Jahrbuch zur Christenverfolgung »Märtyrer 2007« erschienen

Von den weltweit rund 2,1 Milliarden Christen leiden ca. 200 Millionen wegen ihres Glaubens unter Diskriminierungen, schwerwiegenden Benachteiligungen und zum Teil heftigen Anfeindungen bis hin zu Verfolgung. Informationen dazu liefert das neue Jahrbuch zur Christenverfolgung, das von den Herausgebern, der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) und der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), bei einer Presskonferenz am 10. Oktober in Bonn vorgestellt worden ist.

Im vergangenen Jahr ist die Lage der meisten betroffenen Christen gleichbleibend angespannt geblieben oder hat sich sogar noch weiter verschlechtert. Vor allem im Irak hat sich die Situation dramatisch zugespitzt. Drei Viertel der christlichen Iraker haben wegen gezielter Einschüchterungen, Übergriffen und Entführungen ihre Heimat verlassen. Auch in Indien und Pakistan ist die Zahl der Drohungen und Gewalttaten durch nichtstaatliche Extremisten weiter gestiegen. Völlig neu sind in Pakistan Drohungen gegen Christen, entweder zum Islam überzutreten oder vertrieben zu werden.

Informationslage hat sich verbessert

Bei der Vorstellung des Jahrbuches in Bonn erläuterte Prof. Dr. mult. Thomas Schirrmacher, Vorstandsmitglied der IGFM und Geschäftsführer des Arbeitskreises Menschenrechte der Deutschen Evangelischen Allianz:

Es ist erfreulich, dass es wie bei anderen Menschenrechtsverletzungen immer selbstverständlicher wird, Verletzungen der Religionsfreiheit und Verfolgung aus religiösen Gründen zu dokumentieren und anzuprangern und Medien und Politik das Thema nicht mehr verschämt verschweigen.

Dass der Weg von der Dokumentation von Verbrechen bis zu ihrer Überwindung noch lang ist, betonte IGFM Mitarbeiter Max Klingberg:

Es ist erschreckend, wie sehr sich unsere Gesellschaft an die alltägliche Entrechtung christlicher Minderheiten gewöhnt hat. Nimmt man internationale Rechtsstandards als Maßstab, so ist die Lage von Millionen von Christen haarsträubend und zum Teil auch eine einzige Katastrophe. Im beschaulichen Mitteleuropa braucht es ein gehöriges Maß an Vorstellungskraft, um sich auch nur annähernd in die tägliche Lebenswirklichkeit von Millionen anderer Christen hinein zu denken.

Religiös und politisch motivierte Verfolgung von Christen

Dabei ist die Liste der Staaten, in denen Christen diskriminiert, ja zum Teil heftig diskriminiert oder verfolgt werden, bedrückend lang. Dazu zählen neben Indien, in dem extremistische Hinduisten für eine Vielzahl von Gewaltverbrechen an Christen verantwortlich sind, vor allem die verbliebenen Einparteiendiktaturen sozialistischer Prägung und auch das neomarxistische Regime in Eritrea. Bei der Mehrheit der Länder, in denen Christen um ihres Glaubens willen leiden, handelt es sich allerdings um islamisch geprägte Staaten. Darunter sind mitnichten nur die ärmsten Entwicklungsländer, sondern auch wohlhabende Golfstaaten und Urlaubs-»Paradiese« wie Ägypten.

Zum Inhalt des Jahrbuches

Das Jahrbuch dokumentiert unter anderem den Beschluss des Bundestages, der die Bundesregierung auffordert, sich weltweit gegen Christenverfolgung und Verfolgung anderer Religionen einzusetzen, so wie die Rede der menschenrechtspolitischen Sprecherin der Unionsfraktion Erika Steinbach in der dazugehörenden Bundestagsdebatte. Fachleute, wie Dr. Tessa Hofmann vom Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, liefern geschichtliche und aktuelle Länderberichte zu Indonesien und der Türkei. Thomas Schirrmacher legt seinen Vortrag zugunsten eines Ethik-Codes der Weltweiten Evangelischen Allianz gemeinsam mit Vatikan und Weltkirchenrat vor. Die Gesellschaft für bedrohte Völker warnt vor dem Ende der christlichen Minderheit im Irak. Open Doors dokumentiert die Lage weltweit sowie Übergriffe gegen Christen in Indien. Dazu gibt es weitere Dokumente und Informationen, so eine Darstellung des wegweisenden Asyl-Urteils des Verwaltungsgerichts Stuttgart zugunsten einer zum Christentum konvertierten Iranerin und Hintergrundinformationen zur Ermordung von drei Christen in Malatya (Türkei).

