Gott gewollte Religionsvielfalt?

Es war ein historischer Moment. Am 4. Februar 2019 haben Papst Franziskus und der Kairoer Großimam Ahmad Mohammad Al-Tayyeb in Abu Dhabi das „Dokument über die Geschwisterlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ unterzeichnet. 

Erster Kernpunkt der Erklärung ist die Behauptung, „dass die Religionen niemals zum Krieg aufwiegeln und keine Gefühle des Hasses, der Feindseligkeit, des Extremismus wecken und auch nicht zur Gewalt oder zum Blutvergießen auffordern“. Alle Religionen sind demgemäß unterschiedslos friedlich und tolerant. Falls doch im Namen einer Religion zu Gewalt und Intoleranz aufgerufen wird, dann geschieht das, weil weil die Religion missbraucht werde.

Ein zweiter Kernpunkt der Erklärung erfährt zunehmend auch innerhalb der Katholische Kirche Kritik. Es heißt dort:

Der Pluralismus und die Verschiedenheit in Bezug auf Religion, Hautfarbe, Geschlecht, Ethnie und Sprache entsprechen einem weisen göttlichen Willen, mit dem Gott die Menschen erschaffen hat. Diese göttliche Weisheit ist der Ursprung, aus dem sich das Recht auf Bekenntnisfreiheit und auf die Freiheit, anders zu sein, ableitet. Deshalb wird der Umstand verurteilt, Menschen zu zwingen, eine bestimmte Religion oder eine gewisse Kultur anzunehmen wie auch einen kulturellen Lebensstil aufzuerlegen, den die anderen nicht akzeptieren.

Während die Konklusion, dass nämlich niemand zum Glauben an eine bestimmte Religion gezwungen werden darf, unumstrittene Zustimmung findet, wird darüber diskutiert, ob Gott die Vielfalt der Religionen aktiv gewollt und geschaffen habe.

Die FAZ berichtete am 29. April 2019:

Aus der Sicht der Kritiker widerspricht die Behauptung, dass Gott die Vielheit der Religionen gewollt habe, dem christlichen Missionsauftrag, wie er etwa am Schluss des Matthäus-Evangeliums formuliert sei: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ Und im Evangelium nach Markus werde neben dem Missionsauftrag ausdrücklich die Einzigartig- und Ausschließlichkeit der christlichen Religion als Weg zur Erlösung festgestellt. Jesus sage zu seinen Jüngern: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung! Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden.“

Der konservative Weihbischof Athanasius Schneider aus Astana in Kasachstan berichtet, er habe bei einem Besuch im Vatikan Anfang März vom Papst eine Klärung erbeten, ob dieser im umstrittenen Pluralitätspassus der Erklärung von Abu Dhabi den tätigen, aktiven Willen Gottes oder bloß dessen zulassenden, permissiven Willen gemeint habe. Eine eindeutige, gar verbindliche Antwort habe er nicht erhalten.

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16 Comments
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Tim-Christian
Tim-Christian
1 Jahr zuvor

Schon vor drei Jahren gab es ja dieses erschreckende Video zur „Gebetsmeinung des Heiligen Vaters“:

https://www.youtube.com/watch?v=no5mAPHiCYQ&t=2s

Seitdem hat dieser Papst so viel zur Unterminierung der römisch-katholischen Lehre beigetragen, dass die römischen Kanonisten sich doch einmal ernsthaft mit der Möglichkeit eines ‚Papa haereticus‘ beschäftigen sollten.

Ich verfolge das ganze übrigens keineswegs mit Schadenfreude! Der theologische Relativismus aus Rom schadet auch uns. Wenn man dort beispielsweise in Sachen Frauenordination, Homo-Segnungen und Synkretismus einknickt, wird auch der Druck auf konservative protestantische Kirchen noch zunehmen.

