Theologie

Paul Helm (1940–2025)

Der britischer Philosoph und reformierter Theologe Paul Helm ist vor einigen Tagen verstorben. Er lehrte am Regent College, wo er von 2001 bis 2005 als erster Inhaber des J.I. Packer-Lehrstuhls für Theologie tätig war. Von 2007 bis 2010 war er außerdem Professor für Theologie am Highland Theological College in Schottland.

Ich habe gern seinen Blog Paulhelmsdeep.blogspot.com verfolgt und einige seiner Bücher in guter Erinnerung. Sein Werk The Providence of God ist eine klare, eindringliche und zum Nachdenken anregende Einführung in einen wichtigen und viel diskutierten Bereich der Theologie und gilt inzwischen als Standardwerk.

Vor einigen Jahren hat Paul Helm, damals schon über 80 Jahre alt, ein Interview zur Frage der Willensfreiheit gegeben, in dem er sich mit der Sichtweise von Richard A. Muller auseinandersetzt (siehe dazu Reforming Free Will). Gern weise ich hier im Gedenken an ihn auf das Gespräch hin: 

Martin Bucer: Die Quelle ewiger Erlösung

In Römer 3,21 lesen wir: „Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.“Der Reformator Martin Bucer kommentiert den Vers mit folgenden Worten (Gwenfair Walters Adams, Timothy George u. Scott M. Manetsch (Hrsg.), Romans 1–8: New Testament, Bd. VII, Reformation Commentary on Scripture, Downers Grove, IL: IVP Academic: An Imprint of InterVarsity Press, 2019, S. 164):

Unsere Sache wird stets durch diese Verse des größten Apostels und von Christus auserwählten Werkzeugs gestützt. Kein anderer Apostel hat uns jemals die Lehre eingeprägt, dass die Gerechtigkeit allen Menschen allein durch den Glauben an Jesus Christus, der für uns gestorben ist, zuteilwird. Lasst uns unsere Gedanken noch tiefer auf genau diese Sache richten und die Angelegenheit sorgfältig und würdig prüfen. Denn niemand hat diese Frage jemals ausreichend berücksichtigt. Dies ist wahrhaftig ein Schatz des Lebens und eine Quelle ewiger Erlösung. Denn wer kann darüber nachdenken, dass Gott aus seiner unaussprechlichen Liebe zu uns um unseretwillen seinen eingeborenen Sohn seinen Feinden zum Tode übergeben hat, damit wir durch ihn ewig leben können, und dies glauben und dennoch nicht glauben, dass er selbst bereits sicher und gesegnet ist, und sich ganz Gottes Brust hingeben? Daraus lernen wir auch wahrhaftig und erkennen fest, wie verloren wir in und aus uns selbst sind, dass aus absolut nichts, was von uns oder einem anderen Geschöpf kommt, es geschehen kann, dass Gott an uns Gefallen findet, so dass es notwendig war, dass das Wort Gottes Mensch wurde und der Eingeborene Gottes einen schrecklichen Tod starb, um uns wiederherzustellen. Dieser Gedanke bewahrt die wahre Demut in uns, lässt uns in Widrigkeiten ausharren und entfacht in uns das Bestreben, böse Begierden zu korrigieren und uns ernsthaft der Aufgabe der Heiligung und Gerechtigkeit zu widmen. Paulus wollte „nichts anderes wissen als den Herrn Jesus und ihn als den Gekreuzigten“, weil er erkannt hatte, dass im Kreuz unseres Herrn die wahre Philosophie und alles rettende Wissen enthalten ist.

Wie wirklich ist Gott?

Das Christentum hat an begrifflicher Bestimmtheit verloren. Das geht sogar dem linksliberalen Philosophen Jürgen Habermas zu weit (vgl. hier). Reinhard Bingener nutzt die Debatte, um den Weg der neuzeitlichen Theologie nachzuzeichnen. Das macht er sehr gut. Antworten auf die Krise der Theologie gibt er alledings nicht. 

Hier ein Auszug: 

Das Christentum hat es nicht leicht, und Jürgen Habermas hat seinen Anteil daran. Als langjähriges Oberhaupt der Frankfurter Schule hatte der Philosoph mit dafür gesorgt, dass christliches Denken in der Bundesrepublik immer stärker ins Hintertreffen geriet. Der Diskurspapst forderte Theologen nämlich ab, dass sie ihre religiösen Symbole in die säkulare Sprache der diskursiven Vernunft übersetzen müssten, wenn sie sich an gesellschaftlichen Debatten beteiligen.

