F. Avemarie: Neues Testament und frührabbinisches Judentum

Nachfolgend ein Auszug aus einer Rezension, die vollständig in der Zeitschrift Glauben & Denken heute erscheinen wird. Besprochen wird folgendes Buch:

41uWWgG3oxL SY445Im Oktober 2012 wurde Friedrich Avemarie unerwartet im Alter von nur 51 Jahren aus dem Leben gerissen. Die Nachricht von seinem Tod traf die Fachwelt wie ein Schlag. Wer immer sich für das Studium der rabbinischen Literatur oder der „Neuen Paulusperspektive“ interessierte, kam an den Beiträgen des Neutestamentlers und Judaisten nicht vorbei. Avemarie wurde 1994 in Tübingen unter Martin Hengel mit der Untersuchung „Tora und Leben“ (Tora und Leben: Untersuchungen zur Heilsbedeutung der Tora in der frühen rabbinischen Literatur, TSAJ 55, Tübingen, 1996) promoviert. Zwei Jahre nach seiner erfolgreichen Habilitation über die „Tauferzählungen“ in der Apostelgeschichte ging er 2002 an die Universität Marburg und lehrte dort für zehn Jahre. Er verknüpfte großes Interesse für die Auslegung neutestamentlicher Texte mit hervorragenden Kenntnissen der rabbinischen Literatur und leistete in seinem kurzen Leben materialreiche und maßgebende Forschungsbeiträge zum frühen rabbinischen Judentum.

Dankbarerweise haben Jörg Frey und Angela Standhartinger unter Mithilfe von Beate Herbst, der Ehefrau Avemaries, einen stattlichen Aufsatzband in der WUNT-Reihe des Mohr Siebeck Verlags publiziert. Neues Testament und frührabbinisches Judentum versammelt Beiträge zur rabbinischen Martyriumsliteratur, zur Soteriologie, zu Jesu Gleichnissen, zum historischen Hintergrund der Apostelgeschichte, zur Anthropologie, zur Israelfrage und zur paulinischen Rechtfertigungslehre.

Der Züricher Neutestamentler Jörg Frey würdigt einführend das wissenschaftliche Vermächtnis Friedrich Avemaries (S. XII – XXXIII) und führt in die Aufsatzsammlung ein. Da ich die Beiträge nicht einzeln vorstellen kann, knüpfe ich an Freys’ Ausführungen an und stelle dabei Avemaries Untersuchungen zur rabbinischen Soteriologie heraus.

Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts etablierte sich insbesondere in der angelsächsischen Paulusforschung die „New Perspective on Paul“ (NPP). Da Martin Hengel gute Kontakte zu James D. G. Dunn in Durham, einem der Väter der NPP, unterhielt, wurden in Tübingen viele Fragen rund um das neu aufkommende Paulusbild diskutiert. Avemarie greift insbesondere in seiner Dissertation die Fragestellung auf, inwiefern das Heil im frühen Judentum mit der Einhaltung der Thora verbunden war. Gelehrte wie Ferdinand Weber oder Paul Billerbeck zeichneten das Bild eines Judentums, indem der Einhaltung des Gesetzes quasi eine heilbringende Funktion zukam. Die NPP wehrte sich gegen die Darbietung einer jüdischen „Leistungsreligion“. Insbesondere E. P. Sanders sah weniger einen Gegensatz als eine Entsprechung zwischen den Rabbinen und der paulinischen Religionsstruktur. „Auf beiden Seiten identifizierte Sanders eine Struktur, der zufolge der Eingang in das Heil durch Erwählung begründet ist und der Verbleib im Heil ein bestimmtes Verhalten, d. h. ‚Werke‘, voraussetzt. Die Erwählung ist somit grundlegender als die Werke, außerdem sei die Gebotserfüllung im antiken Judentum nicht perfektionistisch verstanden worden, sondern vielmehr seien für jedes Vergehen auch Sühne und Vergebung möglich. So erscheint das gesamte Judentum zwischen Ben Sira und der Mischna ebenso wie das paulinische Denken als ‚Religion der Gnade‘“ (S. XVI).