Markus Jesgarz
Markus Jesgarz
1 Jahr zuvor

Dies ist ein Kommentar zu der Aussage aus dem Beitrag: Im Wortlaut: Die gemeinsame Erklärung zur Geschwisterlichkeit aller Menschen https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-02/papst-franziskus-abu-dhabi-gemeinsame-erklaerung-grossimam.html am 6.2.2019 von „vatican news“ im 1. Satz: Der Glaube lässt den Gläubigen im anderen einen Bruder sehen, den man unterstützt und liebt. Meine Meinung ist: 1. Leider unterstützt der Papst Franziskus den islamischen Antisemitismus. Im Beitrag: Gewalt https://thereligionofpeace.com/pages/quran/violence.aspx steht unter 1. Koran (9:5) am Ende: Der historische Kontext ist Mekka, nachdem die Götzendiener von Muhammad unterworfen wurden und keine Bedrohung darstellten. Sobald die Muslime die Macht hatten, vertrieben sie gewaltsam jene Ungläubigen, die nicht konvertieren wollten. (https://thereligionofpeace.com/pages/games/discover-truth/verses/9-5.aspx) [Anmerkung: Der… Weiterlesen »

Clemens Altenberg
Clemens Altenberg
1 Jahr zuvor

Antisemitisch ist die Bibel natürlich nicht, auch wenn Gott oft harte Worte für sein Volk findet. Stellen wie jene, in der Jesus zu einer Gruppe Juden sagt, sie hätten den Teufel zum Vater (Joh. 8,44) waren leider immer wieder ein gefundenes Fressen für Antisemiten. Zu den Gewaltaufrufen gegen Andersgläubige im Koran ist hier ja schon einiges geschrieben worden, ein Patent darauf hat der Islam aber nicht, da haben das AT und Augustinus Vorarbeit geleistet: „Ruft den Völkern zu: / Ruft den Heiligen Krieg aus! Bietet eure Kämpfer auf! / Alle Krieger sollen anrücken und heraufziehen. Schmiedet Schwerter aus euren Pflugscharen… Weiterlesen »

Roderich
Roderich
1 Jahr zuvor

@Clemens, es ist sehr zu bezweifeln, dass er Großimam gegen den Djihad ist – da wird auch viel behauptet, wenn man in der Minderheit ist, siehe Mark A. Gabriel: Islam und Terrorismus. Augustinus‘ Rechtfertigung des gerechten Krieges hatte übrigens nichts zu tun mit einer generellen Aufforderung zum Krieg „gegen Ungläubige“. In dem von Dir vermutlich zitierten Wikipedia-Artikel steht ja auch: Augustins Kriterien für einen gerechten Krieg des vom Christentum geprägten Römischen Reiches waren: 1.) Er muss dem Frieden dienen und diesen wiederherstellen (iustus finis). 2.) Er darf sich nur gegen begangenes, dem Feind vorwerfbares Unrecht – eine gravierende Verletzung oder… Weiterlesen »

Clemens Altenberg
Clemens Altenberg
1 Jahr zuvor

Mohammed hätte wohl in seiner kranken Logik unter alle vier Punkte ein Hakerl gemacht als er z.B. das Massaker am jüdischen Stamm der Banū Quraiza befahl. Religiöser und sonstiger Terror hält sich selbst fast immer für rational und notwendig, das zeigen oft die Manifeste die die Täter davor verfassen, siehe „The Great Replacement“ des Christchurch Attentäters. Das kann, wie man leider kürzlich bei dem Attentat auf eine Synagoge in Kalifornien gesehen hat, auch heute noch bei Christen der Fall sein: “Before he allegedly walked into a synagogue in Poway, Calif., and opened fire, John Earnest appears to have written a… Weiterlesen »

Clemens Altenberg
Clemens Altenberg
1 Jahr zuvor

@Roderich, Mohammed hätte wohl in seiner kranken Logik unter alle vier Punkte ein Hakerl gemacht als er z.B. das Massaker am jüdischen Stamm der Banū Quraiza befahl. Religiöser und sonstiger Terror hält sich selbst fast immer für rational und notwendig, das zeigen oft die Manifeste, die die Täter davor verfassen, siehe „The Great Replacement“ des Christchurch Attentäters. Das kann, wie man leider kürzlich bei dem Attentat auf eine Synagoge in Kalifornien gesehen hat, auch heute noch bei Christen der Fall sein: “Before he allegedly walked into a synagogue in Poway, Calif., and opened fire, John Earnest appears to have written… Weiterlesen »

