Ist reformatorische Theologie heute noch wichtig?

Matthew Barrett stellt heute, also zum Reformationstag, die Frage, ob wir heute die reformatorische Theologie noch brauchen:

Ist reformatorische Theologie denn heute noch wichtig? Unbedingt. Es ist verlockend, die Reformation lediglich als eine politische oder soziale Bewegung zu betrachten. Aber in Wirklichkeit war die Reformation ein Kampf um das Evangelium. Die Reformatoren zeigten auf, dass das Herzstück des Evangeliums Gottes freie und gnädige Annahme schuldiger Sünder allein aufgrund des Werkes Christi ist. Auch wenn sich der politische und soziale Kontext seit dem 16. Jahrhundert verändert hat, dieses Thema bleibt aktuell. Man könnte viel dazu sagen, aber an dieser Stelle seien zumindest zwei Gründe genannt, weshalb die Reformation immer noch wichtig ist.

Erstens ist nach Luther die Rechtfertigung aus Glauben allein der Artikel, mit dem die Kirche steht oder fällt. Heute stellen jedoch viele die zentrale Bedeutung der Rechtfertigung in Frage oder lehnen sie völlig ab. So meint beispielsweise der verstorbene Clark Pinnock, die Fixierung Luthers und der Protestanten auf die Rechtfertigung beruhe auf ihrer Angst vor einem zornigen Gott. Konsequenterweise behauptet Pinnock, dass „die juristische Dimension unser Denken über die Erlösung dominiert hat“ (Flame of Love, S. 155). Auch wenn diese juristische Dimension wichtig sei, so sei sie doch „nicht unbedingt das zentrale Motiv“. Rechtfertigung sei lediglich ein Schritt auf dem Weg zur Veränderung. Daher sei sie „nicht das Hauptstück aller christlichen Lehre, wie Luther das meinte“. Was bietet Pinnock als Alternative an? „Gerettet werden ist eher so, wie sich in Gott zu verlieben.“ Tatsächlich behauptet Pinnock, „juristisches Denken und die Lehre der Rechtfertigung sind in der Bibel nicht so prominent, wie wir sie gemacht haben“. Und dann kommt der springende Punkt: „Luthers Wiederentdeckung der Rechtfertigung war für ihn selbst und die Reformen des 16. Jahrhunderts wichtig, aber für uns ist sie nicht gleichermaßen zentral, und noch nicht einmal für eine clevere Interpretation der Theologie des Paulus.“ Aber: Gottes Rechtfertigung der Gottlosen steht mitten im Zentrum von Paulus’ Theologie (Röm 4,5). Deshalb ist das Evangelium eine solch gute Nachricht! Die Nachricht ist deswegen so gut, weil Christus nicht nur gestorben und auferstanden ist (Apg 2,22–36), sondern weil wir jetzt die Vergebung der Sünden haben können (Apg 2,38). Kein Wunder, dass Paulus sagen kann, das Evangelium sei Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, dann auch für den Griechen, denn „es wird darin geoffenbart die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte wird aus Glauben leben‘“ (Röm 1,17). Daher war Luthers Erweckung, nachdem er Römer 1,17 gelesen hatte, im Kern Evangeliums-Erweckung. Die Rechtfertigung vom Evangelium abzutrennen bedeutet, unser grundlegendes menschliches Dilemma zu ignorieren: Wer sind wir, die wir doch schuldige Sünder sind, dass wir Gunst vor einem heiligen Gott finden sollten? Offensichtlich steht Paulus diese Frage vor Augen, wenn er folgert: „Da wir nun aus Glauben gerechtfertigt sind, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Röm 5,1).

Mehr: www.evangelium21.net.

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Wer in sich selbst gerecht ist, braucht natürlich keine fremde Gerechtigkeit, die ihm aus Gnaden angeboten wird. Ein Sünder schon. Es ist m. E. auch zu beachten, dass sich Gott in seinem Handeln und seinen Wegen nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor seinen Geschöpfen rechtfertigen will. Dass durch Jesus Sünder dauerhaft mit Gott versöhnt werden, obwohl immer die Freiheit besteht, zu sündigen, das ist im Grunde ein unerhörtes Ergebnis des Erlösungswerks. Dieses muss m. E. in Richtung auf 3 Akteure verteidigt werden: gegenüber dem Vater selbst – denn normalerweise kann Gott mit Sündern keine Gemeinschaft haben in Richtung auf das Gesetz und die an der Gesetzgebung beteiligte Engelwelt – denn normalerweise wäre ein Sünder in der Dauerverurteilung zum Tode gegen die Finsternisseite – denn normalerweise erhebt der Tod einen Herrschaftsanspruch auf den Sünder Das Erlösungswerk Christi hat auf alles eine rechtfertigende Antwort. Die Frage ist nur, wie diese Gerechtigkeit Gottes „hergestellt“ wird. Aber dazu hab ich mich ja… Weiterlesen »

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