Wenn also die Gnadenlehre des Paulus der des rabbinischen Judentums sehr weitgehend entspricht, muss zurückgefragt werden, weshalb Paulus das Judentum so scharf kritisiert hat. „Warum wendet sich Paulus so gegen die ‚Werke des Gesetzes‘, wenn diese für das Heil ohnehin nie konstitutiv waren?“ (S. XVI). Sollten die Gesetzeswerke wie Beschneidung oder Reinheits- und Speisegebote nur als Abgrenzungsbestimmungen (engl. ‚boundery markers‘) verstanden werden? Kritisierte Paulus vornehmlich das nationalistische Erwählungsbewusstsein der Juden, das Menschen aus anderen Völkern weiterhin vom Heil ausschloss? Oder hatte Paulus das Judentum schlichtweg missverstanden?

Im Horizont solcher Probleme erforschte Avemarie die Soteriologie der frühen Rabbinen. Seine Monographie „ist methodologisch und sachlich eine der bedeutendsten Arbeiten, die in deutscher Sprache zum antiken Judentum geschrieben wurden“ (S. XVII). Anders als Sanders bricht er Einzelaussagen nicht aus ihrem literarischen Kontext heraus, sondern nimmt sie in ihrem Umfeld wahr, auch dann, wenn sich Einzelaussagen nicht harmonisieren lassen. So gelang Avemarie der Nachweis, dass es im frühen Judentum keine verbindliche Soteriologie gab, sondern bei den Rabbinen unterschiedliche und sogar sich widersprechende Vorstellungen über Erwählung, Gesetz, Bund oder Gnade zu finden sind. „Neben der Forderung, alle Gebote zu halten, steht die realistische Einschätzung, dass die Israeliten dies eben nicht praktizierten und ständig der Sühne bedürften. Und sogleich besteht die Überzeugung unhinterfragt, dass jeder Mensch die Gebote Gottes erfüllen kann“ (XVIII).

Frey schreibt:

„In einem zusammenfassenden Aufsatz zur ‚optionalen Struktur der rabbinischen Soteriologie‘ hat Friedrich Avemarie die Erträge seiner Dissertation selbst knapp resümiert: Was entscheidet für die Rabbinen über das Leben, die Zugehörigkeit zur kommenden Welt? Weder das ,Vergeltungsprinzip‘ dass die Werke eines Menschen über sein Heil entscheiden (so Weber und Billerbeck), noch das ,Erwählungsprinzip‘ dass allein die Zugehörigkeit zum erwählten Volk entscheide (so Moore und Sanders), lässt sich verabsolutieren. ‚Beide Denkmuster lassen sich in der rabbinischen Literatur reichlich belegen‘, die Überordnung der einen These über die andere ist unangemessen. Den theologischen Systematisierungsversuchen entgegen steht die große Fähigkeit der Rabbinen, divergente, ja widersprechende Ansichten im Diskurs zu integrieren und gleichsam ,aspektiv‘ einander zuzuordnen. Nicht eine Position ist allein ,richtig‘, andererseits ist auch nicht alles ,gleich gültig‘ oder beliebig, sondern innerhalb bestimmter Grenzen kann beides gesagt werden. So kann der Heilsverlust von Israeliten (durch Sünde) ebenso ausgesagt werden wie der Heilsgewinn von Heiden (durch Erwählung) – was weder dem Modell von Weber und Billerbeck noch dem von Moore und Sanders entspricht“ (S. XIX).

Die Untersuchung bestätigt damit einerseits die Einsicht der NPP, dass der Apostel Paulus sehr grundlegend vom Denken seiner jüdischen Herkunft geprägt war. Zugleich ist die Annahme eines normativen palästinensischen Judentums vor oder nach dem Jahr 70 unhaltbar. Paulus stand keinem monolithischen Judentum, sondern unterschiedlichen jüdischen Traditionen gegenüber (vgl. S. XX). Noch einmal Frey:

„Die vereinfachende Sicht des zeitgenössischen Judentums unter dem Begriff ,Common Judaism‘ (Sanders), die im Grunde das ältere Modell eines normativen Judentums unter anderen Vorzeichen fortsetzt, erfasst schon die Diversität der rabbinischen Aussagen nicht hinreichend, und noch viel weniger die tiefgreifenden Differenzen zwischen den Religionsparteien zur Zeit des Zweiten Tempels, zwischen Sadduzäern und Pharisäern oder gar zwischen diesen und der sich selbst exklusiv im ,Bund‘ Gottes verstehenden Qumrangemeinde. Nur im Prisma einer simplifizierenden Religionsstruktur kann als gleichartig erscheinen, was im Detail zutiefst strittig ist. Dass die Charakterisierung auch des rabbinischen Judentums unter der einseitigen Priorisierung der Erwählung bzw. der Gnade (wie z. B. bei Sanders) so nicht zutrifft und daneben das Vergeltungsparadigma und der Gedanke von Verdienst und Lohn durchaus Vorkommen, hat Friedrich Avemarie deutlich gezeigt. Paulus trifft also, wenn er solches an einigen seiner jüdischen Zeitgenossen kritisiert, nicht ein Zerrbild, sondern einen Aspekt, der zumindest bei einigen dieser Zeitgenossen und auch bei anderen judaisierenden Jesusnachfolgern durchaus vorgekommen sein dürfte, ebenso wie bei den späteren Rabbinen“ (S. XXI).

