Vom Krieg der Worte in der Abtreibungsdebatte

Charles C. Camosy, Vorstandsmitglied bei den „Democrats for Life of America“, ist außerordentlicher Professor an der Fordham University und versucht, Abtreibungsgegner und -beführworter an einen Tisch zu bringen. In einem Beitrag für die NYT hat er auf die Bedeutung der Sprache in den Debatten um das Lebensrecht von Ungeborenen aufmerksam gemacht.

Er schreibt dort:

Der Kampf in der Abtreibungsdebatte ist in vielerlei Hinsicht ein Kampf um die Sprache. Ich bin zum Beispiel „Pro-Life“. Ich unterstütze nachdrücklich die Rechte und den Schutz von Müttern und Kindern, einschließlich pränataler Kinder und anderer gefährdeter Bevölkerungsgruppen. Ich möchte, dass die Gesetze unseres Landes auch diese Menschen schützen. Meiner Meinung nach macht mich das zu einem Lebensschützer. Deshalb benutze ich den Ausdruck „pränatales Kind“, wo andere Leute einfach „Fötus“ sagen würden.

Nach Ansicht dieser Menschen und der Mainstream-Nachrichtendienste bin ich allerdings kein Lebensschützer, sondern jemand, der gegen Abtreibung ist. Diese Sprache erlaubt es Kritikern, mich und andere Lebensschützer als von einem bestimmten Anliegen Besessene erscheinen zu lassen, was wir nicht sind.

In den letzten Jahren haben sich die Verteidiger von Abtreibungsrechten von der Verwendung neutraler Begriffe wie „Autonomie“ und „Wahl“ verabschiedet und nutzen eine positive, stigmatisierungstolerante Sprache. Gruppen wie „Planned Parenthood“ sprechen jetzt von „Abtreibungsfürsorge“ (engl. abortion care). … Plakate, die von Unterstützern der Abtreibungsrechte aufgestellt wurden, sagen stolz, dass Abtreibung ein „Familienwert“ ist.

Hier der Beitrag: www.nytimes.com.

Kommentare

  1. Theophil Isegrim meint

    „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben“ Matthäus 10,16

    Hat Jesus uns aufgetragen, aber ist irgendwie bei uns noch nicht angekommen. Wo sind die begabten christlichen Vordenker? Und könnte uns Gott nicht noch zusätzlich Weisheit schenken, wir wir diesen Herausforderungen besser begegnen können?

  2. Johannes G. meint

    Auf dieses Problem weist z.B. auch der Philosoph David Oderberg hin. Wenn wir es nicht schaffen, die sprachliche Ebene zurückzuerobern und emotional aufgeladene Kampfbegriffe zu entschärfen, werden wir weiter nur gegen Windmühlen ankämpfen bzw. immer in der Defensive sein.

    Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass uns in der aktuellen Situation nur ein sachlicher Diskurs bzw. eine adäquate Präsentation der entsprechenden Argumente und vor allem die konsequente Widerlegung von Einwänden und gegenteiligen Positionen weiterhilft. Das ist sicher nicht einfach, aber ich habe es mir zum Ziel gesetzt, hier etwas auf die Beine zu stellen.

    Aus aktuellem Anlass haben meine Frau und ich als „Testprojekt“ einen Leserbrief an die lokale Presse geschickt, der inzwischen auch abgedruckt wurde. Ziel war es, diesen „Link“ zwischen grundlegenden Begriffen (Kinder, Fötus, Embryo) herzustellen, das grundlegende Argument für den Lebensschutz zu formulieren und einen von zwei zentralen Einwänden – so weit dies in einem kurzen Statement möglich ist – zu entkräften.

    Wer sich dafür interessiert, kann den Brief hier auch online lesen (Den Titel hat die Zeitung gewählt):
    https://www.ntz.de/nachrichten/leserbriefe/artikel/abtreibung-und-ethische-grenzen/

    Liebe Grüße
    Jo

  3. Ist es ehrlich, einem Euphemismus wie „Planned Parenthood“ einen Begriff wie „pränatales Kind“ gegenüberzustellen? Beide Begriffe suggerieren etwas, was nicht ist, und versuchen zu manipulieren. Manipulation ist aber auch dann m.E. nicht zu rechtfertigen, wenn man meint, auf der richtigen Seite zu stehen, womit wir wieder bei Mt 10,16 wären.
    Ebensowenig führt die Manipulation eines Menschen dazu, dass er seine Haltung überdenkt und ändert, er wird zwar in einem konkreten Themengebiet wie gewünscht „funktionieren“, aber das war es dann auch.
    Camosy wendet damit den gleichen Stil und die gleichen Methoden an, die heutzutage auch in Themengebieten wie Genderidiologie (Ausrottung des generischen Maskulinums), Migration (statt Migrant sagt man jetzt „Menschen mit Fluchterfahrung“), Inklusion („Menschen mit besonderer Begabung“) usw. verwendet wird, um die Gesellschaft wie gewünscht zu polen. Also „politisch korrekte“ Sprache.
    Ehrlicher wäre die Aussage: „Abtreibung ist Mord aus niederen Beweggründen.“

  4. Roderich meint

    @Johannes, ein sehr guter Leserbrief, sauber argumentiert!

