Die Tragödie von Joshua Harris: Ernüchternde Gedanken für Evangelikale

Al Mohler hat sich sehr ausführlich zur Dekonversion von Joshua Harris geäußert. Christian Beese hat die Gedanken übersetzt und in der Facebook-Gruppe von E21 gepostet (Vielen Dank!).

Hier ein langer Auszug:

Auch der nächste Absatz war sehr wichtig: „Martin Luther sagte, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein sollte. In diesem Gedanken liegt eine gewisse Schönheit, unabhängig von deiner Sichtweise auf Gott. Ich habe in den letzten Jahren in der Buße gelebt“, schrieb er, „die Buße für meine Selbstgerechtigkeit, meine angstbasierte Lebensweise, die Lehre in meinen Bücher, meine Ansichten über Frauen in der Gemeinde und meine Herangehensweise an die Erziehung, um nur einige Punkte zu nennen, doch“, fuhr er fort, „ich möchte diese Liste jetzt ausdrücklich erweitern. Der LGBTQ+-Gemeinschaft möchte ich sagen, dass es mir leid tut, was ich in meinen Büchern und als Pastor über Sexualität gesagt habe. Ich bedaure, dass ich mich gegen die Ehe für alle ausgesprochen habe, dass ich euch und euren Platz in der Gemeinde nicht gestärkt habe, und dass ich durch mein Schreiben und Reden zu einer Kultur der Ausgrenzung und Fanatismus beigetragen habe. Ich hoffe, ihr könnt mir verzeihen.“

Das waren die wichtigsten Abschnitte des Postings, und die wichtigste Aussage ist, dass er eine massive Veränderung hinsichtlich seines Glaubens an Christus erfahren habe. Er sagte wiederum: „Die gängige Begriff dafür ist Dekonstruktion, der biblische Begriff ist Abfall vom Glauben. Gemessen an allen Richtilinien, die ich habe, um zu definieren, was ein Christ ist, bin ich kein Christ.“ Das sind absolut umwerfende Worte. Sie wären umwerfend und unglaublich beunruhigend, wenn sie von einer x-beliebigen Person kommen würden, aber vom ehemaligen Pastor einer Mega-Kirche und von jemandem, der einen sehr bedeutenden Einfluss auf die evangelikale Welt hatte, ist dies wirklich ein Meilenstein. Es erfordert auch viel Nachdenken und sehr ehrliche Rückbesinnung von Seiten amerikanischer Evangelikaler.

Viele Leute haben sich offensichtlich gefragt: „Wie kam dies nur so plötzlich aus heiterem Himmel?“ Aber es kam nicht wirklich aus heiterem Himmel. Es gab seit einiger Zeit beunruhigende Anzeichen dafür, dass Joshua Harris sich in einem sehr bedeutsamen weltanschaulichen und geistlichen Wandel befand.

Das wurde auch in einem Interview mit dem liberalen Magazin Sojourners sehr deutlich. Die Interviewerin war Sandi Villarreal, und das Interview wurde auch bei Sojourners gerade zu dem Zeitpunkt veröffentlicht, als er die Bekanntgabe der Scheidung von seiner Frau machte. Vor dieser Bekanntgabe trennte er sich demnach auch vom christlichen Glauben. In diesem Interview zeigt Joshua Harris interessanterweise, inwieweit er sich nicht nur von seinen Aussagen in I Kissed Dating Goodbye, sondern auch vom Überbau des biblischen Christentums und vor allem von dessen offenbarten Sexualethik getrennt hat.

Er hinterfragte die sogenannte „Reinheitskultur“, zu der er selbst sehr viel beigetragen hatte. Er hinterfragte auch die Lehre des Komplementarismus, doch hauptsächlich, um seine früheren Überzeugungen zu widerlegen. Was überhaupt nicht klar war – und immer noch nicht klar ist: Was genau wird an die Stelle seiner früherern Lehren treten? Eine der interessantesten und wichtigsten Momente des Interviews ist, als Villarreal sagt: „Sie sagen in der Dokumentation, dass es viele Leute gibt, die wollen, dass Sie die gesamte Grundlage Ihres Buch verwerfen“. Sie fuhr fort: „Aber ich frage mich: Wenn Sie ‚alles‘ sagen, meinen Sie damit Ihren Glauben an das Christentum in seiner Gesamtheit oder Ihre Auffassungen zu vorehelichem Sex im Allgemeinen? Ich bin neugierig, was Sie da mit einbeziehen.“

Joshua Harris antwortete: „Ich denke, einige Leuten hätten gern, dass ich sage, Sex positiv zu sehen bedeute, nun ja, die Art historischer Sexualethik, die mit Sex außerhalb der Ehe und mit Homosexualität verbunden ist, grundsätzlich abzulehnen, und eine gesunde Auffassung von Sex zu vertreten bedeute, alles anzunehmen, was in der christlichen Tradition als gut gilt“.

Er fuhr fort: „Ich denke jedoch, dass es für mich, bei einer so grundlegenden Veränderung der Deutung hinsichtlich Sexualität, einfach schwer ist, … Nunja, in gewisser Weise ist es für mich fast einfacher, darüber nachzudenken, den ganzen christlichen Glauben zu verwerfen, als ihn beizubehalten und ihn auf diesen verschiedenen Sichtweisen anzupassen.“

Das ist wirklich umwerfend. Es ist unglaublich aufschlussreich. In diesem Interview, das vor seiner Ankündigung seiner Abkehr vom Christentum kam, sagte Harris, dass er, als er anfing, die biblische Sexualethik des historischen Christentums neu zu überdenken, meinte, in dem Moment verstanden zu haben – und das ist für uns von entscheidender Bedeutung –, dass es für ihn an diesem Punkt einfacher sei, zu erwägen, den gesamten christlichen Glauben zu verwerfen, als diesen Glauben zu verändern oder neu zu formulieren, um eine neue Sexualethik zu entwickeln.

Darin –und das müssen wir anerkennen – zeigt sich eine grundlegende Ehrlichkeit. In seiner Erklärung im Interview mit Sojourners und in der ausführlichen Erklärung, in der er ankündigte, dass er sich vom Christentum verabschiedete, wird unter anderem deutlich, dass Joshua Harris versteht, dass es zwei absolut gegensätzliche Weltanschauungen gibt, die im Grunde nicht miteinander vereinbar sind. Es gibt keine Versöhnung zwischen der biblischen Weltanschauung und der modernen säkularen Weltanschauung.

