Bibelwissenschaft

F. Avemarie: Neues Testament und frührabbinisches Judentum

Nachfolgend ein Auszug aus einer Rezension, die vollständig in der Zeitschrift Glauben & Denken heute erscheinen wird. Besprochen wird folgendes Buch:

41uWWgG3oxL SY445Im Oktober 2012 wurde Friedrich Avemarie unerwartet im Alter von nur 51 Jahren aus dem Leben gerissen. Die Nachricht von seinem Tod traf die Fachwelt wie ein Schlag. Wer immer sich für das Studium der rabbinischen Literatur oder der „Neuen Paulusperspektive“ interessierte, kam an den Beiträgen des Neutestamentlers und Judaisten nicht vorbei. Avemarie wurde 1994 in Tübingen unter Martin Hengel mit der Untersuchung „Tora und Leben“ (Tora und Leben: Untersuchungen zur Heilsbedeutung der Tora in der frühen rabbinischen Literatur, TSAJ 55, Tübingen, 1996) promoviert. Zwei Jahre nach seiner erfolgreichen Habilitation über die „Tauferzählungen“ in der Apostelgeschichte ging er 2002 an die Universität Marburg und lehrte dort für zehn Jahre. Er verknüpfte großes Interesse für die Auslegung neutestamentlicher Texte mit hervorragenden Kenntnissen der rabbinischen Literatur und leistete in seinem kurzen Leben materialreiche und maßgebende Forschungsbeiträge zum frühen rabbinischen Judentum.

Dankbarerweise haben Jörg Frey und Angela Standhartinger unter Mithilfe von Beate Herbst, der Ehefrau Avemaries, einen stattlichen Aufsatzband in der WUNT-Reihe des Mohr Siebeck Verlags publiziert. Neues Testament und frührabbinisches Judentum versammelt Beiträge zur rabbinischen Martyriumsliteratur, zur Soteriologie, zu Jesu Gleichnissen, zum historischen Hintergrund der Apostelgeschichte, zur Anthropologie, zur Israelfrage und zur paulinischen Rechtfertigungslehre.

Der Züricher Neutestamentler Jörg Frey würdigt einführend das wissenschaftliche Vermächtnis Friedrich Avemaries (S. XII – XXXIII) und führt in die Aufsatzsammlung ein. Da ich die Beiträge nicht einzeln vorstellen kann, knüpfe ich an Freys’ Ausführungen an und stelle dabei Avemaries Untersuchungen zur rabbinischen Soteriologie heraus.

Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts etablierte sich insbesondere in der angelsächsischen Paulusforschung die „New Perspective on Paul“ (NPP). Da Martin Hengel gute Kontakte zu James D. G. Dunn in Durham, einem der Väter der NPP, unterhielt, wurden in Tübingen viele Fragen rund um das neu aufkommende Paulusbild diskutiert. Avemarie greift insbesondere in seiner Dissertation die Fragestellung auf, inwiefern das Heil im frühen Judentum mit der Einhaltung der Thora verbunden war. Gelehrte wie Ferdinand Weber oder Paul Billerbeck zeichneten das Bild eines Judentums, indem der Einhaltung des Gesetzes quasi eine heilbringende Funktion zukam. Die NPP wehrte sich gegen die Darbietung einer jüdischen „Leistungsreligion“. Insbesondere E. P. Sanders sah weniger einen Gegensatz als eine Entsprechung zwischen den Rabbinen und der paulinischen Religionsstruktur. „Auf beiden Seiten identifizierte Sanders eine Struktur, der zufolge der Eingang in das Heil durch Erwählung begründet ist und der Verbleib im Heil ein bestimmtes Verhalten, d. h. ‚Werke‘, voraussetzt. Die Erwählung ist somit grundlegender als die Werke, außerdem sei die Gebotserfüllung im antiken Judentum nicht perfektionistisch verstanden worden, sondern vielmehr seien für jedes Vergehen auch Sühne und Vergebung möglich. So erscheint das gesamte Judentum zwischen Ben Sira und der Mischna ebenso wie das paulinische Denken als ‚Religion der Gnade‘“ (S. XVI).

