Nicht ohne das Alte Testament?

Wie viel Altes Testament braucht die christliche Kirche? Notger Slenczka hatte nicht weniger als die Streichung des Alten Testaments aus dem christlichen Kanon gefordert. Sein Argument: Man müsse anerkennen, dass mit der Hebräischen Bibel das Volk Israel angesprochen werde – und nicht die Christenheit.  Der Berliner Theologe Rolf Schilder zitiert Positionen seines Kollegen Notger Slenczka wie folgt:

Ihm gehe es darum, der Vereinnahmung des Alten Testamentes zu wehren. Die Verheißungen und die Gebote des Alten Testamentes gelten nun einmal ausschließlich Israel und nicht der Kirche. Dass sich Christen sozusagen in diesen exklusiven Bund hinein mogeln wollen, sei, ich zitiere ihn, eine Unverfrorenheit. Und ein weiteres Zitat: wenn Christen sagen, sorry Leute, durch Jesus Christus gehört das halbe Wohnzimmer hier uns und das richten wir jetzt neu ein, dann sei das eben eine Respektlosigkeit gegenüber dem Judentum und inakzeptabel.

Traurig!

Der Beitrag des DLF berichtet erfreulicherweise auch darüber, dass sich schon bei Schleiermacher eine starke Abneigung gegenüber dem Alten Testament manifestiert hat. Übrigens zeigt Klaus Beckmann in seinem Buch Die fremde Wurzel auf, wie stark der Impuls, der von Schleiermacher ausging, die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts insgesamt geprägt hat.

Hier der DLF-Beitrag:

 

Die fremde Wurzel von Klaus Beckmann

Preis: EUR 67,00

4 gebraucht & neu erhältlich ab EUR 29,98

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Ja mei, er hat halt einen Betroffenheitsvorsprung ganz besonderer Art, wenn es typisch deutsch darum geht, seine Kompensationswut in Sachen „Wir-Deutschen-sind-ein-Tätervolk“ abzureagieren. Das verflüchtigt sich dann schon auch mal in die Theologie.

    Aber zugegeben: Derlei Äußerungen sind respektlos gegenüber dem Deutschen und daher inakzeptabel.

  2. Roderich meint:

    Um es genauer zu formulieren:
    Der Beitrag des DLF berichtet erfreulicherweise auch darüber, dass sich unerfreulicherweise schon bei Schleiermacher eine starke Abneigung gegenüber dem Alten Testament manifestiert hat.

    Moderner Marcionismus.
    Schleiermacher dürfte das übrigens von Kant haben, mit dessen Philosophie er großgeworden ist, und unter dessen Einfluss er das traditionelle Verständnis des Christlichen Glaubens über Bord geworfen hat.

  3. Ich habe mir das angehört. Zum Teil ist ja sogar meine Argumentation zu erkennen. Also bin ich nicht alleine mit meiner Meinung zum AT.
    Jemand der Respektlosigkeit gegenüber der jüdischen Religion zu zeihen ist natürlich falsch.
    Solange das AT nicht zur Einschränkung der Freiheit von Andersgläubigen verwendet wird hat es seine Berechtigung.
    Man kann ja vieles über Menschen daraus lernen. Gutes und Schlechtes.

  4. Der Heilsplan Gottes zieht sich wie ein roter Faden durch AT und NT und wird immer mehr entfaltet – es fängt mit den ersten Stellvertreteropfern bei Adam und Eva an (die Felle, damit die Menschen nach dem Sündenfall Gott wieder gegenübertreten können), geht weiter über die Opfervorschriften, den geschlachteten Lämmern in Ägypten bis hin zu Stellvertretertot Jesu am Kreuz.
    Erste Abschattungen auf das Kommende sehen wir bei Melchisedek (er brachte Brot und Wein), und selbst David ist in diversen Begebenheiten eine Vorwegnahme des Kommenden.
    Der Hebräerbrief ist ohne AT kaum verstehbar, die Lasterkataloge des NT (die teilweise sogenannten „Totsünden“) sind weitgehend deckungsgleich mit den todeswürdigen Vergehen des AT, …, es gibt zig Parallelen. Man kann entweder sagen, dass das AT das Bilderbuch der Bibel ist, oder bei der Auslegung berücksichtigen, dass die Juden Gottes Volk auf Erden sind, und die christliche Gemeinde ist Gottes Volk für den Himmel.
    Die Wundertaten des Messias, die ihn als solchen ausweisen und legitimieren (Blinde weden sehen, Lahme werden gehen …) sind anhand der rabbinischen Forschungen in den alten Schriften bekannt gewesen. Erst mit diesem Wissen im Hinterkopf erschließen sich die ersten Kapitel bei Lukas vollständig, insbesondere die Beziehung der Schriftgelehrten zu Jesus.
    Die eherne Schlange bei der Wüstenwanderung ist eine Abschattung des Kreuzes usw. usf.
    Man könnte noch diverse Argumente aufzählen, warum das AT für uns unentbehrlich ist und manchmal der Schlüssel für Verständnisfragen beim NT ist. Aber zumindest ist es das Fundament dessen, was im NT behandelt wird. Ohne Sündenfall bei Adam und Eva ist die Notwendigkeit des Kreuzestotes / des Stellvertreteropfers nicht erklärbar.
    Kurzum: einem „Theologen“, der das AT für (im besten Fall) entbehrlich hält, würde ich nicht trauen. Mein Vorredner sagt, man kann aus dem AT vieles über Menschen lernen, ok, aber für wichtiger halte ich, was ich über die Beziehung Gottes zu den Menschen (und umgekehrt) und über mich lernen kann (z.B. die Feststellung Gottes nach der Sintflut: der Mensch ist böse von Jugend an).
    Ohne AT droht die, heute leider übliche, Beliebigkeit oder „Gleich Gültigkeit“.

  5. rolf eicken meint:

    Ich war vor einiger Zeit in Jerusalem und habe dr. ein Mitglied der UNI die Ausgrabungen um den Salomonischen Tempel besichtigen können.
    Prof. Finkelstein von der UNI Tel Aviv schreibt in seinem Buch über das AT aufgrund seiner archäologischen Tätigkeiten – „Keine Posaunen vor Jericho“:
    „Offensichtlich haben sich viele Ereignisse der bibl. Erzählungen nicht in der beschriebenen Zeit oder Weise zugetragen. Einige der berühmtesten Ereignisse haben n i e stattgefunden.“ Das verunsichert mich natürlich. Auf der anderen Seite ist Prof. Finkelstein in Israel eine Kapazität ersten Ranges. Das Buch wurde übrigens von mehreren Kapazitäten verfaßt, gibt also nicht nur die Meinung von F. wieder.
    Da heute Silvester ist und ich diesem Blog viele, hoch interessante Anregungen verdanke, möchte ich mich ganz herzlich bei allen bedanken, die diesen Blog zu dem machen, was er ist und allen ein gesegnetes und hoffentlich friedliches Neues Jahr wünschen.

Ihre Meinung ist uns wichtig

*