Kaltstellung nach Kritik?

Nach einem kritischen Brief tritt Thomas Weinandy als Berater der amerikanischen Bischofskonferenz zurück. Der Amerikaner ist ein Mann der Mitte, ein weltweit renommierter Theologe und ein von Franziskus 2014 bestätigtes Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission des Vatikans. Seine Worte lassen allerdings aufhorchen.

Die FAZ zitiert:

Sie haben oft von der Notwendigkeit der Transparenz in der Kirche gesprochen. Sie haben oft, besonders während der Synoden, alle ermutigt, besonders die Bischöfe, ihre Meinung zu sagen und keine Angst davor zu haben, was der Papst dazu denken würde. Aber haben Sie bemerkt, dass die Mehrheit der Bischöfe weltweit bemerkenswert still ist? Warum ist das so? Bischöfe lernen schnell, und was viele von Ihrem Pontifikat gelernt haben, ist nicht, dass Sie offen für Kritik sind, sondern, dass sie Kritik übelnehmen. Viele Bischöfe schweigen, weil sie Ihnen gegenüber loyal sein möchten, und deshalb äußern sie die Sorgen nicht, die Ihr Pontifikat aufwirft, zumindest nicht öffentlich, privat liegen die Dinge anders. Viele fürchten, dass sie an den Rand gedrängt werden oder Schlimmeres erfahren, wenn sie ihre Meinung sagen.

Mehr: www.faz.net.

Kommentare

  1. Dass man innerhalb der katholischen Kirche in der Meinung über den aktuellen Papst gespalten ist, verwundert mittlerweile nicht mehr (vgl. z.B. https://theoblog.de/robert-spaemann-kritisiert-amoris-laetitia/27644/).
    Dass die EKD den „Bruder Franziskus“ beim offiziellen Festakt zum Reformationstag in Wittenberg zu weiteren Schritten in Sachen Ökumene einlädt – keine Schlagzeile mehr wert, zu erwartbar sind in dieser Hinsicht die protestantischen „Anbiederungsversuche“.
    Aber dass auch aus evangelikalem Kontext der Blick auf den jetzigen Papst immer unkritischer wird, wie u.a. beim Theologen Thomas Schirrmacher zu beobachten (http://www.zeit.de/2017/44/thomas-schirrmacher-protestantismus-martin-luther-papst-franziskus), das ist einfach nur noch tragisch. Ich habe bei Schirrmacher lange versucht zu verstehen, aber wie er den jetzigen Papst als Erben Luthers bezeichnen kann – tut mir Leid, aber da hört für mich das Verstehen auf. Möglicherweise sehe ich nicht alles und kann den Kontext nicht vollständig erfassen; vielleicht wissen andere ja mehr.

  2. Wir haben auf der einen Seite ein Unfehlbarkeitsdogma, das den Papst betrifft, und auf der anderen Seite Verwunderung, dass keiner der Bischöfe aufmuckt. Das ist schon seltsam, was Weinandy unter diesen Rahmenbedingungen da schreibt. Kritik am Papst wäre gleichzeitig Kritik an mindestens einem Dogma. Streicht man das eine Dogma, dann wären die anderen katholischen Lehrmeinung auch zur Diskussion freigegeben. Das katholische theologische Lehrgebäude ist, nach meinem Empfinden, über mehrere Jahrhunderte gewachsen, und ich habe den Eindruck, dass auf eine hohe Konistenz geachtet wird, um nicht ältere Lehren angreifbar zu machen, also um das ganze Gespinst möglichst widerspruchsfrei zu halten (so falsch es auch insgesamt ist).
    Demnach ist Kritik am Papst nicht opportun, selbst wenn er selbst dazu auffordert. Wer kritisiert, der verliert. Es ist wie in anderen Institutionen, sei es Amtskirche beliebiger Couleur, tw. Freikirchen, politische Parteien: wenn ich weiterhin an den Fleischtöpfchen sitzen möchte, halte ich den Mund. Von oben wird Management bei Champignon betrieben, was den Kopf vorwitzig rausreckt, wird am Halse abgeschnitten. Es sei denn, es gucken gleichzeitig so viele Köpfe raus, dass der Schnitter nicht mehr hinterher kommt.
    In diesem Fall hat sich Weinandy selbst abgesägt.

  3. @Stephan: Das Unfehlbarkeitsdogma gibt es seit knapp 150 Jahren. Nicht alles, was der Papst sagt, gilt automatisch als „unfehlbar“, sondern nur was „ex cathedra“ als unfehlbar erklärt wird. Das waren in den letzten 150 Jahren maximal 20 Lehrentscheidungen.

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