Wenn also die Gnadenlehre des Paulus der des rabbinischen Judentums sehr weitgehend entspricht, muss zurückgefragt werden, weshalb Paulus das Judentum so scharf kritisiert hat. „Warum wendet sich Paulus so gegen die ‚Werke des Gesetzes‘, wenn diese für das Heil ohnehin nie konstitutiv waren?“ (S. XVI). Sollten die Gesetzeswerke wie Beschneidung oder Reinheits- und Speisegebote nur als Abgrenzungsbestimmungen (engl. ‚boundery markers‘) verstanden werden? Kritisierte Paulus vornehmlich das nationalistische Erwählungsbewusstsein der Juden, das Menschen aus anderen Völkern weiterhin vom Heil ausschloss? Oder hatte Paulus das Judentum schlichtweg missverstanden?

Im Horizont solcher Probleme erforschte Avemarie die Soteriologie der frühen Rabbinen. Seine Monographie „ist methodologisch und sachlich eine der bedeutendsten Arbeiten, die in deutscher Sprache zum antiken Judentum geschrieben wurden“ (S. XVII). Anders als Sanders bricht er Einzelaussagen nicht aus ihrem literarischen Kontext heraus, sondern nimmt sie in ihrem Umfeld wahr, auch dann, wenn sich Einzelaussagen nicht harmonisieren lassen. So gelang Avemarie der Nachweis, dass es im frühen Judentum keine verbindliche Soteriologie gab, sondern bei den Rabbinen unterschiedliche und sogar sich widersprechende Vorstellungen über Erwählung, Gesetz, Bund oder Gnade zu finden sind. „Neben der Forderung, alle Gebote zu halten, steht die realistische Einschätzung, dass die Israeliten dies eben nicht praktizierten und ständig der Sühne bedürften. Und sogleich besteht die Überzeugung unhinterfragt, dass jeder Mensch die Gebote Gottes erfüllen kann“ (XVIII).

Frey schreibt:

„In einem zusammenfassenden Aufsatz zur ‚optionalen Struktur der rabbinischen Soteriologie‘ hat Friedrich Avemarie die Erträge seiner Dissertation selbst knapp resümiert: Was entscheidet für die Rabbinen über das Leben, die Zugehörigkeit zur kommenden Welt? Weder das ,Vergeltungsprinzip‘ dass die Werke eines Menschen über sein Heil entscheiden (so Weber und Billerbeck), noch das ,Erwählungsprinzip‘ dass allein die Zugehörigkeit zum erwählten Volk entscheide (so Moore und Sanders), lässt sich verabsolutieren. ‚Beide Denkmuster lassen sich in der rabbinischen Literatur reichlich belegen‘, die Überordnung der einen These über die andere ist unangemessen. Den theologischen Systematisierungsversuchen entgegen steht die große Fähigkeit der Rabbinen, divergente, ja widersprechende Ansichten im Diskurs zu integrieren und gleichsam ,aspektiv‘ einander zuzuordnen. Nicht eine Position ist allein ,richtig‘, andererseits ist auch nicht alles ,gleich gültig‘ oder beliebig, sondern innerhalb bestimmter Grenzen kann beides gesagt werden. So kann der Heilsverlust von Israeliten (durch Sünde) ebenso ausgesagt werden wie der Heilsgewinn von Heiden (durch Erwählung) – was weder dem Modell von Weber und Billerbeck noch dem von Moore und Sanders entspricht“ (S. XIX).

Die Untersuchung bestätigt damit einerseits die Einsicht der NPP, dass der Apostel Paulus sehr grundlegend vom Denken seiner jüdischen Herkunft geprägt war. Zugleich ist die Annahme eines normativen palästinensischen Judentums vor oder nach dem Jahr 70 unhaltbar. Paulus stand keinem monolithischen Judentum, sondern unterschiedlichen jüdischen Traditionen gegenüber (vgl. S. XX). Noch einmal Frey:

