„Gender- und Queer-Perspektive“ als Befreiung?

Im Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts (KI)  wurde kürzlich ein Aufsatz über die „Gender-und Queer-Perspektive“ publiziert. Freundlicherweise darf ich hier einen beachtenswerten Leserbrief wiedergeben, der von Pfr. i. R. Burkard Hotz dazu verfasst wurde.

„Gender- und Queer-Perspektive“ als befreiende Kraft?

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich will mit dem Positiven beginnen: Bei der Lektüre der Ausgabe 2 /2014 des Materialdienstes habe ich mit großem Interesse den Aufsatz von Markus Iff, Seite 23 ff über das Taufverständnis innerhalb der FeG studiert. Gerade weil die FeG hier einen eigenständigen und toleranten Weg zwischen dem „harten Baptismus“ und dem Taufverständnis der Großkirchen geht, ohne einerseits die Taufe theologisch zu entkernen oder andererseits sie theologisch so hoch zu hängen, dass der Glaube fast schon schädlich scheint, weil er das bedingungslose Heilshandeln Gottes einschränken könnte. Hier geht die FeG in der Tat einen originellen Weg, der für Gemeindeleitungen seelsorgerlich einen echten Handlungsraum nach innen ermöglicht und der nach außen eine erfreuliche ökumenische Weite erschließt. Also dieser Aufsatz hat mich sehr gefreut, nicht zuletzt deshalb, weil ich seit meinem Ruhestand, ich war bis 2012 Pfarrer in der EKHN, gerne auch die Gottesdienste in der FeG hier in Wiesloch besuche und mit Freude diese lebendige Gemeinde wahrnehme.

Nun möchte ich zu dem Beitrag von Katharina Röllmann, Seite 32 ff einige kritische Gedanken und Fragestellungen mitteilen, weil ich diesen Beitrag für gut geeignet halte, anschaulich zu zeigen, wie GendertheoretikerInnen es lieben, mit ihrem Thema umgehen. Sie entfalten ihr Thema üblicher Weise in drei Schritten.

In einem 1. Schritt wird eine wissenschaftlich beeindruckende empirische Feld-Analyse zum Verhältnis Frauen – Männer vorgelegt, in unserem Fall sogar aus unterschiedlichen Kulturräumen. Mit großem methodischen Aufwand wird der Frage nachgegangen, sind Predigten geschlechtsspezifisch, also predigen Frauen und Männern unterschiedlich? Nun wird die beeindruckende Analyse durch die verschiedensten Raster und kategorialen Muster geschüttelt und nach dieser komplexer Analyse kommt man zu dem 2. Schritt: Ja, Gender hat Recht, die Predigten sind unterscheidbar, Frauen predigen tendenziell anders als Männer. Ja, es gibt so etwas wie ein geschlechtsspezifisches Predigen. Allerdings sind die mit großem analytischem Forschungsaufwand und einer sehr anspruchsvollen Terminologie gewonnen Ergebnisse nicht sehr überraschend: also Frauen predigen „generell lebensnäher, spezifischer und emotionaler“. Eine Beobachtung, die ich als langjähriger Gemeindepfarrer auch ohne beeindruckenden wissenschaftlichen Aufwand im Prinzip eins zu eins bestätigen kann. Das ist also der 2. Schritt der Genderanalyse. Männer und Frauen gehen das Predigen anders an, bringen andere Prägungen, Erfahrungen und Aspekte ein. Das ist doch ein erfreuliches Ergebnis, so könnte man denken, und eine schöne und zukunftsweisende Erkenntnis für das Reich Gottes. Wir können mit Freude die Unterschiede zwischen Frauen und Männern als Begabungen und Reichtum entdecken und fördern, und gerade diese Unterschiedlichkeit als von Gott geschenkte gleichwertige Gaben für Frauen und Männer bejahen. Und eben diese geschlechtsspezifischen Unterschiedlichkeiten dürfen in der Gemeinde als gemeinsames Lernfeld der gegenseitigen Bereicherung und in lebendiger komplementärer Ergänzung der Verkündigung des Wortes Gottes und dem Aufbau der Gemeinde dienen.

