„In die Mitte der Gesellschaft“

EU-Beauftragte Katharina von Schnurbein beklagt wachsende Judenfeindlichkeit in Europa:

In Europa nimmt Experten zufolge der Antisemitismus zu. Ein deutliches Anwachsen judenfeindlicher Vorfälle sei vor allem in Frankreich und Großbritannien zu beobachten, mit einer Steigerung von bis zu 36 Prozent im vergangenen Jahr. Eine geringere Steigerung gebe es auch in Deutschland, sagte die Antisemitismusbeauftragte der EU-Kommission, Katharina von Schnurbein, am Rande eines Symposiums der »Initiative 27. Januar« am Donnerstag dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Berlin. Sowohl physische Attacken als auch die Zahl der Sachbeschädigungen nähmen zu.

Schnurbein berichtete von einer zunehmenden Angst der jüdischen Bevölkerung in Europa. Viele Juden stellten sich persönlich die Frage, ob es für sie überhaupt eine Zukunft in Europa gebe. »Dass diese Frage – gut 70 Jahre nach der Schoa – überhaupt gestellt wird, ist ein großes Versagen«, sagte die EU-Antisemitismusbeauftragte.

Mehr: www.juedische-allgemeine.de.

Kommentare

  1. gandalf meint:

    der Satz „Antisemitische Vorfälle würden zunehmend von Rechtsextremen, aber auch von Linksextremen und radikalisierten Muslimen verursacht, sagte Schnurbein“ ist eine echte Perle des Neusprech. Als einzigen Informationsgehalt kann man daraus ablesen, dass alle Tätergruppen Steigerungsraten zu verbuchen haben. Was nicht gesagt wird, ist wie die Steigerungsrate pro Gruppe aussieht, und wie groß die absoluten Anteile der einzelnen Gruppen sind. Das aber wären sehr wichtige Informationen. Die Reihenfolge im Satz legt nahe, dass Rechtsextreme die größte Anzahl an Übergriffen verursachen, aber ist das wirklich so? Auch die Verteilung nach Schweregrad wäre sicher aufschlußreich, Hetzbriefe sind eine andere Qualität als physische Angriffe oder Brandanschläge.
    Spielt Political Correctness a la EU eine Rolle?

  2. Johannes Strehle meint:

    Auf FAZ.NET gibt es ein Interview mit Sanem Kleff, die zunächst als Pädagogin und Expertin vorgestellt wird. Aus dem Interview und einer Bildunterschrift erfährt der Leser dann, dass Sanem Kleff die Leiterin des Projekts „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist. „Dem Netzwerk gehören inzwischen über 2000 Schulen in Deutschland an, die Diskriminierung im Schulalltag unterbinden möchten.“ So auch die Berliner Schule.
    Die Interviewerin Florentine Fendrich beginnt mit einer Verharmlosung: „Frau Kleff, in Berlin wurde ein jüdischer Junge wegen seiner Religionszugehörigkeit beleidigt …“ Es blieb in diesem Fall nicht bei Beleidigungen. Dann stellt sie, meine ich, richtige Fragen wie:
    „In den Medien liest man häufig, dass vor allem muslimische Schüler durch antisemitische Anfeindungen auffallen. Was ist da dran?“
    Wie beginnt Sanem Kleff ihre Antwort auf diese Frage?:
    „Auch in Deutschland existiert eine antisemitische Haltung, die aus der unsäglichen nationalsozialistischen Ideologie stammt und immer noch in Teilen verbreitet ist. Es gibt rechtsextrem orientierte Jugendliche der Mehrheitsgesellschaft, die Mitschüler mit diskriminierenden Aussagen beleidigen. Auf der anderen Seite tun dies auch Kinder mit Migrationshintergrund …“
    Später fragt Florentine Fendrich: „Könnte die Flüchtlingssituation einen Einfluss darauf haben, dass das Problem Antisemitismus an deutschen Schulen und in Deutschland allgemein zunimmt?“
    Antwort von Sanem Kleff: „Man könnte theoretisch sagen, je mehr Menschen aus den Kriegsgebieten hierherkommen, desto mehr Menschen sind in Deutschland von den politischen Konfliktsituationen im Nahen Osten betroffen. Aus dem Israel-Palästina-Konflikt kann sich sicherlich Antisemitismus entwickeln. Aber man darf auf keinen Fall die Aussage machen, dass alle Menschen, die aus dem Nahem Osten zu uns kommen, für Antisemitismus stehen. Das wäre wirklich diskriminierend und falsch.“
    Wir leisten uns in Deutschland einen Massenimport an Judenfeindlichkeit, die religiöse und politische Ursachen hat.
    Eine Leiterin des Projekts „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, die nicht die Courage hat, das deutlich anzusprechen und Konsequenzen daraus zu ziehen, ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung. Die Problemschüler und ihr Umfeld finden Pädagogen und Experten wie Sanem Kleff lächerlich.
    Wenn ich diesen Fall von Rassismus in Form von Judenfeindlichkeit richtig verfolgt habe, wurde er in der deutschen Öffentlichkeit nach einem Bericht in „The Jewish Chronicle“ (London) thematisiert.