„Die vereinfachende Sicht des zeitgenössischen Judentums unter dem Begriff ,Common Judaism‘ (Sanders), die im Grunde das ältere Modell eines normativen Judentums unter anderen Vorzeichen fortsetzt, erfasst schon die Diversität der rabbinischen Aussagen nicht hinreichend, und noch viel weniger die tiefgreifenden Differenzen zwischen den Religionsparteien zur Zeit des Zweiten Tempels, zwischen Sadduzäern und Pharisäern oder gar zwischen diesen und der sich selbst exklusiv im ,Bund‘ Gottes verstehenden Qumrangemeinde. Nur im Prisma einer simplifizierenden Religionsstruktur kann als gleichartig erscheinen, was im Detail zutiefst strittig ist. Dass die Charakterisierung auch des rabbinischen Judentums unter der einseitigen Priorisierung der Erwählung bzw. der Gnade (wie z. B. bei Sanders) so nicht zutrifft und daneben das Vergeltungsparadigma und der Gedanke von Verdienst und Lohn durchaus Vorkommen, hat Friedrich Avemarie deutlich gezeigt. Paulus trifft also, wenn er solches an einigen seiner jüdischen Zeitgenossen kritisiert, nicht ein Zerrbild, sondern einen Aspekt, der zumindest bei einigen dieser Zeitgenossen und auch bei anderen judaisierenden Jesusnachfolgern durchaus vorgekommen sein dürfte, ebenso wie bei den späteren Rabbinen“ (S. XXI).

Jörg Frey erörtert des Weiteren ausführlich Avemaries Habilitationsschrift zu den Tauferzählungen der Apostelgeschichte und der Geschichte des frühen Christentums, die wie seine Dissertation als Monographie erschienen ist (Tauferzählungen der Apostelgeschichte: Theologie und Geschichte. Tübingen. WUNDT 139, Tübingen 2002). Avemarie distanzierte sich zwar verhalten von den konservativen Thesen seines Lehrers Hengel zur Vertrauenswürdigkeit der Apostelgeschichte, wendet sich aber gegen die Tendenz, sie „als eine weithin fiktive oder romanhafte Gründungserzählung zu lesen“ (S. XXV). Auf andere Forschungsthemen Avemaries weist Frey kurz hin, in erster Linie Themen der rabbinischen Literatur, aber auch Ausarbeitungen zur Theologie des Paulus oder zur Jesusüberlieferung. Die wichtigsten Aufsätze sind im Sammelband enthalten.

Zum Buch gehören vier bisher nicht veröffentlichte Vorträge aus den Jahren 2007 bis 2011. Neben einer Gesamtbibliographie enthält es alle nützlichen Register. Der Leser wird von Avemaries weitem Horizont und seiner Beobachtungsgabe sehr profitieren. Ein empfehlenswerter Band.

Podiumsdiskussion mit N.T. Wright

Ich habe kürzlich auf die Tagung „Der gekreuzigte Messias“ mit N.T. Wright in der Schweiz hingewiesen. Die Podiumsdiskussion der Konferenz, in der es insbesondere um die Sühnetheologie, die Überbetonung des Exil- und Exodusmotives sowie die Israelfrage geht, kann hier nachgehört werden:

Ist der Bibeltext vertrauenswürdig?

Michael Horton antwortet auch eine Frage, die immer wieder gestellt wird: Sind die Bibeltexte, auf die sich Christen berufen, zuverlässig überliefert worden?

Was ist „Biblische Theologie?“

51JiyE86nPLDie neue Ausgabe des Magazins Credo (11/2013) enthält ein Interview mit James Hamilton über das Buch:

Zur Frage: Was ist eigentlich „Biblische Theologie“?, sagt Hamilton:

I define biblical theology as the attempt to understand and embrace the interpretive perspective of the biblical authors. It’s not systematic theology, which organizes what the Bible teaches by topics (and can be more philosophical, depending on who is doing it). It’s not Theological Interpretation of Scripture, which, it seems to me, is the attempt to read every passage of Scripture from the perspective of one’s Systematic conclusions (in some ways TIS seems to be a move toward Biblical Theology from the Systematic wing).

The attempt to understand and embrace the interpretive perspective of the biblical authors is the attempt to understand the hermeneutical world-view the biblical authors used to interpret earlier Scripture and their own circumstances. It is based squarely on the inspired intention of the human authors (authorial intent), and it cannot be divorced from understanding the grammatical meaning that the human authors communicated in their historical contexts (grammatical- historical exegesis).

Die Credo-Ausgabe kann hier heruntergeladen werden: What’s%20the%20Big%20Story.pdf.

Ich empfehle außerdem noch eine Vorlesung von Greg Beale zum Thema:

Moo kommentiert N.T. Wrights Paulinische Theologie

NewImageDer Neutestamentler Douglas Moo (Wheaton College, USA) hat N.T. Wrights neues voluminöses Werk über die Theologie des Paulus:

gelesen und für TGC rezensiert.