So könnte man dankbar denken und es engagiert leben, doch weit gefehlt, wer so denkt, so klärt uns die Autorin auf, ist noch gänzlich unaufgeklärt und verharrt in „starren Geschlechterkategorien“. Wer so denkt, macht unerlaubter Weise einen Punkt, wo um Gottes Willen ein Komma hingehört, wird uns gesagt. Wer so denkt, hat weder die Genderwahrheit – und bei Frau Röllmann maximal theologisch getoppt – noch „die befreiende Kraft des Evangeliums und das Wirken Gottes!“ – überhaupt verstanden. Denn jetzt kommt der entscheidende 3. Schritt, der wahre Gender-Schritt. Jetzt kommt der Akt der Befreiung. Schritt 1 und 2 waren nur das Vorspiel, das Glockengeläut und das Präludium, jetzt aber kommt die wahre Liturgie, der wirklich Gender-Gottesdienst! Das mit großem und beeindruckendem wissenschaftlichem Aufwand ermittelte Ergebnis der Unterschiedlichkeit von Männern und Frauen ist im Grunde nur dazu da, – man kann es kaum fassen! – um beseitigt zu werden. : „Die Blickwinkel von Frauen und Männern auf die Welt scheinen noch Unterschiede aufzuweisen. Dies muss aber nicht so bleiben. Es ist eine wesentliche Funktion der Kirche nicht nur mit Wirklichkeitsperspektiven umzugehen, sondern sie auch zu verändern und zu erweitern. Damit kann sie einen Raum eröffnen, in dem die befreiende Kraft des Evangeliums wirken kann. Dies ist eine Befreiung aus einengenden Wirklichkeitsverständnissen hin zu Perspektiven, die menschliche Kategorien übersteigen. Die Dekonstruktion von Geschlechterkategorien kann dabei symbolisch wirken“.

Jetzt ist die Katze aus dem Sack und Gender wird geradezu orthodox-evangelisch als befreiende Kraft des Evangeliums präsentiert. Die vorher mit einem Riesenaufwand herausgestellten und präzisierten Geschlechter von Frau und Mann sollen gerade überwunden, im Genderslang „dekonstruiert werden“ , weil sie ja selber nur soziale Konstruktionen seien, die ein „einengendes Wirklichkeitsverständnis“ transportieren. Bei Frau Röllmann wird dabei diese dekonstruktivistische Gender-und Queer-Perspektive nahtlos mit der „befreienden Kraft des Evangeliums“ und der „christlichen Identitätsfindung“ in eins gesetzt. Ich reibe mir erstaunt die Augen und frage mich, ist das nicht eine hochgradige ideologische Instrumentalisierung des Evangeliums von Jesus Christus? Ist es nicht ein wahnhaftes pseudotheologisches Konstrukt, das wirklich der Dekonstruktion bedarf, dass die Identität in Jesus Christus (z. B. nach 2. Kor. 5, 17) und die Qeertheorie, die sich energisch der Zerstörung von Frausein und Mannsein widmet, sich dem „gleichen Paradox“ verdankten?

Natürlich bekommen bei Frau Röllmann auch die bösen konservativen Freiheitsverhinderer ihr Fett ab: „Gerade in den wachsenden christlich-konservativen Kreisen der USA gibt es klare Modelle von zwei Gruppen, die Männer und Frauen genannt werden“. Das ist wirklich erstaunlich, dass dies schlimmer Weise nicht nur in den USA sondern auch unter uns in Europa seit vielen Jahrhunderten geschieht, auch bei uns gibt es, man glaubt es kaum, zwei Gruppen, die Männer und Frauen genannt werden!! Und ich oute mich als Mann, der dies bewusst unterstützt und der keinerlei gegenderte Dekonstruktion begehrt, im Gegenteil, der sogar in der Pflege der komplementären Geschlechterbeziehung von Mann und Frau – wesentlich in der Ehe – eine entscheidende Aufgabe in Kirche und Gesellschaft sieht und sich für sie einsetzt. So rufe ich Frau Röllmann zu: ‚Setze kein Komma, wo Gott einen Punkt, ja sogar ein Ausrufungszeichen gesetzt hat!‘

Ja, ich bin gegen Frau Röllmann und der Vielzahl ihrer wissenschaftsgewaltigen Gesinnungsgenossinnen der Überzeugung, dass in der Geschlechterkomplementarität von Mann und Frau, mit ihrem exklusiven ehelichen Segen der Fruchtbarkeit, die conditio humana im jüdisch-christlichen Kulturstrom eine grundlegende und bewährte Ausprägung gefunden hat. Ihre im Namen einer vermeintlichen Freiheit propagierte und praktizierte „Dekonstruktion“, d.h. ihre Zerstörung trägt für mich die Züge selbstzerstörerischer Besessenheit.