  3. @Johannes Strehle

    Faz.net hat das Thema in unglaublicher Art und Weise gepusht. Man erlebt es selten, dass ein Artikel so lange und so zentral auf der Hauptseite verbleibt, wie das Thema des jüdischen Schuljungen. Ich erinnere ähnliches zuletzt bei der Causa Vorwahltelefonliste Kempinski.

    Zu dem gerade historischen Schwenk in der amerikanischen Außenpolitik bzgl. Assads kam dagegen wenig. Das ist insoweit verwunderlich als das Thema die ganze – auch deutsche (!) – Syrien-Unternehmung infrage stellt mit seinen Millionen Heimatvertriebenen und Hunderttausenden Toten. Vielleicht berühren die Opferzahlen auch so große Dimensionen, dass man es sich schon gar nicht mehr als real vorstellen kann und die Schuljungengeschichte nachvollziehbarer erscheint? Die Opfer des Syrien-Krieges sind real – und sie sind aktuell und nicht die von vor 80 Jahren.

    Haben Hype um die Schuljungengeschichte und Syrien-Opfer miteinander zu tun? Nun, man kann z.B. fragen, ob der Syrien-Krieg ohne die 1967 erfolgte israelische Annexion der syrischen Golan-Höhen wirklich zu verstehen ist.

    Wohlgemerkt: Ich will die Schuljungengeschichte nicht herunterspielen, sondern fragen, ob wir uns noch irgendeiner Verhältnismäßigkeit in der Berichterstattung bewusst sind, wenn wir die aktuellen unglaublichen hohen Opferzahlen des Syrien-Krieges nicht thematisieren?

