Der Fall Freud

Ich lese aus beruflichen Gründen derzeit Sigmund Freud und Literatur der Freud-Gegner. Einer der schärftsten Freud-Kritiker ist der Soziologe Han Israëls. Israëls kann mich nicht mit allen Thesen und Argumenten überzeugen. Aber seine Kritik an den Forschungsmethoden Freuds ist schon sehr substantiell. Zum Beispiel zeigt er, dass Freud oft selbst die Versuchsperson war, mit der er seine „Entdeckungen“ begründete (z.B. im Blick auf die Wirkung von Kokain oder den Ödipuskomplex). Wenn man bedenkt, wie wirkmächtig tiefenpsychologische Theorien heute noch sind, stimmt das wirklich nachdenklich.

Hier mal ein Beispiel aus dem Buch Der Fall Freud (1999, S. 125–126):

In den Studien über Hysterie aus dem Jahre 1895 vertraten Freud und Breuer die Ansicht, daß Hysterie meist durch sexuelle Faktoren verursacht werde und sich die Krankheitssymptome beseitigen ließen, wenn es gelinge, die Erinnerung des Patienten an die Situation wachzurufen, in der ein solches Symptom erstmals aufgetreten war. Eine Hysterikerin namens »Anna O.« war die erste Patientin, die – lange vor der Veröffentlichung ihres Falles – von Breuer auf diese Weise behandelt worden war. Ein Jahr nach den Studien über Hysterie, 1896, behauptete Freud dann, die Ursachen hysterischer Symptome lägen sehr viel tiefer, nämlich in unbewußten Erinnerungen an einen sexuellen Mißbrauch in der frühen Kindheit der Patienten, und formulierte damit erstmals seine Verfuhrungstheorie.

Wir sahen in den vorangegangenen Kapiteln, daß Freud sein Plädoyer für die Verabreichung von Kokain bei der Morphiumentwöhnung mit dem Hinweis auf einen therapeutischen Erfolg zu stützen versucht hatte, den es in Wahrheit niemals gegeben hatte. Bei seinen frühen Theorien über Hysterie tat Freud dasselbe: sowohl bei der gemeinsam mit Breuer formulierten Theorie als auch bei der Darstellung seiner Verführungstheorie konnte Freud es nicht lassen, sein Publikum über das erzielte Ausmaß des therapeutischen Erfolges zu beschwindeln.

Hatten er und Breuer 1893 sowie 1895 noch behauptet, ihre neue »kathartische« Methode führe zum sofortigen und endgültigen Verschwinden der hysterischen Symptome, schrieb Freud bei der Vorstellung seiner Verführungstheorie im Jahre 1896, die neue Theorie sei der Einsicht geschuldet, daß sein vorheriger Ansatz in der Mehrzahl der Fälle zu keiner Veränderung in der hysterischen Symptomatik geführt habe. Dieses offenherzige Eingeständnis früheren Scheiterns ist übrigens ein einmaliges Ereignis im Leben Freuds geblieben.

Im Jahre 1896 behauptete Freud, er habe eine stattliche Anzahl hysterischer Patientinnen vollständig heilen können, indem er ihnen vergessene Erinnerungen an frühen sexuellen Mißbrauch ins Bewußtsein zurückgerufen habe. Aus der Privatkorrespondenz jener Zeit geht jedoch hervor, daß Freud sich schmerzlich der Tatsache bewußt war, in Wahrheit noch keine einzige Analyse wirklich erfolgreich abgeschlossen zu haben. Als ihm dies auch anderthalb Jahre nach Veröffentlichung der Verführungstheorie noch nicht gelungen war, verlor er den Glauben an seine Theorie. Öffentlich hat er jedoch niemals zugegeben, bei der Darstellung seiner Verführungstheorie über das Ausmaß des therapeutischen Erfolgs geblufft zu haben.

Ein kurzes Interview mit Han Israëls gibt es übrigens hier: www.juedische-allgemeine.de.

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Clemens Altenberg

Was Freud so wohltuend von seinen Nachfahren mit ihrer „Humanistischen“ Psychologie, die heute das Feld dominiert, unterscheidet, ist eben seine vergleichsweise therapeutische Bescheidenheit. Er hat, von Schopenhauer pessimistisch geprägt, nicht das Blaue vom Himmel versprochen, keine uneinlösbaren Heilsversprechen gegeben. Stattdessen wusste er, „dass  viel damit gewonnen ist, wenn es uns gelingt, Ihr hysterisches Elend in gemeines Unglück zu verwandeln.“

Eine krasse Fehleinschätzung Freuds kam mir leider beim teilweise klugen und witzigen Buch „Sokrates trifft Jesus“ von Peter Kreeft unter. Dort wird Freud untergejubelt, er reduziere den Menschen auf das Es. Freuds Mission war das Gegenteil davon, den Menschen im Triebhaften bleiben zu lassen. Er war ein Bewunderer von Moses und sah ihn als Vorbild: „Kulturleistung durch Triebverzicht.“