Martin Luther

Kreuz, Rechtfertigung und Werke

Der Reformator Martin Luther sagt in Thesen für fünf Disputationen über Röm 3,38 (1535–1537), (in: G. Wartenberg, W. Härle, & J. Schilling (Hrsg.), Christusglaube und Rechtfertigung: Deutsche Texte, Bd. 2, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2005, S. 405–407):

Die Schrift aber bezeugt, dass unser aller Sünden auf ihn gelegt sind und er für die Sünden des Gottesvolkes durchbohrt wurde und wir durch seine Wunden geheilt sind. Auf diese Weise umsonst gerechtfertigt, tun wir daraufhin Werke, vielmehr tut Christus selbst alles in uns. Denn wenn keine Werke folgen, dann ist es gewiss, dass nicht dieser Glaube an Christus in unserem Herzen wohnt, sondern der tote Glaube, den man als erworbenen Glauben bezeichnet.

Zwar gilt die Predigt des Wortes allen, wie geschrieben steht: „Ihr Schall geht aus in alle Lande.“ Aber dieser Glaube entsteht nicht bei allen, wie geschrieben steht: „Wer hat unserem Predigen geglaubt?“

Alle aber, die verbreiten, dass die Werke vor Gott rechtfertigen, zeigen, dass sie nichts von Christus oder vom Glauben verstehen.

Wir bekennen, dass gute Werke auf den Glauben folgen müssen, vielmehr nicht müssen, sondern ihm von selbst folgen, so wie ein guter Baum nicht gute Früchte bringen muss, sondern von selbst bringt. Und wie gute Früchte nicht den Baum gut machen, so rechtfertigen gute Werke nicht die Person, sondern gute Werke werden von einer Person getan, die schon zuvor durch den Glauben gerechtfertigt ist, so wie gute Früchte von einem Baum kommen, der schon zuvor auf Grund seiner Natur gut ist.

Das Apfelbäumchen

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, soll Martin Luther einmal gesagt haben. Oft wird der Reformator entsprechend zitiert. Dieser Satz lässt sich allerdings bisher bei Luther gar nicht nachweisen. „Mit Luther“, so der Lutherforscher Martin Schloemann in der FAZ, „hat der Spruch nichts zu tun“ (Ausgabe vom 12.04.2017, Nr. 87, S. 7). Schloemann weiter:

Das Wort ist vermutlich erst in den dreißiger Jahren entstanden. Der erste belegbare Nachweis stammt von Oktober 1944 aus einem Rundbrief der Bekennenden Kirche in Hessen. Pfarrer Karl Lotz aus Hersfeld setzte das Wort bei seinen Lesern damals bereits als bekannt voraus. Am Ende des Krieges konnte der Spruch zünden. Das Land lag in Trümmern, und die Leute sahen ihre vertraute Welt untergehen. Das Wort passte einfach in die Zeit.

Die verschlagenen Feinde des Kreuzes

Luther sagte 1515/1516 in seiner Vorlesung zu Römer 5,3:

Aber es ist zu beachten: Es gibt zwei Arten von Feinden des Kreuzes Christi. Die einen gehen gewalttätig zu Werk und die anderen verschlagen. Gewalttätig sind, die mit Gewalt das Kreuz Christi entleeren wollen und mit allen ihren Hörnern dagegen stoßen. Das sind, die nach Vergeltung schreien gegen den, der sie kränkt, und nicht eher ruhen und rasten wollen und können, bis sie sich gerächt haben. Die stürzen kopfüber in viele Bosheiten hinein, z. B. in Hass, Verleumdungen, Schmähungen, in Schadenfreude über das Unglück des Nächsten und Betrübnis über sein Glück.

Aber die verschlagenen Feinde (des Kreuzes Christi) sind die, die sich durch Flucht dem Kreuz entziehen wollen. Sie wollen keinem die Wahrheit sagen und danach tun, sondern allen zu Gefallen sein, schmeicheln und schöntun, keinem ein Ärgernis geben, oder sie ziehen sich vielleicht in die Einsamkeit zurück (wenigstens aus diesem Grund). Sie erwähnt Paulus besonders (Gal 6,12), wenn er sagt: »Die fleischlich gefallen wollen, die zwingen euch, dass ihr euch beschneiden lasst, nur dass sie nicht mit dem Kreuz Christi verfolgt werden.«

 

Die Vorlesung zum Römerbrief 1515/16 wurde von Evangelium21 neu aufgelegt und kann über den 3L Verlag wahrscheinlich bereits auf der E21-Konferenz in Hamburg erworben werden.

