Theologie

Augustinus: Gottes Gerechtigkeit ist mit seiner Güte vereinbar

Auf Anfrage des karthagischen Diakons Quodvultdeus verfasste Augustinus parallel zu seinen berühmten Retractationes in den Jahren vor seinem Tod einen sogenannten „Häretikerkatalog“, in dem er insgesamt 88 Gruppierungen unter dem Oberbegriff der Häresie klassifizierte und beschrieb.

Vanessa Bayha hat in ihrer im Wintersemester 2022/21 von der Theologischen Fakultät der Universität Tübingen angenommenen Dissertation diesen augustinischen Häretikerkatalog fortlaufend kommentiert. Dabei rückt Augustins spezifische Kenntnis der jeweiligen Gruppierungen vor dem Hintergrund seines eigenen antihäretischen Engagements und seines Gesamtwerks sehr gut in den Blick. Die Untersuchung wirft ein Schlaglicht auf so gut wie alle Kontroversen, in denen Augustinus zeitlebens verwickelt war.

Der Beitrag in haer. 21 im Häretikerkatalog lässt deutlich erkennen, dass sich Augustinus sowohl gegen die Manichäer als auch gegen die Pelagianer für die Einheit im Gottesbild sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments aussprach.

Ich zitiere aus (#ad): Bayha, V., Augustins „De haeresibus“: Ein Kommentar, Paderborn: Brill Schöningh, 2023, S. 150–151:

Irenäus, auf den die Vorlage für haer. 21,2–4 zurückgeht, hält gegen gnostische Tendenzen, Gottes Gerechtigkeit und Güte als unvereinbar zu betrachten, Gott als den Ursprung der Gerechtigkeit fest. Gottes iustitia manifestiert sich demnach sowohl in der Gabe des alttestamentlichen Gesetzes als auch in der Inkarnation Jesu Christi. Augustins Argumentation bezüglich des deus iustus ist allem voran gegen Manichäer und Pelagianer ausgerichtet; so verteidigt er gegen erstere besonders die Gerechtigkeit des alttestamentlichen Gottes und hält gegen letztere fest, dass Gott auch dann gerecht ist, wenn er einige nicht erwählt. Gegen die manichäische Behauptung, die göttliche Natur sei nicht vollkommen gut, setzt Augustin iustitia diuina [sic ?]und bonitas dei konstitutiv in eins; in der pelagianischen Kontroverse werden entsprechend iustitia und caritas dei parallelisiert. Für die Interpretation von haer. 21,3 hat dies zur Folge, dass die Alternative bonus oder iustus in ihrer Applikation auf den Gott des Gesetzes und der Propheten Augustin zufolge im Grundsatz verfehlt ist. Für Augustin gibt es nur einen Gott, der in beiden Testamenten bezeugt wird, den er als summum bonum bekennt und den er in der Konfrontation mit der manichäischen Zurückweisung des Gesetzes und des Alten Testaments verteidigt. Im Zuge dieser Verteidigung der Einheit im Gottesbild beider Testamente hält Augustin auch an der Güte und Gerechtigkeit des Gesetzes und an der Kontinuität zwischen dem mosaischen Gesetz und der lex Christi als Manifestationen des einen Gotteswillens fest. Christus gilt demzufolge als Geber des neuen Gesetzes und auch die Entsprechung zwischen der „lex, quae per Moysen data est“ und der „gratia et ueritas per lesum Christum facta“ wird im Zuge des übergreifenden Schemas von Verheißung und Erfüllung interpretiert. Entsprechend der paulinischen Gesetzesvorstellung hält Augustin fest, dass das Gesetz heilig, gerecht und gut sei (vgl. Röm 7,12), insofern es dem Menschen das Gute bekannt macht und einen Weg zu seiner Erfüllung aufzeigt. Im Zusammenhang der pelagianischen Kontroverse arbeitet Augustin sein Gesetzesverständnis weiter aus, wobei die positive Funktion des Gesetzes per se bestehen bleibt, da es denjenigen zur Gerechtigkeit dient, die es erfüllen. Durch das Kommen Christi bleibt die lex in Geltung; eine Neuerung findet im Menschen statt, der kraft göttlicher Gnade in den Stand versetzt wird, der eine Gesetzeserfüllung möglich macht In De spiritu et littera wird diese Wechselbeziehung zwischen lex und gratia deutlich, wenn Augustin etwa formuliert: „lex ergo data est, ut gratia quaereretur, gratia data est, ut lex impleretur“. Wenngleich Augustin zufolge die Konfrontation des Menschen mit seiner Unfähigkeit, das Gesetz zu erfüllen, durch das Zuteilwerden der Christusgnade vollkommen übergipfelt wird, appliziert er den Begriff der lex auf beide Zusammenhänge, wenn er der lex operum die lex fidel gegenüberstellt und somit betont, dass der Maßstab der Gerechtigkeit kontinuierlich in Geltung steht. Die gnadenhafte Restitution der Beziehung zwischen Gott und Mensch in Christus kann wiederum mit dem Terminus der iustitia beschrieben werden. Somit ist letztlich die verfehlte Antithese zwischen bonus und iustus nicht nur für haer. 21,3 aufzuheben, vielmehr wäre die Einheit beider Attribute nach Augustin auch dem pater Christi (vgl. haer. 21,4) zuzuschreiben.

