Theologie

Die Geschichte hinter dem Heidelberger Katechismus

Michael Horton hat mir R. Scott Clark über die Entstehung des Heidelberger Katechismus (lat. Catechesis Palatina) besprochen. 

Der Katechismus wurde hauptsächlich von Zacharias Ursinus (unter Mithilfe von Caspar Olevianus) verfasst. Meiner Meinung nach ist der „Heidelberger“ einer der schönsten Katechismen. Clark hat sich in seinem Buch The Heidelberg Catechism (2025, #ad) mit der Theologie des Katechismus auseinandergesetzt und diese kommentiert. Sehr hilfreich! 

Hier: 

Zwischen Werkgerechtigkeit und Gesetzlosigkeit

Dass Luther keine billige Gnade verkündigte, stellt Albrecht Peters im folgenden Zitat heraus (Rechtfertigung, 1984, S. 34–35):

Weil sie uns aufmerksam macht auf unseren faktischen Ort unter Gottes Gerichtsurteil im Gesetz und unter Gottes Gnadenzusage im Evangelium, wird bei Luther die Rechtfertigung weder zu einer dogmatischen Lehre unter anderen Lehrpunkten noch zu einem denkerischen Axiom für systematische Schlußfolgerungen. Zugleich leitet uns die Rechtfertigungsverkündigung an, angesichts des unerbittlichen Gerichtsurteils des heiligen Gottes unermüdlich zur Christusgnade Zuflucht zu nehmen. Als solenne Lehre entwickelt der Reformator die Rechtfertigung nur im spezifischen Gegenüber zur Werkfrömmigkeit. Ähnlich wie sich beim Apostel Paulus die klassischen Kontroversformeln „ohne des Gesetzes Werke – allein durch den Glauben“ fast nur im Galater- und Römerbrief finden, so tauchen sie auch bei Luther primär an der „Mönchsfront“ auf, dort also, wo es den Pharisäer der Werkgerechtigkeit, der mitten in der Christenheit erneut sein Haupt erhoben hat, zu ersäufen gilt. Der Luther an der „Bauernfront“ hingegen scheint jene zugespitzten Antithesen zu vermeiden. Sie treten zurück bei dem lehrenden und ermahnenden Visitator, der auf dem steinigen Boden seiner sächsischen Ackerbürger rechte Glaubensfrüchte ernten soll. Den Luther an der „Mönchsfront“ muß man suchen in den Auslegungen des Römer- und Galaterbriefes sowie der Psalmen; den Luther an der „Bauernfront“ findet man in den Dekalog- und Credo-Auslegungen oder in den Wochenpredigten. Beide Fronten sind miteinander im Blick vorzüglich in den großen Disputationen zur Rechtfertigung sowie gegen die Antinomer. Der Reformator an der „Mönchsfront“ gegen die Werkgerechtigkeit thematisiert wie der Apostel im Ringen mit kosmologischen Spekulationen, asketischer Gesetzlichkeit und enthusiastischer Gnosis judaisierender Gruppen das schroffe Nicht-Sondern des Articulus stantis aut cadentis Ecclesiae; der Reformator an der „Bauernfront“ gegen eine libertinistische Dickfelligkeit rückt jene polemische Alternative etwa mit dem Zeugnis des Epheser- und Kolosserbriefes hinein in den übergreifenden Bogen des göttlichen Schöpfer- und Erlöserwirkens und dringt auf eine tat- hafte Glaubensantwort. Und doch ist beides ein und derselbe Luther, ob auch ein und derselbe Paulus?

Augustins’ Gottsuche unter der ziehenden Kraft der Gnade

Bengt Hägglund schreibt über die Bekehrung von Augustins (Geschichte der Theologie, 1997, S. 89).

In den „Confessiones“ beschreibt Augustin seinen Weg zum Christentum: Er irrte danach in seiner Blindheit auf falschen Wegen umher, stand die ganze Zeit über jedoch unter der ziehenden Kraft der Gnade und wird immer wieder von der Liebe zur Wahrheit ergriffen, bis diese Liebe und sein Sinn schließlich durch die Bekehrung beständig auf die geistliche Wirklichkeit gelenkt werden. Zuvor habe er die Wahrheit nur verschwommen in der Feme geschaut; die Liebe zu ihr habe nur aus zeitweiligen Stimmungen bestanden, die die Liebe zur Welt nicht zu überwinden vermochten. Das Vielerlei in der Welt habe ihn gefangengehalten und sein Wesen zersplittert. Erst als er zum Glauben vordrang und sich der Wahrheit der Schrift unterwarf, habe er Frieden gefunden. Erst da erreichte er das, wonach er vordem gesucht hatte, ohne es finden zu können. Diese Erfahrung ist es, die Augustin mit den bekannten Worten zusammenfaßt: „Fecisti nos ad te, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te“ (Du hast uns zu Dir hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir – Conf. 1,1).

