„Missbrauch“: Eine Kritik des Skandalisierungsbegriffs

Der Soziologe Rainer Paris meint, moderne Gesellschaften befinden sich im Zustand aggressiver Dauererregung. Im Raum steht dabei stets der Generalverdacht des Missbrauchs von Macht, frei nach dem Credo: Die Mächtigen müssen die Bösen sein. So wird die Politik immer weiter moralisiert und die Sexualität zum großen Politikum.

Sein beachtenswerter Kommentar ist in der NZZ zu finden:

Entscheidend für die Brauchbarkeit und den ideologischen Wallungswert des Missbrauchsbegriffs ist der Umstand, dass er genügend diffus und unbestimmt ist, um ganz verschiedene Tatbestände, Handlungen und Situationen in den Anklageblick zu nehmen und öffentlich an den Pranger zu stellen. Er funktioniert vor allem als semantische Brücke zwischen den Diskursfeldern Macht/Politik und Sexualität/Geschlechterbeziehungen, und er bezieht daraus seine propagandistische Kraft: Alles Unglück der Welt sei verursacht von Männern, die ihre Macht missbrauchten.

Auf diese Weise unterwirft der Missbrauchsbegriff die Wahrnehmung von Wirtschaft und Politik einer permanenten, auch geschlechtlich konnotierten Moralisierung und betreibt zugleich die rigorose Politisierung der Sexualität, ja der Geschlechter- und Familienverhältnisse insgesamt. Das Ergebnis sind die schleichende Aushöhlung öffentlichen Vertrauens und die Austreibung jeder Unbefangenheit im Privaten, eine am Ende alles durchdringende Omnipräsenz von Misstrauen und Verdacht: Ob Mann oder Macht, der Missbrauch wartet an jeder Ecke.

Mehr: www.nzz.ch.

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