Versöhnte Widersprüche bei Brian McLaren

Paul Feyerabend hat mit seinem „alles ist möglich“ den Einbruch des postmodernen Denkstils vorangetrieben. Der österreichische Philosoph orientierte sich nicht mehr an Idealen wie Objektivität, Verständlichkeit oder Begründbarkeit, sondern an der Bewegung des Dadaismus. Die Kunstrichtung des Dadaismus steht für den radikalen Zweifel und die konsequente Dekonstruktion realer Ordnungen des Denkens und der Ästhetik. Der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch wurde mit dem Verweis auf eine fundamentalistische Erkenntnistheorie beiseitegeschoben und durch chaotische oder versöhnte Denkstile ausgetauscht.

Mit der Emergenten Bewegung (sowie deren Vor- und Nachläufern) besetzte das Ideal eines „alles ist möglich“ auch Räume der Evangelikalen Bewegung. So vertritt beispielsweise Brian McLaren ein Wahrheitsverständnis, das davon ausgeht, dass zwei Aussagen, die sich hinsichtlich des gleichen Aspektes widersprechen, gleichzeitig wahr sein können. Ein Aussage A und ihre Verneinung nicht-A können zugleich und in gleicher Weise wahr sein. Vereinfacht bedeutet das z. B.: Die Aussagen „Gott lügt nicht“ und „Gott ist ein Lügner“ können beide wahr sein (vgl. Hebr 6,18).

McLarens’ bisher bedeutsamstes Buch trägt denn auch den Untertitel: „Warum ich ein missionaler, evangelikaler, post-protestantischer, liberal/konservativer, mystisch/poetischer, biblischer, charismatisch/kontemplativer, fundamentalistisch/calvinistischer, wiedertäuferisch/anglikanischer, methodistischer, katholischer, grüner, inkarnatorischer, depressiver aber hoffnungsvoller, neu entstehender, unfertiger Christ bin.“ McLaren sieht sich nicht mehr in der Pflicht eines vernünftigen Glaubens. Er bekennt sich dazu, ein „absurdes“ Buch geschrieben zu haben und meint dies durch und durch anerkennend (McLaren, 2006: 31).

Hier mehr zu dem Buch von McLaren: mbstexte126_a.pdf.

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15 Comments
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Hanniel
Hanniel
4 Jahre zuvor

Schon längst die Orthodoxie in den Gemeinden. Was nicht widersprüchlich ist, gilt nicht als chic. Die beliebteste Form der Widersprüchlichkeit: An einem Sonntag erzählt der einer das eine, am nächsten erörtert ein anderer die Gegenposition. Beide finden Anklang, weil beides emotional „angerührt“ hat.

Schandor
Schandor
4 Jahre zuvor

Es ist wichtig, derlei Phänomene zu registrieren und auf sie hinzuweisen. Das Monopol auf die Usurpation christlicher Begriffe samt deren Deutungshoheit hat sich bislang ja nur Rom auf seine Fahnen schreiben dürfen. Wenn heute reißende Wölfe durch die Schafherden streifen, die die Schafe – verdummen, so wird ihnen das Spiel besonders leicht gemacht, indem man sich an der Grundregel orientiert: Wir verrennen uns in tausend Richtungen, die die, die gerade in eine andere laufen, -ismen nennen. Man hätte sich allerdings auch dies ins Gedächtnis rufen sollen: Der Mensch ohne Offenbarung ist gezwungen, sich im Möbiusband seiner eigenen Realitätsprojektionen zu verstricken.… Weiterlesen »

Schandor
Schandor
4 Jahre zuvor

Allerdings existiert ja die Spannung und Dialektik in der Theologie, etwa dass das Wort der Gemeinde immer nur als zwiefaches Wort gesagt werden darf, damit Philippisten und Gnesiolutherander ja nicht vom Pferd fallen. Aber das geht wohl in eine andere Richtung.

Wer aber heute gegen die Emotionalität sündigt, sündigt damit gegen den unheiligen Zeitgeist. Darum: Der Mann schweige in der Gemeinde!

Peter Geerds
Peter Geerds
4 Jahre zuvor

Lieber Hanniel!

Beide finden Anklang, weil beides emotional „angerührt“ hat.

Na, das wäre doch schon mal etwas 😉
Nach meinen begrenzten Beobachtungen wird aber die Widersprüchlichkeit solcher Aussagen oft gar nicht mehr wahrgenommen.

MartinS
MartinS
4 Jahre zuvor

@Hanniel Zu „Schon längst die Orthodoxie in den Gemeinden.“ habe ich eine etwas andere Meinung. Ja, auch ich sehe in verschiedenen Gemeinden immer wieder einen Tanz ums Goldene Kalb der „fragmentarisch/aspektiven Dimension“ in der Theologie. Aber sag mal in einer Gemeinde aus dem Land des real existierenden Pietismus (Süddeutschland) etwas gegen die einen separaten Heilsweg der Nation Israel… Dann ist Schluss mit lustig. 🙂 Nochmal ernsthaft: Mir erscheint Peter Geerds recht zu haben. Die Widersprüchlichkeit wird kaum wahrgenommen. Aber wenn konkret nachgehakt wird, wie man kontradiktorische Widersprüche glauben oder leben soll, kommt meistens nichts konstruktives mehr. Außerdem basiert eine solche… Weiterlesen »

Confessor Reformatus
Confessor Reformatus
4 Jahre zuvor

Zunächst mal bin ich wirklich kein Freund der Emerging.-Church-Bewegung, und schon gar nicht von Brian McLaren.
Ich glaube aber nicht, dass ein christlicher Hang zur Absurdität – oder was die Welt als eine solche betrachtet – ein Phänomen der sog. Postmoderne ist. „Credo quia absurdum est“ ist ein Topos, der schon seit der Spätantike auftaucht. Das Wort vom Kreuz ist der Welt tatsächlich eine Torheit ( 1.Kor 1:18).