Alter Gnostizismus in neuem Gewand?

In den letzten Jahren haben christliche Gelehrte wie Oliver O’Donovan und Nancy Pearcey die moderne Transgender-Bewegung mit der alten Häresie des Gnostizismus verglichen. In „Transsexualism and Christian Marriage“ (dt. „Transsexualität und die christliche Ehe“) schreibt O’Donovan:

Wenn ich behaupte, ein ‚wahres Geschlecht‘ zu besitzen, das mit dem Geschlecht meines Körpers kollidiert (oder mindestens in einer ungewissen Beziehung zu diesem steht), werde ich davor zurückschrecken, mich selbst als physisches und geistiges Wesen freudig anzunehmen; stattdessen suche ich Selbsterkenntnis in einer Art gnostischen Abkehr von der materiellen Schöpfung.

In Liebe deinen Körper vertritt Pearcey einen ähnlichen Standpunkt:

Junge Menschen verinnerlichen die Vorstellung, dass der physische Körper nicht Teil des authentischen Selbst ist – dass das authentische Selbst nur das autonom entscheidende Selbst ist. Das ist alter Gnostizismus in neuem Gewand.

Ob dieser Vergleich wirklich berechtigt ist, wird von Meagan Stedman in dem Aufsatz „Alter Gnostizismus in neuem Gewand?: Gnostische Anthropologie, der Transgenderismus und die Antwort Tertullians“ untersucht, der hier nachgelesen werden kann: www.evangelium21.net.

Zur Vertiefung des Themas sei auch das Buch Der Siegeszug des modernen Selbst von Carl Trueman empfohlen.

Der NT-Kanon: Menschenwerk oder Gottes Werk?

Wie ist der Kanon des Neuen Testaments enstanden und welche Rolle spielt Gott bei der Entstehung? Der Althistoriker Prof. Dr. Weiß versucht, diese komplexe Frage in sechs Minuten zu beantworten. Es ist ihm gut gelungen.

Hier:

Sebastian Ostritsch spricht über die Gottesbeweise

Der Philosoph Sebastian Ostritsch (vgl. hier) spricht im Cicero-Podcast über die Gottesbeweise. Er erklärt nicht nur die „Fünf Wege“ des Thomas von Aquin akkurat, sondern stellt auch den ontologischen Gottesbeweis von Anselm sehr anschaulich dar. 

Obwohl aus protestantischer Sicht von den Gottesbeweisen weniger zu erwarten ist als innerhalb der thomistischen Tradition, dürfen wir uns sehr freuen, dass wieder über Themen wie diese gesprochen wird. 

Hier: 

Comic-Zeichner Scott Adams vielleicht im Glauben verstorben

Der Comic-Künstler Scott Adams ist gestern, also am 13. Januar 2026, im Alter von 68 Jahren verstorben. Sehr bekannt wurde er durch die Dilbert-Comics.

In einem Livestream nach seinem Tod teilte Adams’ Ex-Ehefrau eine Erklärung mit, die er vor seinem Tod verfasst hatte und in der er verkündete, dass er Jesus Christus als seinen Herrn und Erlöser angenommen habe

Hier der bewegende Mitschnitt:

Jesaja 7,14 doch messianisch?

Jesaja 7,14 bleibt einer der am meisten diskutierten Verse der hebräischen Bibel, insbesondere hinsichtlich seiner Zitierung in Matthäus 1,23 als eine Prophezeiung, die sich in der jungfräulichen Geburt Jesu erfüllt hat. Viele Gelehrte behaupten, dass der ursprüngliche Kontext eine historische Erfüllung während der Regierungszeit von Ahas und Hiskia erfordert, wodurch Matthäus’ Lesart bestenfalls als nicht wörtlich oder typologisch erscheint.

Auch sprachlich gibt es bedeutsame Einwände gegen eine Übersetzung von ʿalmāh mit „Jungfrau“. Deshalb übersetzen zum Beispiel die Basisbibel oder auch die Gute Nachricht mit „junge Frau“.