Jörg Frey erörtert des Weiteren ausführlich Avemaries Habilitationsschrift zu den Tauferzählungen der Apostelgeschichte und der Geschichte des frühen Christentums, die wie seine Dissertation als Monographie erschienen ist (Tauferzählungen der Apostelgeschichte: Theologie und Geschichte. Tübingen. WUNDT 139, Tübingen 2002). Avemarie distanzierte sich zwar verhalten von den konservativen Thesen seines Lehrers Hengel zur Vertrauenswürdigkeit der Apostelgeschichte, wendet sich aber gegen die Tendenz, sie „als eine weithin fiktive oder romanhafte Gründungserzählung zu lesen“ (S. XXV). Auf andere Forschungsthemen Avemaries weist Frey kurz hin, in erster Linie Themen der rabbinischen Literatur, aber auch Ausarbeitungen zur Theologie des Paulus oder zur Jesusüberlieferung. Die wichtigsten Aufsätze sind im Sammelband enthalten.

Zum Buch gehören vier bisher nicht veröffentlichte Vorträge aus den Jahren 2007 bis 2011. Neben einer Gesamtbibliographie enthält es alle nützlichen Register. Der Leser wird von Avemaries weitem Horizont und seiner Beobachtungsgabe sehr profitieren. Ein empfehlenswerter Band.

Die noch größere Anpassung

Holger hat das Hin und Her bei World Vision in Nordamerika hilfreich kommentiert und zeigt dabei unter Rückgriff auf einen 30 Jahre alten Text von Francis Schaeffer, wie weit die Anpassung der Evangelikalen an den Geist der Zeit inzwischen geht.

Doch nun kommt’s: Mitte der Woche nahm WV-US den Beschluss wieder zurück! Wieder brachte CT einen Beitrag („World Vision Reverses Decision To Hire Christians in Same-Sex Marriages”) und zitiert darin den Präsidenten von WV-US, Richard Stearns: „Die letzten beiden Tage waren schmerzhaft… Wir fühlen Schmerz und bedauern von Herzen, dass wir viele Freunde verwirrt haben, die in dieser Änderung der Grundsätze der Personalpolitik eine Abkehr von der biblischen Autorität bei World Vision sehen. Dies war jedoch nicht beabsichtigt… Anstatt mehr Einheit [unter Christen] zu schaffen, haben wir gegen unser Absicht für mehr Spaltung gesorgt.“

„Progressive“ Evangelikale wie Tony Jones nahmen diesen Rückzieher mit Schrecken auf. Der Vordenker der emerging church hier: „Was WV gestern getan hat, wird im größeren und öffentlichen Rahmen junge Leute reihenweise aus der Kirchen und vom Glauben weg drängen.“ Jones zitiert einen anonymen Mitarbeiter von WV-US: „Homosexuelle Menschen arbeiten bei World Vision, und heute [d.h. vor dem Rückzieher] wurde zum ersten Mal öffentlich anerkannt, dass homosexuelle und lesbische Christen herzlich eingeladen sind, bei World mitzuarbeiten – solange sie wie alle unverheirateten Mitarbeiter bereit sind, abstinent zu leben.“

Mehr: lahayne.lt.

A. Kuyper: Die Vergebung der Sünden

Abraham Kuyper:

Die Vergebung der Sünden, nach der wir nicht streben, für die wir nichts tun können, die nicht das Endziel unseres Weges ist, sondern mit der alles beginnt, ist für den selbstherrlichen Menschen unglaublich und unannehmbar, gerade darum aber die Summe unseres ganzes christlichen Bekenntnisses.