Er versteht, dass es keinen Kompromiss gibt, und in diesem Sinne ist es intellektuell redlich von ihm zu verstehen, dass der theologische Liberalismus, der versucht, einen Anspruch auf das Christentum aufrechtzuerhalten, während er seine biblischen Wahrheitsansprüche ablehnt, unhaltbar ist. Darin steckt intellektuelle Ehrlichkeit. Doch jede Ankündigung, dass jeder vom christlichen Glauben abgewichen ist, birgt eine unglaubliche geistliche und theologische Tragödie, die grundlegende theologische Fragen aufwirft. Kann man Christ sein und dann irgendwann nicht mehr Christ sein?

Können Gläubige ihren Glauben verlieren? Kann man letztendlich abfallen, wenn man wirklich von neuem geboren ist? Die Antwort ist nein. Die Bibel ist an der Frage eindeutig. Wenn man einmal durch die Kraft Christi erneuert wurde, wenn man ein echter Christ geworden ist und mit Christus vereint ist, kann uns nichts von Christus trennen, nicht einmal unsere eigene Sünde.

Die historischen evangelischen Bekenntnisse, die die Bibel widerspiegeln, machen die biblische Wahrheit sehr deutlich: Auch wenn man nach der Bekehrung und dem Glauben an Christus, nach der Neugeburt, sündigen kann, ja sündigen und sogar der Gemeinde schweren Schaden zufügen wird, ist es für jemanden, der wirklich von Neuem geboren ist, unmöglich, von Christus abzufallen und von ihm getrennt zu werden.

Es mag sogar einige geben, die sündigen, indem sie den christlichen Glauben ablehnen, aber wenn sie jemals wirklich christlich waren, werden sie irgendwann aus Reue zurückkehren; und das ist eine Evangeliumsverheißung. Wenn die Menschen ihre Ablehnung des Christentums fortsetzen, dann müssen wir uns den Text 1. Johannes 2,19 ins Gedächtnis rufen, in dem uns gesagt wird: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns“, das heißt, sie waren nie echte Christen. Sie waren vorgetäuschte Gläubige.

Jesus spricht dazu auch in Matthäus 13 im Gleichnis von den vier Ackerböden. Es gibt diejenigen, die Anzeichen des Lebens zeigen, aber sie gehen schließlich weg. Jesus macht sehr deutlich, dass sie nie wahre Christen waren, und doch muss man auch verstehen, dass es sogar einige geben könnte, die in der Gemeinde zu Einfluss gekommen sind – das Neue Testament macht das deutlich –, die später abfallen würden, doch sie sind von uns ausgegangen, weil sie nicht von uns waren.

Evangelikale sollten darüber nachdenken, was diese tragische Schlagzeile uns über unsere Anfälligkeit für eine Konsumkultur und auch für eine Prominentenkultur sagt. Das ist immer eine Gefahr. Es ist unmöglich, ein gewisses Maß an Einfluss ohne eine gewisse Prominenz zu haben, aber wir müssen alles anhand der Schrift prüfen. Und wir müssen auch verstehen (wie es die frühe Gemeinde erfahren musste), dass es einige gibt, die gläubig zu sein scheinen und sogar Einfluss haben, sogar Pastoren sind, aber schließlich abfallen. Das muss zur Kenntnis genommen werden.

Es gibt noch etwas anderes, das in diesem Fall von größter Bedeutung ist, und ich sage das als Präsident eines theologischen Seminars und einer christlichen Hochschule, aber das ist ausgesprochen wichtig. Wir brauchen theologische Tiefe. Eine biblische Sexualethik und die Wahrheit des Evangeliums von Jesus Christus lässt sich nur aufrechtzuerhalten durch ernsthafte biblische Inhalte, ernsthafte biblische Erkenntnis, tiefe Theologie, Apologetik, biblische Theologie, ein tiefes Verständnis, eine feierliche und begeisterte Annahme des Evangelium von Jesus Christus und ein Verständnis jedes Evangeliums, des wahren Evangeliums, des biblischen Evangeliums, des Evangeliums von Jesus Christus, im Gegensatz zu allen oberflächlichen Heuchlern und auch zu falschen Theologien, einschließlich jeder Form von Gesetzlichkeit, die sich einschleichen kann.

Die Reinheitskultur, von der Joshua Harris sagt, dass er sie jetzt ablehnt, ist etwas, das wir als Evangelikale sehr genau betrachten müssen, weil wir verstehen, dass es eine gewisse gesetzliche Tendenz in dieser Reinheitskultur bei einigen gegeben hat, die eine Art von Religion aus I Kissed Dating Goodbye oder irgendeiner anderen Form von Gesetzlichkeit gemacht haben. Sie haben manchmal auch unbeabsichtigt das Evangelium untergraben, indem sie diese Art von gesetzlicher Ethik emporgehoben haben.

Aber gleichzeitig bewahrt die Bibel ihre eigene Reinheitsethik. Die Bibel offenbart Gottes Absicht für uns in unserem Geschlecht, in unserer Sexualität, in der Ehe und in allen sexuellen Ausdrucksformen, und die Bibel hält auch die Tatsache hoch, dass der einzig legitime sexuelle Ausdruck in der Ehe als heiliger Bund eines Mannes und einer Frau vor Gott liegt.

Aber wir müssen in diesem evangelikalen Schlüsselmoment sehr, sehr vorsichtig sein, dass die Anerkennung der Gefahr des Gesetzlichkeit nicht zu einer Art Antinomismus führt. Tatsache ist, dass die ursprüngliche Reinheitskultur im Evangelium selbst zu finden ist. Sie ist in der Schrift zu finden, in Gottes offenbartem Wort, aber das heißt nicht, dass wir rein geboren wurden. Im Gegenteil, es zeigt an, dass wir als Sünder geboren wurden, und die Antwort auf unsere Sünde ist nicht die Gesetzlichkeit, sondern das Evangelium von Jesus Christus.

Doch sobald wir Christus als Retter kennengelernt haben, sind wir berufen, allem zu gehorchen, was er befohlen hat, und Christus hat befohlen, so wie er gesagt hat, was von Anfang an Gottes Absicht war, dass sich der sexuelle Ausdruck auf die Bündnisvereinigung eines Mannes und einer Frau beschränkt. Wir müssen uns auch daran erinnern, dass, obwohl die Welt diese Einschränkung hasst, es nicht nur das offenbarte Wort Gottes ist, sondern auch der gute Wille Gottes. Es ist sein Plan für menschliches Glück, menschliche Ganzheit, menschliches Gedeihen.

Die Schlagzeilen über Joshua Harris – ja, über Joshua und Shannon Harris – sind zutiefst demütigend für den amerikanischen Evangelikalismus. Sie sollten sehr ernüchternd sein. Sie sollten uns dazu bringen, für die Harris und unsere Gemeinden zu beten. Sie sollten uns zu einem tieferen Verständnis des Evangeliums und zur Wertschätzung des Evangeliums Christi führen und gleichzeitig zu einer Selbstprüfung unserer biblischen Treue und der Tiefe unserer Hingabe an Christus und das biblische Christentum. Doch diese herzzerreißende Schlagzeile erinnert uns auch daran, dass wir unser Vertrauen auf keinen sündigen Menschen setzen können, sondern nur auf Christus, denjenigen, der allein unser Vertrauen verdient.

