Christozentrische Auslegung alttestamentlicher Texte

Kürzlich gab es eine hilfreiche TGC-Runde mit Antworten von Tim Keller, Don Carson, und David Murray zur Frage »Wovor würden Sie Prediger warnen, wenn diese Christus im Alten Testament predigen?«

Hier ist die Antwort von Tim Keller:

  1. Komme in der Predigt nicht zu früh auf Christus zu sprechen, so dass du keine Bedeutung und Anwendung des Textes gegenüber den ursprünglichen Hörern entfaltest. Wenn du zu schnell »zu Christus springst«, bedeutet das häufig, dass du Leute begeisterst, aber ihnen keine konkrete Anwendung dafür gibst, wie sie das zu leben haben.
  2. Komme in der Predigt nicht zu spät auf Christus zu sprechen, so dass es mehr wie ein erbaulicher Anhang wirkt. Wenn du zu lange damit wartest, auf Christus zu weisen, werden die Zuhörer nicht sehen, wie entscheidend Jesus ist, wenn sie den Text beachten oder befolgen.
  3. Komme nicht künstlich auf Christus zu sprechen. Das ist natürlich ein großes Thema. Aber ich glaube, zwei der besten Wege sind, (a) in deinem Text eines der vielen inner-kanonischen Themen zu indendifizieren, welches seinen Höhepunkt in Christus hat (in Don Carsons Sprache), und (b), in deinem Text etwas vom »gefallenen Zustand Brennpunkt«, einen Mangel in der Menschheit, den nur Christus ausfüllen kann, zu entdecken (in Bryan Chapells Sprache).

201105120523.jpgZum Thema »Christus im Alten Testament« gibt es ein hilfreiches kleines Buch von Thomas Schirrmacher:

  • Thomas Schirrmacher: Christus im Alten Testament, Hamburg: Reformatorischer Verlag, 2001, 84 S.


VD: JT

Kommentare

  1. Eine derart technologische Homiletik ist, mit Verlaub, einfach nur lächerlich. Die Liebe Gottes, die von Anfang an keine andere war, als sie es am Ende sein wird, sorgt doch dafür, dass immer von Christus die Rede ist, selbst dann, wenn nicht explizit von ihm die Rede ist. Wichtig ist, dass der Prediger/die Predigerin das für sich begriffen hat. Das muss man dann aber nicht wie einen Banner vor sich her schleppen. Wann man wie auf Christus zu sprechen kommen soll – schon die Fragestellung zeigt ein völlig mechanistische Missverständnis davon, was eine Predigt sein soll. Entweder ich bezeuge den Lebendigen, oder ich tue es nicht. Christus! Christus! rufen reicht nicht, und eine Predigt, die dauernd Christus im Munde fürht, ist deswegen noch lange nicht christlich, wie umgekehrt eine Predigt, in der er nicht genannt wird, noch lange nicht unchristlich ist. Und eine Predigt, die sozusagen strategisch auf Wirkung aus ist, ist im Ansatz falsch, weil sie eine Propagandarede ist, aber keine Zeugenaussage. Christus sozuagen in Defiziten oder Überschüssen zu finden des Menschen zu finden – das ist erbärmlich. Notfall- Homiletik. Das ist genau ist das, was viele evangelistsiche Predigten so abgeschmackt macht: man merkt die Absicht und ist verstimmt. Und das genau ist es, was viele „liberale“ Predigten so lau macht: Man weiß nicht, wovon die Rede ist. Das Neue Testamten ist die Auslegung des Alten Testamentes, das ist die hermeuntische Richtung – und nicht umgekehrt ( DAs Atle Testament ist die Interpreation des Neuen – das ist okkupatorische Art der sog. Christologischen Lektüre im Schema Verheißung- und Erfüllung, die gar nicht christologisch, sondern ideologisch ist.

  2. OH, ich habe aus Versehen den unkorrigierten Text abgeschickt.
    Hier noch mal zum Lesen:

    Eine derart technologische Homiletik ist, mit Verlaub, einfach nur lächerlich. Die Liebe Gottes, die von Anfang an keine andere war, als sie es am Ende sein wird, sorgt doch dafür, dass immer von Christus die Rede ist, selbst dann, wenn nicht explizit von ihm die Rede ist.
    Wichtig ist, dass der Prediger/die Predigerin das für sich begriffen hat. Das muss man dann aber nicht wie einen Banner vor sich her schleppen.
    Wann man wie auf Christus zu sprechen kommen soll – schon die Fragestellung zeigt ein völlig mechanistische Missverständnis davon, was eine Predigt sein soll. Entweder ich bezeuge den Lebendigen, oder ich tue es nicht. Christus! Christus! rufen reicht nicht, und eine Predigt, die dauernd Christus im Munde führt, ist deswegen noch lange nicht christlich, wie umgekehrt eine Predigt, in der er nicht genannt wird, noch lange nicht unchristlich ist.
    Und eine Predigt, die sozusagen strategisch auf Wirkung aus ist, ist im Ansatz falsch, weil sie eine Propagandarede ist, aber keine Zeugenaussage. Christus sozuagen in Defiziten oder Überschüssen des Menschen zu finden – das ist erbärmlich. Notfall- Homiletik.
    Das ist genau das, was viele evangelistische Predigten so abgeschmackt macht: man merkt die Absicht und ist verstimmt.
    Und das genau ist es, was viele “liberale” Predigten so lau macht: Man weiß nicht, wovon die Rede ist.
    Das Neue Testamtent ist die Auslegung des Alten Testamentes, das ist die hermeuntische Richtung – und nicht umgekehrt, siehe Emmausjünger ( Das Alte Testament sie die Interpreation des Neuen – das ist die okkupatorische Art der sog. „christologischen Lektüre“ im Schema Verheißung- und Erfüllung, die gar nicht christologisch, sondern ideologisch ist. Da wird das AT funktionalisiert.