Mit zunehmendem Alter wird Habermas nun milder. Erste Hinweise dafür lieferte ein Gespräch, das der Philosoph 2004 in der Katholischen Akademie in München mit Joseph Ratzinger führte. Habermas rüstete damals sein Vernunftpostulat ab und gestand zu, dass in öffentlichen Debatten auch religiöse Sprache einen legitimen Platz habe. Vielleicht tat er das aus der Befürchtung, dass seine linksliberale Gesellschaftsidee in Bedrohung gerät, wenn sie sich die Religionen zum Gegner macht, statt sie zu integrieren.

Im Jahr 2019 legte Habermas unter dem Titel „Auch eine Geschichte der Philosophie“ ein Spätwerk vor, das sich dem Verhältnis zwischen Glauben und Wissen in der europäischen Geistesgeschichte widmet. Schon der monumentale Umfang der beiden Bände von insgesamt 1700 Seiten machte klar, dass sich das Thema Religion für Habermas mitnichten erledigt hat. In dem Werk weist Habermas dem religiösen Ritus eine Schlüsselrolle zu.

Vor einigen Wochen hat sich der mittlerweile 96 Jahre alte Philosoph noch einmal geäußert. In einem fünfseitigen „Geburtstagsgruß“ an einen früheren Schüler, den katholischen Religionsphilosophen Thomas Schmidt, lästerte Habermas, dass die christliche Theologie den „dogmatischen Kern einer monotheologischen Erlösungsreligion“ einem beständigen Downgrading ins Ungefähre unterziehe. Besonders nimmt sich Habermas den evangelischen Theologieprofessor Hartmut von Sass zur Brust, der ein Buch mit dem Titel „Atheistisch glauben“ geschrieben hat. Dessen Argument läuft laut Habermas darauf hinaus, dass sich die christliche Hoffnung, nachdem sie vom Glauben nicht mehr über ihre Gegenstände wie die Auferstehung informiert werde, nunmehr mit sich selbst begnügen solle. Also Hoffnung um der Hoffnung willen.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Instrumentalisiert Peter Thiel den evangelikalen Glauben?

An dem Artikel „Beten per App: Wie Peter Thiel den evangelikalen Glauben digitalisiert“ von Christoph Jehle ist so ziemlich alles falsch, was falsch sein kann. Es ist ein Beispiel für journalistische Hetze, die sich immer mehr ausbreitet und dem gesellschaftlichen Diskurs nur schadet. 

Jehle behauptet, dass Peter Thiel und J.D. Vance mit der GebetsApp „Hallow“ die Gesellschaft evangelikal unterwandern möchten. Das klingt dann so: 

40 Millionen Dollar haben der rechts-libertäre Paypal-Gründer Peter Thiel und Trumps Vizepräsident J.D. Vance in die App investiert. Mit der App wollen sie die Welt grundlegender verändern als es Politiker je könnten und das auch noch jenseits jeder demokratischen Kontrolle.

In der deutschen Version der App kommen Menschen wie die deutsche Ärztin Jana Hochhalter, die unter dem Pseudonym Jana Highholder auftritt und für ihren freikirchlichen und russlanddeutschen Hintergrund bekannt ist oder der katholische Theologe Johannes Hartl vom Gebetshaus in Augsburg zu Wort, das er als innovativen Ort der christlichen Spiritualität bezeichnet.

Beide Autoren finden in der Online-Welt größeren Zuspruch, als die Institutionen, die gemeinhin als Amtskirche abgetan werden. Ihr festes und klar strukturiertes Weltbild bietet zweifelsohne vielen ihrer Follower die Sicherheit, die sie in Politik und Kirchen vermissen.

Dass die Bibel durchgängig wörtlich ausgelegt werden muss und dass sie in dieser Auslegung die höchste Autorität über das eigene Leben haben muss, sind Grundmerkmale des sogenannten fundamentalistischen Biblizismus. Die Schrift kann aus der Sicht der Evangelikalen auch in Sachfragen nicht irren und das gilt nicht nur für religiöse Fragen.

Dass die Heilige Schrift von unterschiedlichen Autoren stammt und mehrfach die Sprache und den Kulturkreis gewechselt hat und sich auch die jeweiligen Kulturkreise seit der Aufklärung weiterentwickelt haben, wird der Einfachheit gerne ausgeblendet.