Kommentare

  1. …hier ist gleich noch ein bekannter christlicher Sänger, der „nicht mehr glaubt“.
    https://www.jesus.de/hillsong-musiker-marty-sampson-ich-verliere-meinen-glauben/

    „Kann man letztendlich abfallen, wenn man wirklich von neuem geboren ist? Die Antwort ist nein.“ – Interessant, diese deine Sichtweise – aber, kann man wohl so sehen. Sie waren oder gehörten nie zu den Christen.
    Ich sehe auch dieses Dilemma, dass es einfach an Tiefgang und Ernsthaftigkeit fehlt – und selbst wenn Joshua Harris mit seiner Ehe an allem scheitert, an seinen Ansprüchen, an Gottes Ansprüchen, an seiner Lehre durch sein Buch, wenn sein guter Ruf vernichtet wird – er muss nicht den Glauben an Gott „wegschmeißen“ und alles in Frage stellen, sondern sich in Frage stellen.
    Bin ich es?
    Mitten im Scheitern kann es weitergehen…..

  2. Den Gedanken, christlichen Influencern nicht so viel Einfluß zu geben, halte ich für sehr wichtig. Prominenz ist im Leib Christi immer zwiespältig und eben kein Garant für eine Eignung zum Vorbild oder zur Anleitung.

  3. Schandor meint

    „Kann man letztendlich abfallen, wenn man wirklich von neuem geboren ist? Die Antwort ist nein.“

    Da beißt sich die Katze in den Schwanz:

    Wenn man „wirklich“ von neuem geboren ist, also nicht einfach nur neu geboren, dann … Wirklich neu geboren muss man sein. Dann gibts keinen Abfall. Das heißt: Unser Pastor war nicht „wirklich“ neu geboren. Oder wird noch umdenken (metanoiein) und um Vergebung bitten.

    „Die Bibel ist an der Frage eindeutig.“ Ja, die der Reformierten sicher. Die der Arminianer auch, und kommt zu anderen Schlüssen.

    „Wenn man einmal durch die Kraft Christi erneuert wurde, wenn man ein echter Christ geworden ist und mit Christus vereint ist …“

    Hoppla! Da kommen ja noch einige Bedingungen hinzu? „Wirklich“ von neuem geboren reicht nicht? Man muss auch durch die Kraft Christi erneuert worden sein. Und man muss ein Christ, nein, ein „echter“ Christ geworden sein, und man muss mit Christus vereint sein (was immer das phänomenologisch auch bedeuten mag).

    Also bitte, das ist schon ein bisschen viel. Als nächstes kommt dann die calvinistische Lebensprüfung? Denn ob diese Bedingungen „wirklich“ zutreffen, kann kein Mensch sagen.

    Sehr wohl aber, ob ich glaube: Da kann ich sagen, ja, das tue ich, weiß aber nicht, warum. Man hat diesem Glauben Irrationalismus vorgeworfen, zu Unrecht, wie ich meine. Denn ja: der Glaube verdankt sich gewissen Überlegungen, aber nein, er lässt sich nicht streng logisch deduzieren.

    Die Katze beißt sich in den Schwanz, habe ich gesagt:
    1) Wenn einer „wirklich“ …, dann kann er nicht mehr abfallen
    2) Wenn einer nun dennoch abfällt, nun, dann hat er ganz einfach nie dazugehört.
    Wie man hieraus nichtsubjektive Heilsgewissheit bekommt, wenn man genügend Autopsie hat, ist mir rätselhaft. Da sind wir wieder bei Arthur Pink angelangt:
    Glaube + Werke = Heil, Glaube allein = Hölle.

    Das geht nach dem Schema: Wer wirklich zu uns gehört, verlässt uns nicht. Wer uns dennoch verlässt, hat nie wirklich zu uns gehört. Wer gehört nun zu uns? Das kann man nicht sagen, denn solange jemand (noch) nicht abgefallen ist, muss/darf man davon ausgehen, dass er zu uns gehört, mit Vorbehalt freilich. Denn wenn er dann doch abfällt, hat er nicht zu uns gehört. Und weil Kontrolle halt besser ist als Vertrauen, wollten die Calvinisten sich stets Sicherheit verschaffen über das bestehende Heil einer Person, indem sie in die Häuser gingen und kontrollierte, ob es eh heilig zugeht, ob keiner raucht, trinkt oder irgendwas tut, was gegen das calvinistische Protokoll verstößt. Aber auch sie konnten nicht überall sein. Und so konnten auch sie nie genau sagen, ob jemand gerettet war oder nicht. Auch sie waren darauf angewiesen, das Ende einer Person anzusehen. Erst dann ist/war man in der Lage, einigermaßen Definitives zu sagen. Was am Schluss macht: Ob jemand (derzeit) gerettet ist oder nicht, lässt sich nicht sagen. Weil wir es aber für unser schönes Lehrgebäude brauche, formulieren wir es so: Die Heiligen werden beharren. Damit ist die Schwierigkeit beseitigt.

    Ich bitte um Verzeihung, dass ich dies so polemisch formuliert habe, aber es geht mir einfach auf den Wecker, wenn eine so wichtige Sache so schlampig durchdacht oder formuliert wird. Nur dagegen richtet sich mein Sinn, nicht gegen das Heil, die Heilsgewissheit, die Calvinisten oder gar die biblische Lehre.

  4. Dendenk meint

    @Schandor,

    dir geht es wirklich darum das eine Sache „schlampig durchdacht oder formuliert“ ist?

    Was du über die Lehre Artur Pinks schreibst ist es wohl auch. Nachdem ich zuletzt einiges von ihm gelesen habe, muss ich sagen daß er nichts anderes lehrt als der Apostel Jakobus (…so ist auch der Glaube ohne Werke tot…2,17) im Bezug auf die Zusammengehörigkeit von Glauben und Werken.

    Was den hier zitierten Artikel von Al Mohler betrifft, stellt er meines Erachtens sehr gut heraus, wie wir als Evangelikale mit solchen Meldungen vom „Abfall“ umgehen sollen. In erster Linie mahnt es uns zur Selbstprüfung.

    Danke für die Übersetzung des Artikels.

  5. Schandor meint

    Paulus und Jakobus, die Quadratur des Kreises.

