Optimierter Anfang, kontrolliertes Ende

Dass es noch qualitativ hochwertigen Journalismus gibt, belegt die Radiosendung „Leben nach Plan – Optimierter Anfang, kontrolliertes Ende“ von Eva Schindele. Worum geht es?

Anfang und Ende des Lebens sind existenzielle Übergänge, bei denen immer häufiger die Medizin Regie führt. Die meisten Menschen begrüßen das und hoffen dadurch, das eigene Leben besser kontrollieren zu können. Aber der naturwissenschaftliche Blick prägt die Wahrnehmung von Zeugung, Schwangerschaft und Geburt: Mit der Herstellung von Embryonen im Labor stellt sich die Frage: Wann beginnt das Leben? Die vorgeburtliche Diagnostik sucht gezielt nach Normabweichungen beim Ungeborenen; gleichzeitig werden immer kleinere Frühgeborene gerettet und Schädigungen dabei billigend in Kauf genommen. Auch der Tod wird zum Projekt von Planung und Kontrolle. Dabei haben Ärzte und Ärztinnen bis heute Probleme, am Lebensende ihre Rolle zwischen Aktionismus, Schmerzlinderung und Sterbehilfe zu finden.

Einige wichtige Sätze aus der Sendung:

Die Sprecherin:

Ethische Vorstellungen sind nicht in Stein gemeißelt. Sie werden im gesellschaftlichen Diskurs immer wieder neu ausgehandelt, spiegeln den Zeitgeist wider und legitimieren oft im Nachhinein das technisch Machbare. Dabei prägen oft diejenigen die Debatte, die ein Interesse an einer Liberalisierung haben: Das sind vor allem einerseits die Anbieter reproduktionsmedizinischer oder pränataldiagnostischer Frage: Es ist ja viel Potenz hier, sozusagen „Leben“ zu generieren?

Die Lübecker Medizinethikerin Christina Schües sagt:

Materialprüfung ist üblicherweise nicht das, was am Anfang liegt, wenn man eine Beziehung eingeht mit einem Menschen. Ich hab mich schon oft gefragt, was es heißt eigentlich für ein Kind unter Bedingungen geboren zu werden. Ich hab in meinem Buch die Geburt verstanden als Gabe, und zwar in dem Sinne, dass Kinder bedingungslos geboren werden. Also im Sinne einer Gabe. Wenn es aber so ist, dass die Embryonen, also Kinder kontrolliert werden, und nicht zu ihren eigenen Bedingungen geboren werden, sondern zu Bedingungen von anderen, bestimmter Kriterien, bestimmter Qualitätsmerkmalen, dann würde ich sagen, ist ein Embryo reduziert auf einen Warencharakter. Und dann fragt man sich ja auch, ob dann vielleicht Regressansprüche gemacht werden können und ob man es auch wie eine Ware zurückgeben kann.

Die Sprecherin:

Von freudiger Erwartung ist in heutigen Schwangerschaften oft nur noch wenig zu spüren. Schon von Anfang an wird die Frau auf ein ärztliches Schwangerschaftsregime eingeschworen, das vor allem die Pathologie und das Risiko in den Mittelpunkt stellt. Kaum ein Kind kommt heute noch „ungeprüft“ auf die Welt. Unter dem Versprechen der „Sicherheit“ konnte sich so in den letzten 25 Jahren ein riesiger Markt für vorgeburtliche Untersuchungen und Tests etablieren. Gute Geschäfte für Frauenärzte, aber auch für Hersteller von Ultraschallgeräten, Software oder Testkits wie dem sogenannten Praenatest, der ab der 9. Schwangerschaftswoche im mütterlichen Blut nach Hinweisen für Down-Syndrom beim Ungeborenen sucht.