Statt wissenschaftlicher Exegese wird hier ein Laienglauben sichtbar, der sich einfacheren Gemütern zur Nachfolge anbietet. Charismatische Erneuerungsbewegungen sind jedoch nicht nur in de USA, sondern auch bundesweit auf dem Vormarsch.

Jenseits aller Zweifel, sind die Evangelikalen in ihrem fundamentalistischen Weltbild gefestigt und überzeugt, dass sie die Wahrheit auf ihrer Seite haben. Diskussionen und Debatten, wie sie für demokratische Prozess notwendig sind, werden gerne als Zeitverschwendung ausgeblendet.

Dass jemand wie Peter Thiel, der sein Vermögen mit digitalen Innovationen gemacht hat, für die es in der Bibel nicht einmal Ansätze der Begründung gibt, darf dann einen unbefangenen Beobachter durchaus verblüffen.

Ich erspare es mit, diesen Unsinn zu widerlegen.

Aber es wird noch schlimmer. Jehle, der keine Ahnung davon zu haben scheint, worüber er schreibt, behauptet, dass kirchliche Strukturen, o wie schlimm, noch aus voraufklärerischen und vordemokratischen Zeiten stammen. Das klingt fast so, als ob alles verboten werden sollte, was älter als 500 Jahre ist. Dass durch das Christentum Wissenschaft und ein selbstkritischer Umgang mit Macht auch gefördert worden sind, hat Jehle wahrscheinlich noch nie gehört.

Der Höhepunkt des Artikels ist die These: Christen, die ihren Glauben ernst nehmen, brauchten keine Argumente, da sich sich ja auf die Prädestinationslehre berufen könnten. Und schließlich wird dann noch eine Seelenverwandschaft mit Wladimir Putin ausgemacht: „Wo Putin ein starkes Russland anstrebt, sieht Thiel eine wiedererstarkte, christlich-konservative USA als Bollwerk gegen das Böse, gegen den Antichristen.“

Sorry, das ist Anti-Journalismus! 

Mehr hier: www.telepolis.de.

Werner Neuer (1951–2025)

Werner Neuer, ein renommierter evangelikaler Theologe, der vor allem für seine Arbeiten zur christlichen Anthropologie, Ethik und Sexualethik bekannt wurde, ist am 21. Dezember 2025 im Alter von 74 Jahren verstorben. Die Nachrichtenagentur IDEA meldet über seinen Werdegang

Nach seinem Studium der Geschichte, Politik, Geografie und Theologie promovierte Neuer 1985 an der Universität Marburg bei dem Theologen Carl Heinz Ratschow (1911–1999). Von 1990 bis 1997 war er wissenschaftlicher Assistent am Institut für Missionswissenschaft und Ökumenische Theologie der Universität Tübingen, danach Theologischer Referent der württembergischen Landeskirche. … Neuer war von 2000 bis November 2016 Dozent für Dogmatik, Ethik und Ökumene am Theologischen Seminar St. Chrischona (Bettingen bei Basel) und zeitweise Gastdozent für Theologie der Religionen an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel. Er galt als Fachmann für die Theologie des Schweizer Professors Adolf Schlatter (1852–1938).

Ich habe Werner Neuer erstmals 1982 oder 1983 in einem Workshop zur Dreieinigkeit kennengelernt (ich meine im Haus Friede in Hattingen). Ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr mich seine Herangehensweise beeindruckt hatte. Neuer nahm die Bibel sehr ernst und war zugleich herausragend bewandert, was die zeitgenössische Theologie anbetraf. Ich glaube, dass er damit einen gewissen Eindruck bei mir hinterlassen hat. 

Das letzte Mal traf ich ihn auf einer Tagung vor rund 4 Jahren. Wir aßen zusammen Mittag und sprachen über die Defizite der evangelikalen Ethik. Er war besorgt. Völlig zurecht, wenn man bedenkt, dass heute in evangelikalen Kreisen Entwürfe gelesen oder sogar gefeiert werden, denen es nicht nur an intellektueller, sondern auch an biblisch-theologischer Tiefe mangelt. 

