Gendern oder gleichwertig?

Beim Gendern werden grammatisches und biologisches Geschlecht in naiver Weise gleichgesetzt, meint die Linguistin Heide Wegener in ihrem fulminanten FAZ-Beitrag „Gendern oder gleichwertig?“ (02.09.2021, Nr. 203, S. 6). Hier zwei Auszüge:

Wer gendert, nimmt eine naive und falsche Gleichsetzung von grammatischem Genus und biologischem Geschlecht vor. Diese Gleichsetzung wird schon durch „Ärzte ohne Grenzen“ widerlegt, bei dem niemand an einen Männerverein denkt. Und die Frage „Wer leidet mehr unter Corona, Schauspieler oder Sänger?“ bezieht sich nicht nur auf Männer. Wir nennen ein freches Kind ein Gör oder eine Göre, einen merkwürdigen Menschen einen Typ oder eine Type, das grammatische Genus dieser Wörter spielt keine Rolle.

Seit Jahrhunderten, vermutlich seit Bestehen der deutschen Sprache, werden die Grundformen auch geschlechtsübergreifend verwendet. So werden sie z. B. im Nibelungenlied gebraucht, in der Szene, „wie Prünhilt in Worms empfangen wurde“. Da reiten die Burgunden den Isländern entgegen, dass Frauen dabei waren, geht aus dem Text hervor: die Frauen Prünhilts werden mehrfach erwähnt, die der Gastgeber sogar mit Zahlenangaben: 86 Frauen und 54 schöne Mädchen begleiten Kriemhilt, die Prünhilt mit den Worten begrüßt: „Ihr sollt in Burgund mir und . . . allen unseren Freunden willkommen sein.“ Es gibt keinen Grund anzunehmen, der Dichter habe mit „Burgunden, Isländer und Freunde“ nur Männer gemeint.

Man kann gespannt sein, wie lange es dauert, bis Gendern auch in Deutschland überwunden ist, bis Frauen und Männer sprachlich gleich behandelt werden. Es könnte noch dauern, weil den Genderformen durch Leitfäden von Unis und Behörden „nachgeholfen“ wird. Ein Verbot würde die Opferfeministen aber nur noch bestärken, es ist auch gar nicht nötig: Genderdeutsch erledigt sich genau wie die oben erwähnten Mittel sexistischer Hervorhebung oder auch das Pronomen frau, das völlig untergegangen ist, von allein. Den Genderern, die jetzt mit geradezu missionarischem Eifer Druck ausüben, wird es nicht leichtfallen zuzugeben, dass sie eine sexistische Sprache entwickelt haben und dass sie anderen in der Entwicklung einer diskriminierungsfreien Sprache hinterherhinken. Schließlich müssen all die Leitfäden umgeschrieben werden.

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Markus Jesgarz

Meine Meinung ist:
Leider vertritt Frau Ulle Schauws, die Sprecherin für Frauenpolitik und Queerpolitik der Partei Bündnis 90/Die Grünen, die Meinung, dass das Verwenden des generischen Maskulinum die Welt nicht so divers darstellt, wie sie ist.
https://www.facebook.com/faz/posts/10158429792175976?comment_id=10158429858015976&reply_comment_id=10158430022905976