World Vision macht Rückzieher

World Vision hat auf den Protest aus Spenderkreisen reagiert und die Entscheidung, eine revidiertes Eheverständnis einzuführen, zurückgenommen. „Bestimmte Überzeugungen sind so zentral für unseren trinitarischen Glauben, dass wir entschieden daran festhalten müssen“ sagte der Präsident von World Vision in Nordamerika, Richard Stearns, nur zwei Tage nachdem er einen Richtungswechsel bekannt gab.  Künftig werde nur der „biblische Bund der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau“ respektiert, erklärte das Hilfswerk laut Christianity Today. 

Das Deutschlandradio Kultur meldete gestern:

Zwei Tage zuvor hatte das christliche Hilfswerk angekündigt, auch verheiratete oder in Partnerschaft lebende Homosexuelle beschäftigen zu wollen. Daraufhin hatten vor allem evangelikale Kirchen protestiert. In Schreiben spricht der Vorstand nun von einem „Fehler“ und bat um Verzeihung für die vermeintliche Abkehr von der entschiedenen Verpflichtung gegenüber der biblischen Autorität.

Laut dem US-amerikanische Sender Christian Broadcasting Network hatten mehrere Leiter christlicher Gemeinschaften zu einem Spendenboykott aufgerufen. „World Vision Deutschland“ fragt Bewerber und Mitarbeiter nicht nach ihrer sexuellen Identität oder nach ihren Partnerschaften.

Meines Erachtens spiegelt die Kontroverse wider, wie sehr heute soziologische oder monetäre Kenngrößen über theologische Inhalte entscheiden. Timothy Dalrymple thematisiert in seinem Kommentar die Vernachlässigung der Theologie.

When Stearns and his team call it a “culture war” issue, that belittles the significance of the issue. It makes the people who work for healthy families (and therefore for healthy environments for children) feel that their labors are devalued. And it shows, I think, a limited engagement with scripture and the theological tradition on the issue as well as a shortsighted vision of God’s redemption of the world. It’s extraordinarily important to serve the poor. Putting food in the mouths of children who would otherwise starve is sacred and eternally significant work.

But it’s also extraordinarily important to strengthen families so that fewer people will be poor in the first place. It’s also extraordinarily important to speak for God’s truth and the gospel of Jesus Christ, so that more people — rich and poor alike — can enjoy a reconciled relationship with God forever. And it’s also extraordinarily important to uphold the truths and values of God, because people who embrace anything short of that are, ultimately, embracing self-destruction.

D.A. Carson: Die Intoleranz der Toleranz

Hanniel hat das Buch:

gelesen. Hier eine kurze Buchbesprechung, die Hanniel freundlicherweise zur Verfügung stellt:

NewImageDie Intoleranz der Toleranz

Carson sieht das Buch als inhaltliche Ergänzung zu „Christ and Culture Revisited“. Bereits in seinem umfangreichen Werk zum religiösen Pluralismus („The Gagging of God“) hatte er auf das veränderte Toleranzverständnis hingewiesen. In diesem vergleichsweise kurzen Buch nimmt er den Faden auf. Das erste Kapitel dient dazu, den Rahmen für die Entwicklung der These abzustecken. In den nächsten beiden Kapiteln geht es darum, die These anhand von Beispielen aus der US-Rechtsprechung zu konkretisieren und die historische Entwicklung des Begriffs seit den Griechen nachzuvollziehen. Im vierten Kapitel wird der Anspruch der neuen Toleranz, nämlich ethisch und moralisch „auf neutralem Boden“ zu stehen, gründlich entkräftet. Das Buch wäre unvollständig, wenn der Bogen zum Wahrheitsbegriff (5. Kapitel) und zur Realität des Bösen in der Welt (6. Kapitel) nicht geschlagen worden wäre. Genau so ist Carson bestrebt, mit der von vielen Christen gehegte idealistische Vorstellung von Demokratie aufzuräumen, indem er einen Blick auf das aktuelle Weltgeschehen wirft.

Um was es geht

Carson geht es im ganzen Buch um die eine Hauptsache: Den neuen Toleranzbegriff zu hinterfragen, als unbrauchbar zu entlarven und den Leser gedanklich zum herkömmlichen Verständnis des Begriffs zurückzuführen. Insofern ist dieses Buch „kreisförmig“ aufgebaut. Die These wird von verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Jede einzelne Perspektive wird mit einer Fülle aktueller Beispiele (aus den USA) untermauert. Wie es für Carson typisch ist, lohnt es sich auch die Fussnoten zu lesen. Dort gibt es Dutzende von Hinweisen auf aktuelle Literatur. Bei mindestens zehn Büchern habe ich ein „Q“ für „Quelle“ hingeschrieben. Einzelne Bücher setzte ich auf meine Leseliste.