Roderich
Roderich
1 Jahr zuvor

@Clemens, ja klar: in Islamischer Sicht gibt es „Frieden“ nur, wenn alle Welt dem Islam angehört, daher würde jeder Offensivkrieg des Islam das erste Kriterium erfüllen. (Es reicht also nicht, diese summarischen Kriterien der beliebigen Interpretation freizustellen, sondern man müsste die Kriterien spezifizieren). Ja, vor Radikalisierung müssen wir uns in Acht nehmen. Meines Erachtens reicht es dafür aber, dass der Staat das Gewaltmonopol hat. Jemand kann vollkommen richtige Ansichten vertreten (Islamisierung ist eine reale Möglichkeit und – wegen der Benachteiligung von u.a. Christen unter der Scharia – auch eine Bedrohung unseres Rechtsstaates), aber vollkommen falsche Methoden anwenden (Töten der Leute… Weiterlesen »

Clemens Altenberg
Clemens Altenberg
1 Jahr zuvor

Der Herr in dem Video hat schon recht, es ist naiv und gefährlich, jede Kritik am Islam mit dem Argument „Aber die Christen haben doch auch…“ zu kontern. Aber sich moralisch zu entrüsten, dass im Namen des Islam Eroberungen gemacht und Sklaven genommen wurden und so zu tun als hätten sich christliche Reiche stets nur verteidigt, ist vor allem deshalb scheinheilig, weil er als Amerikaner wissen müsste, dass Christen nichts Anderes machten, als sie seinen Kontinent betraten. Gestern war ich bei einem Vortrag des Philosophen Alexander Grau, ein bestimmt nicht linker Denker, und der sagte zur Überraschung des Publikums, dass… Weiterlesen »

Tim-Christian
Tim-Christian
1 Jahr zuvor

Nur als kurze Anmerkung: Es wäre schon hilfreich, die Unterscheidung zwischen Muslimen und Islamisten aufrechtzuerhalten. Die klassische Islamische Normenlehre (fiqh) kennt nämlich sehr wohl kriegsrechtliche Überlegungen und Vorgaben, die sich von denen des Augustinus nicht allzu sehr unterscheiden. So ist z.B. das Töten von Frauen und Kindern ausdrücklich verboten. Auch direkte Angriffe auf die Gotteshäuser der Buchbesitzer (ahl al-kitāb) sind eigentlich tabu. Die Islamisten halten sich freilich nicht daran.

Markus Jesgarz
Markus Jesgarz
1 Jahr zuvor

Dies ist ein Kommentar zu der Aussage im 2. Absatz am Anfang: Erster Kernpunkt der Erklärung ist die Behauptung, „dass die Religionen niemals zum Krieg aufwiegeln und keine Gefühle des Hasses, der Feindseligkeit, des Extremismus wecken und auch nicht zur Gewalt oder zum Blutvergießen auffordern“. Alle Religionen sind demgemäß unterschiedslos friedlich und tolerant. Meine Meinung ist: 1. Der Papst verharmlost den Islam. Im Beitrag: Das hartnäckige Schweigen des Papstes zur Christenverfolgung https://de.gatestoneinstitute.org/13669/papst-schweigen-christenverfolgung am 3. Februar 2019 von Giulio Meotti steht 1. im 9. Absatz ab dem 2. Satz: „Der authentische Islam und die korrekte Lesart des Korans sind gegen jede… Weiterlesen »

Markus Jesgarz
Markus Jesgarz
1 Jahr zuvor

@Clemens Altenberg Dies ist ein Kommentar zu der Aussage am Ende: Wenn ich muslimische Studenten und Studentinnen habe, sind das Menschen die mit Terror nichts am Hut haben, aber doch einen festen Glauben, und die sehr unter der Stigmatisierung leiden, die leider durch immer neue Attacken aufgefrischt wird. Meine Meinung ist: 1. Jeder Student muss bekennen, dass er die Sure 9 ablehnt. Im Beitrag: Gewalt thereligionofpeace.com/pages/quran/violence.aspx steht: Koran (9:14) – „Kämpfe gegen sie, damit Allah sie durch deine Hände bestraft und sie beschämt und dir den Sieg über sie gibt und die Brüste eines gläubigen Volkes heilt.“ Demütigen und Verletzen… Weiterlesen »