„Räume dies ‚mein‘ hinweg“

Luther sagte 1515/1516 in seiner Vorlesung zu Römer 8,28:

Hart ist es und jammervoll, dass Gott seine Herrlichkeit in meinem Elend sucht. Siehe, das ist die Stimme des Fleisches: »Mein, mein«, sagt sie. Räume dies »mein« hinweg und sag’ dafür: Ehre sei dir, Herr, und du wirst selig sein. So sucht die Klugheit des Fleisches nur das Ihre und hat mehr Angst vor ihrem eigenen Elend als vor einer Verunehrung Gottes und fragt darum mehr nach ihrem eigenen Willen als nach dem Willen Gottes. Daher muss man anders über Gott denken als über den Menschen; denn er ist keinem etwas schuldig. So sagt er zu Hiob (41,2): »Wer hat mir etwas zuvor gegeben, dass ich’s ihm vergelte? Alles, was unter dem Himmel ist, ist mein.« Dieses Wort führt auch der Apostel am Schluss des 11. Kapitels an: »Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, das ihm wieder vergolten werde?« (Röm 11,35).

 

Die Vorlesung zum Römerbrief 1515/16 wurde von Evangelium21 neu aufgelegt und kann über den 3L Verlag wahrscheinlich bereits auf der E21-Konferenz in Hamburg erworben werden.

Gott wahrhaft lieben

Luther sagte 1515/1516 in seiner Vorlesung zu Römer 9,3:

Einer über die Maßen herrlichen und wahrhaft apostolischen Liebe entstammt also dies Wort: »Ich habe gewünscht« usw., einer Liebe sowohl zu Christus als zu den Juden. Denn er wünscht Christus aus dieser überschwänglich großen Liebe zu ihm großen Ruhm von den Juden. Und damit er diesen Ruhm habe, wollte er selber gerne von ihm geschieden sein, ohne ihn aber zu hassen. Diese unter ihrem Gegenbild verhüllte Liebe ist die allerstärkste und größte, wo einer durch das Zeichen des höchsten Hasses gegen sich selbst die höchste Liebe zum andern offenbar macht. So wünscht er auch den Juden höchstes Heil, und damit sie dieses Heil erlangten, wollte er gerne seines Heils verlustig gehen. So tut er es auch an einer anderen Stelle (2.Kor 12,15), wo er sagt: »Ich aber will sehr gerne hingeben und hingegeben werden für eure Seelen.«

Merke: Diese Worte kommen denen wunderlich, ja töricht vor, die sich heilig dünken und Gott mit der Liebe sündigen Begehrens lieben, d.h. um ihres Heils und um der ewigen Ruhe willen oder um der Hölle zu entgehen, d. h. nicht um Gottes, sondern um ihrer selbst willen. Sie schwätzen davon, dass die »geordnete« Liebe bei sich selbst beginne, und jeder müsse zunächst sich selbst das Heil wünschen, danach wie sich, so auch dem Nächsten. So denken sie, weil sie nicht wissen, was das heißt: selig und erlöst sein. Es sei denn, sie verstehen darunter ein vergnügliches Dasein führen und es sich gutgehen lassen, wie es sich ihre Phantasie ausmalt, wo doch »Seligsein« heißt, den Willen Gottes und seinen Ruhm in allen Dingen wollen und nichts Eigenes wünschen weder hier noch im zukünftigen Leben.

Für die aber, die Gott wahrhaft lieben mit der Liebe eines Kindes und Freundes, die nicht von Natur da ist, sondern allein vom Heiligen Geist kommt, sind diese Worte wunderschön und Zeugnisse eines Vorbildes von vollkommener Art. Solche fügen sich freiwillig in jeglichen Willen Gottes, auch in die Hölle und den ewigen Tod, wenn es Gott so will, dass sein Wille völlig geschehe. So sehr suchen sie nichts von dem, was das Ihre ist.

 

Die Vorlesung zum Römerbrief 1515/16 wurde von Evangelium21 neu aufgelegt und kann über den 3L Verlag wahrscheinlich bereits auf der E21-Konferenz in Hamburg erworben werden.

Wer schützt Luther?

