Bildung

Wer’s glaubt, wird wuselig

Heike Schmoll beschreibt in der FAZ (11.02.2016, Nr. 35, S. 6) die Not an den Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg. Viele Lehre sind mit den an sie gestellten Anforderungen überfordert und haben das Gefühl, dass offene Kritik nicht erwünscht ist.

Der Lehrer hat kapituliert vor der Disziplinlosigkeit seiner Schüler. Nach einem Nervenzusammenbruch im Unterricht ist er krankgeschrieben. Der ausgebildete und erfahrene Gymnasiallehrer mit drei Unterrichtsfächern war zuletzt an einer Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg eingesetzt. „Im Grunde sind wir Dompteure in einem Zirkus, der sich Gemeinschaftsschule nennt, dessen Tiere aber noch lange nicht bereit sind für die Manege, noch nicht gezähmt“, berichtet der Lehrer, dem man keine Fortbildung oder Einführung in die neue Arbeitsweise angeboten hatte.

Allein ist der Lehrer mit seinem Scheitern nicht, es gibt nicht wenige Kollegen, die sich in der neuen Schulform überfordert fühlen. „Ich bin doch kein Psychologe, kein Therapeut, kein Logopäde, kein Förderschullehrer, kein Horterzieher, ich will einfach nur unterrichten, altersgerecht lehren, Wissen vermitteln“, berichtet er. Kleine Brötchen solle er backen, wurde ihm von der Schulleitung gesagt, nicht überfordern, „daran denken, dass es Hauptschüler sind und ich nicht so viel von ihnen erwarten dürfe, wie ich es bisher als Gymnasiallehrer gewohnt war“. Im Landesdurchschnitt besuchen etwa zehn Prozent Grundschüler mit einer Gymnasialempfehlung eine Gemeinschaftsschule, es gibt aber auch den ein oder anderen Schulamtsbezirk mit nicht einmal sieben Prozent Schülern, denen die Grundschule den Besuch eines Gymnasiums empfohlen hat. Das Kultusministerium verweist nach einer Anfrage dieser Zeitung auf die Verantwortung der Schulleitung, die darüber entscheidet, ob ein Lehrer der Fortbildung bedarf. Jedenfalls stünden qualifizierte Fachberatertandems zur Begleitung der Schul- und Unterrichtsentwicklung zur Verfügung.

Die Reformpädagogen werden wahrscheinlich Frau Schmoll wieder „zerreißen“. Gerade deshalb bin ich ihr sehr verbunden, dass sie trotz der Widerstände immer wieder auf die Malaisen aufmerksam macht, die leider zu viele Journalisten und Politiker nicht sehen wollen.

Sollte der Artikel online verfügbar werden, nenne ich die Quelle.

Probleme der Gemeinschaftsschule

Ein Gutachten stellt dem Vorzeigeprojekt Gemeinschaftsschule ein vernichtendes Urteil aus. Vor allem das individuelle Lernen erweise sich als denkbar ineffektiv. Heike Schmoll, die in den letzten Jahren zu Unrecht viel Verriss ertragen musste, schreibt für die FAZ:

Landesregierung in Stuttgart schlechthin. Sie soll nicht nur das gemeinsame Lernen ganz unterschiedlich begabter Schüler ermöglichen, sondern dient angesichts der sinkenden Schülerzahlen an vielen Orten des Flächenlandes Baden-Württemberg dazu, den Schulstandort zu sichern. Viele Gemeinschaftsschulen finden sich deshalb im ländlichen Raum, ganz gleich, welche Partei den Gemeinderat gerade regiert.

Nun wurde ein vernichtendes Gutachten über die Gemeinschaftsschule bekannt, das vom Kultusministerium bisher unter Verschluss gehalten wird, den Vermerk „nur intern verwenden“ trägt und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt. Danach gelingt weder die neue Unterrichtsform des selbständigen Lernens mit Lehrern als Lernbegleitern noch die Inklusion oder die besondere Förderung der Schwächsten und Stärksten. Auch die Leistungsbeurteilung ist mehr als fragwürdig. In den Fremdsprachen kommt das Sprechen zu kurz.

Mehr: www.faz.net.

Warum passen Christen sich dem Weltdenken an?