In einem bemerkenswerten Aufsatz argumentiert Seth Postell, Professor für Altes Testament am Israel College in Israel, für eine messianische Lesart von Jesaja 7,14.  Durch die Lektüre von Jesaja 7 im Lichte seiner Platzierung innerhalb von Jesaja 2–12, einem Abschnitt, der von eschatologischer Hoffnung und messianischer Erwartung geprägt ist, zeigt er, dass Jesaja 7,14 eine zukünftige, wundersame Geburt vorwegnimmt. Darüber hinaus zeigt eine genaue Betrachtung der sprachlichen Merkmale und der wiederkehrenden Bilder von Zerstörung und Erneuerung, dass Jesaja eine kohärente Vision der messianischen Hoffnung präsentiert, wobei die Immanuel-Prophezeiung ein integraler Bestandteil dieser Vision ist. In diesem Licht erscheint die Interpretation des Matthäus nicht als apostolische Auferlegung, sondern als getreue Auslegung der beabsichtigten Botschaft Jesajas.

Aus dem Fazit: 

Wir haben uns die bemerkenswerten Ähnlichkeiten zwischen dem davidischen Spross, der hervorgeht, wenn der Zweig des prahlerischen assyrischen Königs vollständig abgeschnitten ist (Jes 10,33–11,1; siehe auch 8,21–9,6), und der Erzählung über Hiskia angesehen, den Gott zusammen mit einem Überrest auf wundersame Weise vor dem prahlerischen König von Assyrien bewahrt hat (Jes 36–37). Die Ähnlichkeiten führen zu einer Spannung zwischen den begrenzten Errungenschaften Hiskias und der Erwartung eines ewigen Friedensreiches. Das Buch Jesaja löst diese Spannung, indem es Assyrien mit Babylon verschmilzt (Jes 13–14), während das Kommen des Messias speziell mit einer zweiten Verbrennung verbunden ist – einer zweiten Zerstörung des Landes durch eine große Weltmacht (6,11–13). Als Teil der literarischen Strategie des Buches verwendet der Autor Hiskia als vorausschauende Analogie für den König, durch den Jesajas Vision erfüllt werden würde. Schließlich argumentierten wir, dass ʿalmāh „junge Jungfrau” bedeutet. Wir argumentierten auch, dass dieses Wort strategisch als Teil eines Wortspiels im unmittelbaren Kontext und als Parallele zu dem Zeichen gewählt wurde, das Hiskia in Jesaja 38 gegeben wurde. Wenn man die Parallele betrachtet, muss das Zeichen des ʿalmāh so hoch wie der Himmel sein, ein Wunder von der Größenordnung, wie wir es in Matthäus 1,23 finden: „Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, was übersetzt bedeutet: Gott mit uns.” Obwohl sich diese Studie ausschließlich auf die Bedeutung von Jesaja 7,14 im Buch Jesaja konzentrierte, haben wir schließlich den Gipfel eines sehr hohen Berges erreicht, und zu unserer großen Überraschung sitzt Matthäus mit verschränkten Armen da und fragt sich, warum wir so lange gebraucht haben, um hierher zu gelangen!

Die Lektüre von „Is Isaiah 7:14 messianic?“, JETS, Vol. 68.3 (2025), S. 465–493, sei hiermit empfohlen. Erreichbar ist der Aufsatz über einschlägige Bibliotheken oder Onlinedatenbanken. 

Abtreibung als Standardtherapie

Wer in die Abgründe spätmoderner Ethik hineinschauen möchte, der kann sich mal mit den Arbeiten der kanadischen Philosophin Kimberley Brownlee beschäftigen. Kürzlich hielt sie an der Universität Oxford Vorträge über die – wie sie es sagt – gebärbehinderten Männer. Da Männer keine Kinder austragen können, sind sie sozusagen evolutionär benachteiligt. Das habe allerlei Konsequenzen. 

Was sie über Schwangerschaften von Minderjährigen lehrt, scheint mir besonders tragisch zu sein. Sie betrachtet Schwangerschaften wie eine schwere Krankheit, wie dieser Auszug aus einem FAZ-Artikel zeigt: 

In ihrer letzten Vorlesung stellte Brownlee klar: Was für Männer eine Behinderung ist, ist für Jungen ein Privileg. Denn als Kind schwanger zu werden birgt schwerste gesundheitliche Gefahren. Brownlee rügte, dass Abtreibungsverbote wie im amerikanischen Bundesstaat Alabama, die pauschal von Schwangeren als Frauen sprächen, über die besondere Verwundbarkeit von Mädchen hinweggingen. Die Schwangerschaft von Minderjährigen möchte Brownlee wie eine schwere Krankheit behandelt sehen.