Margaretha Kurmann vom „Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik“:

Es wird gesucht, um zu verhindern, dass ein Kind mit dieser Behinderung oder Beeinträchtigung, nach der gesucht wird, geboren wird. Die Therapie ist der Schwangerschaftsabbruch. Es gibt seltene Fälle, wo man die Geburt sozusagen danach ausrichten kann und man kann auch manchmal das in der Schwangerschaft machen und das ist ja auch nicht strittig, aber in der Regel sind es Untersuchungen, die wir im Netzwerk als selektiv bezeichnen, die also darauf ausgerichtet sind, Geburt von Kindern mit bestimmten Merkmalen zu verhindern. In dem Sinne gibt es nichts zu entscheiden über das So-Sein des Kindes, sondern es gibt nur darüber etwas zu entscheiden: Soll dieses Kind auf die Welt kommen oder nicht?

Hier das Manuskript und der Link auf die mp3-Datei der empfehlenswerten Sendung zum Download: swr2wissen-20150606-leben-nach-plan-ra06.12844s.mp3.

Rob Bells Gottesleere

Der Verlag Gerth Medien hat Rob Bells „Gottesleere“ Mit dir. Für dich. Vor dir in deutscher Sprache herausgegeben. Das wohlwollende Vorwort stammt von Jürgen Mette, Mitglied beim Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz.

Moritz Breckner hat für das pro Medienmagazin eine empfehlenswerte Rezension verfasst. Vielen Dank!

Zu lesen ist dort:

Unweigerlich erinnert sich der Leser an die Personen, die Bell zu Beginn als Skeptiker angeführt hat. Hilft ihnen dieses eigenwillige Buch, sich dem christlichen Glauben zuzuwenden? Vielleicht spornt sie der erste Teil des Buches an, neu über Gott nachzudenken. Und dann? Statt die Fragen seiner Beispielfiguren nach Frauenordination und Homosexualität aufzugreifen und wenigstens zu erklären, warum es darüber unter Christen Diskussionen gibt, verstrickt sich Bell in esoterisch klingenden Phrasen, die er zwar mühsam von einzelnen Bibelstellen ableitet, die aber mit der biblischen Beschreibung des persönlichen Gottes wenig gemein haben. „Wenn wir aber von Gott sprechen, sprechen wir von der schlüssigen Behauptung, dass alles eine einzelne, allgemeine Quelle hat und unbegrenzt, endlos, zutiefst miteinander verknüpft ist“, schreibt der ehemalige Pastor einer Großkirche.

Warum geht Bell so vor? Der deutsche Autor und Theologe Jürgen Mette prophezeit in seinem überaus lobenden Vorwort, dass sich Bells Kritiker wahrscheinlich dem amerikanischen Theologen Michael Kruger anschließen werden, der in seiner Rezension schrieb, Bell spreche nicht vom Gott der Christen. In der Tat lohnt es, sich mit den Ausführungen Krugers näher zu beschäftigen. Denn der Professor für Neues Testament entlarvt sehr überzeugend, was Bell mit seinem Buch anrichtet: Der progressive Theologe demontiert die gängigen christlichen Bilder von Gott und erklärt anschließend, wie wenig der Mensch über Gott wissen könne, um hinterher sein eigenes Gottesbild auf die Leinwand zu malen. Und bei diesem Gottesbild fehlt alles, was dem postmodernen Gläubigen auch nur die geringste Bemühung abfordert. Eine Energie, die für uns ist, ist schließlich leichter zu akzeptieren als ein Vater, der zur Sündenvergebung das Opfer am Kreuz braucht. Auch wenn Bell sich auf Jesus beruft: Das Problem der Sünde und die Konsequenzen daraus enthält er seinen Lesern vor. Bell schreibe über Jesus, Vergebung und Schuldbekenntnis, „aber unglaublicher Weise entleert er jeden dieser Begriffe seiner biblischen Bedeutung und füllt ihn mit postmoderner Spiritualität“, erklärt Kruger.

Hier mehr: www.pro-medienmagazin.de.