Eine zutreffende Beobachtung von Ulrike Jureit aus ihrem Artikel „Wer schützt Luther vor seinen Lobrednern?“ (FAZ vom 17.03.2017, Nr. 65, S. 14):

Die aktuellen Anstrengungen zum Reformationsjubiläum 2017 verdeutlichen hinlänglich den Wunsch, sich identifikatorisch auf den 31. Oktober 1517 zu beziehen. Es scheint kaum noch möglich, historische Großereignisse zu vergegenwärtigen, ohne danach zu fragen, welches Identitätsangebot diese Vergangenheit für uns heute bereithält. Das überrascht nicht, wenn man sich vor Augen hält, dass unsere Erinnerungskultur, vor allem in Deutschland aufgrund der Geschichte des Nationalsozialismus, bereits seit Jahrzehnten zu einer von Identitätsfragen gesteuerten Naherinnerung neigt. Sie macht es überaus beschwerlich, historische Bezugsereignisse früherer Epochen in ihrer zeitgenössischen Komplexität jenseits vorschneller Skandalisierangen und affektgesteuerter Mitmachangebote zu vergegenwärtigen. An den zunehmend touristisch und kommerziell gestalteten, gleichwohl als authentisch deklarierten Orten will Geschichte offenbar weniger erlernt, reflektiert oder verstanden, sie will vor allem erlebt und gefühlt werden.

Die Waldenser und Luther

Der DLF publizierte vor einigen Tagen einen Beitrag über die Waldenser und Martin Luther. Leider fallen dort etliche Dinge unter den Tisch, während auf der anderen Seite die heute überwiegend liberalen Strömungen der Bewegung unkritisch, ja wohlwollend, präsentiert werden. Es fehlt etwa der Hinweis, dass die Waldenser eine Bibelbewegung waren, die die Evangelientexte in den Volkssprachen unter die Leute gebracht hat. Die Waldenser haben außerdem fleißig evangelisiert. Die Katholische Kirche bekommt mehr Raum als Luther. Verschwiegen wird, dass in Italien die Waldenser seit 1979 mit den Methodisten eine gemeinsame Kirche bilden.

Mein früh verstorbener Kollege Peter H. Uhlmann hat vor ca. 17 Jahren das Manuskript „Der Erweckungsprediger und Reformator Pierre Waldes und die Waldenserbewegung“ verfasst, dass ich als Ergänzung zur DLF-Sendung herzlich empfehlen kann. Es führt geneigt in die durchaus ambivalente Bewegung ein. Über die „Kolporteure“ im 19. Jahrhundert schreibt er etwa:

Eine ganz besonders mühsame, aber zugleich segensreiche Arbeit ist die der „Kolporteure“. Es sind reisende Evangelisten, die mit ihrer Last an Bibeln, Neuen Testamenten und Andachtsbüchern von Haustür zu Haustür ziehen. Durch manche Gespräche und den nachfolgenden Bekehrungen von Italienern entstehen da und dort Gemeinden. Wie viele Beleidigungen, Nachstellungen, ja Verfolgungen müssen sie auf sich nehmen! Diese Kolporteure leben auf Taschengeldbasis, weit unter dem Existenzminimum. Doch die Liebe zu Jesus ist größer als alle Widerwärtigkeiten! – Wie viel anders sieht unser Leben zu Beginn des 21. Jh. aus! Wie wenig sind wir doch bereit, um Jesu willen verachtet zu werden und materielle Nachteile auf uns zu nehmen.

Hier das Manuskript: WALDENSER%20Broschu%CC%88re.pdf.

„Der Mensch will nicht, dass er Sünder sei“

Gerhard Ebeling schreibt in Anlehnung an Luther über den christlichen Sündenbegriff (Dogmatik des christlichen Glaubens, Bd. 1, 1979, S. 365):

„Wie man die Sünde als ein Nichtwollen, daß Gott Gott sei, charakterisieren kann, so will auch der Sünder nicht, daß er Sünder sei, wie er gleichfalls nicht will, daß er Geschöpf sei. Der Sünder will also die Sünde nicht wahrhaben.

Martin Luther – Aus Liebe zur Wahrheit

Berthold Schwarz hat 2016 eine Buchausgabe zu Martin Luther besorgt:

51+cQ1yL5QL SX327 BO1 204 203 200Der Verlag schreibt:

Martin Luther hat bereits zu seinen Lebzeiten polarisiert. Die einen waren fasziniert von ihm und von der Wiederentdeckung des biblischen Evangeliums von der Gnade. Sie ließen sich von ihm zu neuer Christus- und Glaubenstreue einladen. Die Entdeckung der Bibel als Lebens- und Glaubensbuch sowie die anbetende Anschauung des Gekreuzigten faszinierte viele. Andere waren ihm weniger wohlgesonnen. Sie wünschten ihm die Pest an den Hals, weil er mit seinen an der Bibel orientierten „Reformen“ ganz Europa in Aufruhr versetzte und die gewohnten Ordnungen von Kirche und Obrigkeit zu gefährden drohte.