Bei ihrer Hörerschaft hätte Brownlee offene Türen eingerannt, wenn sie lediglich behauptet hätte, dass Schwangerschaften Minderjähriger zu verhindern seien und über Risiken aufgeklärt werden müsse. Doch sie ging weit darüber hinaus. Ärzte sollten Minderjährigen niemals die üblichen drei Optionen unterbreiten: abzutreiben, das Kind zur Adoption freizugeben oder es selbst auf­zuziehen. Für Minderjährige sei ein medizinisches Protokoll einzuführen, das als richtige Behandlung die Abtreibung vorsieht – und zwar nicht nur während der ersten Wochen der Schwangerschaft.

Außerdem lud Brownlee zu einem Gedankenexperiment ein. Man stelle sich vor, der vierzehnjährige Sohn wolle sich seinen gesunden linken Arm amputieren lassen, während die gleichaltrige Tochter schwanger werden möchte. Welchem Vorhaben sollte man heftiger entgegentreten? Brownlee hält die Amputation für deutlich weniger riskant. Dieses Urteil lässt hellhörig werden: Wie weit sollten Eltern gehen, um eine Schwangerschaft zu verhindern oder zu beenden? Dürften sie ihr Kind sogar sedieren?

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Pornocracy

Kate Lucky hat das gerade erschienene säkulare Buch Pornocracy von Jo Bartosch und Robert Jessel gelesen. Die Autoren weisen in ihrem Buch unter anderem nach, dass durch den Pornokonsum Sexualität immer gewalttätiger wird und vor allem Frauen die Leidtragenden sind.

Zitat aus der Buchbesprechung „The Insufficient Secular Case Against Porn“:

Was Nutzer online sehen, wirkt sich auch außerhalb des Bildschirms aus. Im Jahr 2023 hat eine französische Behörde „Millionen von Videos auf den größten internationalen Pornographie-Websites überprüft und festgestellt, dass 90 % davon verbale, körperliche und sexuelle Gewalt gegen Frauen zeigten“, berichtet Pornocracy. Studien haben wiederum einen tatsächlichen Anstieg von Würgen und Schlagen unter jungen Menschen beim Sex dokumentiert. Eine weitere Analyse ergab die Beliebtheit von Stichwörtern wie „barely legal“ (gerade volljährig) oder „teen“ (Teenager).

Einige Männer, die wegen Besitzes von Material über sexuellen Missbrauch von Kindern verurteilt wurden, hatten laut Pornocracy „vor dem Konsum von Pornos kein sexuelles Interesse an Kindern“. Das „Streben nach Abwechslung“ – die Suche nach „Schulmädchen“ – führte sie schließlich in die Kriminalität.

Die meisten Pornokonsumenten sind Männer, und Bartosch und Jessel haben Verständnis für ihre Lage. „Generationen, die mit Smartphones aufgewachsen sind, haben nun Szenen von Vergewaltigung, Würgen und Inzest gesehen, bevor sie ihren ersten (echten) Kuss erlebt haben”, beklagen sie. Zu viele junge Männer haben ihre „Fähigkeit verloren, erfüllende, respektvolle Beziehungen zu genießen”, stattdessen sind sie darauf programmiert, „auf das zu reagieren, was sie auf dem Bildschirm sehen, anstatt ihre Partner zu schätzen und gegenseitiges Vergnügen mit ihnen zu finden”. Pornos lehren Jungen, dass „ein Mann zu sein bedeutet, unempfindlich gegenüber Intimität und Empathie zu sein”.

Interessant klingt auch, was der Verlag auf dem Cover schreibt:

Man sagt, dass jeder Pornos konsumiert. Das ist falsch. Die Menschen konsumieren keine Pornografie – sie werden von ihr konsumiert. Und man muss sie nicht anschauen, um zu ihren Opfern zu gehören.

In diesem zum Nachdenken anregenden und aktuellen Buch enthüllen Jo Bartosch und Robert Jessel, wie die milliardenschwere Pornographieindustrie die Menschheit in ihren Bann gezogen hat. Von der Umprogrammierung unseres Gehirns über die Normalisierung sexueller Gewalt bis hin zur Entstehung neuer Protestbewegungen hat die pornographische Revolution einen erstaunlichen und fast vollständigen Sieg errungen.

Der Triumph der Pornokraten wird noch unheimlicher durch die weit verbreitete Akzeptanz in der Gesellschaft …

Hinweis: Wer im Blick auf Pornographiekonsum und – abhängigkeit Hilfe sucht, kann hier fündig werden: unbeschwert-laufen.de.

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