Nein für mich ist dieser Weg, den Frau Röllmann propagiert ein falscher und gefährlicher, eben ein massiv kontaminierter Weg. Die Abschaffung der Geschlechter von Mann und Frau und damit die Zerstörung der Familie mit Vater und Mutter und des generationalen Zusammenhangs der Familien, werden weder der Kirche noch der Gesellschaft einen lebensdienlichen Zuwachs an Freiheit und Gerechtigkeit bringen. Im Gegenteil, wir werden durch diese wahnhafte Entgrenzung von Identität und die bewusste Abschaffung von Vater und Mutter und die Auflösung des generationalen Zusammenhangs immer verwirrter und unfruchtbarer, immer desorientierter und haltloser werden. Genau dies ist ja eine erklärte Absicht der Gender-Ideologie, nämlich Verwirrung zu stiften. Darin scheint sie sehr erfolgreich zu sein!

Frau stud. theol. Anna Katharina Röllmann, schon in jungen Jahren preisgekrönt, hat sicher im ideologischen Klima des derzeitigen landeskirchlichen Protestantismus eine große Zukunft vor sich. Sie wird dringend gebraucht, und viele Stellen und Tätigkeitsbereiche stehen ihr offen, denn der dekonstruktivistische Genderbedarf in Kirche und Gesellschaft ist riesig, und es gibt sehr, sehr viel zu tun für die schöne neue Genderwelt. Außerdem muss den konservativen Feinden dieser kulturrevolutionären Befreiung zum wahren Menschensein auf allen Ebenen das Handwerk gelegt werden. Auch dies wird sehr viel Arbeit sein.

Ich allerdings bin davon überzeugt, dass eine Kirche und die mit ihr verbundene Theologie, die die Gender- und Queertheorie und – praxis mit dem befreienden Evangelium von Jesus Christus ideologisch parallelisiert, keine Zukunft hat. Denn es ist der konsequente Weg in ein neues Heidentum.

Das waren Gedanken, die mich bei Lektüre des sehr erhellenden Beitrags von Frau Röllmann beschäftigten.

Ich grüße Sie herzlich und wünsche Ihnen Gottes Segen

Schätze der Gnade online

51nkOLENz4LDer Verlag für Kultur und Wissenschaft hat erfreulicherweise die Druckfahnen des Buches:

im Internet bereit gestellt.

Im Vorwort des Buches heißt es:

Der Glaube an Jesus Christus wird in Europa gegenwärtig durch zwei sich überschneidende Entwicklungen herausgefordert. Wir beobachten zum einen, dass sich die Gesellschaft zunehmend vom Christentum entfremdet. Viele Menschen haben den Bezug zur Kirche verloren und hinterfragen oder bedrängen den Glauben und das christliche Leben. Klare Glaubensüberzeugungen werden zunehmend pauschal abgelehnt und bekämpft. Gleichzeitig ist festzustellen, dass das Christentum selbst seine Kraft und Ausstrahlung verliert, da es sich von Christus entfernt. Bereitwillig säkularisieren sich Gemeinden sowie einzelne Gläubige und geben biblische Positionen zugunsten gesellschaftlich akzeptablerer und zeitgemäßerer Standpunkte auf. Viele Christen verlieren angesichts dieser Entwicklungen den Mut, ihren Glauben klar zu bekennen und konsequent auch dort zu leben, wo dies auf Widerstand stoßen könnte. Einige fragen sich sogar: Wie sollen Theologie, Verkündigung, Mission und Gemeinde unter diesen Umständen fortbestehen?

Im Herbst 2009 trafen sich neunzehn Christen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in München, um sich über diese „Krisenerfahrung“ auszutauschen und darüber nachzudenken, was diesen Tendenzen entgegengesetzt werden kann. Die Gesprächsteilnehmer kamen aus unterschiedlichen Berufen und gemeindlichen Hintergründen, unter ihnen Pastoren, Lehrer, Verleger und Studenten. Einige kamen aus Landeskirchen, die meisten gehörten Freikirchen an. Was sie verband, war die Liebe zur reformatorischen Theologie sowie der Glaube an die Kraft des Evangeliums.