Hypergeistlichkeit

Am 4. Juli 1970 schrieb Francis Schaeffer einen Brief an einen jungen Mann in Japan, der die Beziehung zu einer jungen Amerikanerin mit dem Namen Carolyne beendet hatte, da er unter dem Eindruck stand, dass seine Liebe nicht „rein genug“ war.

Schaeffer griff in hilfreicher Weise Themen wie Vollkommenheitsideal, Hypergeistlichkeit oder Antinomismus auf. Nachfolgend gebe ich einen Auszug weiter (aus #ad Letters of Francis A. Schaeffer: Spiritual Reality in the Personal Christian Life, hrsg. von Lane T. Dennis, Wheaton, IL: Crossway, 1985, S. 197–198):

Ich bin der festen Überzeugung, dass einer der größten Flüche eines Großteils des evangelikalen Christentums darin besteht, dass Menschen das Gefühl haben, sie hätten das Recht, anderen Menschen zu sagen, was der Wille des Herrn für sie ist; und ehrlich gesagt glaube ich, dass einige Deiner Fehler ihren Ursprung in den meiner Meinung nach schlechten Ratschlägen haben, die Dir Christen seit Deiner Rückkehr nach Japan gegeben haben.

Wenn Maßstäbe aufgestellt werden, die nicht wirklich biblisch sind, und insbesondere wenn diese als geistlicher Maßstab dargestellt werden, nach dem wir streben sollten, kann das nur zu Kummer führen. Wenn wir versuchen, eine Geistlichkeit zu erreichen, die höher ist als die, die die Bibel vorgibt, wird sie sich immer als niedriger erweisen. Mir ist klar, dass Christen, die dies tun, nicht glauben, dass sie einen Maßstab aufstellen, der sich von der Schrift unterscheidet, aber in Wirklichkeit ist es genau das.

[Im Bereich der Liebesbeziehung wie auch im gesamten Leben] gibt es zwei Gefahren, denen man widerstehen muss. Die erste ist der Antinomismus. Dies ist seit den Anfängen der Kirche eine Irrlehre. Der Antinomismus lehrt, dass wir durch das Blut Christi und nichts anderes gerettet werden und es daher nach unserer Errettung keine Rolle spielt, wie wir leben. Die gegenteilige Gefahr, die ebenso zerstörerisch ist, ist jede Form von Askese. Askese ist die Abwertung des ganzen Menschen – theoretisch, um den spirituellen Teil des Menschen zu stärken. Diese Abwertung des ganzen Menschen kann die Abwertung des Intellekts, des Künstlerischen oder des Körperlichen sein. Was die Menschen vergessen, ist, dass Gott den ganzen Menschen geschaffen hat und kein Teil des Menschen von Natur aus sündig ist. Jeder Teil des Menschen kann sündhaft sein, und in einer gefallenen Welt gibt es selbst für Christen keine Vollkommenheit in irgendeinem Bereich unseres Lebens.