Francis Schaeffer schreibt in Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts (Wuppertal: R. Brockhaus Verlag, 1971, S. 14):

Viele von uns werden jedoch von Voraussetzungen [Anm.: gemeint sie nichtchristliche Denkvoraussetzungen, wie z.B.: „es gibt keinen Gott“ oder „ethische Werte sind fließend“) wie von den Masern »angesteckt«. Warum passen sich die Menschen denn der nachchristlichen Welt an? Meiner Überzeugung nach nicht aufgrund von Tatsachen, sondern weil uns unsere fast monolithische Kultur die andere Antwort aufgezwungen hat — nämlich die Naturkausalität, nicht in einem offenen System; an dessen Anfang ein persönlicher Gott steht, wie die frühen modernen Wissenschaftler glaubten, sondern in einem geschlossenen System. Nicht die Tatsachen widersprechen den christlichen Denkvoraussetzungen, sondern die christliche Perspektive wird einfach als undenkbar hingestellt. Je besser die Universität, desto besser die Gehirnwäsche.

Finnlands Pisa-Wunder entpuppt sich als Irrtum

Finnlands Schulen gelten seit der ersten Pisa-Studie für Deutschland als Vorbild. Doch das ist eine Illusion. Jetzt stellt sich heraus, dass der Erfolg vor allem auf straffen Strukturen und  Strenge beruhte. Thomas Sebastian Vitzthum schreibt für DIE WELT:

Alle waren sie da. Gleich nachdem das Wunder geschehen war, kamen sie. Die Bildungsexperten, Bildungspolitiker, Bildungserklärer und Bildungsverklärer. Heerscharen. Alle Parteien und Verbände. Sie alle sind in den letzten 15 Jahren mindestens einmal nach Finnland gereist. Das gehörte sich so, seitdem das Land in der ersten OECD-Bildungsstudie Pisa (Link: http://www.welt.de/themen/pisa-studie/) des Jahres 2000 den Spitzenplatz eingenommen und sich Deutschland tief im dunklen Mittelfeld wiedergefunden hatte.

Die Abordnungen besuchten also die von staatlichen Vorgaben weitgehend unabhängigen Schulen, die so Wundersames vollbracht hatten. In denen es angeblich so gerecht, so heimelig und egalitär zugeht. Wo Lehrer sich nicht vorne an die Tafel stellen und referieren, während die Schüler protokollieren. Sondern wo die Pädagogen sich als Organisatoren von Gruppenarbeit verstehen, die Schüler anregen von anderen Schülern zu lernen und wenig Hausaufgaben vergeben.

Die schöne neue Schulwelt wurde bewundert und kopiert, weil sie in das Gesellschaftsbild vieler Parteien passte, dem Zeitgeist entsprach und sogar erfolgreich schien. „Wir Grünen wollen Schulen nach finnischem Vorbild schaffen. Wir nennen dieses Modell Neue Schule.“ Dieser Satz stammt aus dem Wahlprogramm der niedersächsischen Grünen 2010. Heute regiert die Partei in dem Bundesland und nicht nur dort.

Doch die Grünen, wie alle übrigen, sind einem Trugbild erlegen. Das finnische Wunder ist nicht von Dauer. Vieles deutet darauf hin, dass die Ursachen, die zu diesem Wunder führten, ganz andere waren, als die, von denen seit mehr als einem Jahrzehnt die Rede ist. Die Anerkennung der wahren Gründe müsste eigentlich einen Schock bewirken, wie ihn Pisa hierzulande ausgelöst hatte.

Die Lektüre lohnt sich auch für jene, die intuitiv schon immer ahnten, dass da etwas nicht stimmt.

Hier: www.welt.de.

Desolate Schulpolitik

Jutta Dreßler war vier Jahrzehnte lang Lehrerin im Gymnasium, erst im Osten, dann im Westen von Berlin. Jetzt ist sie im Ruhestand und zieht eine ernüchternde Bilanz über das Schulsystem von heute. Äußerst lesenswert!

Zwei Beispiele:

Das Niveau sinkt. Wenn man allen die gleichen Chancen einräumen will, muss das Level sinken. Das merken die Eltern. Jugendliche, die heute mit 2,0 von der Schule gehen, sind nicht so gut wie Schüler, die vor zehn Jahren eine 2,5 hatten. Die Bewertung im Abitur hat sich geändert. 15 Punkte gab es einmal für 100 Prozent. Heute gibt es die 15 Punkte bei 95 Prozent. Das setzt sich in den anderen Stufen auch fort. Die Politik findet immer Schrauben, an denen man drehen kann. Was leidet, ist das Wissen, die Allgemeinbildung.