Predigt ist Anrede an die Menschen

Rudolf Bohren hat schon herausgearbeitet, dass bei aller notwendigen Exegese und Textreue der Verkündiger die Hörer im Blick haben muss (Dem Worte folgen, 1969, S. 43–44):

Die Predigt ist auch Anrede an die Menschen. Und es ist wichtig, daß wirkliche Menschen angeredet werden, daß das Wort bis zum Menschen kommt. Wir müssen in diesem Zusammenhang noch einmal bedenken, daß Predigen ein Fischen ist.

Es sei gestattet, hier ein kleines Erlebnis zu erzählen: Wie mich letzthin ein Freund zum Fischfang einlädt, gehen wir an einem kleinen von Hasel umsäumten Bächlein entlang. Zum erstenmal seit zehn Jahren halte ich die Rute in der Hand. Mit schönem Schwung will ich die Angel auswerfen. Aber o weh, sie bleibt an den Haseln hängen. – So haben wir schon viel mit schönem Schwung gepredigt. Allein das Wort erreichte die Menschen nicht. Wenn die Angel nicht ins Wasser fällt, kann ich meine Rute lange in die Luft strecken. Es hilft nicht, daß ich den Text sauber exegesiert und dogmatisch richtig interpretiert habe, ja es nützt mir nichts, wenn ich mein eignes Fleisch an die Angel stecke, solange ich nicht die Angel ins Wasser halte, und zwar dahin halte, wo die Fische sind, solange ist alle Mühe vergeblich. Bei klarem Wasser sieht man die Forellen, und die Kunst ist die, den Köder dem Tier so vorzusetzen, daß es beißen kann. Und das gilt besonders für den Menschenfischer. Er muß dahin gehen, ihnen die Botschaft vorsetzen, sie mundgerecht machen, daß sie entweder zuschnappen oder sich bewußt abwenden. Und hier passiert viel Mißgeschick. Viele Prediger können wohl die Rute in die Luft strecken und Würmer baden; aber sie locken die Fische nicht.

Wo die Predigt den Menschen nicht erreicht, stimmt auch mit dem Inhalt der Predigt etwas nicht. Gottes Wort wird dann nur scheinbar verkündet; der Christus incarnatus, der Christus praesens, der kommt, um zu richten die Lebendigen und die Toten, wird nicht gepredigt. Wenn der Prediger die Menschen nicht findet, dann ist das ein Zeichen, daß seine Botschaft selber doketisch verseucht ist, daß er bloß Ideen, Abstraktionen ausbreitet. Aller Doketismus aber ist antichristlich. Man mag da meinetwegen streng orthodox, hochkirchlich, dialektisch, fein lutherisch oder nüchtern reformiert reden. Das Wort, das nicht zum Menschen kommt, ist nicht Gottes Wort. Es ist seinem Wesen nach doketisch, also antichristlich. Und das heißt also, der Hörer gestaltet die Predigt mit. »Die Hörer gehören zum Redner notwendig als seine andere Hälfte.«?

Spurgeon mahnt: »Paßt euch euren Zuhörern an. Das ist sehr wichtig. Der Prediger, der zu einer gebildeten Gemeinde redet, als hielte er eine Straßenpredigt, ist ein Tor; und umgekehrt: wer unter Bergleuten und Kohlenträgem mit wissenschaftlichen Ausdrücken und vornehmen Redensarten um sich wirft, ist erst recht ein Narr.« »Denkt euch in eure Zuhörer hinein.«

„Ich glaube, was ich fühle!“

Während im Mittelalter das „Ich glaube, um zu verstehen!“ des Anselm von Canterbury galt, kann der Satz „Ich glaube, was ich verstehe!“ als das Credo der Neuzeit bezeichnet werden. Heute lautet das Credo: „Ich glaube, was ich fühle!“.

Zugpferd einer Auflösung?