  6. manche nennen es auch calvinistische Lehre 😉

  7. Die ethischen Regeln der Schrift wurden nicht gegeben, um uns zu knechten und uns etwas wegzunehmen, sondern Gottes Regeln dienen immer zum Schutz, um vor Schaden zu bewahren. Wenn biblische Ethik dazu dienen soll, wie man bei Harris heraushören kann, Regeln aufzustellen, um von Dingen fernzuhalten, die angeblich erstrebenswert sind, hat man das Evangelium nicht verstanden.
    Beispiele: Es ist doch nachgewiesen welche seelische Schäden z.B. laufende Partnerwechsel, Scheidungen und Schwangerschaftsabbrüche auslösen. Gott warnt doch zu Recht davor!!
    Gottes Regeln sind nicht aus Gesetzlichkeit heraus zu beachten sondern als von ihm geschenkte gute Leitplanken für mein Leben.

  8. Rolf Eicken meint

    @Schandor,
    was Sie da über die Kontrolle der Calvinisten bzgl. ihrer Glaubenstreue schreiben, kommt mir so vor, wie die Shar ià-Polizei; dann ist diese ja doch nichts Neues, sondern nur von einer anderen Fakultät.
    Mich interessiert noch, ob sich die „Zugehörigkeit“ in Prozentzahlen ausdrücken lässt? Und wie müssen die „Werke“ aussehen, damit sie gewertet werden?
    Die Drohung mit der Hölle – wenn sie jemanden nicht schreckt, weil er eh nicht daran glaubt, denn sie ist eine Erfindung der Juden, „muss“ man daran glauben, weil Jesus auch ein Jude war? Er ist als Jude gestorben; denn erst Paulus hat einen Christus aus ihm gemacht. Religion ist ein schwierige Angelegenheit, weil es so viele Fragen gibt und so wenige logische Erklärungen.
    MfG
    Rolf

  9. Dieter Aebi meint

    Es fällt auf, dass Arminianer oft gereizt auf Calvinisten reagieren, nicht aber umgekehrt (ein Beispiel ergibt sich aus dem Briefwechsel zwischen Wesley und Whitefield, vgl. dazu den Anhang zur Biographie von George Whitefield von Benedikt Peters).
    Das ist verständlich. Die Calvinisten haben nichts zu verlieren. Sie haben nichts. Gott hat sie. Die Arminianer haben viel zu verlieren. Sie haben Gott. Und in dem Mass, mit welchem sie Gott haben, sind sie unsicher, ob Gott sie hat. Diese Unsicherheit führt zu Gereiztheit, eine Gereiztheit des alten Adams, der mit seinem (von Gott) freien Willen Gott erwählt und sich in Selbsterlösung das ewige Leben angeeignet hat (manche reden von „Eigen-Verantwortung“, manche sagen „das angebotene Heil in Anspruch genommen“).
    Tatsächlich scheinen mir im Übrigen die Calvinisten (wie alle Reformierten) lehrmässig (nicht unbedingt faktisch) ein Defizit zu haben, welches von der Verbannung des Jakobus (bei Luther wörtlich nach hinten) herrührt, sodass man mit den Werken des Glaubens lehrmässig (nicht unbedingt faktisch) nicht umzugehen weiss, was auch in eine Gesetzlichkeit münden kann (auch faktisch).
    Paulus und Jakobus als Quadratur des Kreises zu bezeichnen ist bibelkritisch, da Widersprüche impliziert werden. Paulus gibt Jakobus mit Gal. 5,6 die Hand, denn der „wirksame“ Glaube enthält denselben Wortstamm wie das Werk. Legt Paulus das Gewicht auf die Gerechtsprechung (Rechtfertigung) durch Gott als juristischen Freispruch, so legt Jakobus es auf die Gerechtmachung (Recht-Fertigung) als faktische Auswirkung des Glaubens im Werk, alles aber als Geschenk von Gott (Jak. 1,17), wie schon der Glaube (Joh. 5,29).

  10. Schandor meint

    @Dieter Aebi

    Zu den Arminianern: Sie verstehen mE nicht, was die C. unter Willensfreiheit verstehen. Diese Diskrepanz führt zu Missverständnissen. Die meisten A. meinen Handlungsfreiheit gemäß ihrem Willen, sofern dieser Wille nicht gezwungen oder chemisch oder durch psychokombattante Mittel verändert worden ist. Die C., die die WF leugnen, meinen aber ganz anderes.

    Zu Paulus und Jakobus. Die Harmonisierungsversuche gelingen nicht. Man kann da nicht harmonisieren. Der Widerspruch ist offensichtlich: Der eine sagt, so kommen wir nun zu dem Schluss, dass der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird, ohne Werke des Gesetzes. Der andere sagt, so seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerechtfertigt wird und nicht durch den Glauben allein.

    Man kann nur gut nach Hegel den Dreischritt vollziehen und zur Konsequenz kommen: Beide haben recht, aber so, dass die beiden Thesen in einer Synthese aufgehoben werden müssen:
    Es gibt eben zweierlei Werke: Solche, die man tut, um gerecht zu werden und solche, die man tut, weil man durch den Glauben gerecht geworden ist. Nur warum sagt uns das niemand?.

    Was mich viel stärker interessiert: Von welchen Werken spricht Jakobus? Welche Menschen könnte er „faktisch“ im Sinn haben? Ist diese Frage beantwortbar, dann ist auch die andere gelöst. Denn wenn es heißt: Wer nicht glaubt, wird verdammt werden (Mk 16,16), so scheint die Sache klar zu sein: Der Glaube allein genügt. Ach so, und Mk 16,16 ist natürlich als kanonisch zu betrachten, alles andere wäre Bibelkritik. Ich sehe, wir kommen der Sache näher.

