David Jackman auf Spurgeon-Konferenz in München

Stefan Beyer hat die Spurgeon-Konferenz besucht und einen Bericht darüber geschrieben, den ich hier freundlicherweise wiedergeben darf:

Predige das Wort!

David Jackman sprach auf Spurgeon-Konferenz in München

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David Jackman spricht über den Galaterbrief. Übersetzt wird er von Matthias Lohmann.

In der Zeit vom 6. bis 9. August veranstaltete das Martin Bucer Seminar in München in Kooperation mit dem Netzwerk Evangelium21 die erste Spurgeon-Konferenz. Sie stand unter dem Thema: „Predige das Wort!“. Insgesamt 40 Teilnehmer aus Deutschland und Österreich hatten das Privileg, von David Jackman, dem früheren Präsidenten des „Proclamation Trust“ in London, und Dr. Michael Clark, Dozent und Co-Leiter des Martin Bucer Seminars in München, zu lernen.

Den großen Rahmen der Konferenz bildete eine Auslegung des Galaterbriefs, durch welche die Teilnehmer geschult wurden, in ihrem eigenen Gemeindeumfeld das Wort Gottes treu zu predigen. David Jackman, der unter J. Alec Motyer und J. I. Packer studierte, verwies zunächst darauf, dass die Gemeinden nicht weniger Predigten, sondern bessere Predigten benötigen. Er setze sich schon seit Jahren im Rahmen des Cornhill Trainingskurses dafür ein, eine neue Generation von Bibellehrern auszubilden. Es gäbe einen Hunger unter den Christen, das Wort Gottes sorgfältig und interessant ausgelegt zu hören. Denn richtig gepredigt tue das Wort Gottes in den Händen des Heiligen Geistes das Werk Gottes.

In der ersten Einheit unterstrich David Jackman, dass das Wort Gottes inmitten des Relativismus unserer Zeit eine völlig gewisse Grundlage für unseren Glauben bilde. Der Apostel Petrus mache in 2. Petrus 1,12–21 deutlich, dass Gott sich uns offenbart hat. Diese Offenbarung bilde das Fundament unseres Glaubens. Dazu käme das Leben Jesu als Fundament der Wahrheit, denn die ganze Bibel konzentriere sich laut Lukas 24,25–27.44–45 auf die Person und das Werk Jesu. Die Frage sei nun, welcher Autorität wir uns unterwerfen. Der unseres Verstandes, der Kirche, der unserer Erfahrung? Oder vertrauen wir dem Licht des Wortes Gottes, welches von außen auf uns scheint. Spurgeon, der auch „Prinz der Prediger“ genannt wird, verglich die Bibel mit einem Löwen, der sich sehr gut selbst verteidigen kann, sobald er freigelassen werde. Gott offenbare sich in der Bibel durch die überlieferten Geschehnisse sowie durch deren Deutung in der Schrift selbst. Weil der auferstandene Herr Jesus seine Herrschaft über unser Leben vermittelt durch die Worte der Heiligen Schrift, ausübt, sei es von äußerster Wichtigkeit, dass die Bibel unser Leben bestimmt. Das tue sie am besten, wenn der biblische Text die Predigt forme. Christliche Lehrer sollten das Wort Gottes lehren und sich auch durch Widerstand nicht davon abbringen lassen (vgl. 2Tim 3,15–4,5).

David Jackman beim Vortrag.
David Jackman beim Vortrag.

Ab der zweiten Einheit nahm David Jackman die Konferenzteilnehmer mit in eine intensive Auslegung des Galaterbriefes hinein. So konnten sie exemplarisch die Vorbereitung einer Predigt üben. Auslegendes Predigen, so Jackman, verlangt immer einen Dreischritt von Erklären (Was steht im Text?), Begründen (Was will der Text?) und Anwenden (Wie können wir den Text heute umsetzten?). Ziel der Predigt sei es, den Verstand anzusprechen, um dadurch das Herz zu beeinflussen und schließlich den Willen zu aktivieren. Wobei der Kontext der Passage meist schon den Rahmen der Anwendung vorgebe. Der Schlüssel zum guten Predigen sei gutes Zuhören. Dabei solle man besonders auf Überraschungen und Schwierigkeiten im Text achten. Der theologische Kontext des Galaterbriefes sei auch heute noch anwendbar. Die falschen Lehrer predigten die Beschneidung aus Menschenfurcht (vgl. Gal 6,12) und verkündeten deshalb ein anderes Evangelium.