Klaus Bockmühl in „Die Diskussion über Homosexualität aus theologischer Sicht“ (Leben nach dem Willen Gottes, BWA Bd. II/3, Gießen: Brunnen, 2006, S. 31–32, erstmals erschienen in: Evangelische Theologie, Jg. 24/1964, S. 242–266):

Allem nach ist zu sagen: Die christliche Gemeinde muß sich dagegen wehren, daß sie zum Zugpferd einer Auflösung ihrer ethischen Maßstäbe gemacht werden soll, einer Relativierung, zu der das Alte wie das Neue Testament nicht die geringste Handhabe bieten. Die biblischen Urteile sind gerade deshalb relevant, weil sie das homosexuelle Verhalten, die Praxis, betreffen. Eben diese ist heute das Problem. Es ist also nicht einzusehen, wieso die Regel der Herrschaft Gottes – wie für jeden anderen Fall menschlicher Unzulänglichkeit und Verirrung auch – für die Frage der Homosexualität nicht gültig und heilbringend sein sollte. Paulus hat in 1.Korinther 6 gerade hierzu Erschöpfendes und Vorbildliches gesagt, indem er sowohl die Norm als auch die Kraft des neuen Lebens beschrieb.

Leider bekommen solche klaren Rufer im öffentlichen Diskurs heute wenig Raum. Deshalb müssen sie gelesen werden!

Heldenhafte Spermien und wachgeküsste Eizellen

Die „Gender Studies“ haben Fachbereiche und Schulfächer fest im Griff. Kritik ist unerwünscht. Wer aufbegehrt, wird – mindestens – als „reaktionär“ bezeichnet. Die genderorientierten Curricula halten aber wissenschaftlichen Ansprüchen keineswegs stand.

Dass ich einmal einen Artikel empfehle, der sich schützend vor den Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera stellt, hätte ich nicht erwartet. Jetzt ist es so weit.

Hans Peter Klein schreibt für die FAZ:

Im Zuge der Genderisierung der Universitäten mit mittlerweile fast zweihundert speziell dafür eingerichteten Professuren hat sich das grundlegend geändert. Denn diejenigen, die in dieser Geschlechterforschung ihre Mission sehen, wurden durch öffentliche Proteste nicht von ihrem Weg abgebracht. Sie wollen, dass alle Menschen so denken wie sie, weil sie sich im Besitze einer Wahrheit wähnen, die alle anderen missachten oder nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Dahinter steckt ein Erziehungsprogramm, für das die Vertreter dieser Position keine demokratische Legitimation besitzen.

Es ist erstaunlich, wie Minoritäten, offenbar mit politischer Unterstützung, der Mehrheit ihre Vorstellungen mit fast religiösem Eifer diktieren können. Um ihre Überzeugungen durchsetzen zu können, schaffen sie ein Klima, in dem nicht mehr der Diskurs gedeiht, sondern Andersdenkende durch Verdächtigungen und Anschuldigungen eingeschüchtert und verängstigt werden. Wer dagegen aufbegehrt, muss mit der Diffamierung und Diskreditierung der eigenen Person oder der Zensur kritischer Beiträge rechnen.

Hier mehr: www.faz.net.

VD: EP

Kritik der postmodernen Vernunft

Fernando Suarez Müller schreibt in seinem Aufsatz „Alte und neue Sophistik 1: Macht und Sprache“ (in: Bernd Goebel u. Fernando Suarez Müller (Hg.), Kritik der postmodernen Vernunft, Darmstadt: WBG, 2007, S. 62; 73–74):

Die radikale Anti-Metaphysik mündet in eine Verabsolutierung der Kategorie des Werdens. Weder für Protagoras noch für Foucault ist das „Werden“ als „Entfaltung eines Vorgegebenen“ zu verstehen, denn beiden schwebt eine ständige und radikale Veränderung der Dinge vor Augen.36 Foucault hat den missverständlichen Begriff Revenir“ deshalb auch abgelehnt und spricht selbst immer von Genese im Sinne von Veränderung (AW 286f. [262]). Jede Transformation setzt die Destruktion eines Vorherigen und die Entstehung einer ganz neuen Form voraus: „Das Verschwinden einer Positivität und das Aufkommen einer anderen impliziert mehrere Transformationstypen.“ (AW 245 [224]). Das Werden kann also weder im Werk Foucaults noch bei Protagoras teleologisch oder bewusstseinsphilosophisch gedeutet werden. Mit der Radikalisierung der Kategorie des Werdens geht naturgemäß ein starkes historisches Interesse einher. Die Geschichte ist für beide Philosophen die einzige und auch letzte Realität der Dinge.