Ich habe immer wieder festgestellt, dass Schüler eine Bewertung für sich brauchen. Nur verbal zu sagen „Haste fein gemacht“, reicht nicht. Ich erkenne die Entwicklung bei der jüngeren Generation, die immer gesagt bekommt, dass sie alles toll macht. Die Kinder kommen in die siebte Klasse, sind nur gestreichelt worden und in Watte gepackt. Das wird echt schwierig. Sie haben nicht gelernt, sich mit negativen Ergebnissen auseinanderzusetzen. Man muss einem Kind auch mal deutlich sagen: So wirst du keinen Erfolg haben. Wenn doch, kommen sofort die Eltern vorbei.

Hier: www.welt.de.

VD: ET

Bankrott der Bildung

Die Beherrschung grundlegender Kulturtechniken wie Schreiben, Lesen und Rechnen ist bei Studenten nicht mehr selbstverständlich. Die Kritik daran ist legitim und notwendig, schreibt Roland Reuss. Wie recht er doch hat!

In dieses passt auch, wenn die Regionalzeitung daraufhin Kollegen ihr Sprachrohr leiht und ein Professor für Maschinenbau, der 2008 den Landes-Lehrpreis für besonders gute Lehre erhalten hat, den unschlagbaren Satz formulieren darf, die Studenten seien keineswegs „schlechter als vor Jahren“: „Sie können heute einfach andere Dinge als früher. Manches können sie besser, wie Präsentationen oder den Umgang mit digitalen Medien, manches schlechter wie Kopfrechnen oder Rechtschreibung.“

Es ist nie gut, wenn Theoreme, die schon in der gesuchten Theorie der Postmoderne dubios waren – hier: die Äquivalenz von allem mit jedem –, ihren Eingang in das Bildungswesen finden. Man kann die Stimme des Lehrpreisempfängers getrost auch noch zu den von Meyer geschilderten Krisensymptomen rechnen. Es ist eben nicht dasselbe, irgendwie unverstanden ein Smartphone zu bedienen, irgendwas in eine Präsentation einzudampfen – oder lesen und rechnen zu können.

Mehr: www.faz.net.

Aus Lehrplänen sind „Leerpläne“ geworden

Ein „historischer Analphabetismus“ greife an deutschen Schulen um sich, sagt Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Kaum ein Schüler kenne sich noch in der jüngeren deutschen Geschichte aus. Stattdessen sei die Worthülse „Kompetenzen“ in aller Munde.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, beklagt das „Diktat der Kompetenzenpädagogik“ an deutschen Schulen, die die jungen Leute nur noch standardisieren und auf ökonomische Verwertbarkeit trimmen wollten. Er teile entsprechende Klagen der deutschen Kunsthistoriker, die heute in Mainz tagen, sagte Kraus im Deutschlandradio Kultur. Aus Lehrplänen seien längst „Leerpläne“ geworden.

Eine Kompetenzenpädagogik tut so, als könnte man jungen Leuten Kompetenzen beibringen ohne konkrete inhaltliche Basis. Also: Medien-Kompetenz, Download-Kompetenz, Just-in-time-Kompetenz, Google-Kompetenz. Solche Dinge sind angesagt, klingen modern, aber der mentale und inhaltliche Unterbau fehlt.

Hier geht das empfehlenswerte Interview des Deutschlandradios (eine Mitschrift hier):

 

VD: AW

Ist jedes Kind hochbegabt?

Heike Schmoll hat für die FAZ beschrieben, wie die Ideologisierung der Schulen durch die progressiven Kultusministerien die Zukunftsfähigkeit Deutschlands gefährdet. Ein wenig mehr Empirie könne nicht nur nicht schaden, sondern sei notwendig.

Nach der Pisa-Hysterie ist die Abneigung gegen die Vielzahl von Studien und die empirische Bildungswissenschaft so gewachsen, dass die Propheten unter den sogenannten Bildungsfachleuten, David Precht etwa und Gerald Hüther, inzwischen wie Heilsbringer herumgereicht werden.

Ungetrübt von irgendeiner empirischen Forschung können sie so bizarre Thesen verbreiten wie diese: „Jedes Kind ist hochbegabt.“ Das kommt besonders gut an, weil dann eben alle hochbegabt sind. Der Erfolg der Bildungsgurus müsste die Kultusminister zutiefst beunruhigen, weil er ein Indiz für eine dumpfe Wissenschaftsfeindlichkeit ist, die sich ausbreitet. Ein vernünftiges Maß an empirischen Kenntnissen über die Schulwirklichkeit und vor allem das Können der Schüler ist dringend nötig.