Auch wir waren damals dabei. Wir erinnern uns sehr gut an unsere Einigkeit in der Bewertung der gegenwärtigen Herausforderungen. Wir alle teilten die Sorge darin, dass wichtige Aspekte des biblisch-historischen Glaubens in vielen Kirchen und Gemeinden immer mehr verwässert werden. So schwindet das Vertrauen in die Heilige Schrift, das Wissen um die Verlorenheit des Sünders, die Freude über die Glaubensgerechtigkeit, die Dankbarkeit für den stellvertretenden Sühnetod von Jesus Christus oder auch die „Retterliebe“. Trotzdem machte sich in der Runde kein Pessimismus breit. Wir erkannten, dass die „Krise“ eine Chance sein kann, wenn wir gemeinsam biblische Wahrheiten und die Heiligung des Lebens wiederentdecken und auf die Kraft des Kreuzes, die heilsame Gnade Gottes wie auch die Stärke des Heiligen Geistes vertrauen.

Da wir nordamerikanische Netzwerke wie die „Gospel Coalition“ oder „Together for the Gospel“ und auch Organisationen wie „Desiring God“, „9Marks“ oder „Redeemer City to City“ gut kannten, überlegten wir, ob es nicht an der Zeit sei, auch in Deutschland eine ähnliche Vereinigung aufzubauen. Nach mehreren Gesprächen und Gebet haben wir uns entschlossen, erste Schritte in diese Richtung zu gehen. Die Gemeinschaft wurde verbindlicher, wir formulierten unsere „Theologischen Grundlagen“, gaben dem Netzwerk den Namen „Evangelium21“, hielten erste Konferenzen ab und gründeten schließlich im Jahr 2012 einen eingetragenen Verein.

Seit 2011 findet jährlich eine 3-tätige Konferenz statt, die von vielen hunderten Personen besucht wird und durch die Pastoren, Prediger, Älteste und sonstige engagierte Christen im Glauben gestärkt und zugerüstet werden. Außerdem ist inzwischen mit dem Netzwerk „Josia – truth for Youth“ eine Tochterorganisation entstanden, die das Anliegen hat, die Vision von „Evangelium21“ der nächsten Generation nahezubringen.

Durch gegenseitige Vernetzung, Austausch und die Bereitstellung verschiedener Ressourcen soll den ungünstigen Trends mit der Strahlkraft des Evangeliums entgegengewirkt werden. Obwohl die Mitglieder des Netzwerks „Evangelium21“ verschiedenen Kirchen und Gemeinden angehören, verbindet sie das uneingeschränkte Vertrauen in die Heilige Schrift sowie eine reformiert ausgerichtete Theologie. Gegründet auf den von den Reformatoren wiederentdeckten Wahrheiten – Gnade allein, Glaube allein, die Schrift allein, Christus allein, und zu Gottes Ehre allein – wollen sie demütig und zugleich mutig Impulse setzen, durch die Gemeinden belebt werden.

Als uns angeboten wurde, im Jahrbuch des Martin Bucer Seminars Einblicke in unsere theologischen Wurzeln und Anliegen zu geben, haben wir dankbar zugesagt. Die Beiträge dieses Bandes stammen allesamt von Autoren, denen der evangeliumszentrierte Gemeindebau ein Anliegen ist.

Die ersten drei Beiträge sind kirchengeschichtlich ausgerichtet. Thomas Schirrmacher, Rektor des Martin Bucer Seminars, zeigt in „Johannes Calvin: Warum wir mehr über den Reformator wissen sollten“, weshalb es die Theologie des französischen Reformators in Deutschland besonders schwer hat. Calvin ist nicht nur für den reformierten Flügel der Reformation von großer Bedeutung, sondern hat die gesamte neuzeitliche Christenheit beeinflusst. Die Calvinforschung der letzten Jahrzehnte hat aufgedeckt, dass das Calvinbild durch jahrhundertelange Propaganda verzerrt wurde. Schließlich entfaltet Professor Schirrmacher, dass Calvin bereits als junger Theologe Herausragendes zu leisten vermochte. Schon in der ersten Auflage seiner Glaubenslehre aus dem Jahr 1536 sind wirkmächtige Schwerpunkte seiner Theologie angelegt. Ron Kubsch stellt in seinem Beitrag die seit einigen Jahren beachtete Bewegung des „Neuen Calvinismus“ vor. Was genau steckt hinter dem Namen? Was sind die historischen Quellen, die Inhalte und Schwerpunkte der verhältnismäßig jungen Bewegung? Der Aufsatz geht solchen Fragen nach und entwickelt einen kurzen Ausblick. Matthias Lohmann zeigt in dem Beitrag „Zurück zu alten Ufern“, dass in Deutschland zwei große freikirchliche Denominationen reformierte Wurzeln haben. Er skizziert die theologischen Prägungen von Johann Gerhard Oncken und Hermann Heinrich Grafe und betrachtet die ursprünglichen Glaubensbekenntnisse dieser Freikirchen.