…

Trotz mancher Differenzen sind die Übereinstimmungen zwischen den Kerngedanken des Protagoras und denjenigen Foucaults hinreichend hervorgetreten, um die Rede von einer zeitgemäßen Wiederholung der antiken Sophistik, von einer Foucaultschen Neosophistik als erwiesen zu betrachten. Es hat sich dabei herausgestellt, dass manche schon längst bekannten Einwände gegen die Sophistik immer noch und auch im Falle Foucaults erhoben werden können. Die Reduktion aller Geltung auf Genesis ist angesichts des historisch-skeptizistischen Ansatzes Foucaults unvermeidlich – sie bedroht allerdings seine eigene Position. Auch wenn man, wie im Werk des Protagoras, die Unerkennbarkeit der Lüge oder, wie im Falle Foucaults, die Unvermeidbarkeit der Fiktion hervorhebt, tritt die jeweilige Position dadurch nicht gestärkt hervor. Indem der Dialog und die Kommunikation immer im Lichte des Konflikts erscheinen, stellt sich vielmehr die Frage, inwiefern eine dialogische Auseinandersetzung mit einer solchen Position überhaupt noch möglich ist: Nichts, was diese Position vertritt, kann Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erheben.

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Einzelkämpfer

Sandra Kaudelka hat einen beeindruckenden Film über Leistungssportler aus der ehemaligen DDR gedreht. Es handelt sich um berührende Portraits von vier ehemaligen Sportlerstars, die bis an die Grenzen ihrer mentalen und körperlichen Leistungsfähigkeit gegangen sind. Möglich war das, da sie – selbst ehemalige Leistungssportlerin – das Vertrauen ihrer vier Protagonisten gewinnen konnte: Marita Koch (Läuferin), Udo Beyer (Kugelstoßer), Brita Baldus (Springerin) und Ines Geipel (Sprinterin).

Eine seltene, auch filmisch absolut empfehlenswerte, Innenansicht, nicht nur für Leute, die mit der Welt des DDR-Leistungssports in Berührung gekommen sind.

Hier:

„Warum ich als schwuler Atheist meine, die Kirche muss gegen die Homo-Ehe sein“

Ein schwuler Atheist erklärt der Kirche, weshalb sie sich dem öffentlichen Begehren nach der gleichgeschlechtlichen Ehe widersetzen muss. An solchen Beispielen wird deutlich, wie weit es die Kirchen mit ihrer Anbetung „soziologischer Wahrheiten“ gebracht hat.

Können diese Christen nicht sehen, dass die moralische Grundlage ihres Glaubens nicht in der Arithmetik der Meinungsforscher gesucht werden darf? Was hat das irische Referendum uns gezeigt? Eine Mehrheit der Menschen in der Republik Irland ist im Jahr 2015 nicht mit der jahrhundertealten Lehre ihrer Kirche einig, dass nämlich sexuelle Beziehungen zwischen zwei Personen des gleichen Geschlechts eine Sünde sind. Fein: Wir können diese Feststellung nicht bezweifeln. Aber kann ein Übergewicht in der öffentlichen Meinung das Verhältnis zwischen Tugend und Laster umkehren? Wäre es Mose für einen Moment in den Sinn genommen (ganz zu schweigen von Gott), dass er sich lieber der Moloch-Verehrung zuwendet, weil es das ist, was die meisten der Israeliten tun wollten?

Hier der empfehlenswerte Beitrag von Matthew Parris: blogs.spectator.co.uk.

