Kleider machen Leute

Bei Birgit Kelle ist im neuesten Newsletter zu lesen, dass gut erzogene und anständig gekleidete Kinder heute im Verdacht stehen, eine braune Gesinnung zu haben. Sie hat eine Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung studiert und dabei herausgefunden:

Denunzieren ist ab sofort leicht gemacht! Am besten man legt die Nummer vom örtlichen Jugendamt gleich schon mal raus. Ob die Kleinen verdächtige Nazi-Kinder sind, lässt sich nämlich ganz leicht feststellen: Diese Kinder sind nämlich in der Regel laut Broschüre gut erzogen, anständig gekleidet und halten Sie sich fest: Ganz oft sind das blonde Mädchen mit Zöpfen! Ich hab vor lauter Schreck heute morgen sofort meiner blauäugigen, blonden Tochter die gekämmten Haare nochmal verwuschelt und die Zöpfe wieder aufgemacht, nicht dass wir unter Verdacht geraten. In perfider Weise werden zudem Rechtsextremismus mit der Ablehnung von „Sexualpädagogik der Vielfalt“ in einem braunen Topf in der Spielecke zusammengerührt, damit am Ende argumentativ behauptet werden kann, Eltern, die Diversity Programme und Sexualkundeprojekte für Kinder zwischen 3 und 6 Jahren ablehnen, seien eben rechtsextrem, rassistisch und nicht etwa vernünftig.

Da haben wir sie wieder, die besorgten Eltern, die nicht etwa ihr Erziehungsrecht wahrnehmen wollen, sondern sich, man lese und staune, scheinheilig auch noch gerne freiwillig in die Elternarbeit einbringen. Also ganz verdächtig sind nicht nur anständig erzogene Kinder mit blonden Zöpfen, sondern auch noch Eltern mit Engagement und auch jene, die die Unterweisung in Geschlechtergerechtigkeit für das falsche Thema im Kindergarten halten.

Ich habe mir die von der Bundesministerin für Familie herzlichst empfohlene Broschüre angeschaut und bin wirklich erschrocken. Zu lesen ist da etwa:

Das Erlernen einer demokratischen Haltung, z.B. vermittelt durch Methoden der Vielfaltspädagogik, ist zentral, um Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder sexuellen Orientierung zu verhindern und um inter- und transgeschlechtliche Kinder zu empowern. Zudem ist für viele Kinder das Aufwachsen in Regenbogenfamilien gelebte Realität und sollte damit auch gelebte Normalität in der Kita sein. Rechtspopulistische, neurechte oder religiös-fundamentalistische Gruppierungen hetzen gegen die Vermittlung von Vielfalt mit diffamierenden Wörtern wie »Genderismus«, »Genderwahn« oder eben »Frühsexualisierung«. Gemeint ist eine angebliche »Umerziehung unserer Kinder«, die dann nicht mehr »richtige« Mädchen oder Jungen sein dürften. Verbunden sind damit antifeministische, aber auch homo-, inter- und trans*feindliche Positionen. Und die sind hochgradig anschlussfähig an die gesellschaftliche Mitte: Gender-Themen sind eine wichtige Klammer im rechtspopulistischen Spektrum und eignen sich für emotionale Debatten – gerade mit Bezug auf Kinder. Diese Themen sind aktuell sehr relevant. Für die Praxis bedeutet das, eine geschlechterreflektierende Perspektive zu stärken, sich eine gemeinsame Haltung zu erarbeiten und auf entsprechende Vorwürfe, die nicht selten durch Elterninitiativen vorgebracht werden, fachlich professionell zu reagieren.

Das muss man sich mal vorstellen. Da wird jemandem, der die „Vielfaltspädagogik“ kritisiert, einfach eine undemokratische Haltung zugeschrieben. Das ist schon historisch völliger Unsinn, da es demokratische Haltungen schon gab, als noch niemand an den „Genderismus“ dachte. War Dietrich Bonhoeffer mit seiner Wertschätzung der traditionellen Familie und Abtreibungskritik ein Antidemokrat? Wird nicht vielmehr umgekehrt ein Schuh draus? Die Vielfaltspädagogen wollen sich gegen Kritik immunisieren, indem sie ihre Rezensenten in die braune Ecke stellen! Gehen der „Sexualpädagogik der Vielfalt“ die sachlichen Argumente aus?

Verräterisch übrigens auch der Rekurs auf die sogenannten Kinderrechte:

Ein sinnvolles pädagogisches Angebot für Kinder generell, insbesondere aber für Kinder, die in autoritären, disziplinierenden Kontexten aufwachsen, können Angebote der Primärprävention sein – z.B. Ansätze der Vielfalt- und Demokratiepädagogik sowie Projekte zu Kinderrechten. Grundsätzlich hilfreich ist es, das pädagogische Konzept der Einrichtung zu überdenken und ggf. dahingehend zu ergänzen. So ist es wichtig, auf eine Vielfalt der Zugehörigkeiten zu achten – sowohl aufseiten der pädagogischen Fachkräfte als auch aufseiten der Kinder (siehe Interview mit Petra Wagner oder den Beitrag von Melike Çınar). Stereotype jeglicher Art können unterlaufen werden, wenn zum Beispiel Toberäume nicht nur für Jungen und Kuschelecken nicht nur für Mädchen gedacht werden, das Speiseangebot in der Einrichtung unterschiedlichen religiösen und kulturellen Ansprüchen gerecht wird und unterschiedliche ethnische Herkünfte sich auch im pädagogischen Material spiegeln.