Paulus, der das Evangelium direkt vom Herrn Jesus Christus gelernt hat (Gal 1,12), ruft die Gemeinden auf, diesem pervertierten Evangelium nicht zu folgen, egal wie beeindruckend die Lehrer seien (Gal 1,8). Die Botschafter authentifizieren nicht die Botschaft, sondern umgekehrt. David Jackman verwies darauf, dass ein durch die liberale Theologie verunstaltetes Evangelium für den Mitgliederschwund in den Kirchen Westeuropas verantwortlich sei. Viele wollten, wie auch die falscher Lehrer in Galatien, Werke zu dem Evangelium hinzufügen, da sie nicht auf die Genugsamkeit des Evangeliums vertrauten. Das Kommen Jesu, sein vollkommenes Leben, sein Sühnetod am Kreuz und seine Auferstehung (d. h. das Evangelium) hätte alles verändert. Dahinter zurück zu gehen, sei töricht. Paulus war dieser Punkt so wichtig, dass er sich sogar dem Apostel Petrus entgegenstellte (Gal 2,11–14). Petrus ließ sein Verhalten von pragmatischen Überlegungen leiten, während Paulus darauf bestand, dass die Gemeinde von Prinzipien des Evangeliums bestimmt werden müsse. Die Konsequenzen des Evangeliums seien genauso wichtig wie die Wahrheit des Evangeliums selbst.

Konferenzteilnehmer im Gespräch.
Konferenzteilnehmer im Gespräch.

Dr. Michael Clark, der früher als Pastor der St. Andrew’s Anglican Cathedral in Sydney arbeitete und nun als Dozent und Co-Leiter das Martin Bucer Seminar in München betreut, schloss mit einem Vortrag über die neue Paulusperspektive (NPP) an. Laut der NPP hätten die Reformatoren sowohl Paulus als auch das Judentum falsch verstanden, insbesondere in Bezug auf die Gerechtigkeit und die Rechtfertigung im Neuen Testament. Das Judentum zur Zeit des Apostels hätte an eine Erlösung aus Gnade geglaubt, welcher ein Gericht aus Werken folge. Der Konflikt, in dem Paulus und das Judentum des Neuen Testaments standen, drehte sich deshalb weniger um die Rechtfertigung vor dem Tribunal Gottes, als um den Status der Heiden (Ekklesiologie). Paulus wollte die Grenzen des Reiches Gottes neu definieren (wer drin und wer draußen ist). Clark ging bei der Besprechung der NPP insbesondere auf den Theologen N.T. Wright ein, der den Begriff Gerechtigkeit im Neuen Testament in Treue umdeute. Für N.T. Wright schließt die Rechtfertigung nicht nur Jesus Werk für uns am Kreuz ein, sondern auch sein Werk in uns, für welches wir am Jüngsten Tag gerichtet werden. Diesem Verständnis stellte Michael Clark Römer 3 entgegen. Die Art und Weise, wie Paulus dort den Begriff Rechtfertigung gebraucht, signalisiert die gegenwärtige, unmittelbare Gerechtsprechung der Gläubigen.

Neben vielen praktischen Übungen zur Predigtvorbereitung umfasste die Konferenz auch die Teilnahme an einem Einsatz des Forums Evangelisation unter arabischen Touristen in der Münchner Innenstadt. Dort konnten die Teilnehmer in Gesprächen mit muslimischen Besuchern Münchens über das Wunder des Evangeliums sprechen, nämlich dass Christus uns nicht aufgrund unserer guten Werke, sondern durch seine guten Werke mit Gott versöhnt. Es wurden Traktate, Neue Testamente auf arabisch sowie SD-Karten mit christlichem Material verteilt. Außerdem nutzten die Konferenzteilnehmer die Gelegenheit, um für die vielen Menschen zu beten, die noch nie vom Evangelium gehört haben.

Die Veranstalter der Konferenz haben auch für entspannende Momente gesorgt. Nachmittags wurden sportliche Aktivitäten, abends Gesellschaftsspiele, angeboten.

Die erste Spurgeon-Konferenz hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass das Wort Gottes in Deutschland deutlicher gepredigt wird und sie hat Interesse geweckt, in Zukunft noch mehr darüber zu lernen, wie man die Bibel treu auslegt und den Menschen nahe bringt. Die nächste Konferenz darf mit Spannung erwartet werden.