Hier ein Auszug:

God’s people are reconfigured around Messiah, who, by virtue of his faithfulness, accomplishes the task of rectifying the sin of Adam—a task first given to Abraham and one Abraham’s descendants failed to carry out. Paul’s reconfiguring of the Jewish concept of election is the way into his soteriology (912). Among the various elements of soteriology, Wright gives particular attention to justification: both because he views the juridical language of justification as “basic and nonnegotiable” (1039; incontrast to “subsidiary crater” views) and because it’s been controversial (e.g., the debate with John Piper). I strongly endorse Wright’s clear and convincing case for a strictly forensic sense of justification against those who would expand the concept to include transformation or (the more recent buzz word) “theosis” (956-59). Wright forthrightly argues a “Reformation-style” “faith alone” view of initial justification, claiming it’s the basis for our assurance and arguing the verdict announced now by faith will be confirmed on the last day (954-55; 1031-32). He also continues to stress a future justification that will be “according to the fullness of the life that has been led” (941; formally about “judgment,” but Wright clearly sees judgment and future justification as interchangeable) or “on the basis of the totality of the life led” (1028). I sympathize with Wright’s desire to accommodate the emphasis Paul puts on obedience, and I think he’s right to find a future aspect of justification in Paul. But little words are very important here; I agree future justification is “according to” the life lived but not “on the basis” of the life lived. I also continue to think Wright puts too much emphasis on the “covenant” side of justification at the expense of the forensic (he emphatically includes both in his view) and shifts the emphasis in Paul a bit by tying justification to the question of “How can we tell who are God’s people?” rather than “How can we become God’s people?”

Wright’s treatment of Paul’s eschatology is in keeping with his concern to read the apostle in terms of the Old Testament/Jewish “story.” He therefore stresses again the “return to Zion” theme and focuses special attention on Israel’s role in the eschaton, devoting more than a hundred pages to a careful, step-by-step interpretation of Romans 9-11 (1156-1258). In addition to a lot of good exegesis, there’s much to like here. Noting the climactic nature of 10:1-13 for the whole section, with its clear claim that salvation is tied to Christ, Wright convincingly rebuts the “two-covenant,” “post-supercessionist” reading that’s gaining currencytoday: “A moment’s reflection on the central passage 10:5-13, with its statement about Jesus and about faith and salvation, will reveal that it is straightforwardly impossible to read Romans 9-11 as anything other than a statement firmly and deeply grounded in christology (in the sense of Paul’s belief about the Messiah)” (1163). Much of Wright’s energy is directed toward defending his controversial claim that “Israel” in 11:26 refers to all Messiah’s people; and, while I am not convinced, I can identify with Wright’s admission to considerable wrestling over these chapters and acknowledge the strength of the case he makes.

Es freut mich, dass Wright (laut Moo) diesmal klarer zum Thema „Glaubensgerechtigkeit“ Stellung genommen hat. Es überrascht, dass er sich erneut für eine futuristische Rechtfertigung „nach der Fülle des Lebens, das geführt worden ist“ oder „auf der Grundlage der Gesamtheit des gelebten Lebens“, ausspricht. Wie in den Kommentaren zur Buchbesprechung vermerkt, distanzierte sich Wrigth auf der ETS Jahreskonferenz 2010 von seiner eigenen Formulierung: „Rechtfertigung auf Grundlage des Lebens“. Da nun eine ähnliche Formulierung in seinem Opus magnum zu finden ist, werden die Diskussionen weitergehen.

Hier die vollständige Rezension: thegospelcoalition.org.

Illustrationen zur Bibel

Mark Barry hat ansprechende Diagramme, Illustrationen und Infografiken rund um die Bibel erstellt. Die Abbildungen dürfen für den persönlichen Gebrauch gern genutzt werden. Hier ein Beispiel zu den Interpretationsansätzen zum Buch der Offenbarung:

Weiteres Material hier:  visualunit.me.

