Philosophie

Habermas diskutiert über entprivatisierte Religion

Der Philosoph Jürgen Habermas disputierte in München mit dem Theologen Friedrich Wilhelm Graf und signalisierte in diesem Zusammenhang mehr Sympathie für Dieter Henrich und Robert Spaemann als für die hermeneutische Philosophie.

Habermas, wie gesagt, redet in München kaltblütig. Und doch voller Behutsamkeit. Wie ein guter Chirurg, der nicht mehr weh tun möchte als nötig. Nein, sagte er zunächst noch ohne Chirurgenkittel an Heinrich Meier, den Stiftungs-Philosophen, gewandt – nein, es sei nicht so, wie Meier denke, dass er, Habermas, sich mit der Religion aus purem soziologischem Interesse befasse. Er prüfe sie vielmehr als Ressource für die Philosophie, für eine Philosophie, die nicht naturalistisch-szientistisch verengt sich selbst widerlege, sondern ihre semantischen Potentiale ausschöpfen möchte. Habermas signalisierte in diesem Zusammenhang mehr Sympathie für Dieter Henrich und Robert Spaemann als für den heideggerisierenden Giorgio Agamben, den er rundweg als Seher mit philosophischer Zipfelmütze betitelt. Tatsächlich scheint Habermas, zunächst paradox, aus Leidenschaft fürs Argument sich bei der Religion aufzuhalten.

Hätte er beispielsweise ein schöpfungstheologisches Argument wie die Gottesebenbildlichkeit des Menschen zur Verfügung, dann könne er bestimmte Intuitionen, die er habe, leichter verteidigen. Aber solche Argumente stünden ihm nun einmal nicht zu Gebote.

Hier: www.faz.net.

Postmoderne Denkformen lähmen unser Denken

In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts betonte Francis Schaeffer in seinen Vorträgen und Büchern, dass die moderne und spätmoderne Philosophie mit ihrem Anthropozentrismus („Der Mensch ist das Maß aller Dinge“) in eine Sackgasse geraten sei. Von den großen Fragen der klassischen Philosophie habe man sich abgewandt und damit begonnen, sich auf die vielen Einzelfragen der analytischen Philosophie zu konzentrieren. Im Blick auf die wichtigen Fragen des Lebens sei von der Philosophie nicht mehr viel zu erwarten. Die Philosphie der Gegenwart sei eine „Antiphilosophie“ (siehe dazu z.B. Francis Schaeffer, Gott ist keine Illusion , 1974, S. 23–25).

Bei Wolfgang Welsch, dem meiner Meinung nach versiertesten Postmodernismus-Kenner im deutschsprachigen Raum, finde ich nun eine ganz ähnliche Einschätzung der Lage (obwohl er wahrlich aus einer anderen (evolutionären) Perspektive schreibt als Schaeffer). In seiner Anthropologievorlesung begründet Welsch die dringliche Kritik an den anthropischen Denkformen mit der aus ihr hervorgegangenen Lähmung des Denkes (Wolfgang Welsch, Mensch und Welt, 2012, S. 23–24):

Denn das Befangensein in dieser Denkform lähmt unser Denken. Man weiß immer schon die Antwort auf alle Fragen. Sie lautet: „Es ist der Mensch.“ Diese Trivialität aber erstickt unser Denken, statt ihm Atem zu verleihen. In der Tat scheint die zeitgenössische philosophische und intellektuelle Szenerie eigentümlich gelähmt. Gewiss ist die Betriebsamkeit immens und die Differenziertheit im Detail beeindruckend. Aber alles dreht sich in einem zum Überdruss bekannten Kreis. Bei allem, was wir im Einzelnen noch nicht wissen mögen und uns zu erforschen vornehmen, halten wir doch eines stets vorweg schon für sicher: dass all unser Erkennen, das gegenwärtige wie das zukünftige, menschlich gebunden ist und nichts anderes als menschlich bedingte und bloß menschlich gültige Einsichten hervorbringen wird. Noch das heutige Alltagsbewusstsein ist davon bis zur Bewusstlosigkeit durchdrungen. Wenn wir in der Moderne noch eine Gemeinsamkeit haben, dann den Glauben, dass unser Weltzugang in allem menschgebunden (kontext-, sozial-, kulturgebunden) ist. Das ist die tiefste communis opinio des modernen Menschen. Wenn jemand diese Auffassung hingegen nicht teilt und kritische Fragen zu stellen beginnt, dann reibt man sich verwundert die Augen: Dieser Kerl scheint nicht von dieser Welt zu sein – anscheinend ist er verrückt.