  4. Johannes Strehle meint:

    Ich finde, die FAZ einschließlich FAZ.NET hat das Thema angemessen behandelt. Diese Einschätzung hat natürlich eine starke subjektive Komponente. Isoliert betrachtet wäre das Thema des Schuljungen selbst für die Lokalmedien kaum der Rede wert gewesen. Aber als Symptom für eine fatale Renaissance des Antisemitismus, die von allen Seiten bestätigt wird, verdient das Thema große Aufmerksamkeit.
    Andere Themen selbstverständlich auch. Ein Dauerproblem ist die Eigenschaft des Menschen, gegenüber andauernden Schrecklichkeiten (und davon gibt es viele), die ihn nicht direkt betreffen, abzustumpfen. Ein gewisses (oft auch unverhältnismäßiges) Interesse und Mit-leid wird dann nur noch durch Besonderheiten geweckt. Es wäre gut, wenn die Politiker und Medien (wenigstens die zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen) ausgleichend wirkten. Aber für Politiker sind Menschen in erster Linie Wähler und für Medien in erster Linie Leser bzw. Hörer und Fernseher.
    Über die Ursachen des Syrienkrieges und sein Hinziehen habe ich auch meine Meinung. Ich denke dabei weniger an die Golan-Höhen.
    Zum Antisemitismus ist anlässlich des Hypes um das Reformationsjubiläum ziemlich viel von „Luther und den Juden“ die Rede gewesen und nach meiner Wahrnehmung sehr wenig bis gar nicht von der katholischen Kirche. Luther war – auch in dieser Hinsicht – erst einmal ein guter Katholik. Die (in erster Linie katholische) Kirchengeschichte der Diskriminierung und Verfolgung der Juden und ihre Auswirkungen auf die politische Geschichte dürften die einschlägige Geschichte des Islams in den Schatten stellen (bzw. umgekehrt, wenn man das Bild wörtlich nimmt). Ein eindrückliches gutes bzw. schlechtes Beispiel ist die antisemitische Tradition im „gut katholischen“ Polen. Polen waren an der deutschen Judenverfolgung aktiv beteiligt. In Polen gab es noch nach dem Ende der deutschen Besatzung, nach Auschwitz, Juden-Pogrome! Das Thema wurde Jahrzehnte tabuisiert. Und die ersten, die daran rührten, bekamen massive Schwierigkeiten.
    Heute ist die Judenfeindlichkeit einflussreicher islamischer Theologen und der Muslime, die auf sie hören, islamischer Staaten und Staatsbürger das Hauptproblem. Es könnte sich aber in Europa mit dem finsteren Erbe der Kirchengeschichte in der Bevölkerung (auf das ich selbst immer wieder gestoßen bin) und mit linken Aversionen verbinden. Ich habe erst kürzlich Äußerungen von Marx (der selbst Jude war) über die Juden gelesen. Er konnte mit Luther gut konkurrieren.
    Zur „Verhältnismäßigkeit in der Berichterstattung“ habe ich kürzlich eine Rezension in der FAZ über ein danach sehr wichtiges Buch zur Geschichte der Aufmerksamkeitsökonomie gelesen:
    Tim Wu: „The Attention Merchants“. The Epic Scramble to Get Inside Our Heads. „Sein Buch ist eine Geschichte dieses medialen Geschäftsmodells von seiner Erfindung … (in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts) bis hin zu den Strategien und Gegenstrategien unserer Tage … Dabei hat der Dozent der Columbia University nicht nur ein starkes Motiv, mit dem er über hundertachtzig Jahre Mediengeschichte schlüssig zu erzählen vermag, sondern auch eine mitreißende Art, … ein Bild entstehen zu lassen, das nicht selten ebenso aufschlussreich wie unterhaltsam ist. Und oft genug den Zyklus eines Mediums beschreibt von seinen idealistischen Anfängen zur Abkehr von einstigen Vorsätzen, damit der Umsatz stimmt. Die Entwicklung von Radio und Fernsehen lässt sich genauso gut auf diesen Nenner bringen wie die von Google oder Facebook.“

  5. @Johannes Strehle

    Die Millionen Opfer des Syrien-Krieges sind aktuelle Opfer. Aus welchem Geiste heraus geschahen diese? Warum trägt die Bundesregierung, die sich durch Erdogan selbst Nazi-Vorwürfen ausgesetzt sah, eine (Mit-)Verantwortung für die syrischen Opfer, obwohl sie doch immer wieder beteuert, mit der deutschen Nazi-Geschichte gebrochen zu haben? Ist es die einzig zu ziehende Lehre aus einem antisemitischen sog. Dritten Reich, dass es fortan einen positiven, unreflektierten Rassismus zugunsten Juden und dem jüdischen Staat geben muss? Nein!

    Es freut mich sehr, dass mit Donald Trump die sog. Ein-Staat-Lösung wieder auf den Tisch gekommen ist. Wenn diese dazu führt, dass Israelis und Palästinenser ohne Apartheid und ohne weitere Landnahmen friedlich zusammen leben können, dann begrüße ich das sehr.

  6. Johannes Strehle meint:

    @ Peter
    „Aus welchem Geiste heraus geschahen diese?“ (die Opfer des Syrien-Krieges)
    Was meinst Du, aus welchem Geist heraus diese Opfer geschahen?