Luther selbst blieb zeitlebens der „Liebe zur Wahrheit“ verpflichtet, so wie er sie verstand. Was diese Liebe zur Wahrheit bei ihm bedeutete, das will dieses Buch 500 Jahre nach dem Bekanntwerden der 95 Thesen gegen den Ablasshandel im Jahre 1517 in Erinnerung rufen und auf die eine und die andere Weise neu zur Sprache bringen.

22 Autoren haben in unterschiedlich gewichteten Beiträgen die Vielfalt der Gedanken Luthers zur Reform der Kirche „an Haupt und Gliedern“ oder Aspekte ihrer Wirkungsgeschichte ausformuliert. Dadurch können auch heute wieder interessierte Christen Luthers Bemühungen um ein an Christus (solus Christus), an der Bibel (Sola scriptura), an der Gnade (sola gratia) und am Glauben (sola fide) orientiertes Christenleben erstmals oder vertieft kennenlernen, und dabei auch wahrnehmen, was es in der Konsequenz heißen kann, zur Ehre Gottes zu leben (soli Deo gloria). Deshalb ist das Buch auch in diese fünf Kategorien nach den „sola-Begriffen“ unterteilt, die klassisch das reformatorische Erbe zusammenfassen. Diesen Oberbegriffen sind die Einzelbeiträge thematisch zugeordnet …

Die Erinnerung an Luthers „Liebe zur Wahrheit“ auf unterschiedlichen Gebieten, zu unterschiedlichen Themen, geschieht letztlich im Sinne von „alles zur Ehre Gottes“, des Gottes, der diesen unscheinbaren Mönch zu einem mächtigen Werkzeug in der Verkündigung seines Wortes und in der Reformation seiner christlichen Kirche auserkoren hat. Es ging und geht ja dabei stets zuerst um Gott und seine Sache, erst danach um Martin Luther, einem seiner fehlerhaften und doch treuen Mitarbeiter. Luther selbst lehnte es bekanntlich vehement ab, als Christen seiner Zeit sich nach ihm „Lutheraner“ nennen wollten: „Wie keme ich armer stinckender madensack datzu, das man die kynder Christi solt mit meynem heyloszen namen nennen?“ In diesem Sinn, Ihnen allen eine spannende und dabei Mut machende Lektüre.

Als Autoren haben mitgewirkt: Michael Kotsch, Gottfried Hermann, Reiner Andreas Neuschäfer, Berthold Schwarz, Karl-Heinz Vanheiden, Armin Wenz, Reinhard Slenczka, Friedhelm Jung, Helge Stadelmann, Ron Kubsch, Bernhard Kaiser, Uwe Siemon-Netto, Daniel Facius, Thomas Jeising, Rolf Sons, Jan van de Kamp, Ulrike Treusch, Christian Lehmann, Ralf-Thomas Klein, Joachim Kummer, Walter Hilbrands, Christian Hermann.

Ein Inhaltsverzeichnis kann hier heruntergeladen werden: IHVZ_luther_schwarz.pdf.

Thomas Müntzer und seine radikale Reformation

Thomas Müntzer war anfangs Luthers Bruder im Geiste. Doch dann trennten sich ihre Wege, weil Müntzer sich aus Luthers Sicht der Schwärmerei zuwandte. Tatsächlich kämpfte Münzer gegen zwei Grundfeiler der reformatorischen Theologie an, nämlich gegen das „sola scriptura“ – „allein durch die Schrift“ und das „sola fide“ – „allein aus Glauben“. Zwei Themen, die auch heute von großer Bedeutung sind. (Was würde wohl Luther zur protestantischen Christenheit der Gegenwart sagen?)

Dass wir viel aus dem Streit zwischen Luther und Müntzer lernen können, geht aus dem großartigen DLF-Beitrag über Thomas Müntzer hervor (auch wenn die Sympathien für Müntzer im Beitrag überwiegen):

Teil 1: Reformation ohne Kompromisse

 

Teil 2: Die Gewalt dem „gemeinen Volk“ geben:

 

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