  3. Alexander meint:

    Interessant, Herr Kupski. Sie sprechen, durchaus richtig, davon, dass das NT das AT auslegt, mit Bezug auf Lk 24, diffamieren aber dann die ‚christologische Lektüre‘ des AT als „ideologisch“ – obwohl doch Jesus in Lk 24 genau zur christologischen Lektüre des AT auffordert! Erst gegenüber den Emmausjüngern V. 27: „Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.“ Dann vor den Jüngern in Jerusalem V. 44: „Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen.“ Jesus selbst spricht also hier von dem Schema Verheißung-Erfüllung (letzteres sogar wörtlich!). Mit dieser Methode V. 45 „öffnete er ihnen das Verständnis, sodass sie die Schrift verstanden“. Das AT interpretiert sicher nicht das NT (ich hab auch noch niemanden gehört, der das behauptet), aber ohne das richtige, nämlich christologische Verständnis des AT versteht man auch das NT nicht (oder nicht genügend). Das zumindest behauptet Jesus in Lk 24 (und ich zumindest scheue mich, an dieser Stelle schlauer sein zu wollen als Jesus). Ron hat kürzlich hier das wunderbare kleine Buch von Vaughan Roberts, Gottes Plan – kein Zufall, beworben. Vielleicht besorgen Sie sich das mal.

  4. Ich diffamiere nicht die christologische Lektüre als ideologisch, sondern eine bestimmte Art und Weise ihrer Darstellung, wenn man so will: christologische Allegorese. Sie übersieht den historischen Abstand. Den Propheten war ja nicht bewußt wovon sie reden, und viele Stellen des AT erschließen sich eben erst „von hinten“ her, sie erschließen sich nicht von selbst. DAs ist es, was mich an einer bestimmten Sorte christologischer Auslegung störrt: sie raubt dem Thenach seinen Eigenwert, so als wäre er ohne Christus defizitär. Es ist aber doch so, dass durch Christus nicht das Defizit, sondern das Überschwängliche, das „Darüber hinaus“ zum Vorschein kommt. Eine schwierige Materie. Mein Einwand richtete sich gegen dien rhetorisch-mechanischen Predigtansatz, der dann tatsächlich in der Gefahr steht, auch die Christologie sozusagen mechansich, wie eine Allegorese, zu handhaben. Und das wir dem Reichtum des Zeugnisses nicht gerecht.

  5. Schandor meint:

    Und das alles kann man aus dem Beitrag herauslesen?

    Ich hab das so verstanden: Tim Keller wird gefragt, wovor *er* (und nicht irgend ein anderer) Prediger warnen würde, Christus im AT zu predigen?

    Und Tim Keller antwortet in typisch amerikanisch-einfacher-verkürzter Form, nicht mehr und nicht weniger. Es ist ja wohl kein Geheimnis, dass der Deutsche seit jeher tiefer gedacht hat als der Ami (schon allein die Theologien lassen das erkennen). Der Ami entwächst einer zutiefst pragmatisch geprägten Kultur, und deren Spuren lassen sich nicht einfach verwischen, „nur“ weil einer Christ ist. Und der Deutsche hat immerhin den Idealismus mit all seiner Metaphysik im Hintergrund, kommt davon her. Das sind seine gedanklichen Voraussetzung, so denke ich.

    Und wenn ich R. K. Entrüstung zwar nicht so ganz nachvollziehen kann — seinen Gedankengang glaube ich da schon nachvollziehen zu können: Der Ami macht ein extrem verkürztes Programm, und weil wir im deutschsprachigen Raum ja ohnehin nicht so gut sind wie die Amis und weil die Amis immer die Gescheiteren sind, deswegen müssen wir uns ihrem konzisen Duktus beugen. Man hört in seiner Kritik eben heraus, dass er auch stark von deutscher Theologie in sich eingetrunken haben muss, und die nimmt die Dinge eben nicht so extrem verkürzt wie die Amerikaner. Man vergleiche doch nur einmal die deutsche Dogmatik eines Thielicke oder Iwand mit den Systematischen Theologien der Amis. Letztere sind keine philosophischen Denkwerke, sondern eher sowas wie „Anleitungen“, „Manuals“. Der Ami denkt eben so. Er hat keine Antenne für das Komplex-Komplizierte (immer von Ausnahmen abgesehen).

