Wage es nicht, dich genderkritisch zu äußern

Der Berliner Sozialphilosoph Robin Celikates ist Dauergast beim Deutschlandfunk und hat vor einigen Tagen davon gesprochen, dass in Deutschland selbst ernannte „Verteidiger der Wissenschaftsfreiheit ideologische Nebelkerzen werfen und vom vermeintlichen Siegeszug von Political Correctness, Cancel Culture und Identitätspolitik fabulieren“. Kurz: Wer an den Universitäten die Meinungsfreiheit bedroht sieht, „reproduziert ein gefährliches Muster“.

Leider liegt Celikates völlig daneben, wie ich hier im Blog schon oft belegt habe. Über ein jüngstes Beispiel informiert die heutige Ausgabe der FAZ. Die Verteidiger der Diversität haben eine Kampagne gegen die Philosophin Kathleen Stock gestartet, weil sie sich zusammen mit vielen anderen erlaubt zu behaupten, die trans­ak­ti­vis­ti­sche Vorstel­lung einer ange­bo­re­nen nichtbiologischen Geschlechts­iden­ti­tät sie falsch.

Die FAZ scheint (17.03.2021, Nr. 64, S. N4):

Denn derselbe Robin Celikates hat sich im Januar mit rund 600 anderen Dozenten aus dem In- und Ausland an einer privat orchestrierten Attacke beteiligt, die als „Offener Brief gegen Transphobie in der Philosophie“ euphemisiert war, sich aber einzig gegen eine Wissenschaftlerin richtete: die Britin Kathleen Stock. Die an der University of Sussex lehrende Professorin für analytische Philosophie gehört gemeinsam mit ihren Kolleginnen Sophie Allen, Mary Leng, Jane Clare Jones, Rebecca Reilly-Cooper und Holly Lawford-Smith zu den Protagonistinnen des genderkritischen Feminismus, der im akademischen Rahmen die Grundüberzeugungen des Gender-Paradigmas revidiert.

Die Denkerinnen widersprechen der transaktivistischen Vorstellung, dass es eine „angeborene Geschlechtsidentität“ gebe, der das biologische Geschlecht ohne medizinischen Befund anzupassen sei. Solche Einwände werden als „transphob“ abgetan, was in manchen Milieus als fast noch niederträchtiger als eine für „rassistisch“ befundene Aussage gilt. Um sich das Stigma der „Transphobie“ einzufangen, reicht es, die gegengeschlechtliche Hormoneinnahme bei Vierzehnjährigen oder die angeblich „inklusiv“ gemeinte misogyne Bezeichnung „Menstruierende“ für Frauen abzulehnen. Wer einmal als „transphob“ gescholten wurde, muss mit Dauerattacken und immensen Reputationsschäden rechnen.

Ein weiterer Absatz zeigt, wie schlimm es um die Wissenschaftsfreiheit bestellt ist:

Unter den Unterzeichnern des verleumderischen Schreibens finden sich nun zahlreiche Namen von Philosophie-Dozenten und -Doktoranden aus Deutschland. Tätig sind sie unter anderem an der FU und HU Berlin, der Ruhr-Universität Bochum, der LMU München, den Universitäten Augsburg, Bielefeld, Erfurt, Hannover, Köln, Konstanz, Leipzig, Münster, Potsdam, Tübingen sowie an der RWTH Aachen. Sie beteiligten sich an einer orchestrierten Aktion gegen eine Einzelne, was zugleich unmissverständlich kommunizierte: Wage es nicht, dich genderkritisch zu äußern, denn damit legst du dich mit Hunderten von uns an, quer durch ebenso viele Institutionen in mehreren Ländern.

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11 Kommentare
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ben

Wo kann man den offenen Brief denn einsehen? Mfg

MarioNehse

Ja, diesen „offenen Brief“, der ja immerhin von Januar sein soll (FAZ von heute), finde auch ich nirgends. Google sagt gar, es gebe exakt eine Internetseite, die ihn erwähne, und das ist diese hier 🙂

MarioNehse
Helge Beck

If you can stand the heat stay out the kitchen

Christian B.

@Helge Beck: Da war der Reflex und die Versuchung unbedingt und sofort dagegen schießen zu müssen wohl so stark, dass es nicht mal mehr zum Korrektur lesen gereicht hat. 😉

Nils

Wir sagen nicht, dass es Stock nicht gestattet sein sollte, die Dinge zu sagen, die sie tut. Wir glauben an die Prinzipien der akademischen Freiheit und stellen fest, dass der Widerspruch gegen jemanden, der für seine Rede gelobt oder geehrt wird, einfach nicht im Widerspruch zu diesen Prinzipien steht. Akademische Freiheit geht mit Verantwortung einher; Wir sollten diese Freiheit nicht nutzen, um Menschen, insbesondere den schutzbedürftigeren Mitgliedern unserer Gemeinschaft, Schaden zuzufügen. Die Sorge um die Schäden der Arbeit von Stock mit Bedrohungen der akademischen Freiheit verschleiert wichtige Themen. Wir schlagen keineswegs vor, dass es keine tiefen und wichtigen Fragen zu Geschlecht und Geschlecht gibt oder dass Philosophen sie nicht verfolgen sollten. In der Tat hat ein offener Brief aus dem Jahr 2019, der von feministischen Philosophen geschrieben und unterschrieben wurde, die sich mit diesen Fragen befasst haben, genau dies deutlich gemacht. Wir befürchten vielmehr, dass einige - anscheinend auch die britische Regierung - dazu neigen, transphobische Angstmacherei mit wertvoller Wissenschaft… Weiterlesen »

Markus S.

In seinem Buch „Sprachregime“ beschreibt Michael Esders diesen Sprachtotalitarismus. Empfehlenswert!

Stephan

Nils, in dem von Dir verlinkten Text zündest Du eine Nebelkerze oder fällst auf diese herein, suche es Dir aus. Da wird „transphobe Angstmacherei“ unterstellt.
Und genau diese sehe ich dort nicht gemacht – es wird nur einem Blödsinn widersprochen, der jedem, der sein Abitur vor 1985 gemacht hat und regelmäßig Biologieunterricht hatte, sofort auffällt. Stichworte z.B. XX und XY.
Diesen Blödsinn dann noch „wertvolle Wissenschaft“ zu nennen ist schon eine Zumutung, weil sie den Intellekt Deines Gegenübers beleidigt.

dieter schneider

Might is right!