  7. @Johannes Strehle

    „Was meinst Du, aus welchem Geist heraus diese Opfer geschahen?“

    Wir kämpfen in Deutschland sehr erfolgreich gegen rechts, gegen die Neue Rechte, gegen (Neo-)Nazis, gegen Rechtspopulisten, gegen NPD, gegen NSU, gegen AfD, gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam (ne, die wird nun doch gebaut) … damit die alten Geister nicht wieder auferstehen.

    Ich frage, welche deutschen Geister sind für die aktuellen Opfer des Syrien-Krieges verantwortlich? Für die Amerikaner geht es nicht mehr um Assad, so dass jetzt die ganze Syrien-Unternehmung des Westens mehr als fraglich erscheint. Die Sinnhaftigkeit der letzten Jahre mit all‘ den Toten und Heimatlosen (Flüchtlingskrise), die unglaublichen Kosten, der ganze Überwachungsstaat …, das kam mit der Frage Trumps, warum der IS noch nicht längst besiegt ist, in den Fokus. Assad ist für keinen einzigen Terroranschlag verantwortlich, dennoch hat der alte Westen lieber ihn bekämpft als den IS in seinem militärischen und ideologischen Zentrum. Warum? Von welchem Geist war und ist man da getrieben? Und es geht ja nicht nur um die Nichtbesiegung des IS, es geht auch um Sanktionen und Streichung der UNHCR-Mittel, die Syrer erst zur Flucht trieben und damit durch Migration Regime-Change-Druck auf die Regierung Assad ausgeübt wurde. Nebenbei: Das ist auch die schmerzliche Erfahrung, dass Kirche durch falsche Rede vom barmherzigen Samaritertum den Migrationsdruck auf Syrien unterstützt hat (der Samariter hat nicht vorher das Opfer überfallen, um hernach seine große Barmherzigkeit zeigen zu können) vgl. http://www.bastasanzioniallasiria.org/deutsch/

    Liebe Grüße!

  8. Johannes Strehle meint:

    @ Peter
    Habe ich Dich richtig verstanden?
    Du siehst auch (wie Ich) als Hauptursache für die grauenhafte Ausweitung und Dauer des Krieges, wenn nicht sogar für seine Entstehung, die Devise „Assad muss weg“, „Keine Lösung mit Assad“?
    Wer betreibt die Seite, auf die Du verwiesen hast?
    Ich habe die Petition unterschrieben.
    Freundlichen Gruß

  9. @Johannes Strehle

    Wer die Seite betreibt, das weiß ich nicht. Ist das so wichtig? Auf alle Fälle ist der Inhalt völlig stimmig. Warum sollte uns Assad wichtiger sein, als dass nach jahrelanger Untätigkeit des Westens endlich gegen den IS vorgegangen wird? Warum nicht mit Assad gemeinsam? Ich verstehe nicht, was an der Beseitigung Assads für uns so wichtig sein sollte. Der ist nicht für Berlin oder jüngst Stockholm und Ägypten verantwortlich. Oder müssen Berliner und Stockholmer Bürger und ägyptische Christen es endlich verstehen, dass die Beseitigung Assads wichtiger ist? Wegen der Chemiewaffen?

    Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) hat für ihre Arbeit den Nobelpreis bekommen und war auch für die Vernichtung der syrischen Chemiewaffen zuständig. Syrien ist der Chemiewaffenkonvention (CWK) beigetreten. Nur vier Staaten auf der ganzen Welt haben die CWK noch nicht unterzeichnet bzw. noch nicht ratifiziert: Ägypten, Israel, Nordkorea und der Südsudan. Wird es gegen diese vier Länder jetzt auch Raketeneinsätze geben? Trump hat gerade einen Flugzeugträger nach Nordkorea geschickt.

    Und was ist mit dem Kampf gegen den IS, der uns Bürger durch Terror bedroht? Kann man den nur mit Videokameras in Deutschland bekämpfen?

    Liebe Grüße!

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