Literaturangaben

Studien zur Religionsfreiheit / Studies in Religious Freedom – ISSN 1618-7865, Bd. 12
Max Klingberg, Thomas Schirrmacher, Ron Kubsch (Hg.): Märtyrer 2007 – Das Jahrbuch zur Christenverfolgung heute, zugleich idea-Dokumentation 10/2007, 234 S. Pb. 9,90 €, ISBN 978-3-938116-35-7.

Woody Allen interviewt Billy Graham

Schon mehrmals habe ich aufgeschnappt, dass Woody Allen vor langer Zeit den Evangelisten Billy Graham auf originelle Weise interviewt haben soll. Dank Youtube konnte ich nun das Interview tatsächlich sehen und habe dabei viel gelacht.
Zu dem Interview geht es hier: Interview Teil 1. Den zweiten Teil sollte man sich auch anschauen: Interview Teil 2.

Pantheismus versus Panentheismus

Im Sommer dieses Jahres habe ich für das Journal factum eine Rezension über Brian McLarens Buch A Generous Orthodoxy verfasst, die nun in der Ausgabe 7/2007 veröffentlicht wurde (S. 10–15).

Beim Setzen der Buchvorstellung hat sich ein kleiner (aber bedeutungsvoller) Druckfehler eingeschlichen. Auf Seite 14 erwähne ich, dass Spencer Burke derzeit die alten trinitarischen Bekenntnisse der Kirchenväter mit dem Panentheismus verbindet. Im gedruckten Text wird jedoch zweimal die Formulierung »pantheistischen Sichtweise« zitiert. Tatsächlich bekennt sich Burke in seinem Buch A Heretic’s Guide to Eternity (Jossey-Bass, 2006, S. 194–195) zu einer panentheistischen Gottesvorstellung. Es muss also zweimal heißen: »panentheistische Sichtweise«.

Dieser kleine Druckfehler bietet eine Gelegenheit, kurz über den Unterschied von Pantheismus und Panentheismus nachzudenken?

Der Begriff Panentheismus geht zurück auf den Freimaurer Karl C.F. Krause (1781–1822) und bezeichnet eine religiöse Weltanschauung, der gemäß nur Gott existiert und das Universum ein Teil (o. eine Emanation) Gottes ist (griech. pan en theo: alles in Gott). Der Pantheismus setzt dagegen das Universum mit Gott gleich (griech. pan theos: alles ist Gott). Die Welt mit all ihren Erscheinungen ist demnach mit Gott identisch.

Die Lehre des Panentheismus will den Dualismus von Gott und Schöpfung überwinden und strebt die Versöhnung von Pantheismus und Theismus an. Die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf ist also für einen Panentheisten eine künstliche und meist problematische.

Nicht nur Spencer Burke sympathisiert mit dem Panentheismus. Auch Doug Pagitt schreibt in seinem Beitrag für das von Robert Webber herausgegebene Buch Listening To The Beliefs Of Emerging Churches: Five Perspectives (Zondervan, 2007) auf S. 142:

Die Idee, dass es notwendigerweise eine Unterscheidung zwischen Materie und Geist oder zwischen Schöpfung und Schöpfer gibt, ist zu überdenken.

ERF stellte das Buch »Die Postmoderne« vor

Die PostmoderneStephan Steinseifer hat am 12. Oktober das Buch Die Postmoderne: Abschied von der Eindeutigkeit in einem knapp 7-minütigen Beitrag für den Evangeliumsrundfunk vorgestellt. Der Rezensent fasst Inhalt und Anliegen der Publikation gut zusammen.

Der Beitrag kann bei Glaube24.de als Stream angehört oder als mp3-Datei [1,6 MB] heruntergeladen werden.

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Marc Driskoll kritisiert Emergent Village scharf

Während der »Convergent«-Konferenz am Southeastern Baptist Theological Seminary (21.–22.10.07) sprach Mark Driscoll spontan und (für die meisten Beteiligten) überraschend über die Emerging Church-Bewegung. Driscoll berichtete über seine Freundschaft mit Doug Pagitt, Brian McLaren und anderen Pionieren des Emergent Village und begründete, warum er sich inzwischen von ihnen distanziert. Auch einige Thesen von Rob Bell kritisierte er scharf.