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Ein kurzer Bericht über die Konferenz ist in den ideaheute-Nachrichten vom 8. August 2014 erschienen:

Fokussiert leben

Os Guinness empfiehlt in unserer Multioptionsgesellschaft das fokussierte Leben (Von Gott berufen – aber zu was?, 2000, S. 208):

Aktuelle Entscheidungen und Abwechslung, verstärkt durch die Geschwindigkeit und den Druck des Lebens in unserer heutigen Zeit, drohen ständig, unsere Konzentration zu zerstreuen und unsere Energie zu vergeuden. Es gibt gute Gründe, dass solche Formulierungen wie »ausgebrannt«, die »Tyrannei der Dringlichkeiten« oder die »Diktatur des Terminkalenders« heutzutage so häufig zu hören sind. Und viele Strategien, darauf zu reagieren, sind genauso schlecht wie die Probleme selbst. Die gefährliche Aussage »die Notwendigkeit ist dein Ruf« ist genauso ein sicheres Rezept für Überlastung und Verwirrung wie die verführerische Aussage »du hast dir heute eine Pause verdient« ein sicheres Rezept für Trägheit und Sichtreiben-Lassen ist. Unnötig zu sagen, dass die Lösung für das heutige Dilemma in der Weisheit liegt, sich sinnvolle Ziele zu setzen und alles andere außer Acht zu lassen. Aber wie? Vor langer Zeit schon beobachtete der Schreiber der Sprüche: »Dem Toren ist die Torheit eine Freude; aber ein verständiger Mann bleibt auf dem rechten Wege« (Spr 15,21). Es ist noch gar nicht so lange her, da schrieb der Harvard-Philosoph George Santayana: »Um etwas Bestimmtes zu erreichen, wird ein Mensch alles andere aufgeben.« Die heutige Welt macht das Leben in nur einem Brennpunkt schwieriger, ja fast unmöglich. W. H. Auden, der Dichter und Nachfolger Christi, hielt seine Erfahrung fest: »Wenn ein Künstler heutzutage etwas erreichen will, muss er eine vorbildliche Disziplin in Bezug auf die Zeit entwickeln, die in früheren Zeiten wahrscheinlich als neurotisch oder egoistisch erschienen sein mag, denn er darf nie vergessen, dass er in einem Belagerungszustand lebt.« Ansonsten, so stimmte Solschenizyn zu, »hat ein Künstler keinen anderen Ausweg, wenn er sich nicht mit kurzlebigen Sorgen aufheizen oder verbrennen will.«

Rundum versucht

Jørgen Glenthøj, lutherischer Pfarrer in Dänemark und Bonhoeffer-Forscher (Mitherausgeber der Bonhoeffer-­Gesamtausgabe), war Freund und Lehrer der OJC-Gemeinschaft. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Salzkorn ist seine Auslegung des „Vater unser“ abgedruckt. Darin heißt es:

„Die größte Not und Gefahr, die Jesus und seine­ Jüngergemeinde kennen, ist die Versuchung, den Lock- und Schreckmitteln des Widersachers Gottes nachzugeben. Gegen Jesus unternahm Satan drei Versuche, ihn zum Missbrauch seiner Möglichkeiten zu bewegen. Wir kennen drei Beispiele:

  1. die Versuchung, die Weltherrschaft durch die Huldigung Satans als Lehnherrn zu erlangen,
  2. die Versuchung, die Kraft Gottes zu missbrauchen, um Wunder zum eigenen Vorteil zu wirken oder
  3. die Versuchung zur Selbstverherrlichung, d.h. zu zeigen, dass er nach Wunsch Brot und Schauspiele herbeischaffen könnte.“

Gegenüber dieser giftigen Droge ist niemand immun!

Justin Taylor hat heute zwei sehr hilfreiche Zitate zum Thema universitäre Eitelkeit und Schwarmintelligenz publiziert. Ein wichtiger Aspekt bzgl. Verführbarkeit von klugen Leuten! Danke Ivo, dass Du das so schnell übersetzt hast!

