Calvin: Die Fäulnis des Fleisches in den guten Werken

Johannes Calvin über die gute Werke der wiedergeborenen Christen (Institutio, 1559, III,14,9):

Wir bekennen: Wenn uns Gott durch das Eintreten der Gerechtigkeit Christi für uns mit sich versöhnt, uns aus lauter Gnaden die Vergebung der Sünden schenkt und uns so als gerecht ansieht, dann ist mit solcher Barmherzigkeit zugleich die Wohltat verbunden, daß er durch seinen Heiligen Geist in uns wohnt. Durch die Kraft dieses Geistes wird alle Begehrlichkeit unseres Fleisches von Tag zu Tag mehr ertötet, wir aber werden geheiligt, das heißt: Wir werden dem Herrn zu wahrhaftiger Reinheit des Lebens geweiht, und zwar dadurch, daß unser Herz so gestaltet wird, daß es dem Gesetz Gehorsam leistet. Unser Wille soll also darin sein vornehmstes Ziel haben, seinem Willen zu dienen und seinen Ruhm auf alle Weise zu fördern. Allein, selbst wenn wir unter der Leitung des Heiligen Geistes auf den Wegen des Herrn wandeln, bleiben noch immer Reste von Unvollkommenheit an uns, die uns allen Grund zur Demut geben, damit wir uns nicht selbst vergessen und unser Herz aufblähen! „Es gibt keinen Gerechten“, sagt die Schrift, „der Gutes täte und nicht sündigte!“ (1. Kön. 8,46; nicht genau). Was für eine Gerechtigkeit wollen die Gläubigen also noch aus ihren Werken erlangen? Zunächst behaupte ich: Auch das Beste, das sie Vorbringen können, ist noch immer von der Unreinigkeit des Fleisches benetzt und verderbt und es ist gewissermaßen stets mit irgendwelchem Bodensatz untermischt. Ein heiliger Knecht Gottes, sage ich, soll einmal aus seinem ganzen Leben das auswählen, was nach seiner Meinung die hervorragendste Tat seines Lebenslaufs gewesen ist, er soll alle Einzelheiten genau überdenken. Er wird dann ohne allen Zweifel an irgendeiner Stelle etwas vorfinden, das die Fäulnis des Fleisches empfinden läßt. Denn unsere Freudigkeit, Gutes zu tun, ist nie, wie sie sein sollte, sondern unser Lauf ist gehemmt, und daran offenbart sich viel Gebrechlichkeit! So sehen wir, daß die Makel, mit denen die Werke der Heiligen befleckt sind, nicht verborgen sind. Aber nehmen wir trotzdem an, diese Flecken seien ganz, ganz klein – werden sie darum auch Gottes Augen keinen Anstoß geben, vor denen doch nicht einmal die Sterne rein sind? (Hiob 25,5). Wir kommen also zu dem Ergebnis, daß von den Heiligen nicht ein einziges Werk ausgeht, das nicht, an sich selbst betrachtet, als gerechten Lohn die Schmach verdiente!

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Das Thema, wie man wirklich gute Werke tun kann, kann in seiner Bedeutung nicht unterschätzt werden. Denn das hat dann auch Konsequenzen für die Erlösungslehre. Man kann ja immer wieder hören: Ich freue mich über meine Rettung („Gnade der Sündenvergebung“) und jetzt bedanke ich mich dafür bei Gott mit guten Werken. Wenn es aber nicht das Problem ist, dass Gott keine Sünden vergeben kann, sondern wenn es das Problem ist, dass ich gar keine guten Werke tun kann, weil die Quelle verunreinigt ist. Dann muss das auch in der Erlösungslehre im Zentrum stehen. Auch auf die Gefahr hin, manche zu nerven: Man kann der klassischen Sühnetodlehre leicht ein zu positives Menschendbild attestieren, denn als zentrales Erlösungsergebnis stellt sie die Vergebung von Schuld aus Tatsünden in den Mittelpunkt. Im _Focus_ der klassischen Erlösungslehre steht, wie aus den vorläufigen Vergebungsflicken des AT auf meinem alten, porösen Schlauch, dauerhafte Vergebungsflicken werden. Wenn aber der alte Schlauch das Problem ist, dann muss auch im… Weiterlesen »

Markus Jesgarz

Dies ist ein Kommentar zu der Aussage am Ende: Wir kommen also zu dem Ergebnis, daß von den Heiligen nicht ein einziges Werk ausgeht, das nicht, an sich selbst betrachtet, als gerechten Lohn die Schmach verdiente! Meine Meinung ist:  1. Herr Johannes Calvin betonte die beeinträchtigenden Auswirkungen der Verderbtheit des Menschen. Im Buch: Baker Encyclopedia of Christian Apologetics (Baker Enzyklopädie der christlichen Apologetik) https://www.difa3iat.com/wp-content/uploads/2014/05/Baker-Encyclopedia-Of-Christian-Apologetics.pdf von Norman L. Geisler steht unter „Calvin, John“ ab der Seite 205 von 1503 ab dem letzten Absatz: Die beeinträchtigenden Auswirkungen der Verderbtheit. Calvin hat schnell darauf hingewiesen, dass die Verderbtheit diese natürliche Offenbarung Gottes verdunkelt. Calvin schrieb: „Ihre Vorstellung von seiner [Gottes] Natur ist nicht klar, wenn Sie ihn nicht als Ursprung und Grundlage allen Guten anerkennen. Würde also sowohl das Vertrauen in ihn als auch der Wunsch, sich an ihn zu binden, entstehen, führte die Verderbtheit des menschlichen Geistes nicht dazu, dass er vom richtigen Ablauf der Untersuchung abwich“ (Institute (Institutio), 1.11.2). Die Rolle… Weiterlesen »