Für die Leute, die nicht von dieser Welt sind, ist also die Zeit gekommen, die modernen und postmodernen Denkformen zu hinterfragen. Habt den Mut, wieder klar über die Offenbarung nachzudenken und laut von ihr zu sprechen!

TV-Philosophie: Sloterdijk schimpft über Precht

Es sollte jetzt keinesfalls der Eindruck entstehen, ich sei ein Bewunderer von Peter Sloterdijk. Aber in diesem Fall stehe ich auf seiner Seite und bin zugleich überrascht, dass er so überrascht ist. Es geht ums Fernsehen und da zählt vor allem Telegenität und Quote:

„Precht ist vom Handwerk her Journalist und als solcher Popularisator von Beruf,“ wettert Sloterdijk gegen die Frischzellenkur, die das ZDF dem Sendeplatz angedeihen lassen will. Ob dieser wirklich, wie das ZDF annehme, zu einer Verjüngung des Publikums beitragen werde, bezweifle er allerdings – und legt noch mal nach: „Seine Klientel gleicht eher der von André Rieu, den hören auch vor allem Damen über fünfzig in spätidealistischer Stimmung.“

Mehr hier: www.spiegel.de.

Ein säkulares Zeitalter?

Gestern hat der TV-Sender BR-Alpha Mittschnitte eines Streitgespräches zur Gottesfrage zwischen Prof. Dr. Gerhard Schurz und Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter gesendet. BR-Alpha schreibt:

Die Frage nach Gott ist auch heute noch aktuell. Gibt es zwingende Gründe für seine Existenz? Gegenwärtige Weltbilder bauen eher auf innerweltliche Grundlagen. Dennoch sind Religionen von Bedeutung für Demokratie und Staat.

Leider sind nur wenige Auszüge aus der Diskussion im Beitrag enthalten. Überwiegend wird die Arbeit der Akademie vorgestellt. Eingegangen wird auch auf die Gastvorträge von Professor Charles Taylor; sein öffentlicher Vortrag vom Dezember 2011 wird auszugsweise wiedergegeben.  Die TV-Sendung Lógos kann nachträglich in der Mediathek angeschaut werden: www.br.de.

Michael Schmidt-Salomon hat recht

Die Basler Zeitung hat in einer vierteiligen Serie zum Thema Atheismus Michael Schmidt-Salomon interviewt. Der Philosoph spricht davon, dass die Vernunft über den Glauben gestellt werden müsse (man stelle sich mal vor, ein fünfjähriges Kind würde das so machen). Daraufhin gab es so viele Kommentare von Lesern, dass die Zeitung beschloss, Auszüge aus der Diskussion ebenfalls zu veröffentlichen.

Das Medienmagazin pro schreibt:

Der 44-Jährige hofft, dass die Menschheit der „kollektiven Wahnidee“ der Religion absagt und sich endlich ausschließlich des Verstandes bedient. Die Evolution soll dabei helfen. Im Interview mit der Schweizer Zeitung stellt er indes klar: „Für den evolutionären Humanismus gibt es keine ‚ewigen Wahrheiten‘, keine ‚heiligen Schriften‘ und selbstverständlich auch keine unfehlbaren Propheten, Priester oder Philosophen.“

Er sei sich „sicher, dass Moses, Jesus und Mohammed irgendwann im kollektiven Bewusstsein der Menschheit ebenso verblassen werden wie zuvor Atum, Thot, Horus, Isis, Amun, Zeus, Dionysos, Pan, Poseidon, Hera, Jupiter, Venus, Vesta, Teutates, Taranis, Odin oder Thor.“ Es sei nicht zu erwarten, dass die Menschheit in 20.000 Jahren „ausgerechnet an den abrahamitischen Religionen festhalten wird“.

Aber Achtung: Hier stimme ich Schmidt-Salomon (ausnahmsweise) herzlich zu:

Schmidt-Salomon kritisiert im Interview den „aufgeklärten Glauben“ als „logisch inkonsistent“. „Denn kann man sich redlicherweise noch als ‚Christ‚ bezeichnen, wenn man weder an die ‚Schöpfung‘ noch an die ‚Auferstehung von den Toten‚ glaubt? Meine Erfahrung ist: Viele aufgeklärte ‚christliche Theologen‘ sind in Wahrheit getarnte ‚säkulare Humanisten‘, die aus sozialen Konventionen heraus noch einen ‚religiösen Dialekt‘ sprechen, der einigermassen fromm klingt, es aber längst nicht mehr so meint.“

Mehr: www.pro-medienmagazin.de.