Fünf Dinge, die ich gelernt habe

Alte und neue Toleranz: Durch das Buch erhielt ich ein vertieftes Bewusstsein darüber, wie tief der Graben zwischen der alten und der neuen Toleranz ist. Mit der neuen Toleranz verbunden ist der einengende Leitsatz, dass alle Religionen und Überzeugungen gleichwertig nebeneinander zu stehen haben. Wie absurd diese Behauptung ist, wird schon daran deutlich, dass darunter Ideologien wie der Nationalsozialismus oder der Stalinismus fallen würden. In der Realität kommen die Vertreter nicht darum herum, einige wenige Überzeugungen anderen vorzuziehen. Vornehmlich im Schussfeld der Kritik stehen christliche Überzeugungen. Wer sich diskriminiert fühlt, kann ohne erhebliche Hindernisse Behörden in Aufregung und Agitation versetzen. Ein solches Vorgehen erstickt nicht nur den akademischen Diskurs. Er schränkt die Meinungsvielfalt drastisch ein.

Die Behauptung der Neutralität: Die neue Toleranz steht mitnichten auf neutralem Grund und Boden. Weil sie einige Überzeugungen bevorzugen muss, wird sie dem eigenen Anspruch nach Gleichbehandlung untreu. Es ist unumgänglich, einen moralischen Standpunkt einzunehmen.

Das Argument der Überheblichkeit: Wer einmal die Seite wechselt (und als Christ wäre es sinnvoll, sich in einen Bürger eines Staates ausserhalb der westlich-säkularen Welt zu versetzen), dem wird die Arroganz der neuen Toleranz vor Augen geführt. Wer dem säkularen Leitsatz nicht zustimmen kann, weil er einer anderen Religion angehört, wird automatisch degradiert. Ganz zu schweigen von der Behauptung, dass alle Religionen die gleichen Aussagen treffen bzw. sich in ihrer Substanz nicht voneinander unterscheiden würden.

Die Optionen für Religionsfreiheit: Carson stellt verschiedene Varianten der Religionsfreiheit dar. Variante A: Jeder darf denken, was er will; die Ausübung der Religion wird jedoch stark kontrolliert. Variante B: Bürger dürfen nicht nur ihre eigenen Überzeugungen haben, sondern sich auch mit Gleichgesinnten treffen. Verboten ist das Evangelisieren. Variante C: Bürger dürfen sich nicht nur treffen, sondern ihre Überzeugung auch offen propagieren. Allerdings dürfen sie in öffentlichen Angelegenheiten keine religiösen Gründe anführen. Variante D: Jeder Bürger, ob religiös oder nicht, hat die Verantwortung, seine moralische Weisheit, wie sie auch immer geartet ist, in die öffentliche Diskussion einzubringen. Nur Variante D ist mit dem herkömmlichen Toleranzbegriff wirklich kompatibel.

Die Gefahren der Demokratie: Wie stark die neue Toleranz dem Totalitarismus des Staates in die Hände spielt, wurde mir erst bei der Lektüre so richtig bewusst. Wo der einzelne Bürger seine Überzeugungen nicht geltend machen kann (und diese Überzeugungen orientieren sich am besten an einer überstaatlichen Autorität), springt der Staat in die Lücke.

Drei eindrückliche Beispiele

Es kann ein einheitliches Muster für Diskriminierung abgeleitet werden. Im Namen der neuen Toleranz wird eine Person bzw. Organisation der Intoleranz bezichtigt und dadurch selbst diskriminiert. Carson berichtet von Ärzten, die verklagt oder ausgeschlossen werden, weil sie selber keine Abtreibungen vornehmen wollen (auch wenn sie anderen das Recht zugestehen). Ganz ähnlich geht es dem Professor, der in einer Debatte über die Palästinenser über geschichtliche Details diskutieren wollte. Im Nu entstand eine hitzige Diskussion unter Studenten, und prompt fühlte sich jemand diskriminiert. Es kam zur Anzeige und zur Entlassung des Dozenten. Oder was soll man vom Verbot halten, einen Vater an einer Schule darüber berichten zu lassen, wie er den Tod seines Sohnes verarbeitet hat – wobei er auf seinen Glauben Bezug zu nehmen gedachte? An diesen und vielen weiteren Beispielen wird deutlich, dass mit der neuen Toleranz die Vielfalt von Meinungen eingeschränkt sowie Diskussion und Argumentation verunmöglicht wird.