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Dein Wort ist noch immer die Wahrheit

TruthGerade ist ein Buch mit Grundsatzbeiträgen über die Lehre der Heiligen Schrift von der Reformation bis in die Gegenwart erschienen. Neben bedeutsamen Bekenntnistexten enthält das Kompendium Beiträge von Oswald T. Allis, William Ames, Herman Bavinck, Louis Berkhof, Henry Bullinger, John Calvin, Edmund P. Clowney, William Cunningham, Raymond B. Dillard, Jonathan Edwards, Sinclair B. Ferguson, John M. Frame, Richard B. Gaffin Jr., Louis Gaussen, Ernst Wilhelm Hengstenberg, Archibald Alexander Hodge, Charles Hodge, John Knox, Peter A. Lillback, Martin Luther, J. Gresham Machen, Adolphe Monod, John Murray, John Owen, Vern S. Poythress, Moisés Silva, Charles H. Spurgeon, Ned B. Stonehouse, Francis Turretin, Zacharias Ursinus, Cornelius Van Til, Geerhardus Vos, Bruce K. Waltke, Benjamin Breckinridge Warfield, Robert Dick Wilson, John Witherspoon, Edward J. Young und Ulrich Zwingli.

Ein hilfreiches Buch, insbesondere für die theologische Ausbildung.

  • P.A. Lillback, Jr. Gaffin: Thy Word Is Still Truth: Essential Writings on the Doctrine of Scripture from the Reformation to Today, P & R, 2013, ca. 1300 S.

Hier das Inhaltsverzeichnis und ein Beispielkapitel: 9781596384477.pdf.

Das Buch kostet ca. Euro 45,00.

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Paulus in neuer Sicht?

41ZDZbp8DBLMit der „Neue Paulusperspektive“ (NPP) wurde in den letzten vier Jahrzehnten ein neues Kapitel der Paulusinterpretation eröffnet. Die Exegeten dieser Richtung sind sich mehr oder weniger darin einig, dass die Paulusauslegung besonders seit der Reformation einseitig individualistisch und das Judentum fälschlicherweise als Gesetzesreligion verstanden wurde. Die Gesetzespolemik des Apostels richte sich weder gegen die Tora noch gegen deren angeblichen jüdischen Missbrauch im Sinne einer Werkgerechtigkeit, sondern gegen die Beschränkung der göttlichen Erwählung auf das Volk Israel. Viele neue Paulusinterpreten stellen der lutherisch-reformatischen Rechtfertigungslehre eine partizipatorische gegenüber. Das Evangelium ist demnach keine Botschaft der Errettung von Sünde und persönlicher Schuld, sondern Ver­kündigung der Tatsache, dass Gläu­bige vollberechtigte Mitglieder des göttlichen Bundes sind. Die Rechtfertigungslehre wird entsprechend nicht mehr in der Anthropologie oder Soteriologie, sondern in der Ekklesiologie angesiedelt. N.T. Wright schreibt beispielsweise (What St. Paul Really Said, S. 119):

Bei „Rechtfertigung“ ging es im ersten Jahrhundert nicht darum, wie jemand eine Beziehung zu Gott aufbauen kann. Es ging um Gottes eschatologische, sowohl zukünftige als auch gegenwärtige Definition davon, wer tatsächlich ein Mitglied seines Volkes ist. Um es mit Sanders’ Worten auszudrücken: Es ging nicht so sehr um das „Hineinkommen“ oder das „Darin-Bleiben“, sondern darum, „wie man sagen kann, wer drin ist“. In der christlich-theologischen Fachsprache ausgedrückt, ging es weniger um Soteriologie als um Ekklesiologie, weniger um Errettung als um die Gemeinde.

Bei der Vielfalt der Meinungen unter dem Dach der NPP verliert man schnell die Übersicht. Ivana Bendik liefert nun mit ihrer 2008 in Basel angenommenen Dissertation Paulus in neuer Sicht? einen forschungsgeschichtlichen Überblick zur NPP. Sie geht den Anfängen dieser Perspektive nach und stellt die Positionen ihrer prominentesten Vertreter zugänglich dar. Damit liegt eine kritische Vermittlung der jüngeren Forschungsgeschichte in deutscher Sprache vor. Hilfreich sind daneben weiterhin die Einführung von Christian Strecker („Paulus aus einer ‚neuen Perspektive‘: Der Paradigmenwechsel in der jüngeren Paulusforschung“, Kirche und Israel 11 (1996), S. 3–17) und der von M. Bachmann im Jahr 2005 herausgegebene Sammelband  Lutherische und Neue Paulusperspektive (siehe zudem hier).