Somit sind zwei Dinge zu beachten. Die Erkenntnis, dass wir in keinem Bereich unseres Lebens vollkommen sind, bedeutet, dass wir unsere Fehler in jedem Bereich unseres Lebens ständig unter das Blut Christi bringen müssen, um Vergebung zu erlangen. Gleichzeitig müssen wir Christus bitten, seine Frucht in allen Bereichen unseres Lebens hervorzubringen. Das andere, was wir ständig im Auge behalten müssen, ist die Tatsache, dass kein Teil des ganzen Menschen an sich sündhaft ist. Die Vorstellung, dass das „Geistige” hoch und das Intellektuelle oder Körperliche niedrig ist, entspricht nicht dem biblischen Christentum. Es ist eine Askese, die aus der Auferlegung platonischen Denkens auf das Christentum entstanden ist. Ich muss sagen, dass ich aufgrund Deiner Briefe an Carolyn und nun auch Deiner Briefe an mich den Eindruck habe, dass Du diesem Irrtum zum Opfer gefallen bist.

“Nicht zu verachten …“ – Johannes Calvin und die Apokryphen

Wie bewertete Johannes Calvin die apokryphen Schriften des Alten Testaments? Matthias Freudenberg schreibt („‚Nicht zu verachten …‘ (Johannes Calvin) – Die Apokryphen im Spiegel der reformierten Theologie“, Catholica 76, 4 (2022), S. 234–47):

Wie in den bekannten Bibelausgaben der Reformation finden sich auch in der Bibel Pierre Robert Olivetans (1535) – einem Vetter Calvins – und in der Genfer Bibel (1546) die Apokryphen im Anschluss an die alttestamentlichen Bücher. Auch hier verdient Beachtung, dass sie überhaupt abgedruckt und nicht ignoriert wurden – jedenfalls in der Anfangszeit. In der Vorrede zu den Apokryphen in der Olivetanbibel (1535) schreibt Calvin, dass die Apokryphen gelesen werden, aber nicht öffentlich im Gottesdienst, sondern „im Geheimen und abseits“, also privat; sie seien „weder als verbindlich angenommen noch als legitim angesehen worden, weder von den Hebräern noch von der ganzen Kirche“.

Unter Bezug auf Hieronymus fährt er fort: „Wir haben sie abgetrennt und beiseite gesetzt, um sie besser zu unterscheiden und kenntlich zu machen, damit man weiß, aus welchen Büchern das Zeugnis als bindend angenommen werden muss und aus welchen nicht.“ Affirmativ heißt es, dass der Glaube Gewissheit im Wort Gottes erhält. Calvin liegt an der Glaubensgewissheit, und diese kann sich nur auf die Wahrheit der „lebendigejn] und kraftvollejn] Schrift“ gründen.

Ein Jahrzehnt später argumentiert Calvin in der Vorrede zu den Apokryphen der Genfer Bibel (1546), einer Revision der Olivetanbibel: „Diese Bücher, Apokryphen genannt, sind immer von den Schriften unterschieden worden, die man ohne Schwierigkeit als Heilige Schrift bezeichnete. Denn die Kirchenväter wollten der Gefahr vorbeugen, einige profane Bücher mit denen zu vermischen, die sicherlich vom Heiligen Geist hervorgebracht waren.“ Allerdings räumt er ein: „Es ist wahr, dass die Apokryphen nicht zu verachten sind, soweit sie gute und nützliche Lehre enthalten.“ Daraus erwachse „Lehre zur Erbauung“. Doch habe das, was durch den Heiligen Geist gegeben ist, Vorrang „vor allem, was von Menschen gekommen ist“. Glaubensgewissheit können diese Schriften nicht hervorrufen und seien daher nicht verbindlich, sondern sollen privat gelesen werden. Auch wenn Calvins Zurückhaltung gegenüber den Apokryphen unübersehbar ist, verzichtet er darauf, diese gänzlich abzuwerten. Ihm geht es um die Glaubensgewissheit, die der Heilige Geist mit Hilfe der kanonischen Schriften bekräftigt; von diesen müssen die Apokryphen als private Texte ohne Rechtskraft unterschieden werden. Calvin stellt die Glaubensgewissheit aus öffentlich beglaubigten Urkunden (Kanon) und die Lehre zur Erbauung (Apokryphen) aus Privatschriften einander gegenüber.