Werner Neuer hat mich schon früh darauf aufmerksam gemacht, dass der von den Evangelikalen übernommene Rollenbegriff für die Zuordnung von Mann und Frau problematisch ist. Interessanterweise haben auch konservative Theologen durch die Einführung der „Gender Roles“ die postmoderne Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht vorweggenommen oder übernommen. Man spricht dann von der Rolle, die Mann und Frau zu übernehmen haben. Das Handeln eines Mannes wird also nicht mit dem schöpfungsmäßigem Sein (d.h. mit dem Mannsein) begründet, sondern mit einer Rollenerwartung. Hat man dieses Denken erst einmal übernommen, ist es nicht mehr weit bis zu dem Schluss: Beim Geschlecht geht es nicht um ein Sein, sondern um das Spielen einer Rolle. 

Im Andenken an Werner Neuer will ich hier zitieren, was er darüber in seinem Buch Mann und Frau in christlicher Sicht ausgeführt hat (1982, S. 22–24): 

Das heute weitverbreitete Rollendenken geht davon aus, daß jeder Mensch ein ganzes Bündel von Rollen zu spielen hat, um den in der Gesellschaft üblichen Rollenerwartungen zu entsprechen. So befindet er sich beispielsweise in der Rolle des Mannes, des Gatten, des Vaters, des Lehrers, des Konsumenten und des Bürgers. Für jede dieser Rollen existieren in der Gesellschaft eine Reihe von Erwartungen, die der Mensch als Rollenträger zu erfüllen hat, wenn er nicht in Konflikt mit den Traditionen und Zielen der Gesellschaft geraten will. Die Erziehung hat die Aufgabe, den Menschen zu einer kritischen Aneignung der Rollenerwartungen zu befähigen und ihn damit zu einem sozialen Wesen zu machen. In allen Lebensbereichen ist der Mensch genötigt, bestimmte Rollen zu übernehmen. Der Evangelische Erwachsenenkatechismus bezeichnet sogar das Christsein als Rolle: „Es gibt meine Rolle als Christ, als Partner Gottes“.

Das hier kurz skizzierte Rollendenken ist ursprünglich in der Soziologie beheimatet und hat inzwischen bedeutenden Einfluß auf die pädagogische Theorie und Praxis in Deutschland genommen. Das wesentliche Merkmal des Rollendenkens besteht darin, den Menschen als Produkt der Gesellschaft zu verstehen, welche die verschiedenen Rollenerwartungen an ihn heranträgt. Es würde zu weit führen, Wahrheit und Irrtum dieses Rollendenkens hier genauer zu untersuchen. Der Soziologe R. Dahrendorf hat dies in seinem Buch „Homo sociologicus“ in bemerkenswerter Weise getan. Für unsere Untersuchung ist nur die Frage wichtig, ob es sachlich gerechtfertigt ist, von den „Rollen“ des Mannes, der Frau, des Vaters und der Mutter zu sprechen.

Der Begriff „Rolle“ ist ein Begriff aus dem Theaterleben und bezeichnet den Darstellungspart, der einem Schauspieler zugewiesen ist. Die Rolle ist für den Schauspieler – von geringfügigen Ausnahmen abgesehen – etwas Fremdes, mit dem er sich nur spielerisch identifiziert. Er stellt mit der Rolle nicht sich selbst, sondern einen anderen Menschen dar. Auch wenn er sich in großem Umfang innerlich mit der Rolle identifiziert und sie zur Selbstdarstellung benutzt (was häufig der Fall ist), bleibt die Rollendarstellung nur ein Spiel, welches das tatsächliche Denken und Wollen des Schauspielers nicht unmittelbar zur Sprache bringt.