Robert P. George rät jungen Wissenschaftlern:

Auch wenn es natürlich ist und man gut daran tut, diese an sich gute Sache zu begehren und diese Art der Zustimmung zu suchen – verlieben Sie sich nicht in den Applaus! Wenn Sie Beifall erhalten, wollen Sie bald mehr. Das aber kann Sie allzu leicht von Ihrer Mission und Berufung ablenken. Es geht schließlich nicht um siegreiche Anerkennung oder darum, eine Berühmtheit zu werden. Ihre Mission, Ihre Berufung lautet: Forsche nach der Wahrheit und verkünde die Wahrheit so, wie Gott es dir gegeben hat! Wer sich von der amtierenden Orthodoxie der maßgeblichen geistigen Kultur abgrenzt, begibt sich in eine spezielle Gefahr: Sie mögen versucht sein, zu glauben, dass Ihre Bereitschaft, den karrierefördernden (und möglicherweise auch karrieretötenden) Bonzen der Elitemeinung zu trotzen, Sie vor der Sucht nach Bestätigung und Beifall immunisiert und Ihnen persönliche und geistige Integrität garantiert. Das ist aber ein fataler Irrtum! Dieser Droge kann jeder verfallen! Und dieses Suchtpotential kann nie ganz ausgeschaltet werden. Diese Droge ist fürs Denken aber pures Gift (und damit auch für die Suche nach der Wahrheit).

Ähnlich warnt D. A. Carson konservative Christen; auch sie seien gegen die Droge Beifall/Applaus keinesfalls gefeit:

Der verführerische Applaus kann aus der konservativen Anhängerschaft Ihrer Freunde entstammen, jener engeren Gruppe Gleichgesinnter, die aber ebenso umgarnen können. Damit steht allerdings die eigene Forschung zum Verkauf: Sie werden stets darauf bedacht sein, über Dinge nachzudenken, die die Identität Ihrer Gruppe stärkt und ihr das Gefühl gibt, richtig zu liegen. Es geht darum, Ihre Gegner zu widerlegen. Einige Wissenschaftler, die sich über ihre Kollegen empören, weil die ihrer Einschätzung nach viel zu stark vom Beifall ungläubiger Akademiker-Kollegen angezogen werden, sind sich zum Glück nicht bewusst, wie abhängig sie selbst schon sind vom Beifall jener konservativer Bastionen, von denen sie angestachelt werden.

Die Bildermacht

Die Sonne scheint, die Kinder schreien: Wie man die Wahrheit über den Krieg in Gaza erzählt, obwohl die Wahrheit sich hinter Propaganda und Desinformation verbirgt. Richard Schneider hat einen Erfahrungsbericht über die Macht der Bilder geschrieben, den ich hier empfehlen möchte:

Allein in einem Städtchen wie Sderot rund 1000 Mal pro Jahr. Da hilft es dann auch nichts, auf der Polizeistation des Ortes die eingesammelten und aufgereihten Raketen zu filmen, die in den vergangenen Jahren auf Sderot niedergingen – es sind abstrakte Bilder, die dem verzweifelten, entsetzten Gesicht des palästinensischen Kindes nichts entgegenzusetzen haben. Wie also texten? Wie gegen die Macht der Bilder, aber auch gegen die Urteile und Vorurteile der Zuschauer in Deutschland antexten? Gegen die Islamophoben und Islamophilen, gegen die Antisemiten und Philosemiten, gegen all diejenigen, die nie im Nahen Osten waren, aber über den palästinensisch-israelischen Konflikt mitreden und glauben urteilen zu können in einem Ausmaß, wie es bei keinem anderen Konflikt auf dieser Welt der Fall ist? Machen wir uns nichts vor: Ein Konflikt, bei dem Juden mit im Spiel sind, wird in Deutschland per Reflex anders wahrgenommen als ein Krieg zwischen Muslimen oder zwischen Christen. Und wir wissen natürlich, wie die Zuschauer reagieren: Viele sehen und hören nur, was sie sehen und hören wollen. Die typischsten Fälle sind die, wo ein und derselbe Beitrag von Zuschauern als prozionistisch beziehungsweise propalästinensisch gewertet wird, die ärgerlichsten sind Beschimpfungen für Dinge, die man gar nicht gesagt hat – der Zuschauer aber angeblich „gehört“ haben will. In solchen Fällen kann man nichts tun, außer versuchen in der eigenen Sprachwahl präzise zu sein.

Hier: www.faz.net.

Vorbehaltliche Liebe

Die folgende Kurzgeschichte ist frei erfunden. Mögliche Überschneidungen mit Ereignissen aus dem wirklichen Leben sind beabsichtigt.