Der Ruf zum Umdenken und Handeln

Das Buch ist ein händeringendes Plädoyer und „Beknien“ des Lesers: Lass dir die Augen öffnen über die fatale Neudefinition des Toleranzbegriffs. Werde dir bewusst, was dieser Wandel für die Christen bedeutet. Insofern passt das letzte Kapitel mit acht inhaltlichen Denk- und Handlungsempfehlungen überein. Es ist eine Aufgabe des Christen, auf die Fallen des neuen Toleranzverständnisses hinzuweisen. Eine Massnahme ist eben das Schreiben dieser Buchbesprechung. Ich werde mich künftig noch besser auf einzelne Pressemeldungen aus europäischen Zeitungen achten, um entsprechende hiesige Belege zu sammeln. Carson ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass die Aufklärungsarbeit jedoch nicht das prioritäre Ziel des Christen darstellt. Vielmehr geht es darum, mutig hinzustehen und das Evangelium zu verkündigen. Wie soll das geschehen? Durch Debatte und Abwägen von Argumenten, ohne Druck, aber mit viel Entschiedenheit. Wer nämlich wirklich tolerant sein will, der muss selbst über feste Überzeugungen verfügen!

Die Torheit der Predigt

Nachfolgend ein Gastbeitrag von Stefan Beyer zum Wesen der Evangeliumsverkündigung:

 Die Torheit der Predigt

Die Allianz Gebetskonferenz beschäftigte sich dieses Jahr mit dem Thema „Mit Geist und Mut gegen den Strom“. Die Frage war: Müssen wir Christen heutzutage Bauchredner des Zeitgeistes sein, um noch gehört zu werden, oder möchte Gott die Torheit der Predigt gebrauchen, um die gute Nachricht eines gestorbenen und auferstandenen Messias zu den Herzen der Menschen zu bringen? Der Weg, den Paulus beschreibt, um diese gute Nachricht weiterzugeben und Glauben zu wecken, unterscheidet sich von vielen zeitgenössischen Ansätzen, aber auch von Vorbildern aus anderen Religionen.

Im 1. Korintherbrief gibt er Rechenschaft über die Art und Weise, wie er das Evangelium in Korinth verkündigt hat (1. Korinther 2,1-5):

So bin auch ich, meine Brüder, als ich zu euch kam, nicht gekommen, um euch in hervorragender Rede oder Weisheit das Zeugnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hatte mir vorgenommen, unter euch nichts anderes zu wissen als nur Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten. Und ich war in Schwachheit und mit viel Furcht und Zittern bei euch. Und meine Rede und meine Verkündigung bestand nicht in überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit beruhe, sondern auf Gottes Kraft.

Er legte keinen Wert auf überzeugende Rede oder Weisheit, sondern konzentrierte sich auf die Verkündigung des Evangeliums. Er kam nicht in Stärke, sondern in Schwäche. Die Kraft seiner Überzeugung rührte nicht von seiner überlegenen Rhetorik, sondern durch seine Worte offenbarte sich Gottes Geist und Gottes Kraft. Er betont an anderer Stelle (Römer 1,16), daß im Evangelium selbst Gottes Kraft wirksam wird und er den Glauben schafft, den er verlangt (Ephemer 2,8.9). Darüber hinaus gab der Herrn den Aposteln noch besondere Wundergaben, um die Verkündigung des Evangeliums zu bestätigen (2. Korinther 12,12).

Auch wenn wir in der Regel nicht diese Form von Wundergaben haben, um unsere Predigt zu untermauern, so dürfen wir doch auf die gleiche Macht Gottes vertrauen, die aus dem Wort Gottes erwächst (Hebräer 4,12). Wir sind nicht darauf angewiesen, unsere Botschaft zu verändern oder empfänglicher zu gestalten, sondern wir dürfen im Vertrauen auf den Herrn die gute Nachricht weitersagen, denn Gott gefällt es, „durch die Torheit der Verkündigung diejenigen zu retten, die glauben“ (1. Korinther 1,21).