  11. Dieter Aebi meint

    Zur Willensfreiheit:
    Niemand beachtet bei diesem Thema, dass es zwei Naturen gibt: den alten Adam unter der Sünde und den neuen Adam im Geist (Gottes). Bei der Freiheit des Willens muss man differenzieren nach dem Standpunkt der Person und der Richtung des Willens : Wer unter der Sünde ist, ist frei von Gott; sein Wille ist frei von Gott weg. Wer im Geist Gottes ist, ist frei von der Sünde; sein Wille ist frei auf Gott zu.
    Die Reformierten/Calvinisten bestätigen Ersteres, vernachlässigen aber Letzteres zumindest lehrmässig (mitsamt den Glaubenswerken). Die Arminianer implizieren zumindest, dass auch der Mensch unter der Sünde seinen Willen frei auf Gott zu richten und das angebotene Heil annehmen kann. Die Katholiken lehren das.
    Ich gebe zu, dass ich Arminianer hier sehr weit fasse (wie auch Calvinisten als Sammelbegriff an sich zu weit ist). Wen ich meine: Alle mehr oder weniger deistisch angehauchten Evangelikalen, welche die Allmacht Gottes und ihre eigene Ohnmacht nicht ganz akzeptieren.
    Zu Jakobus und Paulus:
    „Es gibt eben zweierlei Werke: Solche, die man tut, um gerecht zu werden und solche, die man tut, weil man durch den Glauben gerecht geworden ist. Nur warum sagt uns das niemand?.“
    Jak. 2,22+24+26: „Du siehst, dass der Glaube mit seinen Werken zusammenwirkte und der Glaube aus den Werken vollendet wurde. … Ihr seht, dass ein Mensch aus Werken gerechtfertigt (dikaioo=gerechtsprechen und/oder gerechtmachen) wird und nicht aus Glauben allein. … Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.“
    Es ist für mich unerklärlich, wie Luther, bei derart klarem Bezug des Glaubens zu seinen Werken (Glaubenswerke) und ohne jede Erwähnung des Gesetzes, Jakobus unterstellen konnte, gegen Paulus Gesetzeswerke zu lehren.
    Nur schon mit genauem Lesen erkennt man den Unterschied aufgrund der verschiedenen Wortwahl der beiden Apostel. Zwischen den Gesetzeswerken (als „terminus technicus“ des Paulus für eine Haltung der Selbsterlösung) und den Glaubenswerken (als Ausfluss und Teil des von Gott geschenkten Glaubens gemäss Jakobus) besteht ein himmelweiter Unterschied wie zwischen Tod und Leben. Eine hegelianische Synthese ist überhaupt nicht nötig, auch nicht möglich, vielmehr ein klares Differenzieren nach Hebr. 4,12+13.
    Mit ein wenig systematischer Auslegung kann man den Unterschied zwischen Gesetzeswerken, welche Paulus meint, und den Glaubenswerken, welche Jakobus meint, noch genauer erfassen:
    Paulus ist kein Verachter des Gesetzes, was schon aus der Kombination von Gal. 5,6 mit 5,14 hervorgeht, wonach die Liebe (als Ausfluss des Glaubens) die Erfüllung des Gesetzes ist. Achtung: Nicht allein die Liebe im Herzlein, sondern die tätige/wirksame, in Wort und Tat nach aussen dringende.
    Schlüsselstelle des Verständnisses der Gesetzeswerke ist Röm. 10,3: „Denn da sie Gottes Gerechtigkeit nicht erkannten und ihre eigenen aufzurichten trachteten, haben sie sich der Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen.“ Und Röm. 3,27: „Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist ausgeschlossen. Durch was für ein Gesetz? Der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.“ Man vergleiche auch Phi. 3,4-14.
    Gesetzeswerke dienen dem eigenen Ruhm, will heissen, sie sollen Ansprüche bei Gott schaffen (Selbstgerechtigkeit, Selbsterlösung). Sie sind zugleich die Verwerfung der Rettung allein durch Gott.
    Viele Menschen, auch Nichtchristen, tun gute Werke. Was ist bei Christen anders? Die Haltung. Die Demut. Der Glaube. Darum geht es bei den Glaubenswerken des Jakobus. Die Schlüsselstelle 1,17, habe ich bereits erwähnt. Nur im Glauben kann man alles, den Glauben selber wie auch seine Werke als Geschenk Gottes erkennen und Gott allein den Ruhm überlassen.
    Das reformatorische Allein aus Glauben ist ebenfalls auf Luthers Fälschung der Bibel zurückzuführen (Röm 3,28). Die Formel ist zwar als Abgrenzung gegen die Selbsterlösung aus Gesetzeswerken korrekt, sie bleibt aber – erst recht mit der Verkennung des Jakobus – unvollständig, wenn die Werke des Glaubens nicht in den Begriff des Glaubens integriert werden. Der Glaube ohne Werke ist unvollendet und tot. Das sagt nicht nur Jakobus, sondern auch Jesus Matth. 7,15-27. Und Paulus, Röm. 2,13: „es sind nämlich nicht die Hörer des Gesetzes gerecht vor Gott, sondern die Täter des Gesetzes werden gerechtfertigt werden.“ Und, ganz entscheidend: Glaube ohne Werke, damit unvollendeter Glaube, ist kein Geschenk Gottes, denn dessen Geschenke sind vollkommen (Jak. 1,17).
    Jakobus spricht also nicht von besonders erkennbaren guten Werken (die auch viele Nichtchristen vollbringen), sondern von der Haltung, dass auch die guten Werke des Glaubens wie schon der Glaube selbst allein Gottes Geschenk sind, während Paulus mit den Gesetzeswerken meint, dass der Mensch sie vermeintlich aus eigener Kraft erfüllt, um sich so eine Scheibe, ev. auch nur ein Scheibchen des Ruhms abzuschneiden, der allein Gott zusteht.
    In Mark, 16,16 steht der Glaube im Übrigen auch nicht allein. Welche Taufe dort gemeint ist, wäre ein Thema für sich.

  12. Schandor meint

    Gut, was die Diskussion zur WF anbelangt, das führt hier wirklich zu weit. Aber uns geht es ja um die andere Sache, nicht wahr?

    Da schreibst Du:

    Was ist bei Christen anders? Die Haltung. Die Demut. Der Glaube. Darum geht es bei den Glaubenswerken des Jakobus.

    Siehst Du, und genau hier habe ich ein Problem. Ich behaupte, Jakobus geht mit seinem „toten Glauben“ von 2 (in Worten: zwei) Arten von Menschen aus
    1) Menschen, die glauben (und damit auch Glaubenswerke haben, weil das ohne gar nicht geht) und
    2) Menschen, die vorgeben zu glauben (=“toter Glaube“, also kein Glaube).
    Jakobus‘ Worte richten sich somit nicht an Gläubige, sondern an Ungläubige, die behaupten, zu glauben. Von den eingestandenen Ungläubigen ist ja an der Stelle nicht die Rede.

    Denn wenn man Glauben ohne Werke haben könnte, wäre die Frage: woran bzw. was glaubt denn jemand wirklich und wahrhaft, wenn er diesem Glauben keine Handlungen folgen lässt? Und wenn man nachprüft, käme man unweigerlich zu dem Schluss: Dieser Glaube war nur behauptet, existiert aber gar nicht.

    Denn wenn es anders wäre und es gäbe diesen Glauben und Paulus und Jakobus räumten hier wirklich echten Glauben ein, dann hätten wir wirklich und wahrhaftig ein Problem, und dann wäre Luther wohl der schlimmste Irrlehrer aller Zeiten gewesen und die Catholica hätte recht. Der ganze Protestantismus wäre dann ein großer Irrtum gewesen (auch das will die Catholica ja).