Es folgen einige theologische Aufsätze.

Richard Phillips erörtert die Frage, ob es unter den Bedingungen der Postmoderne überhaupt noch möglich ist, absolute Wahrheit zu denken. Er zeigt, dass manche Einsichten postmoderner Erkenntnistheoretiker nachvollziehbar und nützlich sind, es aber alles in allem keinen Grund gibt, ihren Relativismus zu übernehmen. Mit Herman Bavinck sagt Phillips, dass zwar der endliche Mensch das Unendliche nicht erschöpfend versteht, aber es eben doch verstehen kann, insofern Gott etwas davon offenbart. Der Christ kann mit Hilfe des Heiligen Geistes so viel Wahrheit erkennen, wie nötig ist, um sich in dieser Welt zurechtzufinden und ein gottgefälliges Leben zu führen.

Seit Jahren wird inständig darüber diskutiert, was das Evangelium eigentlich sei. Bryan Chapell verteidigt die reformatorische Deutung: Gott hat seine Verheißung erfüllt. Er hat einen Messias gesandt, um gebrochene Menschen zu retten. Daher kann man das Evangelium auch sehr gut mit den Worten zusammenfassen: „Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um Sünder zu retten“ (1Tim 1,15).
Um das Jahr 1515 erkannte Martin Luther bei der Lektüre des Römerbriefes die Rechtfertigung allein aus Glauben. Die sogenannte „Rechtfertigungslehre“ wurde zum zentralen Artikel der reformatorischen Bewegung, mit dem die Kirche steht und fällt. Philip Ryken erklärt mit Hilfe gut verständlicher Bilder diesen Glaubensartikel, damit er in uns so wie einst bei Luther die Freude an Gottes Gerechtigkeit weckt. Diese „Gabe der Rechtfertigung ist für jeden da, der da glaubt und das Evangelium annimmt. Durch seine freie Gnade bietet Gott auf der Grundlage des Versöhnungswerks Jesu Christi völlige und abgeschlossene Rechtfertigung. Wer an Jesus Christus glaubt, wird im ewigen und gerechten Gericht Gottes auf ewig für gerecht erklärt.“

In seinem zweiten Beitrag plädiert Matthias Lohmann für die Auslegungspredigt als Hauptform der biblischen Verkündigung. Er belegt, dass die ganze Bibel in einem Zusammenhang mit dem Evangelium von Jesus Christus steht und deshalb die Texte in der Predigt immer von Jesu Christi her auszulegen sind. „Das Evangelium gehört in jede Predigt!“ gibt außerdem praktische Hilfestellung dafür, wie der Evangeliumsbezug eines Abschnitts erkannt und entfaltet werden kann.

Menschen, die durch Jesus Christus mit Gott versöhnt sind, haben allen Grund, sich an Gott zu freuen und ihm fröhlich zu dienen (vgl. Ps 68,4). Warum fehlt uns bei Gottesdienst, beim Studium der Heiligen Schrift oder beim Beten so oft die Freude? Christian Wegert erörtert solche Fragen anhand von Philipper 1,1–6 und zeigt, dass unser Gottesdienst von unerschütterlicher Freude und Zuversicht getragen sein kann, sogar dann, wenn wir vor scheinbar unlösbaren Aufgaben stehen. Auch wenn wir im eigenen Leben und in der Gemeinde von Jesus Christus Unvollkommenheiten entdecken, dürfen wir wissen: „Jesus Christus wird seine Kinder vollenden auf den Tag seiner Wiederkunft hin!“

Titus Vogt stellt sich in seinem Artikel „Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne!“ dem Verhältnis von Gottes Souveränität und menschlicher Verantwortung. Er weist nach, dass für den Apostel Paulus Gottes Souveränität und Gerechtigkeit sowie die Verantwortung des Menschen zusammengehören.