Die beängstigende Leere unserer Kultur

Mario Vargas Llosa schreibt (Alles Boulevard, 2013):

Der Massenkonsum von Marihuana, Kokain oder Ecstasy, von Heroin, Crack und sonstigen Drogen findet in einem kulturellen Milieu statt, das Menschen in den Wunsch nach schnellem und leichtem Vergnügen treibt, einem Vergnügen, das sie immunisiert gegen Sorgen und Verantwortung; denn nicht die Begegnung mit sich selbst ist das Ziel, nicht das Nachdenken und die Innenschau, hochgeistige Tätigkeiten, die der launischen und verspaßten Kultur langweilig erscheinen. Der Wunsch, der beängstigenden Leere zu entfliehen, die das Gefühl hervorruft, frei zu sein und entscheiden zu müssen, was man mit sich und der Welt ringsum tun soll – zumal wenn sich die Welt dramatischen Herausforderungen gegenübersieht –, dieser Wunsch ist es, der das Bedürfnis nach Zerstreuung schürt, ist die treibende Kraft der Zivilisation, in der wir leben. (P. 377–385)

„World Vision“ und das Evangelium

Diese Woche gab es in der evangelikalen Welt Nordamerikas eine „Explosion“. Die ursprünglich evangelikale Hilfsorganisation World Vision teilte mit, dass sie von nun an Menschen unterstütze und anstelle, die in einer gleichgeschlechtlichen Ehe leben. Kenner der Szene waren nicht überrascht, aber insgesamt löste die Nachricht einen „Infosturm“ aus. Die Seite von Christianity Today, auf der Richard Sterns den Politikwechsel bekannt gab, war wegen Überlastung teilweise nicht erreichbar. Begründet hat er die neue Ausrichtung unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass Veränderung das Symbol der christlichen Einheit, nicht Kennzeichen von falschen Kompromissen sei.

Franklin Graham, Sohn von Billy Graham und Leiter der Hilfsorganisation „Samaritan’s Purse“, reagierte mit den Worten:

Ich war schockiert als ich heute hörte, dass World Vision sich entschieden hat, auch gleichgeschlechtliche Paare anzustellen. Die Bibel zeigt klar, dass die Ehe eine Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau ist. Meinem lieben Freund, Bob Pierce, dem Gründer von World Vision und Samaritan’s Purse, würde das Herz brechen. Er war ein Evangelist, der dem inspirierten Wort Gottes vertraute.

Umfangreichere theologische Analysen der Entscheidung sind bei Kevin DeYoung und Denny Burke zu finden. Ich veröffentliche nachfolgend mit freundlicher Genehmigung eine Stellungnahmen von Dr. Russell Moore, dem Sprecher für Religionsfreiheit und Ethik des Bundes der Südlichen Baptisten in Nordamerika. Ich danke Ivo C. für die schnelle Übersetzung.

World Vision und das Evangelium

World Vision, eine christliche Hilfsorganisation, hat heute bekanntgegeben, dass sie nun auch Menschen engagiere, die in gleichgeschlechtlicher Ehe leben. Dies sei kein Akt der Kapitulation, wie es heißt; man trage hiermit vielmehr dem Umstand Rechnung, dass viele Menschen, die World Vision unterstützen, verschiedene Ansichten zu Sexualität und Ehe haben.

Auf der einen Seite ist das keine Überraschung: Die Konstellation übergemeindlicher christlicher Hilfsorganisationen hat sich nach dem 2. Weltkrieg mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen direkt auf genau jenen allgemeinen Liberalismus zubewegt, als dessen Gegenstück sie gegründet worden waren. Manche sind der Ansicht, wenn wir die christliche Rechtgläubigkeit nur schnell genug los würden, könnten wir in Sachen Gemeindewachstum auf der Modewelle der Presbyterian Church (USA) mitschwimmen.

Was steht hier wirklich auf dem Spiel? Es geht nicht um so etwas wie ein „großes Zelt“, unter dem verschiedene Sichtweisen zur Taufe, Gemeindeverfassung usw. Platz fänden, wie die Stellungnahme der World Vision (unglaublicherweise) verlautbart.