Die Untersuchung, die von Prof. Ekkehard W. Stegmann betreut wurde, enthält vier Teile. Zunächst werden die Hauptvertreter der Paulusforschung aus der Zeit von Ferdinand Christian Baur (1792–1860) bis Albert Schweitzer (1875–1965) vorgestellt. Besonderes Augenmerk richtet die Autorin dabei auf den Gedanken des Äonenwechsels. Im zweiten Teil behandelt sie einflussreiche Vertreter der NPP. Sie beginnt mit Rudolf Bultmann (1884–1976), der zwar nicht zur NPP gehört, aber mit seinem existenztheologischen Ansatz die jüngsten Entwicklungen mit vorbereitet hat. Sie bescheinigt ihm einerseits, wie Schweitzer die Eschatologie des Paulus zur Geltung gebracht zu haben. Andererseits wirf sie ihm vor – ebenfalls ähnlich wie Schweitzer –, das antike Judentum übergangen zu haben. Was Schweitzer und Bultmann dem Judentum anlasten, „wirft Paulus der Menschheit generell unter den Bedingungen des schuldbehafteten alten Äons vor“ (S. 18). Weiter beschäftigt sich Bendik mit Johannes Munck (1904–1965), Krister Stendahl ( 1921–2008), Ed Parish Sanders (* 1937) und James D.G. Dunn (* 1939).

Im dritten Teil formuliert die Autorin dann ihre Wertschätzung und Kritik. Die neuen Betrachtungsweisen der NPP unterlaufen die theologischen Interpretationen durch das Aufgebot religionsgeschichtlicher Argumente, die bisherige Schlüsseleinsichten der paulinischen Exegese aufweichen. Die neuen Rahmenbedingungen (Bendik überschreibt diesen Teil ihrer Untersuchung mit einem Zitat von Stendahl: „shift the frame“) erlauben es den Exegeten, das Zentrum der paulinischen Theologie in der universellen Erlösungslehre zu sehen. Sie „verstehen die individualistische Rechtfertigungslehre als ein Nebenprodukt derselben“ (S. 150) und knüpfen wesentlich an der soziologischen Perspektive Muncks an. Anstelle des Sünders rücken die Völker ins Zentrum. Wird in der traditionellen Paulusauslegung der Sünder durch Erlösung ein Gerechtfertigter, „kommen in den Darstellungen der New Perspective die Völker durch Rechtfertigung zu Erlösung, d.h. zu den Rechten an der Heilszusage Gottes an Israel“ (S. 151). Das Gesetz war – wie Sanders erfolgreich gezeigt hat – schon für die Juden nicht dafür gedacht, in den Gnadenbund hineinzukommen, es ermöglicht vielmehr Israel und den Heidenvölkern das Verbleiben im Kreis der Erwählten. Während für Juden wie Heiden der Glaube den Eintritt in den Bund kennzeichnet, ist das Halten des Gesetzes Signum des Bleibens im Bund (vgl. S. 151, 160–161). Sie bemängelt an der NPP, dass ihre Vertreter trotz der Chancen, die sich durch die religionsgeschichtliche Argumentation ergeben, immer wieder in alte Begründungsmuster zurückfallen und einer Antithese von Judentum und Christentum erliegen. Auf der Suche nach geschichtlicher Wahrheit operiere die NPP unkritisch mit übergeschichtlichen Begriffen wie Kirche, Christentum, Religion, Glaube, Identität oder Abgrenzung (vgl. S. 152).

Ihre eigene Paulusdeutung skizziert Ivana Benedikt im letzten Teil des Buches. Sie glaubt, der immer wieder behauptete Paradigmenwechsel habe gar nicht stattgefunden. Nach lautstarker Rehabilitation des Judentums werde nämlich Paulus in der NPP letztlich doch wieder gegen den Judaismus für das Christentum in Anspruch genommen. „Den Vertretern der New Perspective gelingt es … keineswegs, das klassische Paradigma zu verlassen. Die alte Antithese Judentum – Christentum, die sich in der Frage des Gesetzes zuspitzt, geistert in allen vorgestellten Entwürfen weiter herum“ (S. 151). Tatsächlich deute Paulus mit Hilfe der Tora seine Zeit als durch Christi Tod und Auferstehung erwirkte eschatologische Äonenwende. An das Judentum anknüpfend verkündigte der Apostel ein Evangelium, unter dem alle Völker von und vor Gott wieder zusammengeführt würden. Er rief also nicht zum Religionswechsel auf, sondern zeigte, dass durch Christus eine neue Epoche für alle Menschen in Erscheinung getreten ist. Sie schreibt (S. 194–195):