Ebenfalls 1546 erhielt Calvin Kenntnis von der Trienter Konzilsentscheidung, mit der in Sessio IV der Umfang des Kanons dogmatisiert und zum Alten Testament auch die Apokryphen gezählt wurden (DH 1502–1504). Ein Jahr später reagierte er darauf mit einer Streitschrift Acta Synodi Tridentinae cum Antidoto gegen die Konzilsakten und bestritt die Gleichrangigkeit der apokryphen mit den kanonischen Schriften sowie deren Einordnung ins Alte Testament; die apokryphen im Anschluss an die alttestamentlichen Texte einzuordnen, schloss er indes nicht aus.

Zudem machte er theologische Einwände. Es gäbe „keinen noch so ungeheuerlichen Aberglauben, zu dem sie nicht gleichsam den [siebenhäutigen] Schild des Ajax herantragen, um ihn damit beschützen zu wollen“; dazu zählen das Fegefeuer (2Makk 7,36; 12,43–45), die Vermittlung der Heiligen (2Makk 3,25–30; 10,29f.; 11,8), die Genugtuung (Tob 4,10f.; 12,9) und die Exorzismen (Tob 6,8.17). Einzelne Stellen aus den Apokryphen dienten zur Beglaubigung von kirchlichen Lehren, nämlich „zur Färbung ihrer Irrtümer mit unechter Schminke“: „Woher sollen sie besser den Bodensatz schöpfen [als aus den Apokryphen]?“ Allerdings räumt Calvin ein, dass er diese Bücher keineswegs gänzlich verdammen wolle. Doch eine Vertrauensbasis für den Glauben böten sie nicht. Im Übrigen widerspreche ihre Kanonisierung dem Konsens der Alten Kirche, da sie den Glauben nicht förderten.

Der Christ und der Antisemitismus

Francis Schaeffer, geboren 1912, hat als Pastor und Lehrer immer wieder gegen Rassismus, Identitarismus und Nationalismus Stellung bezogen. Auch vor Antisemitismus hat er gewarnt. Im Jahr 1943 hat er eine Stellungnahme verfasst, die angesichts einiger Entwicklungen in unseren Tagen recht aktuell klingt. Ich habe sie im Archiv zur Geschichte der Presbyterianer in Amerika gefunden. Erschienen ist sie ursprünglich im The Independent Board Bulletin, Oktober 1943, S. 16–19.

Hier eine Übersetzung:

Der fundamentalistische Christ und der Antisemitismus
Pfarrer Francis A. Schaeffer

„Ich will dich zu einem großen Volk machen.“ Genesis 12,2.

Wir stimmen dem Standpunkt dieses Artikels voll und ganz zu. Wenn seine Haltung die Haltung aller Christen wäre, würde die Angst, in der sogar amerikanische Juden leben,verschwinden und viele würden sich sofort Christus zuwenden. – Die Herausgeber

Wir leben in einer Zeit, in der Antisemitismus eine mächtige Kraft ist. In vielen Ländern hat er zum Tod unzähliger Juden geführt. Selbst in unserem eigenen Land zeigt er sich von Zeit zu Zeit in verschiedenen Formen. Selbst unter denen, die sich als fundamentalistische Christen bezeichnen, finden wir gelegentlich Personen, die einen Großteil ihrer Zeit damit verbringen, die Juden anzugreifen.

Wenn ich über Antisemitismus nachdenke, kommt mir als Erstes die Tatsache in den Sinn, dass Christus Jude war. Wenn wir das Neue Testament bei Matthäus 1,1 aufschlagen, finden wir als allererste Aussage über Christus, dass er von Abraham abstammt und ein Nachkomme Davids ist. Die Bibel sagt nicht, dass Jesus zufällig Jude war, sondern das Wort betont immer wieder, dass er Jude war.

Als er acht Tage alt war, wurde er wie jeder jüdische Mann zum Tempel gebracht und beschnitten. Deshalb müssen wir uns daran erinnern, dass Jesus das körperliche Zeichen des jüdischen Volkes trug. Als er zwölf Jahre alt war, wurde er im Tempel geweiht, was erneut betont, dass seine jüdische Abstammung und sein jüdischer Glaube für ihn keine Nebensache waren, sondern dass sie von seiner frühen Erziehung an seinen wesentlichen menschlichen Hintergrund bildeten. Die Bibel lehrt uns, dass er während seines öffentlichen Wirkens als erwachsener Mann zwar rein menschliche jüdische Traditionen ablehnte, sein Leben jedoch sorgfältig den Maßstäben des Alten Testaments entsprach. Tatsächlich lebte er so, dass sich sogar die Prophezeiungen des Alten Testaments über den Messias vollständig in ihm erfüllten. Er war der Jude aller Juden.