Ein Ehepaar bekommt, obwohl es alle erdenklichen Hilfsmittel der reproduktiven Medizin in Anspruch genommen hat, keine Kinder. Es gibt nur noch einen Ausweg. Sie wenden sich an eine Agentur, die Leihmütter vermittelt. Schnell ist der Vertrag fertiggestellt, eine Frau angemietet. Bei erfolgreicher Geburt erhält die Leihmutter von der Agentur 10.000 Euro. Sie hat Schulden und braucht das Geld. Der Betrag, den die Agentur vom Ehepaar empfängt, ist ungleich höher. Das Ehepaar wird die Austrägerin nie zu sehen bekommen. Umgekehrt wird die Leihmutter die Namen ihrer Mieter nie erfahren.

Die befruchtete Eizelle wird der Leihmutter erfolgreich eingepflanzt. Es wachsen Zwillinge heran. Ein Baby, der Junge, leidet an Trisomie 21. Die biologischen Eltern verlangen von der angemieteten Frau eine Abtreibung. Die Leihmutter, die bereits die Bewegungen der Zwillinge in ihrem Bauch spürt, lehnt ab.

Zwillinge werden geboren. Die biologischen Eltern nehmen das gesunde Mädchen an, den herzkranken Jungen mit Down Syndrom lassen sie zurück. Die angemietete Frau ist verzweifelt, die Agentur hilflos. Das war so nicht berechenbar. Der Vorfall dringt an die Öffentlichkeit. Experten diskutieren juristische und versicherungstechnische Probleme.

Zwanzig Jahre vergehen. Das Mädchen ist in wohlbehüteten Verhältnissen aufgewachsen. Sie wechselt von der Eliteschule an eine ausländische Universität. Durch einen Zufall entdeckt sie die Geheimnisse um ihre Geburt. Als sie die Dokumente für das Studium zusammenstellt, findet sie einen Leihmutterschaftsvertrag. Der Schock sitzt tief. Erst Wochen später spürt sie wieder festen Boden unter ihren Füßen. Sie beginnt mit den Nachforschungen.

Es geht alles ganz schnell. Die Spur führt nach Thailand. Ihrem Bruder konnte geholfen werden. Eine Hilfsorganisation ist für Kosten der notwendigen Herzoperation aufgekommen. Er starb im Alter von 18 Jahren in einem verwahrlosten Waisenhaus.

Sie weint. Aus Intuition wird Gewissheit. Ihre biologischen Eltern haben sie nie vorbehaltlos geliebt.

Vom Mut des Glaubens zur Umkehr

Wilfried Joest schreibt über den Ruf zur Umkehr unter Gottes Vergebung (Dogmatik, Bd. 2, 1986, S. 485):

Wer aus einem Leben, in dem er von Gottes Wort noch gar nicht berührt war, erstmals zum Glauben gerufen und erweckt wird, der wird das in der Tat als eine Bekehrung erfahren, durch die seine glaubensfremde Vergangenheit unterschieden wird von dem neuen Lebensweg, der ihm aufgetan wurde. Wer von Kindheit an zum Glauben geführt wurde und ihm nie ganz entfremdet war, dem kann nicht als Gesetz auf erlegt werden, auch er müsse zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens das Durchbruchserlebnis einer einmaligen Bekehrung erfahren, um in Wahrheit Christ zu sein. Aber niemand von uns ist so vollendet im Glauben und in der Liebe und so endgültig aller Sünde entnommen, daß er nicht dessen bedürftig bleibt, immer wieder den Ruf zur Umkehr unter Gottes Vergebung zu hören und ihm zu folgen. Das gilt für den von Kindheit an zum Glauben Geführten; aber auch für den, der zu einem späteren Zeitpunkt erstmals seine Bekehrung zum Glauben erfuhr.