Paulus geht es weder um das individualistische Problem eines gnädigen Gottes noch um ethnische Probleme der Missionsgeschichte. Auch wenn alle diese Aspekte in den Briefen vorzufinden sind, bilden sie nicht das Axiom seiner Theologie. Die Ausgangslage liegt einzig und allein in der apokalyptischen Wende der Gegenwart und des Apostels Bemühen, mithilfe der Tora das zu erklären, was sich schon längst im göttlichen Plan durchgesetzt hat oder sich in Bälde durchsetzen wird. Von Geschehnissen der Äonenwende sind auch die Völker mitbetroffen. Sie sind jedoch nicht die alleinigen Protagonisten des endzeitlichen Dramas. Ihr Schicksal wurzelt in der Dynamik des Handelns Gottes mit Israel und ist von diesem im höchsten Masse abhängig. Der neue Äon trifft die Menschheit an sich und diese besteht aus der Sicht des Paulus aus Israel und den Völkern. Für die eschatologische Stellung eines oder einer Gerechten vor Gott ist jedoch die ethnische Zugehörigkeit bedeutungslos (Gal 6,15; 1 Kor 7,19).

So manches an dieser Einführung bleibt mir rätselhaft. Nur ein kleines Beispiel: Ist es wirklich kontrovers, dass Paulus den Juden das Evangelium verkündigte? (vgl. S. 194). Meiner Meinung nach ist der neutestamentliche Befund diesbezüglich überwältigend eindeutig, sogar dann, wenn ein Exeget Vorbehalte gegenüber der Apostelgeschichte hegt (siehe z.B. Apg 18,4; Röm 1,16; 11,13–15; 1Kor 9,20). Die vorgeschlagene Rechtfertigungslehre kann kaum überzeugen. Bendik lehnt eine Rechtfertigung als Übergangslehre für die Heidenvölker, wie sie von der NPP entwickelt worden ist, zurecht ab. Auch weist sie – was bei ihren Vorbehalten gegenüber der abendländischen Theologie nicht überrascht – eine forensische Rechtfertigungslehre zurück. Sie behauptet dagegen eine effektive Rechtfertigung, in der durch Glauben die sündige Menschheit in unschuldige pneumatische Wesen transformiert werde und der Kampf des Einzelnen mit seinem alten Adam der Vergangenheit angehöre (S. 187–188). Doch die effektive anthropologische Verwandlung, die sie dafür unter Berufung auf 1Kor 15,50 in den Anschlag bringt, ist für den begnadeten Sünder Paulus keine Gegenwartserfahrung, sondern Verheißung, die sich endgültig erfüllt, wenn von Christus errettete Menschen ihren himmlischen Auferstehungsleib empfangen.

Trotz solcher Anfragen lohnt sich die Lektüre des Buches. Eine Beobachtung finde ich übrigens geradezu brillant. Im Blick auf das vornehmlich soziologische Deutungsraster der NPP schreibt Ivana Bendik (S. 152):

Mit der soziologischen Perspektive rückt das Interesse an gruppendynamischen Prozessen in den Vordergrund und verdrängt das Nachdenken über die Zusammenhänge von Sündenmacht – σὰρξ – Gesetz unter den Bedingungen des alten Äons, die einen wichtigen Bestandteil der paulinischen Deutung der Endereignisse ausmachen.

  • I. Bendik, Paulus in neuer Sicht?: Eine kritische Einführung in die „New Perspective on Paul“, Stuttgart: Kohlhammer, 2010, Euro 24,00

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Accordance für Windows ist da

Die weltweit führende Accordance-Bibel-Software ist ab sofort auch für das Betriebssystem Windows erhältlich. Accordance läuft unter Windows 8 (inklusive Surface Pro), Windows 7, Windows Vista und Windows XP.

Hier ein Vorstellungsvideo:

Hochfolgend die Kurzvorstellung einiger Features, die nun auch unter Windows zur Verfügung stehen:

Mehr Informationen hier: www.accordancebible.com.

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