Confessor Reformatus
Confessor Reformatus
4 Jahre zuvor

Nein. Das Evangelium ist objektiv – aus Gottes Sicht – sicher nicht absurd. Aber von der weltlichen Vernunft her betrachtet. https://de.wikipedia.org/wiki/Credo,_quia_absurdum_est Das heißt dann im Umkehrschluss eventuell, dass man eben eine „absurde“ Sprache gebrauchen muss, um dies zu kommunizieren; eine Sprache, die an der Oberfläche (scheinbare) Widersprüche enthält.(Scheinbare) Widersprüche tauchen manchmal sogar in einem einzigen Vers bzw. Satz auf, wie beispielsweise „Schaffet, dass ihr selig werdet […], denn Gott ist es, der in euch wirkt Beides, das Wollen und Vollbringen (Phil 2, 12-13) Wir sollen uns ja nicht der weltlichen Vernunft anpassen, oder etwa doch? Haben das die frühen, antiken… Weiterlesen »

Roderich
Roderich
4 Jahre zuvor

@Confessor, da braucht es der Verkündigung des Wortes und des Heiligen Geistes und – zumindest nicht primär – der Vernunft. Ich denke, Verkündigung braucht durchaus „Vernunft“. Der Verkündiger muss zunächst seine eigene Vernunft anwenden, den Text zu verstehen, und sich dann bemühen, ihn so klar auszulegen (mit konkreten Beispielen), dass er auch bei der Vernunft des Zuhörers ankommt. Bei „Verkündigung des Wortes“ muss man die „Sprache des Volkes“ sprechen, man muss den Text verständlich machen – man spricht so, dass es Vernunft/Verstand (und Herz) des Zuhörers auch aufnehmen kann. Wir sollen uns nicht der weltlichen Vernunft anpassen. Was soll die… Weiterlesen »

Der Calvin
4 Jahre zuvor

@Confessor Reformatus „Credo quia absurdum est“ ist ein Topos, der schon seit der Spätantike auftaucht. Ja, und? Sollen wir uns jetzt „der“ (???) „spätantiken Unvernunft“ anpassen? Ist die etwa nicht weltlich? Du weißt sicherlich, dass „Credo quia absurdum est“ nicht „die“ spätantike Sichtweise ist!? Das Wort vom Kreuz ist der Welt tatsächlich eine Torheit (1.Kor 1:18). Nein, Du hast den Vers völlig falsch wiedergegeben. Das steht da nicht!!! Da steht stattdessen: Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit FÜR DIE, DIE verlorengehen; UNS ABER, die wir gerettet werden, ist es eine Gotteskraft (1. Kor. 1,18) Was versteht Du unter… Weiterlesen »

Schandor
Schandor
4 Jahre zuvor

Gerade für die, die verloren gehen, für die ist das Evangelium da, ganz im Gegensatz zu denen, die verlorengehen.

Merkt man den Unterschied noch?

Der Calvin
4 Jahre zuvor

@Confessor Reformatus Nein. Das Evangelium ist objektiv – aus Gottes Sicht – sicher nicht absurd. Aber von der weltlichen Vernunft her betrachtet. Wir halten fest: Das Evangelium ist objektiv „sicher nicht absurd“. Das heißt dann im Umkehrschluss eventuell, dass man eben eine „absurde“ Sprache gebrauchen muss, um dies zu kommunizieren; eine Sprache, die an der Oberfläche (scheinbare) Widersprüche enthält. Nein, eben gerade deswegen nicht (!). Gerade wenn „die“ weltliche Vernunft das Evangelium als absurd ansieht, gerade dann sollten wir „der weltlichen Vernunft“ zeigen, dass das Evangelium eben NICHT (!!!) absurd IST. Das ist doch gerade der Witz! (Scheinbare) Widersprüche tauchen… Weiterlesen »

Alexander
Alexander
4 Jahre zuvor

@Confessor Reformatus
„Haben das die frühen, antiken christlichen Apologeten (Justin, Minucius Felix etc.) getan? Aber die haben philosophisch argumentiert – nicht rein biblisch-theologisch, wegen der heidnischen Rezipienten. Die wollten auch ihr Gegenüber nicht bekehren, sondern nur den Glauben legitimieren.“

Der Dialog „Octavius“ des Minucius Felix endet mit der Bekehrung des heidnischen Gesprächpartners.

Roderich
Roderich
4 Jahre zuvor

@Der Calvin,
gut analysiert – danke!