In seinem öffentlichen Wirken finden wir ihn fast ausschließlich im Umgang mit Juden. Kaum jemals berührte er das Leben eines Nichtjuden. Die zwölf Jünger waren alle Juden. Die früheste Kirche bestand ausschließlich aus Juden. Es war Petrus, der Jude, der zu dem Proselyten Cornelius sprach. Es waren die gläubigen Juden, die durch die Verfolgung nach dem Tod des Stephanus in alle Welt zerstreut worden waren, die die Frohe Botschaft nach Antiochia in Syrien brachten, wo die erste nichtjüdische christliche Kirchengemeinde gegründet wurde. Der Missionar, der das heidnische Römische Reich für die Verkündigung des Evangeliums öffnete, war der Jude Paulus.

Und wenn wir uns fragen, warum die Juden einen so wichtigen Platz in der frühen christlichen Kirche einnahmen, müssen wir uns bewusst machen, dass dies kein nachträglicher Einfall in Gottes Plan war, sondern dass Gott zweitausend Jahre lang in der Geschichte gewirkt hatte, um genau diese Tatsache herbeizuführen. Gott berief Abraham aus Ur in Chaldäa als ersten Juden, als die Erde sich vollständig vom lebendigen Gott abgewandt hatte. Er versprach ihm, dass das Land ihm gehören sollte, dass er zahlreiche Nachkommen haben sollte, aber vor allem, dass die ganze Welt durch ihn gesegnet werden sollte. Gott berief Abraham zu diesem bestimmten Zweck, dass durch ihn der Messias kommen sollte. Die Juden waren zweitausend Jahre lang in der Vorsehung Gottes die Wiege des kommenden Erlösers.

Wenn wir die Geschichte dieser zweitausend Jahre betrachten, stellen wir fest, dass Gott den Juden immer wieder die Verheißung des kommenden Messias bekräftigte, sodass die Verheißung nicht nur Abraham, sondern auch Isaak und Jakob gegeben wurde, und dann auf den Stamm Juda und schließlich auf die königliche Familie – die Familie Davids – eingegrenzt wurde. Im Laufe der Jahre wurde auch versprochen, dass er in Bethlehem geboren werden sollte, dass er ein leidender Messias sein sollte, aber auch, dass er in Palästina im Namen seines Volkes, der Juden, regieren sollte.

In diesen zweitausend Jahren, in denen der Weg für das Kommen des Messias bereitet wurde, lag die ganze Erde in Finsternis, bis auf das Licht, das in Israel leuchtete. Während unsere Vorfahren etwas verehrten, von dem wir nicht wissen, was es war, aber sicherlich nicht den lebendigen Gott, wurden die Juden als Gottes auserwähltes Volk bezeichnet. Sie waren von allen anderen Völkern der Erde getrennt. Sie wurden von Gott geliebt, ein Königreich von Priestern. Und selbst in Zeiten ihrer Sünde hielt Gott seine Hand über sie, damit ein Überrest sein sein sollte, aus dem der Gesalbte kommen würde. Nein, Jesus war nicht zufällig Jude, noch war dies eine Nebensächlichkeit im Plan Gottes; wäre Jesus nicht als Jude geboren worden, hätte er gemäß dem Alten und dem Neuen Testament nicht unser Erlöser sein können.

Was die Gegenwart betrifft, in der wir leben, lehrt uns Römer 11,17–24, dass wir als gläubige Heiden uns nicht gegenüber den Juden, den natürlichen Zweigen, rühmen sollen, denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat, sollen wir aufpassen, dass er uns nicht verschont. Wie deutlich wird betont, dass, wenn wir, die wir von Natur aus wilde Zweige waren, entgegen der Natur in den guten Olivenbaum eingepfropft wurden, umso mehr die natürlichen Zweige in ihren eigenen Olivenbaum eingepfropft werden. Und was betont Epheser 2,14 uns gegenüber, wenn nicht, dass durch den Tod Jesu die trennende Wand zwischen Juden und Heiden niedergerissen wurde – nicht, dass die Juden verworfen werden sollten, sondern dass wir durch den Glauben einen Platz unter den Juden haben sollten. Abraham ist nun unser Vater, und da wir unseren Glauben an Christus gesetzt haben, sind wir nun geistliche Juden.