Die göttliche Autorität des Alten Testaments

Ulrich Wilckens schreibt über die Autorität des Alten Testaments (Theologie des Neuen Testaments, 2014, Bd. 2, S. 61):

Was zunächst das Alte Testament betrifft, so ist zunächst noch einmal daran zu erinnern, daß dessen Zeugnis in der Urkirche nicht nur in fester Schriftform vorlag (»es steht geschrieben«; Mose oder einer der Propheten »haben geschrieben«), sondern daß es eigentlich der »heilige« Gott selbst ist, der in dem von Menschen »Geschriebenen« zu Wort kommt. Weil Gott heilig ist, gelten die Schriften als »heilig« (Röm 1,2). Was sie »lehren«, gilt uns, »damit wir durch die Geduld und durch die Tröstung (die Gott uns in ihnen zuspricht) an der Hoffnung festhalten« (Röm 15,4). Daß alle Schriften prophetisch auf Christus verweisen (Lk 24,27), dient »uns« Christen zur Bekräftigung unseres Glaubens an den Messias Jesus als Gottes Sohn, in dem Gott das seinem Volk zugedachte Heil vollendet hat. Jede zitierte Schriftstelle ist insofern als Christuszeugnis immer auch Zeugnis des heilsgeschichtlichen Handelns Gottes in der Geschichte Israels, seines wirkkräftigen »Redens« einst zu den Vätern und jetzt zu uns (Hebr 1,1f.). Darum ist die Schrift von göttlicher Autorität, so daß Paulus im Streit um die jeweils höchste Autorität von Menschen in der Gemeinde von Korinth die Grundregel aktuell zur Geltung bringt: »nicht über das hinaus, was geschrieben steht!« 1Kor 4,6).

Das Drama von Mossul (Teil 3)

Wie angekündigt hier die Fortsetzung (siehe auch hier) des Berichtes von Andrea, die derzeit im Nordirak für das Hilfswerk GAiN unterwegs ist:

Donnerstag, 31. Juli 2014, abends

Meine Zeit im Irak geht dem Ende entgegen; ich vermute, dass das hier der letzte Beitrag meines Newstickers sein wird, weil wir am Wochenende wieder in einem Flüchtlingslager unterwegs sind und ich kaum zum Schreiben kommen werde. Heute Nachmittag habe ich mit der Hilfe einer Übersetzerin unsere Nachbarn der letzten Woche interviewen können. So viele der kleinen gemeinen Details, die sie erzählten, habe ich inzwischen dutzendmal gehört. So viele traurige Geschichten haben uns alle in den letzten Wochen müde gemacht, dass ich manchmal dachte, ich mag eigentlich nichts mehr hören. Aber jede dieser Geschichten mit jedem einzelnen gemeinen Detail verdient es eigentlich, gehört zu werden. Was mich ganz neu fasziniert und tröstet, sind diese Sätze in den Psalmen, die wir morgens in der gemeinsamen Andacht lesen: Wie leidenschaftlich Gott auf Seiten der Unterdrückten steht und wie sein Zorn gegen die Übeltäter entbrennt. Und dass er denen Recht schaffen wird, die sich zu ihm halten. Bei Gott ist keine dieser Geschichten vergessen.

Es sind, wie ich jetzt herausfinde, drei neue Familien, die mit in unserer Wohnung leben: G., die alte Dame, und ihr Mann sind die Eltern der zwei jüngeren Frauen vielleicht Mitte dreißig: Eine von ihnen, J., lebte mit den Eltern, ihrem Mann und der 17jährigen Tochter in Mossul. Sie bewohnten zusammen ein großes Haus und betrieben eine Cafeteria auf dem Universitätsgelände von Mossul. Die andere Tochter, K., lebte mit ihren zwei Kindern im Grundschulalter in einem Dorf außerhalb von Mossul; ihr Mann ist Techniker für Handys und ähnliche Kleingeräte. Die Familien gehören zur Chaldäisch-Orthodoxen bzw. Armenisch-Orthodoxen Kirche, und schon in den letzten Jahren haben sie sich nicht mehr sicher gefühlt. “Islamistische Terroristen”, wie sie alles nennen, was auch schon vor ISIS die Gegend unsicher gemacht hat, sind mehrmals in ihr Haus eingedrungen und haben sie bedroht. Sie erzählen das so nebensächlich, wie ich meinerseits vielleicht berichten würde, dass mir nun schon mehrmals die Sicherung im Wohnzimmer durchgebrannt ist. Den Pfarrer ihrer Kirche hat man umgebracht.