    Ihr hättet ruhig noch eine Erwiderung auf die „erste Strategie“ nennen können, nämlich:

    ein Bündel von Eigenschaften, die für den Status einer Person notwendig aktual vorhanden sein müssen, so definieren, dass Embryo sowie Fötus davon ausgeschlossen werden

    Aber ich vermute Ihr dachtet: wenn der Leserbrief zu lang wird, wird er ohnehin gekürzt oder gar nicht gebracht.

  5. Johannes G. meint

    @Roderich

    wenn wir die Gelegenheit bzw. den Platz gehabt hätten, hätten wir die gesamte Seite zugetextet 😉 Das Problem ist, dass bereits dieser Text „Überlänge“ hat und eine ausführlichere Abhandlung völlig unmöglich gewesen wäre. Den „Extended Cut“ stelle ich dann vielleicht im Herbst in Marburg vor 😉

    Da mir in unseren Breiten das Autonomie-Argument zu dominieren scheint und die Diskussion um den Personenbegriff schnell sehr tief in die Metaphysik sowie die Philosophie des Geistes „abtaucht“, haben wir uns auf diesen Einwand konzentriert. Durch die Formulierung des Personen-Einwandes haben wir zumindest subtil zu vermitteln versucht, dass es hier unter anderem den Vorwurf der Willkür gibt d.h. ungeborenen Kindern bewusst und absichtlich der Status einer Person abgesprochen werden soll.

    @Stefan

    Was ist an der Bezeichnung „pränatales“ oder „vorgeburtliches“ Kind falsch oder gar tendenziös? Das ist eine sachlich richtige Beschreibung eines Kindes vor der Geburt. Es geht ja eben darum, dass sowohl der Begriff „Fötus“ als auch die Bezeichnung „pränatales Kind“ austauschbar verwendet werden können und dies in einer ausgewogenen Darstellung auch klar werden sollte.

    Ehrlicher wäre die Aussage: „Abtreibung ist Mord aus niederen Beweggründen.“

    Für die Debatte hilfreich wäre es, wenn man von verallgemeinernden Aussagen absehen würde und sich an konkreten Fakten orientiert. Es mag sicher der Fall sein, dass viele Frauen, die abgetrieben haben, niedere Beweggründe hatten. Aber das trifft sicher nicht auf alle Frauen zu. Ich meine mit solchen Pauschalurteilen wird man nur eine weitere unnötige Verschärfung und entsprechend berechtigte Kritik provozieren.

    Liebe Grüße
    Jo

  6. Was als „vorgeburtliches Kind“ bezeichnet ist, das ist ein Foetus im bisher üblichen Sprachgebrauch. Hier wird ein Begriff neu erfunden, ebenso wie „planned parenthood“ = „geplante Elternschaft“ ein neuer Begriff für Abtreibung ist (hey, ich könnte jetzt sagen, geplante Elternschaft ist doch auch sachlich richtig, oder?). Beides ist unehrliche Sprache.
    Siehe Foucault / Sprechakttheorie: Theorien, die den Schwerpunkt ihrer Überlegungen auf das legen, was Sprecher mit Äußerungen bewirken statt auf die Repräsentationsfunktion von Ausdrücken und Sätzen.
    Das sind unehrliche Methoden, die auch nicht durch den guten Zweck geheiligt werden. Wenn Abtreibungsbeführworter solche Mittel anwenden: dann lass sie, begib Dich nicht auf deren Ebene, um durch Sprache zu manipulieren. Bleibe bei einer ehrlichen Sprache, Du bist Christ.

  7. Johannes G. meint

    @Stephan

    hier die Definition von Fötus (s. z.B. Wikipedia): Ein Fötus oder Fetus (nach lateinisch fetus, „die Brut, Nachkommenschaft“) ist während der Schwangerschaft ein Kind in der Gebärmutter nach Ausbildung der inneren Organe.

    Dieser Terminus bleibt zudem bis zur Geburt bestehen. D.h. ein Fötus ist nichts anderes als die Bezeichnung eines Kindes bis zum Verlassen des Mutterleibs. Da wurde nichts „neu erfunden“, sondern eben in der Abtreibungsdebatte ein einseitiger Sprachgebrauch zu Gunsten einer bestimmten Agenda gewählt. Wie man sieht, hat das auch recht gut funktioniert…

    Btw: „Planned Parenthood“ ist kein neuer Begriff für Abtreibung sondern der Name einer Organisation in den USA, die mit Abtreibungen ein gutes Geschäft macht und sich entsprechend für dessen Erhalt einsetzt.

    Im übrigen hat ein Christ auch die Pflicht, sich ausreichend zu informieren, bevor er sich öffentlich äußerst und anderen gar Manipulation oder Unehrlichkeit vorwirft.

    Liebe Grüße
    Jo

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