Wir haben oben festgestellt, daß die Geschlechtlichkeit nicht eine zwar wichtige, aber unwesentliche Äußerlichkeit, sondern ein Sein des Menschen ist, das sein gesamtes Verhalten bestimmt. Nimmt man dies wirklich ernst, dann wird die Unangemessenheit des Rollenbegriffs für das Verständnis der Geschlechtlichkeit offenkundig. Der Mensch spielt nicht die Rolle des Mannes oder der Frau, sondern er ist Mann oder Frau. Das Geschlecht ist keine Rolle, die beliebig gewechselt werden kann wie Bühnenrollen, sondern ein fundamentaler Aspekt des Menschseins, dem sich kein Mensch entziehen kann und aus dem sich ganz bestimmte Aufgaben und Verhaltensweisen für ihn ergeben. Diesem Tatbestand muß auch der Sprachgebrauch Rechnung tragen. Es ist daher ratsam, beispielsweise von „Mannsein“, „Frausein“, „Vatersein“, Muttersein“ oder „Männlichkeit“, „Fraulichkeit“, „Vaterschaft“, „Mutterschaft“ und den sich daraus ergebenden Aufgaben zu reden. Bei einem solchen Sprachgebrauch wird deutlich, daß es beim Geschlecht um ein Sein geht und nicht um eine Rolle, die man spielt und die einem von einer fremden Instanz wie der Gesellschaft zudiktiert wird. Der Rollenbegriff ist im Zusammenhang mit dem Geschlechtsverhalten allenfalls bei Homosexuellen sinnvoll, wo Männer die Rollen der Frau und Frauen die Rolle des Mannes spielen. Gerade diese Tatsache, daß der Rollenbegriff treffend Formen pervertierten Sexualverhaltens beschreibt, zeigt, wie untauglich er für die schöpfungsgemäße Verhältnisbestimmung von Mann und Frau ist. Die heute weit verbreitete Redeweise von den „Rollen“ der Geschlechter sollte deshalb um der Wahrheit willen aufgegeben werden, denn sie verdunkelt die Tatsache der wesenhaften Geschlechtlichkeit des Menschen und erweckt den falschen Anschein, als ob die beobachtbaren Eigentümlichkeiten im Verhalten der Geschlechter und die geschlechtsverschiedene Aufgabenverteilung nur Produkt der Gesellschaft und damit gesellschaftlich korrigierbar sind. Zwar ist ohne weiteres zuzugeben – und darin liegt das Wahrheitsmoment des Rollendenkens –, daß die Gesellschaft einen bedeutenden Einfluß auf das Verhalten der Geschlechter hat, entscheidend ist aber, daß die Gesellschaft nur die bereits vorgegebene natürliche Eigenart von Mann und Frau (negativ oder positiv) zu beeinflussen vermag und dieser Beeinflussung durch die natürlichen Anlagen unüberschreitbare Grenzen gesetzt sind. Wir werden in einem späteren Kapitel noch den genaueren Nachweis erbringen, daß die geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen von Mann und Frau primär anlagebedingt und erst sekundär gesellschaftlich bedingt sind (vgl. S. 51–59).

Das Rollendenken ist ein einseitig soziologisches Denken, das die Bedeutung der Gesellschaft überschätzt und die Bedeutung der Schöpfungswirklichkeit verkennt. Es ist ein typisches Produkt der Überbetonung der vom Menschen gemachten Geschichte auf Kosten der den Menschen Grenzen setzenden Natur. Dieser Überbetonung der Geschichte – wie sie besonders handgreiflich im Marxismus zutage tritt – liegt eine Überschätzung des vom Menschen Machbaren und eine Unterschätzung der von Gott dem Menschen durch die Natur gesetzten Schranken zugrunde.

Die B.E.F.-Strategie

Matt Smethurs schreibt in Timothy Keller über den geistlichen Kampf gehen Sünde/Götzen (2025, S. 60–62):

In einem Teil der Predigt „The Freedom of Service“ (dt. „Von der Freiheit, zu dienen“) aus dem Jahr 1994 stellt Keller eine praktische Strategie zur Zerstörung von Götzen vor. Während Ungläubige die Wahrheit in Lüge verkehren (vgl. Röm 1,25), müssen Christen lernen, diesen Instinkt umzukehren: Lüge muss gegen Wahrheit eingetauscht werden. Um den Griff eines Götzen zu lockern, schlägt Keller ein Akronym vor: B.E.F.

Zuallererst benennen wir das Problem. Wir schauen unter die Oberfläche unseres Herzens – wo der Gottesersatz lauert – und erkennen an, dass dort falsche Anbetung stattfindet. Warum ist das der erste Schritt? Weil wir nicht niederreißen können, was wir nicht diagnostiziert haben. Keller betont:

„An einer psychologischen Analyse ist nichts auszusetzen, solange man am Ende zu einer theologischen Analyse übergeht – und Klartext redet. Gib der Sache einen Namen. Gesteh ein, warum sie dir so wichtig ist. Gib zu, dass du nur deshalb glücklich bist, weil du deine Erlösung in Jesus kompromittierst. Du sagst: ‚Jesus ist ja ganz nett, aber um glücklich zu sein, brauche ich auch noch diese andere Sache.’“

Dann müssen wir den Götzen entlarven. Wie Eva sah, dass vom verbotenen Baum „gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte“ (1 Mose 3,6), so verführen uns die Götzen – weshalb wir sie entlarven und ihre echte Gefahr aufdecken müssen. Die Götzen in deinem Leben sind Sklavenhändler, die sich als Abolitionisten verkleiden. Es kommt ein Punkt, an dem du einem Götzen in die Augen sehen und zu ihm sagen musst: „Ich weiß, wer du bist. Du hast deine Hände schon seit Jahren um meinen Hals gelegt. Du kommandierst mich schon seit Jahren herum. Du hältst mich seit Jahren an der Leine. Damit ist jetzt Schluss!“ Kurz: Wir müssen Götzen als das sehen (und verabscheuen), was sie sind: Möchtegerngötter.

