Alles Einstellungssache

Alles eine Sache der Perspektive, meinen die Postmodernen. Bei der Abtreibungsfrage klingt das dann so (FAS vom 14.11.2021, Nr. 45, S. 15): Die Zeichnerin Julia Zejn zeigt Schwangerschaftsabbrüche so, wie viele Frauen sie empfinden: Als Entscheidung, die nicht leichtfertig getroffen wird, aber mit der sie im Reinen sind. Ich zitiere:

„Ihre Protagonistin sagt bei der Beratung, sie habe kein schlechtes Gewissen dem Embryo gegenüber. War das bei Ihnen auch so?
Ja. Ich habe das nicht als Wesen gesehen, sondern als ungewollte Schwangerschaft. Wenn man gewollt schwanger ist, hat man einen ganz anderen Bezug dazu. Gerade am Anfang einer Schwangerschaft sind Muttergefühle eine Einstellungssache.“

Jetzt stellen wir uns mal vor, wir reden mit einem, der eine Tankstelle brutal überfallen hat. Das geht dann so:

Haben Sie ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Tankstellenwärter, den sie ermordet haben?

Ich habe den Tankstellenwart nicht als menschliches Wesen gesehen, sondern als ein Ereignis, das in meine aktuelle Lebenssituation und meine Pläne nicht hineinpasst. Das ist letztlich eine Einstellungssache.

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Kriti-Sir
Kriti-Sir
11 Tage zuvor

Kann man hier so platt argumentieren?
Ich bezweifle es. Ich bezweifle zumindest, dass das Argument in einer sachlichen Debatte durchstoßen könnte.
Ein Anstoß ist es allemal; entweder einer, an dem man sich stößt und den man dann von sich stößt, oder einer, der etwas in einem anstößt.

Christian
Christian
11 Tage zuvor

Naja, man lese Dostojewski’s „Schuld und Sühne“ oder denke über sein berühmtes Wort „Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt“ nach und erkenne, wie scharfsinnig bereits Dostojewski vorhergesehen hat, was der Pluralismus nun mit sich bringt.

FrankS
FrankS
11 Tage zuvor

Diese Entwicklung kann eigentlich nicht verwundern. Der Mensch, der sich selbst Gesetz ist, ändert dieses Gesetz halt auch, wenn es ihm nicht mehr als zeitgemäß erscheint. Gerade im Bereich Abtreibung sind die historischen Wurzeln hier in Deutschland noch sehr christlich geprägt. Schaut man nach China kann man sehen, wohin die Reise geht. Abtreibung wird dort ganz anders betrieben.

Daphnis
11 Tage zuvor

Toller Denkanstoss – besten Dank!

Helge Beck
Helge Beck
9 Tage zuvor

Ist die Postmoderne jetzt ein Produkt „jüdisch-christlicher“ Kultur oder nicht?