    Somit wiederhole ich: Die jakobinische Polemik richtet sich gegen Ungläubige, nicht gegen Menschen mit werklosem Glauben. Insofern ist der ganze Streit unglücklich, weil wir auf die jakobinische Semantik hereingefallen sind. Es ist, als wolle man den Anfang einer Sache von der Sache selbst abtrennen: das geht vielleicht gedanklich, aber den Anfang einer Schnur von der Schnur trennen? Und dennoch braucht ja die Schnur einen Anfang, denn sie muss ja ins Sein getreten sein. Aber man kann den Anfang nicht ohne Schnur haben, ja, man wüsste ohne Schnur gar nicht, zu welchem Ding dieser schnurlose Anfang gehört? Der Anfang ohne Schnur ist eine gedankliche Abstraktion, der Glaube ohne Werke ebenfalls. Nicht aber der behauptete Glaube. Jakobus wendet sich also gegen Menschen, die behaupten, sie glauben, aber nichts dafür taten. Illustriert er ja auch. Das wäre ja so, wie wenn ein unfassbar reicher Mensch durch verschiedene arme Länder reiste, seine Hände segnend höbe und eine seltsame Formel murmelte, dann wieder in sein Flugzeug stiege und seinen Bankier nicht anwiese, soundsoviel Geld in jenes Land zu überweisen. Oder wie wenn ich mir einen Luxusartikel im Supermarkt kaufe und achtlos an Eingangsbettler vorbeilaufe. Nicht wahr?

    Und zu Luther: Diesen Mann der Bibelfälschung zu bezichtigen, finde ich ein starkes Stück, insbesondere wenn man seine eigene Erklärung dazu gelesen und verstanden hat. Allein aus Glauben ist die Formel der Protestanten, und genau hier liegt der archimedische Punkt. Verwische ihn, und Du bist ins Reich der Catholica hinübergerutscht. Was Du zu den Werken erklärst, räume ich gerne ein, nur hätte ich das nicht mit „Haltung“ ausgedrückt, sondern anstelle jener Haltung, die man sich ja auch ein Leben lang einbilden kann, die neue Schöpfung zugrundegelegt, aber ich denke, das wirst Du mir durchgehen lassen.

  13. Schandor meint

    Denn wenn Du weiterhin auf Glaube+Werke abstellst, schmälerst Du das Werk Jesu Christi. Denn der hat alle Werke getan, die nötig sind, wenn wir schon von der Notwendigkeit der Werke sprechen. Was sollten unsere Werke denn schon verdienen können, und wenn wir uns selbst aufgäben?

    Somit hatte Luther recht mit seinem „allein aus Glauben“ – und Luther wäre der letzte, der auf den Gedanken käme, es gäbe so etwas wie einen Glauben ohne entsprechende Handlungen, will sagen, einen Glauben, aus dem sich nicht gewisse Dinge ergeben (= „Werke“).

    Wenn jemand erfährt, dass sein Flugzeug abstürzen wird und neben ihm liegt ein Schirm: Wer wird da sagen: Ja, ich glaube der Durchsage – und schnappt sich nicht den Schirm?
    Der Glaube verändert mich doch! Aber es ist nicht das, was ich deshalb tue, weil ich glaube, sondern es ist der lutherische Glaube alleina.

    Insofern glaube ich, dass wir gedanklich zueinanderfinden können.

  14. Dieter Aebi meint

    Luther hat dem Wort Gottes in Rö 3,28, gegen die klaren Ermahnungen etwa in 5. Mo 4,2 und 13,1, Spr. 30,6 sowie Of 22,18 f., das Wort «allein» vor dem Glauben hinzugefügt. Dabei ging es nicht um Exegese, nicht mal um Eisegese, sondern um eine Verfälschung des Textes (sicher nur mit guten Absichten, jedoch nachweislich in totaler Verkennung des Jakobusbriefes) unter Ausserachtlassung von Rö 2,13 sowie zahlreicher weiterer Stellen im NT, welche einen tätigen Glauben verlangen.
    Jakobus spricht die Brüder an (Kap. 1 Verse 2 und 19; Kap. 2 Verse 1 und 14, Kap. 3, Verse 1 etc.), somit nicht Ungläubige. Jk 1,22 wendet sich an die Leser, d.h. die Brüder: «Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen!» (in Übereinstimmung mit Christus, Mt 7,15-27). In Kap. 2 Vers 15 spricht er Glaubende in der Gemeinde an: „unter euch“. Der ganze Absatz ergibt keinen Sinn, wenn er an Ungläubige gerichtet wäre. Weshalb sollte man Brüder ermahnen, dass der Glaube ohne Werke tot sei, wenn es gar nicht um Glauben ginge?
    Jakobus meint also zwei verschiedene Arten Christen (und spricht alle als Brüder an, weil wir nicht ins Herz sehen und nicht vor der Zeit verurteilen sollen, 1 Ko 4,5), wie Mt 25,31 ff. An dieser Stelle sieht man die richtige Einstellung zu den Glaubenswerken: Sie erscheinen einem gar nicht als Werke, denn es ist «ganz einfach» das Wirken des neuen Adams, sein «normales» Leben.
    Auch Luther hat das erkannt: «O, es ist ein lebendig, geschäftig, tätig, mächtig Ding um den Glauben, so dass es unmöglich ist, dass er nicht ohne Unterlass sollte Gutes wirken. Er fragt auch nicht, ob gute Werke zu tun sind, sondern ehe man fragt, hat er sie getan und ist immer im Tun.»
    Jedoch hatte er sich mit der Beschimpfung von Jakobus (stroherne Epistel, kein Apostel, treibt zu den dem Gesetz und seinen Werken etc.) zu weit aus dem Fenster gelehnt und konnte sich – gegen das Gleichnis vom Sämann, Jo 15,1-8 etc. – offenbar nicht vorstellen, dass es inhaltlich richtigen Glauben gibt, der keine Werke hervorbringt, sodass er, wie seine Nachfolger in der Lehre bis heute, einfach von Unglauben ausging.
    Luthers Verdienst ist, die enge Pforte – gegen die Katholiken – lehrmässig erfasst zu haben (wozu auch gehört, dass man nicht aus freiem (d.h. gottfreiem oder gottlosem) Willen zu Gott findet – weshalb das Thema hierhergehört). Sein Problem und das seiner Nachfolger ist aber, dass man lehrmässig bei der engen Pforte stehenblieb und den schmalen Weg nicht richtig erfasst hat.
    Dabei gibt man Christus die weitaus grössere Ehre, wenn man Gott nicht nur dafür dankt, dass er uns mit ihm die Sünden nicht mehr anrechnet und uns rechtfertigt, sondern dass er uns in ihm schon in dieser bösen Zeit gute Werke tun lässt und uns gerecht macht – als Geschenk (Jk 1,17), als ewiges Leben, das bleibt (1Jo 3,15).
    Ep 2,10: „Denn wir sind sein Gebilde, in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken, die Gott vorher bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln.“
    Ph 2,13: „Denn Gott ist es, der in euch wirkt sowohl das Wollen als auch das Wirken zu (seinem) Wohlgefallen.“
    Hb 13,20 ff: „Der Gott des Friedens aber, …, vollende euch in allem Guten, damit ihr seinen Willen tut, indem er in uns schafft, was vor ihm wohlgefällig ist, durch Jesus Christus, …“
    «Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Reich der Himmel hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist“ (Mt 7,21).
    Auch in den Evangelien ist mit rettendem Glauben immer der gehorchende Glaube gemeint (Jo 3,36).