Und schließlich freuen wir uns. Wir meinen, Götzen würden uns Freude schenken, aber in Wahrheit sind sie Freudenräuber. Sich von einem erschaffenen Ding zu erhoffen, was nur Gott geben kann, ist ein viel begangener Pfad zur Traurigkeit. Gott allein ist groß genug, um das Gewicht unserer tiefsten Hoffnungen und Ängste zu tragen. Das bedeutet, dass wir unser Herz darauf ausrichten müssen, an Gott – dem wahren Gott – mehr Freude zu haben als an den rivalisierenden Göttern. Wir müssen, so Keller, unser Herz dazu erziehen, von einem Götzen aufzuschauen und zu sagen: „Jesus, du bist derjenige, der mich rechtfertigt, nicht dieses Ding hier. Du bist mein Frieden, nicht jene Sache dort. Du bist mein Meister, nicht das dort drüben. Du bist mein Retter und nichts anderes.“ Das ist keine kalte oder klinische Übung; es geht um Gottes allmächtige Liebe. „Gibt es einen Menschen, der dir wirklich wichtig ist, und sich in jemanden verliebt hat, der ihn nicht gut behandelt?“, fragt Keller. „So sieht Gott dich. Er sieht dich in den Armen der Götzen.“ Kein Wunder, dass Gott in der Bibel oft als eifersüchtig beschrieben wird. Er liebt uns zu sehr, um nicht eifersüchtig zu sein. Seine Eifersucht ist keine Unsicherheit; sie schützt uns vor dem, was uns niemals erfüllen wird. In dem Maße, in dem dein Herz in Gottes eifersüchtiger Liebe ruht (mehr noch: in ihr schwelgt), wird der eiserne Griff deiner Götzen schwächer werden.

Ein Gespräch über Natur, Gnade und Nominalismus

Jordan Cooper, Michael Horton und Gavin Ortlund diskutieren in diesem Gespräch über die reformatorische Lehre von der Rechtfertigung allein durch den Glauben, den Einfluss des mittelalterlichen Nominalismus auf die Rechtfertigungslehre, Natur und Gnade und das „donum superadditum“ (die Lehre, dass Gott dem Menschen bei der Schöpfung über seine natürliche Ausstattung hinaus eine übernatürliche Zusatzgabe verliehen habe). Wenn man theologisch interessiert ist, lohnt es sich, in das Gespräch reinzuhören: 

Dane Orlund: 39 Predigtregeln

Dane Ortlund, Autor von Gütig und Sanft sowie Tiefer (#ad), hat seine 39 Predigtregeln, nach denen er jede Predigt zu gestalten versucht, veröffentlicht. Mit seiner freundlichen Genehmigung darf ich sie hier wiedergeben: 

