Der „Fall Know­land“

Ich treffe immer wieder Leute, die meinen, die Meinungsfreiheit sei im Westen in jeder Hinsicht gewährleistet. Leider stimmt das nicht. Schon kleinste Verstöße gegen den Sprach- und Gedankenkodex des Mainstream können heute Gespräche sowie Karrieren beenden. Der sehr angesehene Philosoph Roger Scruton wurde zum Beispiel kurz vor seinem Tod als Chef einer Regierungskommission abgesetzt, weil er in einem Essay Heterosexualität als die Normalität bezeichnet hatte. Mit anderen Worten: So etwas darf man nicht mehr sagen, wenn man für die Regierung arbeitet.

Ist das Meinungsfreiheit? Wirklich?

Über einen aktuellen Fall berichtet nun die FAZ (01.12.2020, Nr. 280, S. 3). Will Knowland, seit neun Jahren Lehrer am berühmten Eton College, wurde von seinem Dienst suspendiert, weil er einen Vortrag online gestellt hat, in dem er einschlägige Gendertheorien referiert. Zum Verhängnis wurde ihm die Behauptung, dass sich Männer und Frauen unterscheiden und diese Unterschiede nicht nur sozial konstruiert sind. Heute so etwas zu sagen, sei für männliche Jugendliche gefährlich, lautet der Vorwurf.

Jochen Buchsteiner berichtet aus London:

Der Lehrer hatte den Vortrag online gestellt, nach dem die Schulleitung verboten hatte, ihn im Klassenraum vor den älteren Jahrgängen zu halten. Inzwischen haben mehr als 1500 Eton-Schüler und -Eltern in einer Petiton die Wiedereinstellung des Lehrers verlangt, was den Fall nicht nur zu einem Thema nationaler Zeitungen machte, sondern zeigt, dass der Kulturkampf um „Wokeness“ und „Cancel Culture“ nun auch Einzug in Englands Vorzeigeschule gehalten hat.

Er habe seine Schüler lediglich mit den „verschiedenen Sichtweisen auf die aktuelle radikalfeministische Orthodoxie“ vertraut machen wollen, schrieb Knowland an die Eton-Community. Der Schulleiter, so Knowland weiter, sei aber der Meinung gewesen, „dass einige der Gedanken im Vortrag – etwa der, dass sich Männer und Frauen unter scheiden und nicht alle Unterschiede sozial konstruiert sind – zu gefährlich sind, um die Jungen damit zu konfrontieren“ [Hervorhebung nicht im Original]. Knowlands Vortrag lässt sich unter heutigen Vorzeichen nicht durchweg als neutral beschreiben.

Es sollte uns Mut machen, dass verantwortliche Schüler und Eltern protestieren und die Wiedereinstellung des Lehrers fordern. Genau das ist derzeit angesagt. Wir dürfen diese Entwicklung nicht einfach passiv hinnehmen, sondern sollen aufstehen und widerstehen (auch für Leute, die etwas behaupten, was uns persönlich vielleicht nicht gefällt). Denn irgendwann wird uns sonst das geistige Klima, das sich derzeit über Schulen und Hochschulen ausbreitet, die Freiheit zum Denken und die Luft zum Atmen nehmen.

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Robert

Bei Roger Scruton ist die Sache- Gott sei Dank, gut ausgegangen. Er wurde vor seinem Tod auch wieder öffentlich eingesetzt.
Aber leider ist das nicht in allen Fällen so.