Obwohl Driscoll, Pastor der Mars Hill Church, deutliche Worte gebrauchte, enthält der Vortrag keine einseitig überzogene Polemik, sondern ist geprägt von tiefer Sorge über die theologischen Fehlentwicklungen im Emergent-Lager. Er ruft seine alten Freunde zur Umkehr und mahnt zugleich die theologisch Konservativen, den kulturellen Wandel wahrzunehmen und besonders im Raum der praktischen Theologie zu verarbeiten.

Innerhalb des Emergent Village wurde die Kritik gemischt aufgenommen. Einzelheiten können über einen entsprechenden Blogeintrag auf www.emergentvillage.com verfolgt werden.

Der Vortrag von Mark Driscoll sowie andere Beiträge können heruntergeladen werden unter: www.monergism.com.

Peter Williams und Simon Gathercole über die Neue Paulusperspektive

Dürer PaulusMark Dever von IX Marks hat im November 2006 die Neutestamentler Simon Gathercole und Peter Williams zur Neuen Paulusperspektive befragt.

Simon Gathercole promovierte unter James Dunn (Durham), unterrichtet derzeit an der Faculty of Divinity an der Universität in Cambridge und arbeitet zusammen mit Dunn an einem Buch über Paulus und den Judaismus. Das Spannende: Während Dunn ein profunder Vertreter der Neuen Paulusperspektive ist, gilt Gathercole, der Autor des Artikels »What Did Paul Really Mean?« (Christianity Today, August 2007), als Kritiker des neuen Ansatzes.

Peter Williams unterrichtet an der Universität von Aberdeen (Schottland) Neues Testament und konzentriert seine Forschungsarbeit derzeit auf frühchristliche Handschriften und die Textkrititk.

Das knapp 50-minütige Gespräch streift auch andere kontroverse Themen, zum Beispiel die Authentizität der Pastoralbriefe oder die Frage des stellvertretenden Sühneopfers (Steve Chalke).

Zu dem anregenden Interview über aktuelle Trends im Bereich Neues Testament geht es hier.

Die Theologie des Alten Testamentes von Bruce K. Waltke ist da

Die seit langem erwartete Theologie des Alten Testaments (Old Testament Theology) von Bruce K. Waltke ist bei Zondervan erschienen und kann derzeit in Europa für rund 35 Euro erworben werden.

Professor Waltke, der auch Kommentare zum Buch Genesis (2001) über die Sprüche (2004) und den Propheten Micha (2007) veröffentlicht hat, unterrichtet am Reformed Theological Seminary und gilt als herausragender Gelehrter des Alten Testamentes. Das Buch, das sich dem ersten Testament der Bibel exegetisch, kanonisch und thematisch annähert, ist so etwas wie das Extrakt seines Lebenswerkes.

J. I. Packer schreibt über die 1000-seitige Publikation:

Exegetisch und theologisch ist sie pures Gold und jeder Lehrer für Altes Testament wird beim Durcharbeiten mit neuen Einsichten belohnt. Es ist die angemessene Krone für eine sehr bemerkenswerten Karriere.

Das sehr übersichtlich gestaltete und damit gut lesbare Buch enthält ein Verzeichnis der Bibelstellen sowie einen Themen- und Autorenindex. Das Inhaltsverzeichnis der Theologie des Alten Testamentes kann zusammen mit dem ersten Kapitel bei Zondervan herunter geladen werden: Sample_Waltke.pdf.

Einkaufsmöglichkeit

Hochwertige Aufnahmen einiger NT Manuskripte

AlexandrinusFol65v.jpgDas Center for the Study of New Testament Manuscripts (CSNTM) unter dem Dach des Center for the Research of Early Christian Documents (CRECD) hat es sich zur Aufgabe gemacht, bedeutende griechische Manuskripte digital zu fotografieren und so der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Inzwischen hat das Zentrum eine beeindruckende Fotosammlung wichtiger Manuskripte archiviert und stellt sie über ein Browserschnittstelle zur Verfügung. Wer das Bedürfniss hat, z. B. den ägyptischen Codex Sinaiticus aus dem 4. Jahrhundert oder den Codex Alexandrinus aus dem 5. Jahrhundert oder andere Manuskripte am Monitor zu studieren, wird an der Datenbank des CSNTM Freude haben.

Expelled – No Intelligence Allowed

Der Filmemacher Mark Mathis produziert derzeit einen Kinofilm über Wissenschaftler, die sich zum Intelligent Design (ID) bekennen und deshalb mit allerlei Repressalien zu kämpfen haben. Durch den Film führt der amerikanische Schauspieler und Journalist Ben Stein.

Während der Trailer viel versprechend aussieht, wird das Projekt vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel als fundamentalistische Propaganda für den Kreationismus eingestuft. Vorgeworfen wird den Produzenten, dass sie R. Dawkins, Paul Z. Myers und andere Evolutionisten unter dem Vorwand interviewt hätten, einen ausgewogenen Streifen über die aktuelle ID-Debatte zu drehen. Tatsächlich sei die Dokumentation jedoch eine Verteidigung des ID-Konzeptes. Die Produzenten und Ben Stein weisen den Vorwurf zurück und erklärten The New York Times, dass kein Interviewpartner über die Absicht des Films im Unklaren gelassen worden sei. Die Tatsache, dass der Film ursprünglich »Crossroads« heißen sollte und dann zu »Expelled – No Intelligence Allowed« umbenannt wurde, hätte rein werbetechnische Gründe gehabt.

Steht uns eine neue Inquisition bevor?

feuerWährend die Klischeevorstellungen über die Inquisition und den Index verbotener Bücher durch die Öffnung der Vatikanarchive im Jahr 1998 allmählich korrigiert werden, erscheinen am Horizont neue zensierende Geister. Drei Beispiele:

(1) Kürzlich wurde in den U.S.A damit begonnen, die Gefängnisbibliotheken von christlicher Literatur zu befreien, um einer möglichen Fanatisierung der Insassen zuvor zu kommen. Die Liste der weiterhin erlaubten christlichen Literatur umfasst lediglich 150 Bücher. Auch einige Bücher von C. S. Lewis sind in Zukunft nicht erwünscht. (Mark Earley von der Organisation Prison Fellowship hat darüber berichtet und die New York Times informierte in einem Artikel über scharfe Proteste.)

(2) Ebenfalls in den U.S.A. wurde dem renommierten Astronom Guillermo Gonzalez im April 2007 eine Professur verweigert, weil er sich zum »Intelligent Design« bekennt. Wozu haben wir eigentlich all die Antidiskriminierungsgesetze?

(3) Anfang Oktober wird der Europarat darüber tagen, ob der Kreationismus einschließlich »Intelligent Design« eine Gefahr für die Wissenschaft und die Menschenrechte darstellt. Der französische Europapolitiker Guy Lengagne, der das umstrittene (105 Punkte umfassende) Dokument 11375 über die »Gefahren des Kreationismus« wesentlich initiierte, würde gern all jene vom Wissenschaftsbetrieb auszuschließen, die intellektuelle Zweifel an der Evolutionstheorie hegen. Die Argumentationsfigur sieht ungefähr so aus: Da es absolut keinen Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der Evolutionstheorie gibt, können Kreationisten und ID’ler nur fundamentalistisch verführte Ignoranten sein. Also:

Wenn wir nicht wachsam sind, sind Werte, die den Kern des Europarates bilden, in Gefahr, von kreationistischen Fundamentalisten bedroht zu werden.

Der Wissenschaftstheoretiker Hans Albert dürfte an diesem Argument seine Freude haben. Es ist ein klassischer Fall für die »Immunisierung« eines (in diesem Fall ›evolutionistischen‹) Dogmas.

Andreas Dippel hat für das Medienmagazin pro die wichtigsten Hintergrundinformationen über die Debatte im Europarat kompakt zusammengestellt.

Die Europäische Evangelische Allianz ermutigt dazu, auf die Abgeordneten zuzugehen und gegen drohende Denkverbote zu protestieren. Es sei skandalös, dass der suggestive Entwurf des Europarates behaupte, die Demokratie und die Menschenrechte seien durch den Kreationismus gefährdet, heißt es in ihrer Stellungnahme. Eine ähnliche Auffassung vertritt Paul C. Murdoch vom Arbeitskreis der für Religionsfreiheit der Deutschen Evangelischen Allianz in einem Brief an den Leiter der Deutschen Delegation in der Versammlung des Europarats.

Mein Kollege, Freund und Philosoph Thomas K. Johnson hat einen offenen (und zugleich sehr persönlichen) Brief an Senator Guy Lengagne geschrieben. Matthew Cserhati hat für die Hungarian Protestant Creation Research Group in einem Schreiben berechtigten Unmut formuliert. Thomas Torrance, vom Departmen of Economics der School of Management & Languages in Edinburgh hat ebenfalls einen bedenkenswerten Kommentar verfasst. (Alle drei Dokumente biete ich mit freundlicher Genehmigung der Verfasser an.) Die Zensurgeister scheinen sehr nervös zu sein. Hoffen wir, dass sie bald wieder verschwinden.

Interview mit Collin Hansen

Collin.jpgMatthew Hall sprach mit Collin Hansen über das Comeback der reformierten Theologie in den U.S.A. Hansen, der für Christianity Today das Feature über Mark Driscoll verfasste und 2008 ein Buch über die jungen (wilden) Reformierten bei Crossway publizieren wird, deutet den Trend verheißungsvoll. Das Interview mit Hansen über die Renaissance der kalvinistischen Theologie in Nordamerika kann als mp3 heruntergeladen werden: Interview.

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Foto von Collin Hansen mit freundlicher Genehmigung.

»Kultur macht etwas mit uns«

Nachfolgend die Wiedergabe eines Interviews zum Buch »Die Postmoderne: Abschied von der Eindeutigkeit« (Bonner Querschnitte, Ausgabe 42, 09/2007).

»Kultur macht etwas mit uns«
Bonner Querschnitte im Gespräch mit Ron Kubsch über das Buch
»Die Postmoderne: Abschied von der Eindeutigkeit« und die
Vermischung von Kultur und Evangelium.

Die PostmoderneBQ: Herr Kubsch, Sie haben 2007 ein Buch über die Postmoderne geschrieben. Einige Leute sprechen bereits von der Post-Postmoderne.
RK: In der Tat scheint die große Begeisterung für die Postmoderne bereits verflogen zu sein. Nicht nur die drei großen französischen Denker der Postmoderne gehören der Geschichte an, in diesem Sommer verstarb nun auch der einflussreiche Richard Rorty. Trotzdem werden die Grabgesänge zu früh angestimmt. Die Postmoderne hat unsere Lebenskultur flächendeckend verändert und wird uns noch über viele Jahre prägen. Außerdem hinkt die fromme Lebenswelt – wie so oft – der allgemeinen Entwicklung hinterher. Die Theorie der Postmoderne ist bisher in Deutschland aus Gründen, die ich jetzt nicht aufzählen möchte, nie richtig an­gekommen. Nun erobert sie den Evangelikalismus doch noch. Sie kommt dies­mal nicht aus Paris, sondern aus den post-evangelikalen Kreisen der U.S.A.
BQ: Können Sie, bevor wir konkreter werden, kurz erklären, was Sie unter »Postmoderne« verstehen?
RK: Nein, kurz kann ich das nicht erklären. Ich habe das vor einigen Jahren bei einer Veranstaltung einmal versucht. Anschließend bedankte sich eine Frau bei mir für die Einführung und fragte, was das Thema eigentlich mit der »Post« zu tun habe (lacht).
Im Ernst: Die Vorsilbe »post« mit der Bedeutung »nach« hilft uns weiter. Die Postmoderne repräsentiert nämlich die Zeit oder besser das Denken nach der Neuzeit (französisch: temps modernes). Die Neuzeit war geprägt von Optimismus, Einheitsdenken und der Suche nach allgemeingültigen Gesetzen und Wertvorstellungen. Aus der Sicht bedeutender postmoderner Philosophen ist das neuzeitliche Programm gescheitert. Es habe uns nicht geholfen, die Welt besser zu verstehen oder besser zu machen, es habe uns nach Auschwitz geführt. Die Ideale der Neuzeit erscheinen den postmodernen Theoretikern suspekt. Sie radikalisieren die Vernunftkritik – die ja schon in die Neuzeit eingeschlossen war – und wenden sie auf die Vernunft selbst an. So verabschiedet sich die Postmoderne von den Einheitsträumereien und einer „reinen Vernunft“. Sie zielt auf radikale Vielfalt. Die Vernunft, die Gerechtigkeit, die Religion oder die Wahrheit kann es für die nach-moderne Philosophie nicht mehr geben. Der bedeutendste Philosoph der Postmoderne, François Lyotard, sagte einmal sinngemäß: Wir haben die Sehnsucht nach dem Ganzen und dem Einen teuer bezahlt. Wir brauchen und wollen das nicht mehr. Die Trauerarbeit ist inzwischen abgeschlossen. Unsere Antwort muss lauten: Krieg dem Ganzen.
BQ: Wie sieht dieser Krieg gegen das Ganze denn aus?
RK: Die Zeit der Suche nach einem alles erklärenden Weltbild ist vorbei. Es werden keine Manifeste mehr verfasst. Die Idee eines freien, selbstbestimmten Menschen gilt als überholte Fiktion. Das Interesse für Brüche, das Kleine, das Vorübergehende und das Unerklärliche wächst. Universelle Regeln und Über­zeugungen werden durch Verträge ersetzt, die immer nur Verträge des Übergangs sein können. Das Absolute verschwindet, da es nach Auffassung der Postmodernen nur in den Terror führen kann.
BQ: Können Sie das an praktischen Beispielen erläutern?
RK: Die Gesellschaft fragmentarisiert immer stärker, da es keine verbindenden Leitideen mehr gibt. So wie in der Fernsehwelt monatlich neue Spartenkanäle eröffnet werden, bilden sich in der Gesellschaft Subkulturen, die sich untereinander nur noch wenig zu sagen haben. Wir erleben eine Abkehr von der Sonderstellung des Menschen, die im Abendland selbstverständlich war. Die Kunst liefert nur wenige Innovationen und selten klare Botschaften, sondern ist vor allem Wiederholung und Verfremdung dessen, was wir schon kennen. Oder nehmen wir das Thema Sexualität. Sexualität ist in der Postmoderne keine Frage allgemeingültiger Werte, sondern Verhandlungssache. Solange Sexualität freiwillig zustande kommt, ist alles erlaubt. Wer interessiert sich noch dafür, ob es recht oder richtig ist, Gruppensex zu haben oder homosexuelle Neigungen auszuleben? Jemand, der sich in öffentlichen Diskursen noch auf göttliche Gebote oder eine Schöpfungsordnung beruft, hat es schwer. Meinungsumfragen werden da deutlich ernster genommen. Interessant ist übrigens, dass die Freiheit des Menschen andererseits scharf bestritten wird. Man könnte also fragen: Unter welchen Bedingungen kommen solche „Verhandlungsergebnisse“ eigentlich freiwillig zustande?
BQ: Sind das die Gründe, warum wir uns mit dem postmoderne Denken beschäftigen müssen?
RK: Unsere Lebenswelt prägt uns. Die Kultur besetzt unsere Gewohnheiten, unsere Überzeugungen und selbstverständlich unsere Sprache. Leider werden wir uns dieser tiefen Einprägungen oft erst bewusst, wenn wir für längere Zeit unseren Kulturraum wechseln. Ich habe mehrere Kulturen kennengelernt und kann jedem, dem es möglich ist, empfehlen, das auch mal zu machen. Die Kultur, mit der wir aufgewachsen sind, tragen wir immer mit uns herum. Wenn wir das nicht durchschauen und verstehen, kann sie in unserem Leben viel Macht entfalten. Deshalb ist es so wichtig, sich mit der eigenen Lebenswelt zu be­schäftigen.
BQ: Das klingt fast kulturfeindlich. Haben Sie etwas gegen Kultur, vielleicht etwas gegen die postmoderne Kultur?
RK: Im Gegenteil, ohne Kultur können wir ja überhaupt nicht leben. Kultur ist Ausdruck unserer Geschöpflichkeit. Aber wir dürfen nicht unterschätzen, dass Kultur auch etwas mit uns macht. Deshalb müssen wir Kulturen reflektieren, verstehen und manchmal auch kritisieren. Christen, die in einer dem Evangelium gegenüber feindlichen Kultur leben, müssen viele Spannungen aushalten. Im Neuen Testament lesen wir davon, dass die Gemeinden manchmal eine Gegenkultur zur Welt entwickelt haben. Andere Kulturphänomene, wie etwa die griechische Sprache im römischen Reich, haben die Verbreitung des Evangeliums enorm vereinfacht. So differenziert sehe ich auch die Postmoderne. Manche Einsichten der postmodernen Denker sind sehr hilfreich. Die Kritik an der Deutungshoheit der Naturwissenschaften korrigiert zum Beispiel die eindimensional verwissenschaftlichte Wahrnehmung der Welt. Eine postmoderne Kultur ist pluralistisch und erlaubt uns, unseren Glauben zu leben. Andere Aspekte, wie beispielsweise der strenge Relativismus, sind kritikwürdig. Ein harter Postmodernismus unterwirft alles der Zeitlichkeit, da gibt es keine zeitlosen Botschaften oder Werte mehr.
BQ: Aber die evangelistische Arbeit ist doch unter den postmodernen Bedingungen eher einfacher. Die Menschen sind wieder offen für Religion.
RK: Natürlich können wir an dieser Offenheit anknüpfen. Wenn wir allerdings den postmodernen Bezugsrahmen hinterfragen, machen die eben noch so offenen Menschen schnell wieder dicht. Nun sagen manche, wir müssen das Evangelium auf eine Weise verkündigen, dass es mit dem postmodernen Denken kompatibel ist. Wir müssen unsere Theologie, unsere Gemeinde- und Missionsarbeit usw. an die neuen Bedingungen anpassen. Das ist – etwas überspitzt – die Position einiger Aktivisten der Emerging Church-Bewegung.
Meines Erachtens kann das nicht funktionieren. Streng genommen ist das Evangelium innerhalb eines postmodernen Bezugsrahmens überhaupt nicht verstehbar. Wolfgang Welsch, der renommierteste postmoderne Philosoph in Deutschland, sagt: Die Nicht-Existenz eine Metaregel, eines obersten Prinzips, eines Gottes, eines Königs, eines Jüngsten Gerichtes usw. macht das Herz des Postmodernismus aus. Wenn wir nun versuchen, das Evangelium mit dieser Grundeinsicht zu versöhnen, verfremden wir es. Was am Ende dabei herauskommt, ist ein anderes Evangelium. Die Leute verstehen gar nicht, worum es geht. Wir landen so bei neuen Formen des Mystizismus. Deshalb müssen wir das Denken der Postmoderne selbst herausfordern, so, wie früher viele Christen das neuzeitliche Denken herausgefordert haben. Die Botschaft der Bibel ist für das postmoderne Wirklichkeitsverständnis eine Provokation. Sie sagt, es gibt einen lebendigen Gott. Dieser Gott hat sich uns Menschen verstehbar und ein für allemal verbindlich offenbart. Dieser Gott wird eines Tages Rechenschaft von uns fordern. In einem postmodernen Bezugsrahmen sind diese Botschaften Nonsens. Also müssen wir uns mit diesem Bezugsrahmen beschäftigen. Wir kommen an dieser Auseinandersetzung nicht vorbei.
BQ: Aber hat nicht Lesslie Newbigin gezeigt, dass es ein kulturfreies Evangelium überhaupt nicht geben kann? Das Evangelium kann doch in viele Kulturen inkarnieren.
RK: Evangelium geht immer in Kultur ein und ist insofern nie kulturfrei. Andererseits dürfen wir das Evangelium nicht mit Kultur verwechseln. Es ist ein großes Verdienst von Karl Barth, deutlich herausgearbeitet zu haben, dass keine Kultur ein eigenes Recht vor dem Evangelium hat. Kulturelle Unterschiede wollen beachtet sein, aber sie sind nicht das Entscheidende. Der Kulturprotestantismus hatte im 19. Jahrhundert Evangelium mit Kultur und Bildung verwechselt. Karl Barth durchschaute das und plädierte mutig für das Hören auf das Wort Gottes. Ich bin nun wahrlich kein Barthianer, aber für diesen Mut bin ich ihm sehr dank­bar. Es besorgt mich, dass diese Unterscheidung wieder in Vergessenheit gerät.
BQ: Können Sie konkreter werden?
RK: Zurecht machen uns heute christliche Philosophen, Missiologen und Soziologen darauf aufmerksam, dass unser Christsein immer durch Kultur imprägniert ist. Das wurde oft übersehen und so haben wir manchmal den bürgerlichen Konservatismus des Abendlandes mit dem Evangelium verwechselt. Dies zu durchschauen, ist eine herausragende Leistung z. B. von Lesslie Newbigin. Andererseits neigen heute jedoch viele Evangelikale oder Post-Evangelikale zur Überhöhung der Kultur. Das geht so weit, dass die Kultur wieder als Raum einer besonderen Gottesoffenbarung verstanden wird. So wird das Wort Gottes durch Kultur komplettiert oder sogar korrigiert. Ich dachte, dass besonders die Christen in Deutschland wegen der tragischen Erfahrungen im Dritten Reich gegenüber solchen Vorstellungen immun sein würden. Aber offensichtlich ist das nicht der Fall.
BQ: Welche Erfahrungen haben Sie denn im Sinn?
RK: Die protestantisch-nationalistische Bewegung der »Deutschen Christen« verstand das deutsche Volkstum als eine von Gott gegebene Lebensordnung. Dieses falsche Offenbarungsverständnis ermöglichte ein lebensfeindliches und rassis­tisch verbogenes Christentum. Hätten die Kreise der »Deutschen Christen« die Bibel ernster genommen, hätten sie die Ideologie des Nationalsozialismus entlarven können.
BQ: Welches Kulturverständnis empfehlen Sie den Christen, die in einer postmodernen Gesellschaft leben?
RK: Wir sollen Kultur verstehen, wertschätzen, prüfen und prägen. Praktische Theologie und Evangelisation muss heute in Europa anders aussehen, als in der Nachkriegszeit. Solche Unterschiede gilt es zu beachten. Wer aber das uneinholbare Evangelium von Jesus Christus nicht von Kultur unterscheidet, wird Gottes Reden irgendwann nicht mehr vernehmen, da es kulturell überfremdet ist. Das frohmachende Evangelium, das von den Aposteln ein für allemal überliefert wurde, muss unsere Herzen ausfüllen. Das Evangelium ist nicht anpassungs- oder ergänzungsbedürftig. Der Judasbrief sagt im 3. Vers sinngemäß, dass den Christen der Glaube für alle Zeit, also auch für alle Kulturen, überliefert wurde. Dieses unveränderliche Evangelium vom Kreuz ist es, das wir auch den Menschen in den postmodernen Gesellschaften durch Wort und Tat zu bezeugen haben.
BQ: Wir danken Ihnen für das Gespräch.

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Download des Gesprächs mit Pressemeldung: BQ0043.pdf

Collin Hansen porträtiert Mark Driscoll

Collin Hansen erklärt den Lesern von Christianity Today, warum Mars Hill Church-Pastor Driscoll gern provoziert und außergewöhnlich erfolgreich Gemeindeaufbauarbeit leistet. Die Mars Hill Church gehört zu den am stärksten wachsenden Gemeinden Amerikas. Mark Driscoll hat eine ausgeprägte Gabe für Leiterschaft und kombiniert orthodoxe reformierte Theologie mit kulturrelevanten Ausdrucks- und Kommunikationsformen. Da für Driscoll der Glauben an Jesus Christus inhaltlich unveränderlich und nicht ergänzungsbedürftig ist, hat er sich vor einigen Jahren vom Emergent Village gelöst. Das informative und gut lesbare Profil über den provokanten Prediger kann hier in Englisch eingesehen werden. Mark Driscolls‘ Blog ist über The Resurgence erreichbar.

Collin Hansen arbeitet übrigens an einem Buch über junge reformierte Theologen und Leiter, das 2008 bei Crossway erscheinen soll.

Das Francis Schaeffer Institut veranstaltet Wochenendseminar über die Emerging Church-Bewegung

Covenant

Das Francis Schaeffer Institut am Covenant Seminary (St. Louis, Missouri) veranstaltet zweimal im Jahr Seminare und Vorlesungen zu Themen, die innerhalb von Kirche und Gesellschaft kontrovers diskutiert werden. In der Zeit vom 19. bis zum 20. Oktober 2007 hält Darrin Patrick (2. Vorsitzender des Acts 29 Netzwerkes) Vorlesungen über die Emerging Church-Bewegung. Weiter Informationen und eine Möglichkeit zur Anmeldung gibt es hier.

Würde Jesus Yoga-Kurse besuchen?

yoga.jpgDoug Pagitt, Pastor von Solomon’s Porch und Mitherausgeber des Buches An Emergent Manifesto of Hope (Baker Books, 2007), debattierte kürzlich in einer TV-Sendung mit John MacArthur über das Verhältnis von Yoga und Christentum. Während aus der Sicht von McArthur Yoga nicht dafür geeignet ist, geistliches Leben unter Christen zu fördern, erklärt Pagitt, weshalb in seiner Gemeinde Yoga-Kurse angeboten werden. (Ein Mitschnitt der Debatte kann bei YouTube abgerufen werden.) Dass Yoga bei der christlichen Bevölkerung so viel Anklang findet, beunruhigt wiederum Subhas R. Tiwari, Professor an der Hindu-Universität von Amerika. In einem kleinen Artikel begründet er, warum Yoga keine Technik, sondern eine nicht von der hinduistischen Philosophie abzulösende religiöse Praxis ist.

Die Hinweise auf beide Quellen verdanke ich Douglas Groothuis.