Es ist schon das vierte Mal, dass sie ihre Häuser verlassen haben und geflüchtet sind; diesmal, so spüren sie, war es anders und hatte etwas Endgültiges. Die letzten Male, 2008, 2010 und 2011, hatten sie selbst die Entscheidung gefällt, dass es zu gefährlich wurde und sie besser gehen sollten. Sie konnten ihre Sachen mitnehmen und sich für einige Monate zu Verwandten flüchten, bis sich die Lage wieder beruhigt hatte und sie in ihre Häuser zurückkehren konnten. (Andere unserer neuen Bekannten haben auch berichtet, wie die Islamisten in ihrer Abwesenheit in ihre Häuser einbrachen und sich dort häuslich einrichteten. Wenn sie zurückkehrten, mussten sie erst einmal Blutspuren und Reste von Verbandszeug entsorgen, und ihre Einrichtung war verwüstet.)

Am 18. Juli fielen Bomben auf Mossul. Die Familie bekam es mit der Angst zu tun und beschloss zu flüchten, solange es noch möglich war. Am 19. Juli um 9 Uhr, an dem Tag, an dem später das Ultimatum für Christen verkündet wurde, verließen sie ihr Haus zum letzten Mal. Ein Cousin, der kurz vor ihnen geflüchtet war, rief von einer ihnen unbekannten Nummer aus an: Sie hatten ihm am Kontrollpunkt sein Handy und viele Wertsachen abgenommen, und so musste er sich für seinen Anruf ein anderes Handy borgen. Aber sein Auto war ihm geblieben. „Am besten versteckt ihr das, was ihr an Wertvollem mitnehmen wollt, irgendwie im Auto“, riet er der Familie. Und das taten sie.

„Wir haben beschlossen, dass wir unsere Enkelin, die Tochter von J., bei meinem Mann und mir im Auto mitnehmen“, erzählt G. „Sie ist ja erst siebzehn. Ich bin eine alte Frau; in unserer Kultur sollten die Leute mich respektieren, und wir dachten, dass ich sie besser beschützen kann, als wenn sie bei ihren Eltern bleibt.“ Aber es gibt keinen Respekt am Kontrollpunkt, weder für die alte Dame noch für irgendjemand anderen.

„Sie haben uns befohlen auszusteigen“, erzählt J., „und sie haben uns durchsucht. Alle Wertsachen haben sie uns weggenommen, sogar meine Brille und meinen Ehering.“ Seit ihrer Flucht kann J. nur unklar sehen; es erklärt, warum sie immer ein bisschen verwirrt dreinschaut. Erst jetzt, nach fast zwei Wochen, kann sie zu einem Augenarzt gehen. „Ja, uns haben sie auch aus dem Auto gescheucht“, schluchzt G. „Ich habe zu ihnen gesagt: ‚Ich bin doch eine alte Frau und mein Mann hat Rückenprobleme. Wir können nicht so einfach aussteigen.’ Aber der eine Mann hatte ein Gewehr und das hat er auf uns gerichtet. Wir haben uns also aus dem Auto gequält. Sie haben uns angeschrien: ‚Wo ist euer Gold?’ Ich hatte solche Angst, dass ich ihnen einfach meine Tasche in die Hand gedrückt habe. Aber dann haben sie mir auch mein Gebiss abgenommen. Seit vorletzter Woche habe ich deswegen im Oberkiefer keine Vorderzähne mehr. Sie haben mir auch mein Blutdruckmessgerät abgenommen und unsere Haustürschlüssel. Ich hatte auch einen Rosenkranz dabei, den sie mir weggenommen haben, und ein Bild von Jesus. Das hat mir einer von den Männern aus der Hand gerissen. Er hat es auf den Boden geworfen und zertreten. Er hat mich angeschrien und beschimpft. Dann haben sie mir auch noch befohlen, die Schuhe dazulassen. ‚Aber das geht doch nicht’, habe ich gebettelt, ‚der Boden ist zu heiß und ich kann ohne meine Schuhe doch nicht laufen.’ Aber sie haben einfach nur auf uns eingebrüllt. Mein Mann hat sie angefleht: ‚Ihr sagt doch, dass Mohammed ein guter Mann war. Um seines Namens willen – behandelt uns doch bitte nicht so.’ Aber sie haben ihn einfach ignoriert. Sie waren so grausam. Meine Enkelin hat nach ihrem Papa geweint. Wir haben alle geweint, aber sie hatten kein Mitleid.“