Bullshit

Ich möchte an dieser Stelle auf einen Blogeintrag vom Juli 2007 hinweisen. Im Eintrag „Über Lüge, Bullshit und die Wahrheit“ habe ich auf das Buch Bullshit von Harry G. Frankfurt aufmerksam gemacht. Von ihm kommt der bemerkenswerte Satz:

Zu den auffälligsten Merkmalen unserer Kultur gehört die Tatsache, daß es so viel Bullshit gibt.

Das originale Manuskript „On Bullshit“ aus dem Jahre 1986 gibt es inzwischen in englischer Sprache online: on-bullshit.pdf.

Eifer braucht Vernunft

Der Logiker und Religionskritiker Christoph Zimmer fährt in seinem Aufsatz „Theist – Atheist“ schwere Geschütze auf:

Gutes täte Mensch kraft Religion, Böses, da er ungläubig und widerspenstig. Ein solches System, abgesehen von seiner vulgären Primitivität, und abgesehen auch von seiner Schäbigkeit und Perfidie, setzt Moral und Amoral in eins. Theist hat es installiert. Wer ethische Orientierung sucht, Anstand in sein Leben bringen will, ist mit Theismus auf der falschen Fährte. Er muß umkehren, sich auf Vernunft besinnen. Atheist, wenn er des Theismus Fallen zu umgehen lernt, je ferner er sich von ihm hält, je weniger durch ihn noch infiziert, desto eher ist er der bessere Mensch.

Der Mathematiker Frederik Herzberg hat für TheoBlog.de Zimmers Streitschrift gelesen und meint:

Dr. Christoph Zimmers Schrift „Theist – Atheist“ beeindruckt ihre Leser literarisch und rhetorisch – und stellt auf diese Weise sicher eine wirksame Werbung für die dogmatisch-atheistische Position ihres Verfassers dar. Leider erschöpfen sich hierin im Wesentlichen die Vorzüge dieses Werks, denn der Verfasser argumentiert trotz gelegentlicher einfacher Anwendungen von erststufiger Prädikatenlogik – meist anekdotisch oder assoziativ und nur gelegentlich auf wissenschaftlichem Niveau philosophisch.

Die Kurzbesprechung von Frederik Herzberg mit dem Titel „Eifer braucht Vernunft“ kann hier heruntergeladen werden: FH_TA.pdf.

Viel verdankt Nietzsche Amerika

Americannietzsche.jpgOhne den amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson hätte Friedrich Nietzsche wahrscheinlich kein Wort geschrieben. Das enthüllt eine neue Studie. WELT Online schreibt unter Bezugnahme auf American Nietzsche: A History of an Icon and His Ideas von Jennifer Ratner-Rosenhagen:

Friedrich Nietzsche und Amerika, wie geht das zusammen? Auf den ersten Blick überhaupt nicht. Es scheint keinen Philosophen zu geben, der weniger in die Neue Welt passen würde als der große Einsame aus Deutschland. Nietzsche hat bekanntlich die Massen verachtet und auf die Demokratie gespuckt. Friedrich Nietzsche wurde 1844 in Röcken bei Lützen geboren. 1858 trat er in die berühmte Landesschule Pforta bei Naumburg ein (Foto), 1864 begann er das Studium der Klassischen Philologie und Theologie in Bonn.

Auf die berühmte Formel aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, dass alle Menschen gleich geschaffen und von ihrem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet worden seien, hätte er vermutlich nur mit verächtlichem Schnauben reagiert. „Die Schwachen und Missratnen sollen zugrunde gehen: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen“, heißt es im „Antichrist“.

Das Christentum hat Nietzsche verabscheut, weil es auf purem Ressentiment, das heißt: auf einer Moral von Sklaven beruhe. In Amerika aber gibt es 1001 Gotteshäuser, in denen wahlweise Gott, Jesus, Allah oder Buddha gehuldigt wird. Und liest sich die Warnung vor dem „letzten Menschen“, die Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“ aussprach – die Warnung vor dem demokratischen Herdentier, das sich mit einem „Lüstchen für den Tag und für die Nacht“ abspeisen lässt – nicht exakt wie eine prophetische Vorwegnahme der amerikanischen Massenkultur?

So könnte man glauben. In Wahrheit aber hat gerade Amerika die Ideen jenes deutschen Zertrümmerers, der die letzten Wahrheiten mit dem Hammer attackierte, begierig aufgesogen. Und umgekehrt war Nietzsche gerade von einem amerikanischen Philosophen angetan: dem Transzendentalisten Ralph Waldo Emerson (1803-1882).

Hier mehr: www.welt.de.

 

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