Welche Funktion hat das Gesetz im Leben des Christen? Wie sollen Christen die Freiheit vom Gesetz konkret verstehen? Suspendiert die Liebe vom Gebot, so wie das oft behauptet wird? Die Antworten auf solche Fragen können sehr unterschiedlich ausfallen. Ron Kubsch empfiehlt im letzten Aufsatz „Liebe und tue, was du willst“ ein Gesetzesverständnis jenseits von Gesetzlosigkeit und Gesetzlichkeit.

Im Anhang des Bandes befinden sich die „Theologische Grundlage“ des Netzwerkes „Evangelium21“. Das Dokument wurde in den Jahren 2010 und 2011 vom Trägerkreis gemeinschaftlich erarbeitet. Obwohl dabei auf den Bekenntnistext der „Gospel Coalition“ zurückgegriffen wurde, folgt es nicht in allen Punkten der Vorlage, sondern repräsentiert den Konsensus innerhalb des deutschen Netzwerkes.

Wir danken all denjenigen, die zum Gelingen des Bandes beigetragen haben, zuallererst den Autoren für ihre Beiträge. Ein herzliches Dankeschön geht an Ivo Carobbio für seine zügige und zuverlässige Übersetzungsarbeit sowie an Micha Heimsoth für das Lektorat. Beate Hebold hat wieder einmal mit Fleiß und Sorgfalt den Satz übernommen. Wir danken außerdem dem „Verlag Crossway“ für das Überlassen der Übersetzungsrechte an den Aufsätzen der „Gospel Coalition“ sowie dem „Verlag für Kultur und Wissenschaft“ für die Herausgabe des Jahrbuches.

„Die wahre Erkenntnis Christi besteht darin“, schreibt der Reformator Johannes Calvin (Institutio III, 2, 6), „dass wir ihn annehmen, wie ihn uns der Vater darbietet, nämlich umkleidet mit seinem Evangelium. Denn wie er dazu bestimmt ist, der Zielund Lichtpunkt unseres Glaubens zu sein, so können wir nur dann den rechten Weg zu ihm einschlagen, wenn uns das Evangelium vorangeht.“ Wo das Evangelium uns den Weg weist, „öffnen sich dann alle Schätze der Gnade“. Wir wünschen den Lesern des Buches Wegweisung durch das Evangelium.

Ron Kubsch und Matthias Lohmann

Die PDF-Datei des Buches kann hier heruntergeladen werden: JB_2013_Schaetze.pdf.

Einkaufsmöglichkeit

M. Weber über den Einfluss des Christentums

Der 20-jährige Max Weber beglückwünschte 1884 seinen Bruder Alfred mit einem Brief zur Konfirmation. In dem Schreiben ist zu lesen:

[Die christliche Religion] ist eine der Hauptgrundlagen, auf denen alles Große beruht, was in dieser Zeit geschaffen ist; die Staaten, welche entstanden, alle großen Taten, welche dieselben geleistet, die großen Gesetze und Ordnungen, welche sie aufgezeichnet haben, ja auch die Wissenschaft und alle großen Gedanken des Menschengeschlechts haben sich hauptsächlich unter dem Einfluß des Christentums entwickelt. […] Das wird Dir, je mehr Du in die Geschichtstafeln der Menschheit blickst, um so klarer werden.

Wie wichtig sind der EU die Familien?

Was die Familie vom Europäischen Rat und vom Europäischen Parlament vermutlich zu erwarten hat, beschreibt iDAF im neusten Rundbrief:

Die Staats- und Regierungschefs erkennen zwar die demografischen Entwicklungen als Herausforderung und die Bevölkerungsalterung als zusätzliche Gefahr für die Sozialsysteme an, aber sie verweigern eine vorrangige Option für die Familie. Die im Jahre 2002 beschlossene Barcelona-Strategie zur Förderung der staatlichen Kinderbetreuung bleibt Bestandteil der Arbeitsmarkt- und Wachstumspolitik. Das Grundverständnis der EU ist offenbar, dass Kinder und Mutterschaft ein Hemmnis zur Selbstverwirklichung der Frau und eine vermeidbare Ursache von Geschlechterdiskriminierung sind. Der Europäische Rat schweigt zur längst überfälligen Anerkennung der nicht-monetären Wirtschaftsleistung von Frauen und Mütter. Die EU weigert sich, Wohlstand, Wohlfahrt und Bruttoinlandsprodukt (BIP) lebensnah zu messen, ausgehend von der kleinsten sozialen Einheit aller Mitgliedsstaaten: der Familie. „Familienmainstreaming“ statt „Gendermainstreaming“, dafür hätten sich vor allem die Prioritäten „Innovation“, „Integration“ und „Solidarität zwischen den Generationen“, sowie die Schwerpunkte „informelles Lernen“, „neue Kompetenzen“ und „neue Beschäftigungsmöglichkeiten“ angeboten.