    Die Kritik scheint sich m. E. weniger auf das zu richten, was Tim Keller sagt (es dürfte nicht einfach sein, seine Aussagen — so grob und verkürzt sie auch sein mögen — einfach zu bestreiten), sondern eben gegen die Vereinfachung. Oder täusche ich mich da?

    „Das AT interpretiert sicher nicht das NT (ich hab auch noch niemanden gehört, der das behauptet), aber ohne das richtige, nämlich christologische Verständnis des AT versteht man auch das NT nicht (oder nicht genügend).“

    Ja, das hab ich so auch noch nicht gehört, mit Ausnahme einmal bei der dispensationalistischen Eschatologie — die nämlich lebt davon, dass das AT das NT erklärt. Die Aussage dagegen, derzufolge „das richtige, nämlich christologische Verständnis des AT“ als Grundlage zum Verständnis des NT dienen muss, verstehe ich meinerseits nicht und bitte um ein paar weitere erläuternde Zeilen.

    lg

    Schandor

  6. Ja, in der Tat, ich habe das wohl ein wenig zu grundsätzlich gelesen. Aber das ist ja das Schöne an so einem Forum: die Gedanken schärfen sich im Austausch. Dankeschön!

  7. Jörg meint:

    Falls Schirrmachers Büchlein eine Wiederholung der Ausführungen aus seiner Ethik (kommt ja nicht selten vor bei ihm ;o)) zum Thema Engel des Herrn ist, ist es in der Tat als Aufbereitung des Befundes hilfreich. Allerdings ist aus der „Gottheit“ des Engels des Herrn und dessen gleichzeitiger Unterscheidung vom Herrn in keiner Weise eine Identifikation mit Jesus folgerbar, vielmehr liegt hierbei ein logischer Sprung vor, motiviert durch die Dogmatik und erleichtert durch das Über-„Springen“ der historischen Fragestellung, die für ein sachgemäßes Verstehen als Grundlage sachgemäßer dogmatischer Schlussfolgerungen aber notwendig zu klären wäre.

    Im Alten Vorderen Orient diente der Bote als gleichwertiger (!) funktionaler Ersatz des Sendenden, dh im Boten war der Sender gegenwärtig (vergleichbar vielleicht heute ein Telefonat oder eine Skypeverbindung, bei der das Gegenüber zwar auch nicht leibhaftig gegenwärtig ist, aber von uns so wahrgenommen wird).

    Dass der Bote (= Engel) des Herrn als Herr/Gott (Funktion) und bisweilen als von diesem verschieden (Ontologische Ebene, die aufgrund ihrer Offensichtlichkeit und ihres Status als kommunikative Präsupposition nur selten expliziert wurde) beschrieben wird, wäre vor diesem historischen Hintergrund im Rahmen der Ursprungskultur der Texte völlig unauffällig, sodass dann insbesondere der Schluss auf ein besonderes Wesen (ontologische Ebene) dieses Engels/Botens unzulässig wäre, was aber die notwendige Bedingung für eine Identifikation mit Jesus darstellt.

    Das Problem der fehlenden hinreichenden Bedingung bleibt davon unberührt.

  8. Schandor meint:

    und das tertium comparationis wäre?

  9. Jörg meint:

    @schandor: Kannst du deine Rückfrage nochmal konkreter und ohne Fachbegriff wiederholen? Ich versteh sie nicht.

  10. Schandor meint:

    @Jörg

    Dann *hast* Du sie möglicherweise doch verstanden. Ich bin es ja nicht, der versteht: Ich verstehe den Zusammenhang Deines Kommentars mit der Storyline nicht, sorry 🙁

  11. Jörg meint:

    Es ging um eine kritische Würdigung der von Ron angegebenen Literatur: Was gut ist, und was – aus meiner Sicht – problematisch ist.

  12. Alexander meint:

    @Schandor
    „Grundlage“, wie Du schreibst, ist vielleicht überspitzt. Es ist ja eine wechselseitige Erhellung. Das NT erklärt das AT christologisch, das christologisch gelesene AT erklärt das NT. Das ist ein Gesamtpaket, das sich nicht recht auflösen löst. Nochmal anders ausgedrückt: Das christologisch gelesene AT wirkt in das rechte Verständnis des NT hinein. Ein Beispiel: Wenn Jesus in Mk 1,15 sagt: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen“, dann fasst er damit die gesamte Botschaft des AT zusammen. Das versteht man aber erst, wenn man die Botschaft des AT (und zwar des gesamten AT) als „auf Christus ausgerichtet“ erkannt hat. Etwas klarer geworden, was ich meinte?

  13. Schandor meint:

    @Alexander

    Ja, ist es! Die „wechselseitige Erhellung“ ist es, was mir gefällt. Mir gällt dazu H. G. Gadamer ein: „Denn es ist das Ganze der Heiligen Schrift, das das Verständnis des Einzelnen leitet [richtig: „was das …“] — so wie umgekehrt dieses Ganze nur aus dem durchgeführten Verständnis des Einzelnen erworben wird“ (Wahrheit u. Methode).

    Lieben Gruß
    Schandor

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