Für die Zukunft ist das Wort Gottes nach wie vor eindeutig. In Römer 11,25 wird deutlich gemacht, dass die Verblendung, die jetzt teilweise über Israel gekommen ist, nicht für immer sein wird, sondern nur bis die Vollzahl der Heiden eingegangen ist. Und was wird dann geschehen? Der 26. Vers sagt uns, dass dann ganz Israel gerettet werden wird, wenn der Erlöser alle Gottlosigkeit von Jakob abwendet. Der 29. Vers ist ein Vers, den wir lieben und für uns selbst verwenden: „Denn die Gaben und die Berufung Gottes sind ohne Reue.“

Wir können ihn auf uns selbst beziehen, weil Gott niemals ein Versprechen bricht, aber beachten wir, dass er sich in erster Linie auf die Juden bezieht. Gott hat Israel als Nation Großes versprochen, und dieses Wort sagt uns, dass er es auch erfüllen wird. Wenn er sie nicht erfüllt, dann sind die Gaben und die Berufung Gottes nicht unwiderruflich. In Sacharja 12,10 wird erneut deutlich gesagt, dass der Tag kommen wird, an dem die Juden „auf den blicken werden, den sie durchbohrt haben, und um ihn trauern werden, wie man um den einzigen Sohn trauert“. An dem Tag, an dem Israel gerettet wird, werden sie auf Jesus schauen und erkennen, dass er bei seinem ersten Kommen ihr wahrer Messias war. Nicht nur das Alte Testament verspricht, dass das Land Palästina wieder den Juden gehören wird, sondern auch im Neuen Testament, in Lukas 21,24, wird uns gesagt, dass Jerusalem von den Heiden nur so lange zertreten werden wird, bis die Zeit der Heiden erfüllt ist. Daher sagt uns das Wort Gottes, dass der Tag kommen wird, an dem ganz Israel gerettet wird und die Juden Jesus als ihren wahren Messias erkennen werden und dass auch das verheißene Land wieder ihnen gehören wird. Nicht nur für die Vergangenheit, nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft sollten wir, die wir jetzt zu Christus gehören, die Juden lieben.

Wir können nicht erwarten, dass die Heiden, die den Begriff „Christ” lediglich verwenden, um den Unterschied zwischen Heiden und Juden zu bezeichnen, die Juden lieben, aber wir, die wir in der Tat Christen sind, da wir durch den Glauben an Christus gerettet worden sind, sollten sein altes Volk lieben. Vor allem sollten wir in diesem Zusammenhang stets bedenken, dass unser Herr selbst Jude war – als Jude geboren, als Jude gelebt, als Jude gestorben. Auch die große Mehrheit der Helden des Glaubens, die ich persönlich sehen möchte, wenn ich zu meinem Herrn gehe, sind Juden. Ich möchte Abraham sehen, und er ist ein Jude. Und ich möchte Isaak sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Jakob sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Josef sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Mose sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Josua sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Gideon und die anderen Richter sehen, und sie sind Juden. Ich möchte die Propheten sehen – Jesaja, Elia, Elisa und alle anderen, und sie sind Juden. Ich möchte Daniel und Esra und Nehemia sehen, und sie sind Juden. Ich möchte Johannes sehen, und er ist Jude. Ich möchte Jakobus sehen, und er ist Jude. Ich möchte Petrus sehen, und er ist Jude. Ich möchte Paulus sehen, und er ist Jude. Dies sind nur einige von denen, die ich gerne treffen würde und die den Namen „Jude” tragen. Wie könnte ich die Juden hassen?