  1. Jesus predigte Frieden (Eph 2,17); sei kein besserer Prediger als Jesus.
  2. Predige zuerst dir selbst.
  3. Predige aus deinem Herzen, nicht nur zu ihren Herzen.
  4. Nutze deine eigene Notlage.
  5. Wie sehr musst du die Menschen hassen, um sie beeindrucken zu wollen, anstatt ihnen zu helfen?
  6. Ein durchgängiger Ton der Ermutigung.
  7. Lebendige Bilder. Innerlich, sinnlich. Wenig Rot mit Analogien.
  8. Sie sind verzweifelter, als sie zeigen.
  9. Die Kraft liegt im Wort, nicht in deiner Klugheit.
  10. Der Geist wirkt mit deiner Schwäche und deiner Not, nicht mit deiner Stärke und Ihrer Vollkommenheit.
  11. Denke dich satt, bete dich strahlend.
  12. Sei konkret, nicht abstrakt.
  13. Konkretheit vermittelt Universalität.
  14. Sei klar. Lewis: Schafe. Wenn du ihnen einen Weg zum Missverständnis bietest, werden sie ihn nehmen.
  15. Sei einfach, aber nicht simplistisch.
  16. Streiche alles Überflüssige gnadenlos.
  17. Lächle. Und meine es ernst. Predigen ist ein Akt pastoraler Liebe.
  18. Lehre allein reicht nicht aus, aber die Menschen wollen die Lehre kennenlernen.
  19. Zeige regelmäßig etwas von deiner eigenen Schwäche.
  20. Teilen ihnen deine neuen exegetischen Entdeckungen mit.
  21. Verlange nicht von Adjektiven, die Arbeit zu leisten, die Verben leisten sollten.
  22. Mache das Evangelium an einer Stelle deutlich.
  23. Es sind sowohl Ungläubige als auch Gläubige anwesend.
  24. Es sind sowohl eifrige als auch stagnierende Gläubige anwesend.
  25. Denke an die Kinder und spreche sie direkt an.
  26. Spreche mit deiner natürlichen Alltagsstimme; widerstehe jeder Form der „Predigerstimme”.
  27. Gehe mit Einwänden um.
  28. Wenn du unsicher bist, ist kürzer besser.
  29. Höre mit der Predigt auf, solange du noch Zuhörer hast.
  30. Du siehst nicht so glücklich aus, wie du bist; strecke dich also nach Freude aus.
  31. Wenn sie sich von dir geliebt fühlen (vgl. Phil 4,1), werden sie mit dir leiden (vgl. Phil 4,14).
  32. „Wir werden dich noch einmal darüber hören“ (Apg 17,32). Wecke ihr Interesse an Jesus, auch wenn sie sich noch nicht in seine Arme geworfen haben.
  33. Lass deine Hauptpunkte nicht auf andere Texte in der Bibel übertragbar sein.
  34. Verlangsame das Tempo, um jedes einzelne Wort des Textes wahrzunehmen – was er sagt und was er nicht sagt.
  35. Beruhige dich und seien du selbst.
  36. Sei ein Landwirt, kein Penny-Stock-Händler. Crockpot (elektrischer Schongarer), keine Mikrowelle.
  37. Gebrauche keine Beredsamkeit, gebrauche lieber Ausstrahlung.
  38. T.F. Tenney: „Predige jede Predigt so, als säße dein Sohn in der letzten Reihe und gäbe der Kirche eine letzte Chance.“
  39. Tinktur. Gib ihnen einen Vorgeschmack darauf, wie Jesus selbst ist. Rutherford.

Die Wurzeln des Begriffs „evangelikal“

In den Kommentaren zu dem Beitrag „Das Problem mit der evangelikalen Elite“ hat sich eine Diskussion über den Begriff „evangelikal“ entwickelt. Anknüpfend daran zitiere ich hier aus dem Aufsatz „Reizwort ‚evangelikal‘ – und warum es sich trotzdem lohnt, am Begriffe ‚evangelikal‘ festzuhalten“ von Prof. Frank Hinkelmann (erschienen in: Marin P. Grünholz u. Frank Hinkelmann (Hrsg.), Die begründete Einheit der Evangelikalen Bewegung, aus: Christlicher Glaube in der Herausforderungen unserer Zeit, Bd. 4, Petzenkirchen: Verlag für Glaube, Theologie und Gemeinde, 2025, S. 75–110, hier S. 77–81):

Wo liegen die historischen Wurzeln des Begriffs „evangelikal“? Zuerst einmal gilt es festzuhalten: beim deutschen Begriff „evangelikal“ handelt es sich um ein Lehnwort aus der englischen Sprache. Daher gilt es zuerst, die historische Bedeutung des Begriffs im angelsächsischen Bereich näher zu betrachten. Der englische Begriff „evangelical“ ist ein Wort, das mit der Reformation im 16. Jahrhundert als Übersetzung des deutschen Begriffes „evangelisch“ bekannt wurde. In seiner ursprünglichen Bedeutung ist es als Synonym zur englischen Bezeichnung „Protestant“ (protestantisch) verstanden und zur Bezeichnung von Anhängern der Reformation sowohl lutherischer als auch reformierter Prägung verwendet worden. Allerdings setzte sich im Englischen die Bezeichnung „Protestant“ im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte für die Anhänger der reformatorischen Kirchen durch.