Hier steht nichts weniger als das Evangelium Jesu Christi selbst auf dem Spiel! Wäre der sexuellen Umgang jenseits biblischer Ehedefinition moralisch „neutral“, ja, dann sollten wir darauf verzichten, diese Sache zu problematisieren. Hat jedoch die deutliche Aussage der Heiligen Schrift recht und sind die Überzeugungen einer zweitausendjährigen Kirchengeschichte wahr, dann wäre der Verzicht auf den Aufruf zur Umkehr unsagbar grausam, ja, sogar teuflisch!

Satan wirkt auf zwei Weisen: Durch Täuschung („Keineswegs werdet ihr sterben!“ 1Mo 3,4) und durch Anklage („der Verkläger unserer Brüder“ Offb 12,10). Einigen Menschen möchte der Teufel glauben machen, so etwas wie „Umkehr“ sei gar nicht nötig. Andere möchte er gerne überzeugen, dass es keine Hoffnung auf Erbarmen gibt. Manche Menschen lassen sich von ihm täuschen und meinen, sie seien zu gut für das Evangelium; andere wiederum erliegen der Anklägermasche und meinen, sie seien zu schlecht.

Das Evangelium Jesu Christi zerschlägt beide Strategien. Es ruft uns klar zur Umkehr auf, selbst wenn die übrige Welt diesen Schritt hasst. Es ruft uns aber auch deutlich auf, die Barmherzigkeit im Glauben an das Blut Jesu Christi zu ergreifen, selbst wenn wir nicht glauben können, angenommen zu werden.
Weigern wir uns, vor dem Gericht zu warnen, stärken wir die Finsternis; wir stärken sie aber ebenso, wenn wir uns weigern, Vergebung durch das Blut des Kreuzes anzubieten.

Wir treten ein in ein Zeitalter, das zeigen wird, wer die Christen wirklich sind, und damit meine ich jene, die an das Evangelium in seiner ganzen Wahrheit und Gnade glauben. Viele werden zurückschrecken. Bedroht das Evangelium, das sie verkündigen, die Silberschmiede der Artemis-Tempel nicht, dann kommt es auch zu keinen Spannungen. Richten sie ihre Evangeliumspredigt nicht an „Zöllner“ und „Tempeldirnen“, dann gibt es auch kein Gerede.

Da ist eine ganze Gruppe von Menschen da draußen, die als Evangelikale leben und sich im Hinblick auf ihre Sexualität „entfalten“ möchten, ohne sich von ihrer Grundlage zu entfremden. Meinetwegen wechseln Menschen die Seiten und stehen zu den Dingen, an die sie glauben. Sie sollten allerdings aufrichtig sein im Hinblick auf ihre eigene Handlungsweisen! Sie sollten nicht sagen: „Sollte Gott wirklich gesprochen haben …?“, um im Anschluss zu behaupten, sie täten das nur um des Fortschritts des Evangeliums und der Einheit der Kirche willen!

Spender kommen und gehen, doch das Evangelium Jesu Christi bleibt für immer.

Eine Vision für die Welt ist eine gute Sache, es sei denn, die Welt ist alles, was Sie sehen können.

Kellers „Center Church“ in deutscher Sprache?

NewImageDer Verlag puls medien arbeitet an einer deutschsprachigen Herausgabe des Buches Center Church von Dr. Timothy Keller (siehe auch hier). Die Veröffentlichung ist im Frühjahr 2015 geplant, allerdings nur umsetzbar, wenn das Projekt im Rahmen einer Crowdfundingaktion finanziell unterstützt wird.

Pastor Philipp Bartholomä schreibt über das Buch:

Wie gründet und gestaltet man Kirchen und Gemeinden mitten in einer zunehmend nachchristlichen Gesellschaft? Wie bleiben Christen kulturell dialogfähig und relevant für ihren Kontext, ohne dass dabei biblisch-theologische Überzeugungen auf der Strecke bleiben? Welche Werte hat eine Gemeinde, die konsequent am Evangelium ausgerichtet ist?

Tim Keller bietet keine vorgefertigten Methoden, sondern eine ausgewogene theologische Vision, die jede Gemeinde für ihren eigenen Kontext ausarbeiten kann, sei sie neu gegründet oder schon länger bestehend, kleiner oder größer, im städtischen oder nicht-städtischen Umfeld. Ich bin mir sicher, dass die deutsche Übersetzung von Center Church Verantwortungsträgern wie z.B. Pastoren, Leitungsteams und Gemeindegründern überaus wertvolle und dringend benötigte Impulse verleihen wird.

Nähere Informationen dazu gibt es hier: www.pulsmedien.de.

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