VD: LN

Die Verzauberung der Welt

Nachfolgend der Auszug einer Buchbesprechung, die vollständig in Glauben & Denken heute 1/2015 erscheinen wird. Es geht um das Buch:

Die Verzauberung der Welt

NewImageIn seiner Kulturgeschichte des Christentums zeigt Jörg Lauster, wie der Glaube seit der Antike nicht nur die Kirche, sondern auch Kunst, Zusammenleben, Wirtschaften, Regieren und Forschen geprägt hat. Seine tragenden Grundüberzeugungen sind deshalb nicht allein in den Lehren und Traditionen der Kirche, sondern ebenfalls auf Gebieten wie Musik, Kunst, Architektur, Literatur oder Wissenschaft zu finden.

Der Autor, Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Philipps-Universität Marburg, legt bereits in der Einleitung seine Denkvoraussetzungen offen. Er weiß sich den Idealen der liberalen und aufgeklärten Theologie verpflichtet, wie sie von Friedrich Schleiermacher, Ernst Troeltsch, Rudolf Otto oder Adolf von Harnack angewandt wurden. Ihrem Grundanliegen ist seine „Kulturgeschichte des Christentums dankbar verpflichtet, wenn sie seine Kulturformen auf ihre religiöse Bedeutung hin zu lesen versucht“ (S. 15). Das Christentum soll nicht verteidigt, sondern als Ort der eigenen Herkunft gewürdigt werden. Deshalb werden auch die düsteren und irrationalen Erscheinungsformen angesprochen. Das Finstere kann – so der Autor – nur dann vertrieben werden, „wenn eine Religion das Licht der Aufklärung auf ihre eigene Geschichte wirft“ (S. 14). Nach dieser Standortbestimmung führt Lauster die Leser durch zweitausend Jahre Kirchengeschichte.

Er beginnt bei Jesus, skizziert die Entstehung der Urgemeinde und die konstantinische Wende, die das Christentum Ende des 4. Jahrhunderts unter Theodosius die Anerkennung als Staatsreligion einbrachte. Von der Entstehung der Klöster und die Missionierung Europas führt das Buch dann weiter zu Papsttum, Kreuzzügen und Inquisition. Über die scholastischen Wissenschaften und die große Zeit der kirchlichen Architektur gelangt der Autor über die Renaissance weiter zur Reformationszeit. Ausführlicher als diese wird die „Wucht des Barock“ beleuchtet, bis endlich die Zeit der Aufklärung und die damit verbundene Verwandlung des Glaubens begreiflich gemacht werden. Das letzte Kapitel ist treffend mit „Das vervielfältigte Christentum“ überschrieben. Dargestellt sind dort die Prozesse der Konfessionsbildung und der Säkularisierung. Auch katholischer Antimodernismusstreit, Kulturprotestantismus, Atheismus und Naturalismus bekommen ausführlich Raum.

Es liegt auf der Hand, dass in einer Rezension nicht auf alle Teile eines so umfangreichen Werkes eingegangen werden kann. Ich greife somit zwei Themen heraus.

Beginnen will ich mit dem Rätsel der Person Jesu, das Lauster im ersten Kapitel zu lösen versucht. Hier wird ersichtlich, dass der Autor mit seinem Bekenntnis zur aufgeklärten Theologie ernst macht. Zurück greift er vor allem auf Werke von Gerd Theißen und Jens Schröter, in denen er den aktuellen Forschungsstand zum Leben und Wirken Jesu abgebildet sieht (vor allem Theißen/Merz, Der historische Jesus, 2011 u. Schröter, Jesus von Nazaret, 2012). Die Evangelien sind eine frühe Kulturform des Christentums, in der die Göttlichkeit des Menschen Jesus vergegenwärtigt und in Erinnerung gehalten werden soll. „Ihre Verfasser hatten kein Interesse an einer historischen Berichterstattung und an der Wiedergabe von Tatsachen, denn sie sprachen aus einer religiösen Begeisterung und Gewissheit und wollten diesen Enthusiasmus weitergeben. Die Evangelien beschreiben Jesus als Gottessohn, weil sich die Verfasser ganz sicher waren, dass er der Gottessohn ist. Daher griffen sie auf Ausdrucksformen des Mythos zurück und zeichneten Jesus in leuchtenden Farben“ (S. 20-21).