Arbeitsmarktpolitik soll auch im neuen Fünfjahrplan nicht durch die Integration einer auf Familienbedürfnisse und -interessen ausgerichteten Perspektive ergänzt, und mithin effizienter werden. Echte Wahlfreiheit ist weiterhin keine Option, denn die EU definiert sich als grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt und steuert die nationale Arbeitsmarktpolitik von Brüssel aus. Davon sind ausnahmslos alle Bürger in allen Mitgliedsstaaten und auch die Familie betroffen.

U. Wilckens: Wort und Glaube

Starke Worte von Prof. Ulrich Wilckens (Theologie des Neuen Testaments, 2014, Bd. 2, S. 9):

Daß die Verkündigung des Evangeliums als Wort Gottes gehört (1Thess 2,13) und im Glauben angenommen wird (1Kor 15,1f.), ist alles andere als selbstverständlich. Das liegt nicht an der mehr oder weniger starken intellektuellen Überzeugungsfähigkeit und rhetorischen Begabung, auch nicht an der persönlichen Ausstrahlungskraft unterschiedlicher Prediger. Menschen mögen Menschen von sich überzeugen – aber darum geht es in der Verkündigung des Evangeliums nicht. Dessen Inhalt ist: »Jesus Christus als der Herr« (2Kor 4,5), der für unsere Sünden gekreuzigte Messias, den Gott auferweckt hat (1Kor 15,3-5; 2Kor 5,14f.). Dies zu vermitteln, vermag nur Gott selbst. Daß in den Herzen Glauben entsteht (Röm 10,8f.), ist ein schöpferischer Akt Gottes wie der, mit dem er im Anfang »aus der Urfinsternis Licht aufstrahlen ließ« (2Kor 4,6) und Nicht-Seiendes ins Sein gerufen hat (Röm 4,17; Hebr 11,3).

Übung macht doch keine Meister

Du schaffst alles, wenn du nur lange genug übst – heißt es oft. Doch eine neue Studie zieht diesen Satz in grundsätzliche Zweifel. Patrick Bernau hat für die FAZ neueste Forschungsergebnisse zusammengefasst:

In den vergangenen Wochen schon kam eine Studie aus Schweden ins Gespräch, die zeigte, dass man vom Üben zumindest nicht musikalisch wird. Doch jetzt wird es noch deutlicher: Die renommierte Fachzeitschrift „Psychological Science“ hat einen neuen Überblick veröffentlicht, für den Forscher insgesamt 88 einzelne Studien aus verschiedenen Bereichen ausgewertet haben – und sie kommen zu einem eindeutigen Ergebnis: Es kommt vor allem aufs Talent an.

Nur zehn Prozent der menschlichen Leistung in einzelnen Disziplinen hängt davon ab, wie viel die Menschen üben, haben Brooke Macnamara von der angesehenen Princeton University und zwei Kollegen ausgerechnet. Für den Rest der Leistung sind andere Faktoren verantwortlich. Nicht alle davon sind angeborenes Talent.

Wichtig könnte zum Beispiel sein, in welchem Alter sich die Menschen zum ersten Mal mit einer Disziplin auseinandersetzen, schreiben die Forscher: Je jünger, desto leichter tun sie sich später. Aber auch die generelle Intelligenz und der Umfang des Arbeitsspeichers im Gehirn könnten eine Rolle spielen.

Mehr: www.faz.net.