Und wenn dies für uns, die wir bibelgläubige Christen sind, nicht ausreicht, dann beachten wir das Gebot Gottes in Römer 11,31. Es sagt uns ganz klar, wie unsere Haltung in dieser Zeit gegenüber dem natürlichen Israel sein sollte. Wir sollten ihnen Barmherzigkeit erweisen. Und, meine Freunde, Barmherzigkeit und Antisemitismus in jeglicher Form passen nicht zusammen. Wir können nicht versuchen, sie einzeln für den Herrn Jesus Christus als ihren persönlichen Erlöser zu gewinnen, wenn wir sie in unseren Herzen als Volk verachten.

Vor nicht allzu langer Zeit zitierte mir ein einflussreicher Jude in New York City, Redakteur einer der New Yorker Zeitungen, ein kleines Gedicht, das, wie er sagte, unter den Juden dieser Stadt weit verbreitet sei. Als ich über diesen Reim nachdachte, fand ich ihn mehr als nur einen interessanten Spruch. Er spricht Weisheit über den Menschen aus, der den Namen Christ trägt und dennoch in seinem Denken antisemitisch ist.

„Wie seltsam von Gott, die Juden auszuwählen,
aber nicht so seltsam wie diejenigen,
die den jüdischen Gott wählen und die Juden hassen.“

Gott glauben, wegen der Hölle?

Peter Brown hebt in seiner Biographie zu Augustinus sehr anschaulich hervor, dass es Augustinus im Unterschied zu Pelagius wirklich um die Liebe zu Gott ging, nicht um die Liebe zu mir selbst (Augustinus von Hippo, 1982, S. 326):

Pelagius ist es, nicht Augustinus, der auf die Schrecken des Jüngsten Gerichtes anspielt, zu welchem Augustinus einfach bemerkt, daß „ein Mensch, der die Sünde wegen der Hölle fürchtet, nicht das Sündigen fürchtet, sondern das Brennen“. 

Die Geschichte hinter dem Heidelberger Katechismus

Michael Horton hat mir R. Scott Clark über die Entstehung des Heidelberger Katechismus (lat. Catechesis Palatina) besprochen. 

Der Katechismus wurde hauptsächlich von Zacharias Ursinus (unter Mithilfe von Caspar Olevianus) verfasst. Meiner Meinung nach ist der „Heidelberger“ einer der schönsten Katechismen. Clark hat sich in seinem Buch The Heidelberg Catechism (2025, #ad) mit der Theologie des Katechismus auseinandergesetzt und diese kommentiert. Sehr hilfreich! 

Hier: 

Zwischen Werkgerechtigkeit und Gesetzlosigkeit

Dass Luther keine billige Gnade verkündigte, stellt Albrecht Peters im folgenden Zitat heraus (Rechtfertigung, 1984, S. 34–35):

Weil sie uns aufmerksam macht auf unseren faktischen Ort unter Gottes Gerichtsurteil im Gesetz und unter Gottes Gnadenzusage im Evangelium, wird bei Luther die Rechtfertigung weder zu einer dogmatischen Lehre unter anderen Lehrpunkten noch zu einem denkerischen Axiom für systematische Schlußfolgerungen. Zugleich leitet uns die Rechtfertigungsverkündigung an, angesichts des unerbittlichen Gerichtsurteils des heiligen Gottes unermüdlich zur Christusgnade Zuflucht zu nehmen. Als solenne Lehre entwickelt der Reformator die Rechtfertigung nur im spezifischen Gegenüber zur Werkfrömmigkeit. Ähnlich wie sich beim Apostel Paulus die klassischen Kontroversformeln „ohne des Gesetzes Werke – allein durch den Glauben“ fast nur im Galater- und Römerbrief finden, so tauchen sie auch bei Luther primär an der „Mönchsfront“ auf, dort also, wo es den Pharisäer der Werkgerechtigkeit, der mitten in der Christenheit erneut sein Haupt erhoben hat, zu ersäufen gilt. Der Luther an der „Bauernfront“ hingegen scheint jene zugespitzten Antithesen zu vermeiden. Sie treten zurück bei dem lehrenden und ermahnenden Visitator, der auf dem steinigen Boden seiner sächsischen Ackerbürger rechte Glaubensfrüchte ernten soll. Den Luther an der „Mönchsfront“ muß man suchen in den Auslegungen des Römer- und Galaterbriefes sowie der Psalmen; den Luther an der „Bauernfront“ findet man in den Dekalog- und Credo-Auslegungen oder in den Wochenpredigten. Beide Fronten sind miteinander im Blick vorzüglich in den großen Disputationen zur Rechtfertigung sowie gegen die Antinomer. Der Reformator an der „Mönchsfront“ gegen die Werkgerechtigkeit thematisiert wie der Apostel im Ringen mit kosmologischen Spekulationen, asketischer Gesetzlichkeit und enthusiastischer Gnosis judaisierender Gruppen das schroffe Nicht-Sondern des Articulus stantis aut cadentis Ecclesiae; der Reformator an der „Bauernfront“ gegen eine libertinistische Dickfelligkeit rückt jene polemische Alternative etwa mit dem Zeugnis des Epheser- und Kolosserbriefes hinein in den übergreifenden Bogen des göttlichen Schöpfer- und Erlöserwirkens und dringt auf eine tat- hafte Glaubensantwort. Und doch ist beides ein und derselbe Luther, ob auch ein und derselbe Paulus?