„Ich hatte solche Angst“, sagt J., die ja im anderen Auto saß. „Ich hatte solche Angst, dass sie meine Tochter verschleppen. Sie haben uns dann befohlen, in eins von ihren Autos zu steigen, und wir haben gesagt: ‚Aber was wird denn aus unserem Auto?’ Sie haben uns nur angeschrien: ‚Hört auf, dumme Fragen zu stellen, und steigt hier ein.’ Wir haben in dem Moment wirklich gedacht, dass sie uns irgendwohin fahren, wo sie uns umbringen. Aber sie haben uns einfach außerhalb von Mossul ausgesetzt.“

Die beiden Familien fanden wieder zusammen und schlugen sich zu Fuß und per Anhalter zu dem Dorf durch, in dem K., die andere Tochter, lebte. Es ist übrigens eines der Dörfer, das meine Kollegen mit einer Wagenladung Trinkwasser versorgten, weil Wasser und Elektrizität dort fehlten.

Sie waren erst drei Tage dort, als ISIS eine Fabrik für medizinische Geräte bei diesem Dorf angriff. Ihre Bomben fielen die ganze Nacht hindurch und der Familie wurde bewusst, dass sie auch hier nicht sicher war. Mitten in der Nacht flüchteten sie aus K.s Haus und nahmen sie und ihre vierköpfige Familie gleich mit. Nachts um eins kamen sie an einem kurdischen Kontrollpunkt an, wurden aber zu dieser Zeit nicht mehr durchgelassen. „Zurückzugehen kam für meine Mutter nicht in Frage“, sagt J. „Wir haben da am Straßenrand unsere Matratzen und Sachen auf den Boden gelegt und ein paar Stunden geschlafen. Um fünf Uhr morgens haben sie uns dann durchgelassen.“ Einige Nächte lang kam die Familie in der chaldäischen Kirche in unserer Stadt unter, dann mussten sie dort weg. Die Gemeinde, zu der „unsere“ Wohnung gehört, hat ihnen erlaubt, eine Woche bei uns zu wohnen. Wir kaufen für die Familien mit ein, haben ihnen einige Kleider und Schuhe aus unserem Container mitgebracht und hoffen mit ihnen, dass sie bald eine dauerhaftere Bleibe finden. Ihre Woche bei uns läuft eigentlich morgen aus, aber wir haben noch nicht gehört, dass sie etwas anderes gefunden haben – zumindest etwas, das sie auch bezahlen können.

Wie stellen sie sich ihre Zukunft vor, frage ich sie zum Schluss. Würden sie gerne zurück nach Mossul gehen? „Wenn ISIS ausgeschaltet wird und wir unser Haus zurück bekommen, werden wir es wohl verkaufen und irgendwo anders hinziehen“, sagt G. resigniert. „Aber im Moment haben wir das Gefühl, dass wir nirgendwo ganz sicher sind.“

Während ich diese Geschichte niederschreibe, habe ich einen Anruf bekommen: bei R.,“unserer“ Ärztin, sind 15 weitere Familien aufgeschlagen, die nun auch aus einem der Dörfer hergekommen sind. Wir haben noch schnell ein paar Matratzen für sie organisiert und uns dann zum Abendessen mit Q. ein paar syrische Pizzas geteilt. Q. ist Mitte zwanzig und so eine Art Hausmeister in unserer Wohnung. Er ist selbst vor einigen Jahren aus Bagdad her geflüchtet, bevor die Armee ihn einziehen konnte, und er hat offenbar auch zu viel Schlimmes erlebt, als dass er psychisch ganz gesund wäre. „Guckt ihr auch das hier“, meint er beiläufig in seinem gebrochenen Englisch. „Ist Video von ISIS, so wie Promo-Video“ – und er spielt ein professionell gedrehtes Video aus dem Internet ab, in dem, untermalt von feierlicher Musik, einige Dutzend gefangengenommene irakische Soldaten gezeigt werden, wie sie von vermummten Gestalten abgeführt und einer nach dem anderen erschossen werden. „Ist ganz neu auf YouTube.“ Ich schaue zu spät weg; ich habe zu spät geschaltet, um was es da geht. Es gibt keinen Grund, an der Authentizität solcher Videos zu zweifeln, die man sich hier unter Freunden gemeinschaftlich beim Abendessen anschaut.

Kann man sich an so viel Gewalt eigentlich gewöhnen? Ich bin froh, dass ich gerade in den letzten Wochen hier sein konnte. Aber ich glaube, ich bin auch froh, wenn ich am Sonntag nach Hause komme.

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