Clemens Altenberg
Clemens Altenberg
1 Jahr zuvor

@ Markus Jesgarz Da reagieren moderate Muslime nicht anders als moderne Christen: mit Kontextualisierung und Relativierung der brutalen Stellen. So wie man nicht davon ausgehen soll, dass alle die die Bibel als Wort Gottes anerkennen für das Totschlagen von Homosexuellen, Zauberinnen, unbelehrbaren Söhnen sind oder glauben, dass Gott immer noch zum heiligen Krieg aufruft, darf man nicht annehmen, dass es immer nur Lippenbekenntnisse sind, wenn Muslime sich vom Djihad im Sinne eines physischen Kampfes distanzieren. Ich glaube meinen Studenten, wenn für Sie Stellen wie „Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es, als töte er die ganze Menschheit“ ihren Glauben… Weiterlesen »

Tim-Christian
Tim-Christian
1 Jahr zuvor

Das stimmt. Schon in der klassischen islamischen Koranexegese (tafsīr) gibt es die Lehre von den Offenbarungsanlässen (asbāb an-nuzūl), der zufolge geschaut werden muss, in welchen historischen Kontext die entsprechenden Verse herab gesandt wurden. Zudem hat jeder sunnitische Muslim einer sogenannten Rechtsschule (maḏhab) zu folgen, die aus dem Koran und den Überlieferungen (ahādīth) detaillierte Verhaltensregeln sowohl für den einzelnen Gläubigen als auch für die Gemeinschaft ableitet. Das gilt auch für das Kriegsrecht. Das Problem mit den Dschihadisten und Extremisten besteht nun gerade darin, dass sie diesen klassischen Zwischenschritt ablehnen und die Quellen unmittelbar selbst auslegen. Freilich zumeist, ohne dafür theologisch und/oder… Weiterlesen »

Roderich
Roderich
1 Jahr zuvor

@Clemens,
der Unterschied ist aber, dass bei uns das AT schon vom NT ausgelegt wird, und das NT fordert diese Dinge nicht. Wir müssen also nichts kontextualisieren oder relativieren, sondern nur das NT ernstnehmen.

Hingegen müssen Muslime eine Auslegung finden, die dem expliziten Text des Koran widerspricht. Das Abrogationsprinzip ist nun mal herrschende Rechtsauslegung.

Siehe das Buch „Jesus vs. Mohammed“ von Mark A. Gabriel, da werden die Unterschiede zwischen Jesus und Mohammed sehr klar herausgestellt. Und so wie Jesus für uns Christen das ultimative Vorbild ist, so ist Mohammed für Muslime das ultimative Vorbild.

Tim-Christian
Tim-Christian
1 Jahr zuvor

@Roderich (1.) Die Einordnung der biblischen Testamente, Bücher und Aussagen in ihren heilsgeschichtlichen bzw. bundestheologischen Kontext – genau das ist doch Kontextualisierung! Eine Kontextualisierung, die vom Bibeltext her gerechtfertigt und gefordert ist – aber nichtsdestotrotz Kontextualisierung. (2.) Das Abrogationsprinzip (nasḫ) gibt es. Es dispensiert aber den islamischen Theologen nicht von der Notwendigkeit, den Kontext bzw. den konkreten Offenbarungsanlass zu beachten. Gerade der Schwertsvers in der Sura at-Tauba steht im Kontext der Eroberung Mekkas und der Konsolidierung der islamischen Macht auf der arabischen Halbinsel. Er hat also in rechtlicher Hinsicht nicht die uneingeschränkte Gültigkeit (muṭlaq), die die Extremisten jeglicher Couleur ihm… Weiterlesen »

Tim-Christian
Tim-Christian
1 Jahr zuvor

Gute Einführungen zum Thema sind z.B.:

Abdal-Hakim Murad, „Understanding the Four Madhhabs: Facts About Ijtihad and Taqlid“ (sehr kurz)

Wolfgang Johann Bauer, „Bausteine des Fiqh: Kernbereiche der ´Usul al-Fiqh- Quellen und Methodik der Ergründung islamischer Beurteilungen“