Außerdem muss der muttersprachliche Unterricht dringend gestärkt werden. In anderen Ländern, in Frankreich und in China zum Beispiel, wird die Landessprache mit bis zu zehn Unterrichtsstunden gelehrt. Es ist ein Unding, dass Lehrstühle für Deutsch im Anfangsunterricht an Pädagogischen Hochschulen und Universitäten häufig mit Professoren besetzt werden, die weder ein Lehramtsstudium noch Staatsprüfungen, noch ein Referendariat, geschweige denn eine unterrichtspraktische Erfahrung vorweisen können. In jedem anderen ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Fach taugte das für einen Aufruhr, nur in der Pädagogik wird es einfach geduldet. So zufällig sind die Rechtschreibdefizite also nicht.

Mehr hier: www.faz.net.

Misstraut den Tablets!

Das iPad soll die Schulbildung verbessern. Wenn es doch so einfach wäre! Denn ist es wirklich besser, wenn Kinder von Maschinen lernen, und nicht von Menschen?

Jan Grossarth hat für die FAZ eine überzeugende Gegenrede verfasst:

Weil sie Bilder und Töne übermitteln können und Interaktivität, sind sie für ältere Schüler eine faszinierende Ergänzung zum Schulbuch, zum Fernseher oder zur Tafel, aber man soll sich keinen Quantensprung in der „Qualität der Bildung“ davon versprechen. Der Autor Tomasz Kurianowicz schrieb kürzlich für die „Neue Zürcher Zeitung“, auf dem Spiel stehe letztlich die Empathie: „Natürlich, es kostet Zeit und Mühe, ein Kind zu beschäftigen, sich mit ihm auszutauschen und reale Konversation zu betreiben. Viel einfacher ist es da, ihm ein iPad in die Hand zu drücken und sich der Verantwortung zu entziehen.“ Den Verlust von Empathie und Urteilsvermögen versuchen die Bildungstechnokraten sogar in eine Kompetenz umzudeuten. Doch wenn sich die Lehrer wie Roboter benehmen, müssen sie sich nicht wundern, wenn sie eines Tages ganz von Robotern ersetzt werden.

Mehr: www.faz.net.

„Sollen sich die Kinder doch wehren“

Gerhard Amendt schreibt in seinem ausgezeichneten Beitrag „Sollen sich die Kinder doch wehren“ für die FAZ (Ausgabe Nr. 303 vom 31.12.2014, S. 6):

Die „Sexualpädagogik der Vielfalt“ spricht sich nicht für das Recht von Pädophilen aus, auf Kinder straffrei zugreifen zu dürfen. Darum geht es ihr nicht. Sie übernimmt jedoch die Zielvorstellungen, die der pädophilen Propaganda und der Charakterstörung zugrunde liegen. Sie will die Grenze zwischen den Generationen und den Geschlechtern überschreiten und letztlich abschaffen. Beides ist jedoch maßgeblich für eine kultivierte Gesellschaft. Diese Überschreitung der Generationengrenze begründet die Gemeinsamkeit mit der Pädophilie. Sie bringt den Wunsch zum Ausdruck, dass Inzest als Inbegriff der Grenzziehung nicht nur straffrei gestellt, sondern wertgeschätzt wird. In diesem Sinne bedeutet Sexualisierung, dass zärtliche und sorgende Beziehungen mit Kindern von sexuellen Impulsen gerade nicht frei sein sollen. Ganz im Gegenteil, erst wenn auch Zärtlichkeit resexualisiert wird, ist die Voraussetzung für sexualisierende Vielfalt geschaffen. Wenn die Rede vom „Dekonstruieren“ ist, dann sollen Lehrer, die Schamgefühle und Respekt in der Sexualpädagogik hegen, durch Vertreter von Lobbygruppen ersetzt werden. Es soll abgeschafft werden, was der Grenzüberschreitung im Wege steht. Wer sich dem widersetzt, gilt als unaufgeklärt und als Repräsentant einer sexualfeindlichen Kultur. Vielleicht gilt das demnächst auch für eine sogenannte Vielfaltphobie der Kritiker.

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner