„Schwangerschaftskommunismus“

Wenn ich in den letzten Jahren mit Freunden und Bekannten über den erweiterten Ehebegriff diskutierte, haben einige unter ihnen mit der Einführung der „Ehe für alle“ (Efa) im Jahr 2017 die Hoffnung verknüpft, dass „das Thema gegessen sei“ und man sich wieder den wichtigen tagespolitischen Themen zuwenden werde. Ich hörte sogar das Argument, bei dem Theater gehe es im Kern darum, den Schutz der Familie zu festigen. Schutz eben unter neuen Bedingungen. Die Gesellschaft entwickele sich weiter. Das „Prinzip Ehe“ solle gerade unter den Wandlungen, die die Spätmoderne mit sich bringt, erhalten werden.

Ich war hingegen immer der Meinung, dass genau diejenigen kulturellen Strömungen, die im Streit um die Efa vor „Familienfreundlichkeit“ strotzen, bei genauer Betrachtung das Anliegen verfolgen, die Familie abzuschaffen. Die Efa war nur ein durchschlagender Etappensieg. Weil – um es mal mit dem Neomarxisten Max Horkheimer zu sagen – Familien die „Keimzelle des Faschismus“ sind, kann erst durch deren Abschaffung Ruhe einkehren und sich der Mensch in herrschaftsfreien Räumen natürlich entfalten (siehe a. hier).

Die Wochenzeitung DIE ZEIT macht uns in einem aktuellen Beitrag mit dem Ideal einer elternlosen Gesellschaft vertraut. Aber nicht nur das. Sie rückt unverhohlen die Verteidiger der Familie in eine rechtsradikale Ecke und schreibt ihnen erhebliche Gewaltbereitschaft zu. So entsteht der Eindruck, Anwälte der traditionellen Familie zwischen einem Mann und einer Frau und biologischen Kindern seien per se Feinde der offenen Gesellschaft.

Mit Rückgriff auf die Arbeiten der Britin Sophie Lewis heißt es etwa:

Lewis stellt sich vor, wie es wäre, wenn wir Familien nicht mehr bräuchten, weil die Gesellschaft ausreichend Fürsorge und Nähe spendete, sie schreibt von „Polymutterschaften“ und „Schwangerschaftskommunismus“. Und ihre Hauptforderung lautet: „Wir müssen Wege finden, um der Exklusivität und Vormachtstellung ‚biologischer‘ Eltern im Leben von Kindern entgegenzuwirken.“

Kern dieser Revolution ist die Überwindung der Familie, eine Forderung, mit der Lewis längst nicht allein ist. Sie bezieht sich auf eine Reihe junger queerer Theoretikerinnen, die dazu forschen und schreiben. Jules Joanne Gleeson und Kate Doyle Griffiths zum Beispiel, die 2015 einen Essay mit dem Titel Kinderkommunismus veröffentlichten, „eine Analyse der Beziehungen zwischen Familie, Gender und der Reproduktion des Kapitalismus“. Oder die in Sydney lehrende Professorin Melinda Cooper, die in ihrem Buch Family Values aufzeigt, wie zentral die „Kernfamilie“ nicht nur für „sozial Konservative“, sondern auch für Neoliberale sei (in der Boston Review erschien ein Essay, der aus dem Buch destilliert war). Im Mittelpunkt beider Ideologien stehe am Ende, wie Cooper erklärt, immer noch die weiße, heterosexuelle Familie, als moralische und ökonomische Norm.

Ich lege aufgeweckten Christen die Lektüre des Artikels sehr ans Herz. Der Text stimmt auf die Kulturkämpfe der nächsten Jahre ein. Jene, die meinen, mit Weltflucht oder Resignation reagieren zu müssen, sollten nicht stolz auf ihre Haltung sein. Unsere Kinder und Enkel müssen es ausbaden. 

Also: Wir brauchen in dieser wichtigen Debatte weder aggressive Kampfschriften noch Gesten der Kapitulation, sondern Mut und Hoffnung, die sich auch darin kundtun, dass wir uns gründlich, vernünftig und praktisch in die Kontroversen einmischen.

Hier der Artikel „Die elternlose Gesellschaft“: www.zeit.de.

Kommentare

  1. Lieber Kinderkatechismus als Kinderkommunismus.

    Wir Christen müssen die nächste Generation prägen, um die Gesellschaft vor Schlimmerem zu bewahren!

  2. Konrad Kugler meint

    Vielen Dank für den Artikel.

    Der Irrsinn pflanzt sich fort.

    Die konservativsten Mitglieder einer Gesellschaft sind die kleinen Kinder. Schon jetzt haben 20 % der Krippenkinder im 4. Lj. Verhaltensstörungen.

  3. Thomas Hochstetter meint

    Hab erst gestern dieses Interview mit Birgit Kelle gesehen. Es ist erfrischend und notwendig, dass es Stimmen gibt, die sich auch auf derselben Ebene wehren von welcher der Angriff kommt (nämlich Autoren und Publizisten).

    Man wünscht sich mehr davon: https://www.youtube.com/watch?v=0VhvKESNlYM

    Vielleicht gibt es ja auch jemand, der sowohl mit Logik, als auch mit der Schrift an der Hand diesem kommunistischen Wahnsinn entgegenwirkt. Natürlich ist letztlich nur das Evangelium und die dadurch veränderten Gesinnungen, die den Karren noch aus dem Dreck ziehen können.

    Da können wir bei unseren Kindern beginnen 🙂

  4. Ein weiterer Aspekt, der sich aus diesem Versuch einer künstlich konstruierten Erziehungsumgebung ergibt, ist die Vaterlosigkeit – mit ihren klar statistisch messbaren Folgen. Es bleibt zu hoffen, dass sich auf dieser Ebene auch ohne Appell an christliche Ethik argumentieren lässt: https://www.youtube.com/watch?v=Qi1oN1icAYc

  5. Bereits Marx lehnte die bürgerliche Familie schroff ab und wollte diese vernichten. Er hat dies auch konsequent im „Umgang“ mit seinen Kindern vorgelebt (m.a.W. er liess sie verhungern, oder sie brachten sich um).
    Insofern ist nichts neu am „neo“ der Frankfurter Schule.

    Schön und gut, dass wir uns in die Debatte einbringen sollen, da gibt es nur einen Haken, wie ich als Möchtegernpolitiker immer wieder feststellen muss: Es gibt keine Debatte. Der Diskurs wird komplett verweigert. Dazu muss man sich nicht mal als Christ outen, es genügt, konservative Ansichten zu haben.

    Die interessanteste Frage für mich persönlich ist: Warum? Warum dieser Hass auf Familie und Stabilität? Neid und Unzucht könnten eine Antwort sein (7. und 10. Gebot), aber das greift m.E. etwas zu kurz. Dennis Prager erwähnte in einem Gespräch auf Youtube, dass er uns 30 Jahre Denkarbeit bezüglich dieser Frage erspart, indem er sagt: „It’s just chaos in their heads“. Ich bin geneigt, ihm Recht zu geben mit der Ergänzung, dass wir wissen, wer Chaos und Durcheinander verursacht: Der Durcheinanderbringer (diabolos).

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