Augustins’ Gottsuche unter der ziehenden Kraft der Gnade

Bengt Hägglund schreibt über die Bekehrung von Augustins (Geschichte der Theologie, 1997, S. 89).

In den „Confessiones“ beschreibt Augustin seinen Weg zum Christentum: Er irrte danach in seiner Blindheit auf falschen Wegen umher, stand die ganze Zeit über jedoch unter der ziehenden Kraft der Gnade und wird immer wieder von der Liebe zur Wahrheit ergriffen, bis diese Liebe und sein Sinn schließlich durch die Bekehrung beständig auf die geistliche Wirklichkeit gelenkt werden. Zuvor habe er die Wahrheit nur verschwommen in der Feme geschaut; die Liebe zu ihr habe nur aus zeitweiligen Stimmungen bestanden, die die Liebe zur Welt nicht zu überwinden vermochten. Das Vielerlei in der Welt habe ihn gefangengehalten und sein Wesen zersplittert. Erst als er zum Glauben vordrang und sich der Wahrheit der Schrift unterwarf, habe er Frieden gefunden. Erst da erreichte er das, wonach er vordem gesucht hatte, ohne es finden zu können. Diese Erfahrung ist es, die Augustin mit den bekannten Worten zusammenfaßt: „Fecisti nos ad te, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te“ (Du hast uns zu Dir hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir – Conf. 1,1).

Alter Gnostizismus in neuem Gewand?

In den letzten Jahren haben christliche Gelehrte wie Oliver O’Donovan und Nancy Pearcey die moderne Transgender-Bewegung mit der alten Häresie des Gnostizismus verglichen. In „Transsexualism and Christian Marriage“ (dt. „Transsexualität und die christliche Ehe“) schreibt O’Donovan:

Wenn ich behaupte, ein ‚wahres Geschlecht‘ zu besitzen, das mit dem Geschlecht meines Körpers kollidiert (oder mindestens in einer ungewissen Beziehung zu diesem steht), werde ich davor zurückschrecken, mich selbst als physisches und geistiges Wesen freudig anzunehmen; stattdessen suche ich Selbsterkenntnis in einer Art gnostischen Abkehr von der materiellen Schöpfung.

In Liebe deinen Körper vertritt Pearcey einen ähnlichen Standpunkt:

Junge Menschen verinnerlichen die Vorstellung, dass der physische Körper nicht Teil des authentischen Selbst ist – dass das authentische Selbst nur das autonom entscheidende Selbst ist. Das ist alter Gnostizismus in neuem Gewand.

Ob dieser Vergleich wirklich berechtigt ist, wird von Meagan Stedman in dem Aufsatz „Alter Gnostizismus in neuem Gewand?: Gnostische Anthropologie, der Transgenderismus und die Antwort Tertullians“ untersucht, der hier nachgelesen werden kann: www.evangelium21.net.

Zur Vertiefung des Themas sei auch das Buch Der Siegeszug des modernen Selbst von Carl Trueman empfohlen.

Der NT-Kanon: Menschenwerk oder Gottes Werk?

Wie ist der Kanon des Neuen Testaments enstanden und welche Rolle spielt Gott bei der Entstehung? Der Althistoriker Prof. Dr. Weiß versucht, diese komplexe Frage in sechs Minuten zu beantworten. Es ist ihm gut gelungen.

Hier:

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