Erst seit den 1730er Jahren erfuhr der Begriff „evangelical“ eine Umprägung bzw. Neuprägung. Im Zuge der Verkündigung von John Wesley und George Whitefield brach zuerst in Großbritannien und binnen kurzer Zeit auch in Nordamerika eine „evangelikale Erweckung“ auf, die nicht nur die englische Staatskirche erfasste, sondern auch auf Freikirchen und andere Gruppierungen Übergriff. In weiterer Folge galten „evangelicals“ als Christen, die die persönliche Aneignung des Heils, die Sammlung aller Gläubigen, einen geheiligten Lebenswandel und Evangelisation und Mission betonen.

Auch wenn der Begriff „evangelikal“ in die deutsche Sprache erst in den 1960er Jahre eingeführt wurde, gilt es trotzdem die engen wechselseitigen Verbindungslinien zwischen den geschilderten Entwicklungen in der angelsächsischen Welt und den Entwicklungen auf dem europäischen Kontinent im Laufe der Geschichte zu beachten. Denn wer sich mit der kontinentaleuropäischen und der angelsächsischen Christentumsgeschichte im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert auseinandersetzt, wird im Umfeld von Pietismus, Erweckungsbewegung und aufkommenden Freikirchen eine durchaus bemerkenswerte sowohl transkonfessionelle als auch transnationale Dynamik beobachten können, die sich wechselseitig beeinflusste. Daher ist es zutreffend, die Wurzeln der heutigen Evangelikalen Bewegung im Puritanismus und Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts und den Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts zu verorten, da die theologischen Gemeinsamkeiten groß waren.

Der Begriff „evangelikal“ als Bezeichnung für eine theologische Strömung innerhalb des Protestantismus im deutschsprachigen Bereich wurde erst in den 1960er Jahren ins Deutsche eingeführt. Eine erste Verwendung des Begriffs „evangelikal“ in einem deutschen Buch findet sich im Jahr 1964. Da erschien eine vom Methodisten Paulus Scharpff verfasste Geschichte der Evangelisation, zu der Billy Graham ein Vorwort schrieb. Scharpff verwendete darin mehrfach die Bezeichnung evangelikal zur Beschreibung der Entwicklungen im angelsächsischen Bereich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, allerdings mit einer bemerwerten Ausnahme: über die nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Inter Varsity Fellowship (IVF) berichtet er, dass sich „Gemeinschaften evangelikaler Vereinigungen auf den Universitäten verschiedener Länder“ der IVF anschlossen. Einige Sätze weiter wird angemerkt: „In Deutschland arbeitet die lVF unter dem Namen ‚Studenten-Mission in Deutschland‘ (SMD)“ Indirekt wird damit die SMD als eine evangelikale Vereinigung bezeichnet.

Peter Schneider, Übersetzer Billy Grahams bei seinen Großevangelisationen in Deutschland und später Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, nimmt für sich in Anspruch, bei einer evangelistischen Veranstaltung im Jahr 1960 die Aufforderung Billy Grahams, sich einer ’^angelwal church. anzuschließen, mit der Bezeichnung „evangelikale Gemeinde simultan übersetzt zu haben. So wollte er einer vorschnellen Assoziation des Begriffs „evangelical church“ mit einer deutschen evangelischen Landeskirche entgegenwirken.

In einer deutschen Übersetzung der „Verfassung“ der World Evangelical Fellowship, der Weltweiten Evangelischen Allianz aus den frühen 1960er Jahren heißt es unter „Klausel 4 Mitgliedschaft“: „Die Gemeinschaft soll aus nationalen ‚evangelical‘ x) Gruppen bestehen, die von Zeit zu Zeit gewählt werden können, und deren Leitung die vorher beschriebene Glaubensgrundlagejährlich unterzeichnet.“

Zu dem „x)‘‘ hinter dem Wort „evangelical“ heißt es in einer Fußnote:
x) „Evangelical“ ist in engIischsprachigen Ländern ein Fachausdruck für die, welche

1. im Gegesatz zu den LiberaIen auf einen [sic!] konservativen Bibelglauben stehen;
2. im Gegensatz zu Ritualisten einen einfachen Gottesdienst vorziehen, in welchem das volle Evangelium gepredigt wird;
3. eine persönliche Bekehrung für notwendig halten.“

Leider fehlt auf dem Dokument jeglicher Hinweis auf die Entstehungszeit. Weitere Dokumente in dem Akt stammen aus dem Jahr 1962, was eine Datierung Anfang der 1960er Jahre nahelegt. Zumindest der zweite Punkt der Definition wirft Fragen nach dem Verfasser dieser Fußnote auf, die ja scheinbar extra für die deutsche Leserschaft eingefügt wurde.

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