…

Das zweite Thema, das ich herausgreife, ist der Abschnitt über die Erfindung des Romans (S. 435–443). Bernhard Lang hat in seiner Besprechung für die FAZ zurecht vermerkt, dass es sich um ein fulminantes Kapitel handelt (vgl. FAZ, 14.11.2014, S. 10). Nachdem Lauster kurz in die „spektakuläre Kulturhöhe“ der englischen Literatur unter Shakespeares und Marlowes einführt, stellt er die Werke zweier Puritaner vor, die die reformatorische Verehrung des Wortes ernst nahmen. „Es waren die Puritaner, die die Bedeutung des Buches in der Kulturgeschichte des Christentums auf die Spitze trieben: ‚Puritanism was an intrinsically bookish Movement‘, bilanziert ein führender Puritanismus-Forscher“ (S. 436, gemeint ist Neil Keeble). Im 17. Jahrhundert waren es John Bunyan und Daniel Defoe, die mit ihren Hauptwerken die Literatur vom Epos zum Roman hinführten und so diesem literarischen Genre zu einem rasanten Aufstieg verhalfen.

Der baptistische Prediger John Bunyan (1628–1688) veröffentlichte 1678 den Roman The Pilgrim’s Progress. Das Buch wurde noch zu seinen Lebzeiten ein großartiger Erfolg und ist eines der meistgelesenen Bücher überhaupt. Die Pilgerreise ist beides zugleich, „ein Wendepunkt in der Geschichte der modernen Literatur und eines der wirkungsvollsten christlichen Erbauungsbücher der Neuzeit“ (S. 436). Bunyan wandte sich nach einer schweren Glaubenskrise dem Puritanismus zu und schloss sich einer Baptistengemeinde an. Dort wirkte er als Prediger und veröffentlichte kleinere theologische Schriften, in denen er sowohl den episkopalen Anglikanismus als auch das freikirchliche Quäkertum auf der Grundlage seiner reformierten Theologie beanstandete. Er wurde wegen seiner Kirchenkritik für viele Jahre ins Gefängnis gesteckt, wo er schließlich auch die Pilgerreise verfasst hat. Wolfgang Iser, ein bedeutender deutscher Anglist und Literaturwissenschaftler, erklärt den Erfolg des Romans in der Neuzeit damit, „dass die Sinnkonstitution des Textes zu einer unverkennbaren Aktivität des Lesers wird“ (S. 438). Lauster: „Im Detail sah Iser diese Wende durch die besondere Konstellation des Calvinismus vorbereitet. Nach dessen unverbrüchlicher Überzeugung schloss die göttliche Gnadenwahl jede menschliche Mitwirkung an der eigenen Erlösung aus. Anders als der mittelalterliche Ritter kann sich der ‚Puritan Hero‘ nicht durch Taten Verdienste erwerben, sondern der Welt allein durch sein inneres Vertrauen in die göttliche Gnadenwahl trotzen, seine Taten können dann nur Folge dieser Heilsgewissheit sein. Im Roman ergeben sich dadurch zwei Spannungspole. Der Leser hat Anteil an der Allwissenheit des Autors und weiß um die göttliche Gnadenwahl des Pilgers, er steht aber auch im Bann des individuellen Schicksals, der Gefahren und Proben, die der Pilger zu bestehen hat. So wird der Leser innerlich hineingenommen in die stetige Vergewisserung des Heils. Mit den Mitteln des Romans ist die Heilsbotschaft kein abstraktes, überweltliches Diktum, sondern geht in die konkreten Lebenssituationen eines menschlichen Individuums ein“ (S. 438).