  15. Schandor meint

    Ich sehe schon: Wir verstehen einander nicht. Das hat keinen Zweck.
    Du widersprichst mir nicht oder nur zum Teil.
    Beantworte nun also noch eine letzte Frage. Gesetzt, Du hast mit allem recht.
    Wieviele Werke muss man also getan haben, damit der Glaube gilt?
    Oder anders gefragt: Kann man eine Zeitlang gut gelaufen sein, dann aber abfallen, weil man eines Tages keine Werke mehr tut?

  16. Das mit den hinzugefügten, veränderten oder weggelassenen Worten ist so eine Sache – (fast) jeder unbestimmte Artikel in einer deutschen Übersetzung ist hinzugefügt (weil es im Griechischen keinen unbestimmten Artikel gibt), fast jede adverbiale Partizipialkonstruktion wird mit einer konkreten Konjunktion wiedergegeben (fehlt im Griechischen, aber aus dem Kontext erschließbar), letztlich ist jedes Wort verändert (deutsch statt griechisch, normalerweise mit unterschiedlichen Bedeutungsspektren und Konnotationen), und der Artikel bei Gott wird aufgrund der veränderten kulturellen Situation (kein Polytheismus, Gott als Eigenname in unserem Kulturraum) ebenso weggelassen wie der Artikel bei bereits erwähnten Eigennamen (wieder grammatikalischer Unterschied Gr-D). Und es würde den meisten Bibelübersetzungen gut tun, würden sie manchmal einige Worte von Gottes Wort im Griechischen weglassen: „Betrinkt euch nicht mit Wein“ impliziert für den normalen Deutschsprachler eben „sondern mit Bier, Schnapps,..“. Wer Gottes Wort hier treu übertragen will, muss übersetzen „Betrinkt euch nicht“ – denn das ist gemeint (der Grieche expliziert mehr als der Deutsche, für den Explikationen dann oft Betonungen und Marker für etwas Auffälliges sind).

    Zu Röm 3:28: Dort ist der instrumentale Dativ „Glaube“ betont – einerseits durch die Wortstellung, andererseits durch den Kontrast zu „ohne Gesetzeswerke“. Überhaupt geht es im unmittelbaren Kontext um eine Gegenüberstellung von Gesetz(eswerken) und Glauben. Diese Betonung lässt sich im Deutschen zwar im Modus der Aussprache vermitteln, jedoch nicht oder zumindest nicht eindeutig im Modus der Schrift (höchstens: wir sind überzeugt: Durch Glauben wird… – aber selbst da ist die Prosodie das eigentliche Mittel der Betonung). Die einzige Alternative ist die, die Luther gewählt hat: eine lexikalische Betonung durch die Zufügung eines passenden Adverbs.

    Eine Rechtfertigung durch „Glauben und“ hat in Röm 3+4 soweit ich sehe keinen Platz. (4:2: Angenommen (Indefiniter/realer Fall oder Irrealis-Misch) Abraham wurde aus Werken gerechtfertigt. Dann hat er nichts zum Rühmen vor Gott; 4:6: Dem Gott Gerechtigkeit ohne Werke zurechnet). Und es geht auch nicht um GESETZESwerke vs andere Werke, wie man am Beispiel Abrahams sieht.

    Im übrigen könnte es auch sein, dass der Apostel Jakobus an jener Stelle polemisch redet und dabei – dem Genre gemäß – überspitzt. Ähnlich wie Paulus, der in Gal 5:2 den Empfängern entgegenhaut, dass ihnen Christus nichts mehr nützt, wenn sie sich beschneiden lassen – alles vorbei, zerstört, verflucht. Derselbe Paulus lässt aber seinen Mitarbeiter Timotheus beschneiden, um den Juden ein Jude zu werden (Apg 16:3)

  17. Dieter Aebi meint

    Ich halte es mit Paulus, Rö 10,10: «Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, und mit dem Mund wird bekannt zum Heil» (vgl. auch Mt 12,37). Das aufrichtige Anrufen Gottes um Hilfe (Rö 10,13) – auf die Haltung kommt es an – ist ein Wirksamwerden des Glaubens aus dem von Gott bereiteten guten und redlichen Herzen (Lk 8,15) gegen aussen, ein Werk das bleibt (s. auch 1Jo 4,15). Ein solches Werk genügt also. Es geht nicht um die Anzahl, sondern um die Qualität: gute Frucht vom guten Baum (gut bedeutet dabei immer: aus Gott).
    Dabei glaube ich aber, dass Gott das Werk, welches er in seinen Kindern angefangen hat, auch vollenden wird (Ph 1,6), es also nicht beim Bekenntnis bleiben wird, sondern dass er Ausdauer in gutem Werk schenkt und vergilt (Rö 2,6; Mt 16,27). Jeder Christ wandelt nicht nur im Geist, sondern auch im Fleisch, deshalb produzieren wir, d.h. (Paulus sagt über den neuen Adam:) die Sünde in uns, auch schlechte Früchte, die verbrennen werden (Hb 12,29). Deshalb kommt es nicht auf den Zeitpunkt der Werke an, sondern dass ein guter Baum existiert, der auch gute Früchte trägt.
    Alle, die zu Christus kommen, also wahrhaftig an ihn glauben und ihn erkennen, gehören vorher schon Gott, dem Vater, sind also aus IHM, Jo 17,6: „Dein waren sie, und mir hast du sie gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.“
    Dieses Bewahren des Wortes Gottes ist entscheidend und macht den Unterschied zu Pseudo-Gläubigen aus, die Wort und Geist nur vorübergehend haben. Christus, Jakobus und Johannes betonen (Mt 7,24 f.; Jo 13,15; 1Jo 2,6; 3,24; Jk 1,22-27), dass man Gottes Wort nur bleibend in sich hat, wenn man Täter des Wortes ist bzw. die Gebote hält, den Bruder liebt (und zwar in Tat und Wahrheit, 1Jo 3,18).
    Solche Gläubigen können nicht abfallen, denn sie sind von Gott erschaffene neue Kreaturen (ein guter Baum mit guten Früchten); selbstverständlich bleiben ihre guten Werke. Andere Glaubende, die nicht aus dem Willen Gottes, sondern nur aus dem eigenen glauben, können als schlechte Bäume keine gute Frucht bringen und können, ja werden von ihrem Glauben abfallen.