Erziehung: Wann der Staat einzugreifen hat

Robert Spaemann ( Gesinnungsethik und Verantwortungethik, in: Peter M. Schmidhuber (Hrsg.): Orientierungen für die Politik? Vier philosophische Vorträge von Arno Baruzzi, Nikolaus Lobkowicz, Manfred Riedel, Robert Spaemann, München 1984, S. 66–67):

Der Gedanke einer gestuften Verantwortung ist für jede konkrete Ethik unerlässlich. So haben Eltern in der Regel die positive Verantwortung für das Wohl und die Erziehung der Kinder. Die subsidiäre Verantwortung des Staates bezieht sich nicht darauf, das Wohl und die Erziehung des Kindes zu optimieren, d. h. sie den Eltern immer dann aus der Hand zu nehmen, wenn die Erziehung nach Auffassung der Behörden bei anderen Personen besser wäre als bei den Eltern. Fast allen Eltern müssten dann die Kinder weggenommen werden, denn wer erzieht schon seine Kinder so, dass jemand anderes sie nicht vielleicht noch besser erzöge? Aufgabe des Staates kann es nur sein, die Unterschreitung bestimmter Minimalforderungen, die sich aus der Menschenwürde des Kindes ergeben, zu verhindern und tätig zu werden, wenn diese gefährdet sind.

Gefunden beim iDAF: iDAF_Nachricht_Zitat_13_2014.pdf.

Wahnsinn mit Methode

Thomas Lachenmaier schreibt in seinem Artikel „Wahnsinn mit Methode“ (factum, 5/2014, S. 14–17, hier: S. 17):

Um eine Familie zu gründen, müssen eine Frau und ein Mann als solche authentisch sein und eine Vorstellung davon haben, was eine Familie ist. Wo der Mensch alles ist, aber nicht männlich oder weiblich, da wird sich auch keine Familie bilden können, wie sie von der Schöpfung angelegt, von Gott gedacht ist. In erster Linie richtet sich Gender gegen die Familie. Der immense Aufwand, den mehr als 200(!) Gender-Lehrstühle allein in Deutschland betreiben, um die Identität von «Mann» und «Frau» zu zerstören, zeigt Wirkung.

Wer heute eine Umfrage in der Fussgängerzone macht, sogar wenn er ein kirchliches Orientierungspapier zurate zieht, der wird nicht mit einem schlüssigen Bild von Familie konfrontiert, sondern mit einem «anything goes», mit der Auflösung der Familie. Alles kann Familie sein: zwei Männer mit oder ohne Kinder, eine polygame WG, eine Frau mit zwei Männern. Warum nicht auch bald eine alleinstehende Frau mit ihren sieben Katzen, wenn sie mit ihnen eine hinreichend verlässliche Beziehung hat?

Der Religionspädagoge und Buchautor Andreas Späth erinnert in einem Aufsatz an ein bemerkenswertes Wort von C. S. Lewis. Mitte des vorigen Jahrhunderts schrieb Lewis: «Denn die Macht des Menschen, aus sich zu machen, was ihm beliebt, bedeutet (…) die Macht einiger Weniger, aus anderen zu machen, was ihnen beliebt.» Es lässt sich heute sehen, wie viel Macht diese einigen Wenigen, die sich Gender auf die Fahnen geschrieben haben, über die Vielen haben. Sie bestimmen die politische Agenda und sie gehen dabei energisch vor. Ein Zitat der EU-Kommissarin für Justiz, Grundrecht und Bürgerschaft, Viviane Reding, markiert diese Entschlossenheit: «Wir wollen keine Völker, die sich der gleichgeschlechtlichen Ehe widersetzen. Falls dies nicht verstanden wird, müssen wir eben eine härtere Gangart einschlagen.»

Der Islam will die Welteroberung

Der Greifswalder Althistoriker Egon Flaig, Autor einer bemerkenswerten Geschichte der Sklaverei, hat für die FAZ einen Essay über Mohammeds kämpferische Religion verfasst:

Nirgendwo unter der Herrschaft des Islam, und auch nicht im spanischen Kalifat, waren Juden Bürger ihrer Stadt; sie blieben stets Unterworfene. In manchen deutschen Städten – Worms, Augsburg und anderen – des Hochmittelalters waren die Juden Stadtbürger besonderen Rechts, sie hatten das Recht, Waffen zu tragen, und waren bessergestellt als ärmere christliche Einwohner. Sie waren bis ins vierzehnte Jahrhundert, als sich ihre Situation verschlechterte, weit besser integriert, als die Juden im muslimischen Spanien es jemals sein konnten. Wer die politische Integration für die wichtigste hält, kann nicht umhin, Augsburg über Córdoba zu stellen. All das ist seit über fünfzehn Jahren wissenschaftlich bekannt. Aber wer will es hören?

Hier: www.faz.net.

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