Auch Daniel Defoe (1660–1731) entstammt der Strömung der „Abweichler“ und teilte die Überzeugungen des Puritanismus. Sein Roman Robinson Crusoe wurde ein Welterfolg und fesselt noch heute viele Leser. Als er ihn veröffentlichte, war Defoe bereits 59 Jahre alt. „Robinson Crusoe entführt seine Leser in ferne Welten, seine Geschichte ist spannend, sie ist anrührend, und sie ist voller edler Botschaften. Man erfährt aus dem Buch viel über die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte des frühen 18. Jahrhunderts in all ihren globalen Verflechtungen, vor allem aber über die grandios zuversichtliche Haltung zur Welt, die aus der Verbindung von Puritanismus und Aufklärung hervorging“ (S. 439). Defoe entwirft „das Ideal des homo faber“, denn durch „den Einsatz seiner Vernunft kann der Mensch Großes erreichen. Robinsons Taten auf der Insel wiederholen im Zeitraffer die Kulturgeschichte der Menschheit. Vom erfolgreichen Ackerbau über die Viehzucht, die Erziehung des ‚wilden‘ Freitag bis hin zur Ausarbeitung einer Militärstrategie und den Aufbau eines kleinen Gemeinwesens treibt er die Entwicklung auf der Insel voran und zeigt, was dem Menschen an Weltgestaltung möglich ist, wenn er mit Vernunft und Tatkraft zu Werke geht“ (S. 440). Der puritanische Glaube ist allerdings das wichtigste Motiv des Buches: „Zu den Gütern, die Robinson von dem Wrack des Schiffes retten kann, mit dem er vor der Insel kenterte, gehört neben Werkzeugen und Nahrungsmitteln eine Bibel. Er fängt an, täglich morgens und abends darin zu lesen, und die Lektüre zeigt ihre Wirkung: ‚Schon bald nachdem ich mich ernstlich dieser Aufgabe verschrieben hatte, empfand ich tiefste und aufrichtigste Trauer über meinen früheren ruchlosen Lebenswandel.‘ Ihn ergreifen die biblischen Worte, die er über die Vergebung der Sünden liest. Die Bibellektüre ändert seine Lebensrichtung in der scheinbar ausweglosen Lage auf der Insel. ‚Meine Gedanken waren durch beständiges Lesen in der Bibel und das Gebet zu Gott auf höhere Dinge ausgerichtet. Ich empfand auf eine Weise Trost, wie es mir vorher nicht möglich gewesen war.‘ Immer wieder bewährt sich die Bibel in schwierigen Lagen als Quelle des Trostes, die regelmäßige Bibellektüre wird zum Ritus seines Inselchristentums, die Ausrichtung auf die Gebote Gottes zum Ethos. Im Prozess der Bekehrung fängt Robinson an, seine Lage neu zu beurteilen. Sein früheres Leben erscheint ihm als Verfehlung, der Schiffbruch als Strafe und die einsame Insel letztlich als eine Gnade: ‚Hier war ich dem Übel der Welt entzogen und kannte weder Fleischeslust noch Hoffart und ließ mich auch von keinem anderen Reiz verführen. Ich verlangte nichts, denn ich hatte alles, was sich ein Mensch wünschen kann.‘“ (S. 441).

…

Das Buch ist „verzaubernd“ schön gesetzt und enthält 89 Abbildungen, davon 25 in Farbe. Verfasst ist es in einer leichtverständlichen Sprache, so dass die Lektüre nicht nur bildet, sondern Freude macht. Bei der Fülle des verarbeiteten Stoffs rechnet man mit einer höchstgestrafften Darstellung. Lauster überrascht jedoch gelegentlich mit sehr genauen Beobachtungen oder mit Verweisen auf den aktuellen Forschungsstand.

…

Der Leser sollte im Hinterkopf behalten, dass das Buch aus der Perspektive des liberalen Protestantismus geschrieben ist. Weiß man mit den Einseitigkeiten dieser Herangehensweise umzugehen, kann das Werk großes Vergnügen bereiten. Jörg Lausters Kulturgeschichte des Christentums ist ein empfehlenswertes Buch.

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