  18. Schandor meint

    @Jörg

    Danke, gut dargelegt!

    @Dieter

    Ich bin nicht sicher, ob Du Dir über Deine eigene Glaubensphilosophie im Klaren bist. Als Theologe musst Du viel genauer sein. Du sagst: Jeder Christ wandelt (o, welch uraltes und schlechtes und heute so ungebräuchliches Wort!) nicht nur im Geist, sondern auch im Fleisch. Ganz recht. Aber genauso „wandelt“ jeder Christ nicht nur im Fleisch, sondern auch im Geist.

    Nie habe ich übrigens behauptet, Jakobus richte sich an Ungläubige. Das hast Du mir (mangels verstehendem Lesen, wie ich vermute) einfach unterschoben. Sondern ich habe behauptet, er spricht über solche, die nur behaupten, zu glauben. Was sind „Glaubende, die nur aus dem eigenen (?) glauben“? So etwas gibt es gar nicht. Ich behaupte, Du kennst die Bibel gut, weißt aber nicht zwischen Glauben und eingebildetem Glauben zu unterscheiden, deshalb hört sich auch alles so wirr an, was Du sagst. Ich vermute (und behaupte nicht), Du kommst aus einer heiligungsüberhöhten Gemeinde, die sich über das Heil so sicher nicht ist, wie sie den Anschein erwecken möchte.

  19. Dieter Aebi meint

    @ Jörg
    Aus dem Kontext ist auch für den normalen, erst recht für den geistbegabten Deutschsprachler ohne Weiteres ableitbar, dass Wein an diesen Stellen nur als Unterbegriff für berauschende Getränke verwendet wird. Der Analogieschluss auf weitere derartige Getränke ist einfach, da der Sinn der Stelle klar ist. Deshalb darf der Wein so stehen bleiben. Es ist keine kindliche, sondern eine kindische Auslegung, wenn man meint, sich mit Schnaps und Bier betrinken zu dürfen, nur weil das nicht dort steht. Normal nenne ich das jedenfalls nicht.
    Zu Rö 3,28: «Der Grieche expliziert mehr als der Deutsche, für den Explikationen dann oft Betonungen und Marker für etwas Auffälliges sind.» – Deine Worte.
    Wenn also der Grieche in Rö 3,28 sogar weniger expliziert hat, dann ist das von Luther hinzugefügte «allein» zum Glauben eine irreführende Betonung und ein Marker für etwas Auffälliges, das mit dem Urtext nicht beabsichtigt war.
    Wurde «die einzige Alternative» auch schon von Luther so begründet? – Falls nicht, wovon ich ausgehe, dann geht die sprachwissenschaftliche Begründung an der Sache vorbei. Sie wirkt dann nicht nur nachgeschoben, sondern ist es auch.
    Die Begründung kann zudem kaum zutreffend sein, denn ich kenne keine einzige andere deutsche oder englische Übersetzung, welche diese «einzige Alternative» enthält, nur die Luther-Übersetzung hält traditionell am hinzugefügten «allein» fest.
    Man darf Rö 3 und 4 nicht von Rö 2 losgelöst auslegen. Es gibt bei Paulus m.E. drei Arten von Rechtfertigung:
    1. Die allgemeine Rechtfertigung nach Rö 5,18 a.E.: Christus hat alles vollbracht, der (juristische) Freispruch steht für alle Sünder der ganzen Welt (vgl. auch 1Jo 2,2).
    2. Die persönlich geltende Rechtfertigung nach Rö 4,5: Nur wer glaubt, dass Gott den Sünder in Christus freigesprochen hat, für den existiert dieser Freispruch auch, für alle Nichtglaubenden existiert er dagegen nicht.
    3. Die wirksame (effektive, faktische) Rechtfertigung (Gerechtmachung) nach Rö 2,13: Der Freispruch nützt nichts, wenn er nicht vollzogen, d.h. gelebt, verwirklicht wird (deshalb die Werke, vgl. dazu auch V. 5-8). Diese Rechtfertigung stimmt mit derjenigen nach Jakobus überein; die ersteren beiden vermögen sie nicht aufzuheben.
    Die Polemik im Geist Gottes, wie sie schon Jesus Christus praktizierte («Otterngezücht» etc.) dient zur Durchbrechung von falschen Denk-Krusten, wie vorliegend die Meinung, der Glaube ohne Werke vermöge zu retten. Jakobus nennt die Vertreter dieser Ansicht sogar Hohlköpfe (2,20).
    Timotheus hätte unter Juden nicht missionieren können, hätte er sich als Jude nicht beschneiden lassen. Dieses Entgegenkommen in Liebe (Erfüllung des Gesetzes als Glaubenswerk, Ga 5,6) steht nicht in Widerspruch zur Ermahnung, dass Werkglaube überhaupt nicht hilft, sondern im Gegenteil Christus verwirft (Ga 5,4).

    @ Schandor
    Zur Genauigkeit: Ich habe Dir nicht untergeschoben, dass Du behauptet hättest, Jakobus richte sich an Ungläubige. Ich habe einfach ausgeführt, dass Jakobus sich an die Brüder gerichtet hat und die Ermahnung, würde sie sich (auch mittelbar) an Ungläubige richten, keinen Sinn ergibt. Noch weniger Sinn macht sie allerdings, wenn die Ermahnung zwar an Brüder gerichtet wäre, jedoch diese nicht beträfe, sondern Ungläubige, an welche sie auch nicht indirekt gerichtet wäre.
    Auch sonst: Bitte genauer lesen. Es macht den Anschein, als ginge es Dir nicht um das Verstehen des anderen, sondern um Wortgefechte und Provokationen. Die Elberfelderübersetzung verwendet das Wort «wandeln» übrigens noch immer, z.B. in 2Pe 3,3.
    Du verstehst sicher, dass ich auf persönliche Angriffe in Form von blinden Hüftschüssen, die erst noch weit daneben gehen, nicht reagiere. Da Du die sachliche Ebene verlassen hast, beende ich hiermit den Austausch mit Jo 3,20 f: «Denn jeder der Arges tut, hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht blossgestellt werden; wer aber die Wahrheit tut, kommt zu dem Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott gewirkt sind.»

  20. Schandor meint

    @Dieter Aebi

    Ja, ich verstehe. Ich bitte Dich, verzeih mir, ich wollte Dich weder beleidigen noch belehren.

    Liebe Grüße

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