wir nicht erst durch eine Pandemie oder ähnliches feststellen sollten. Dies gehört zur DNA der Gemeinde Jesu dies zu entwickeln: „Und was du von mir gehört hast durch viele Zeugen, das befiehl treuen Menschen, die da tüchtig sind, auch andere zu lehren.“ Viele Gemeinden gerade im frommen Bereich sind immer noch viel zu sehr von einzelnen Leiterpersönlichkeiten abhängig wogegen aber auch gerade da fast nichts dagegen unternommen wird. Für mich ist eine gesunde Gemeinde dann vorhanden, wenn Kleingruppen, Familien und Hauskreise dann auch noch geistlich „funktionieren“ würden, wenn es keinen zentralen Gottesdienst gibt. Das würde von manchem Leiter aber… Weiterlesen »

Jutta
Jutta
4 Monate zuvor

Online-Treffen und eine Welle des Gebets

„Fast alle [Haus-]Gruppen treffen sich über das Internet: Beten, Bibelstudium, Austausch, Zeugnis, Lobpreis und Anbetung. Unter ihnen sind mehr als 30 Gruppen, die täglich zwei Stunden miteinander beten, anbeten, sich austauschen und Zeugnis ablegen. Das ist viel häufiger als unsere normalen Treffen. Natürlich haben wir jetzt mehr freie Zeit, alle bleiben zu Hause, so dass wir die Möglichkeit dazu haben. […] Wir haben gehört, dass unsere älteren und behinderten Mitglieder dem Herrn dankbar sind und durch diese Möglichkeit der Online-Treffen sehr ermutigt werden. […]

Früher trafen sich die Diakone einmal im Monat, und jetzt haben wir die Häufigkeit verdoppelt. Ich denke, dass es uns einander mehr denn je näherbringt. Wir beten, tauschen Informationen aus und treffen gemeinsam Entscheidungen. Der Virus kann uns nicht aufhalten.

aus:
https://www.opendoors.de/nachrichten/aktuelle-meldungen/china-christen-in-wuhan-intensivieren-ihre-aktivitaeten

Clemens Altenberg
Clemens Altenberg
4 Monate zuvor

Nicht, dass ich das in der jetzigen Situation allen Christen zur Nachahmung empfehle, aber Rodney Stark beschreibt in „The Rise of Christianity“ wie furchtloses Verhalten von Christen gegenüber Seuchen das Christentum zu einer Weltreligion machte. Hier meine Zusammenfassung dessen was Stark über die Rolle der Epidemien schreibt: Cyprian, Dionysus, Eusebius und andere Kirchenväter meinten, dass Seuchen einen großen Beitrag zum Erfolg des Christentums geleistet haben. Wäre die Gesellschaft nicht so demoralisiert und verunsichert durch diese Katastrophen gewesen, wäre das Christentum vielleicht kein so verbreiterter Glaube geworden. Unter Marc Aurel, ab 165- Mitte 180: Die Antoninische Pest herrschte fast im ganzen römischen Reich. (wahrscheinlich Pocken oder Masern). Mehrere Millionen Menschen starben (5-25%), in Städten jeder zehnte. Hundert Jahre später: noch immer eine Seuche. An ihrem Höhepunkt starben allein in Rom 5000 Menschen pro Tag. Die christliche Nächstenliebe führte von Anfang an zu Normen des Sozialdienstes und brüderlicher Solidarität. In Katastrophenzeiten kamen Christen daher besser zurecht, was zu höheren Überlebensraten führte. Daher… Weiterlesen »