Kommentare

  1. Dass Anti-autoritäre Erziehung – oder das neue Schlagwort hier: Demokratiepädagogik – demokratieförderlich ist, muss m. E. erst noch bewiesen werden. Sicher scheint es, dass fast alle Gruppenstrukturen in der Gesellschaft optimal als flache Hierarchie gewünscht werden und dass Abstimmungen als Mittel der Entscheidungsfindung i. A. als gerecht wahrgenommen werden. Dieser Wandel ist auch in den christlichen Gemeinden zu finden, was nicht unbedingt unkritisch gesehen werden sollte (s. „Streng demokratisch zur Hölle“, von C. S. Lewis). Vielleicht darf man das dem Einfluss dieser Pädagogik indirekt zugestehen. Aber da wo es wirklich zählt, nämlich in der demokratischen Legitimation der Führung dieses Landes, tun sich doch Abgründe auf. Wie steht es um die Wahlbeteiligung? Wie steht es um die Bildung einer politischen Gesinnung des Einzelnen? Es ist verfehlt, nur darin indoktriniert zu werden autokratische Strukturen abzulehnen (obwohl diese in der Arbeitswelt hpts. vorliegen, was für viele beim Eintritt in jener ein Schock sein mag). Erziehung muss Mündigkeit erzeugen.

    Ein Demokrat hat eine eigene politische Vision für die Zukunft des Landes entwickelt (z.B. keine Kriege, Förderung der Familienbildung, Verhinderung von Diskriminierung von Homosexuellen,…) und prüft dann die Parteiprogramme und wählt die entsprechende Partei. Dann verfolgt er die politische Arbeit im Bundestag, ob die Versprechungen seiner Partei eingehalten wurden oder nicht. Wenn dies nicht der Fall ist, prüft er die Ursache. Im schlimmsten Fall wählt er beim nächsten Mal eine andere Partei.

    Das mag für viele alles selbstverständlich klingen. Leider ist die Wirklichkeit anders. Besonders junge Leute, die noch in der Ausbildung stecken, mag das Schule, Lehre oder Studium sein, haben oftmals keine politische Vision und plappern nur das nach, was sie in den wichtigsten Medien aufgeschnappt haben (Zeitungen, Fernsehen, Schule). Auf diese Weise wählen nicht sie ihre Partei, sondern diese Medien bestimmen, was gewählt wird. Und jetzt kommt es: kann anti-autoritäre Erziehung wirklich dazu beitragen dem Kind zu helfen eine eigene politische Gesinnung zu entwickeln? Oder ist es nicht eher so, dass Kinder durch fehlende Autorität in der Familie und Orientierungshilfe hilflos den äußeren Einflüssen der Umwelt ausgesetzt sind, die nicht immer dem Wohl des Kindes dienen, sondern ganz eigene Ziele verfolgen (z.B. die manipulierende Werbung der Spieleindustrie).

    Es fehlt bei Vielen unter uns eine klare Vorstellung wie die Zukunft dieses Landes gestaltet werden sollte. Daher ist es auch so einfach möglich den Begriff „demokratisch“ so faschistisch auszuhöhlen.

  2. gandalf meint:

    Vielleicht sollte man der Amadeu Antonio Stiftung zu der neuen Broschüre gratulieren mit den Worten: „Herzlichen Glückwunsch, mit dieser Schrift haben sie gerade tausende neue AfD-Wähler erzeugt“.

  3. Man muß nur mit Menschen in Erziehungsberufen reden um zu wissen, was da gerade alles läuft.
    In den evangelikalen Gemeinden sehe ich aber nur sehr wenig Ansätze, im Bereich Erziehung ein Gegenmodell zu dem gesellschaftliche Modell zu leben. Dazu gehört:
    – Schulung von jungen Eltern über biblisches und gesellschaftliches Erziehungsmodell im Gegensatz
    – biblisches Modell in der Gemeinde bei Kindern und Jugendliche lehren und praktizieren im Kindergottesdienst usw. (wo wird z.B. eine Lehreinheit zum Thema „ehre Vater und Mutter“ gemacht oder Geschlecht und Geschlechterrollen?)
    – Schulung von Medienkompetenz für junge Eltern und Kinder. Gerade da sind viele doch sehr blauäugig unterwegs

    Früher (vor 30 Jahren) hat man gesagt, dass unsere Kinder zu schützen sind, weil sie besonders stark „angegriffen“ werden. Das sagt man heute so gut wie nicht mehr, weil es nicht mehr notwendig wäre oder weil man nicht der Meinung ist? Also, zumindest in unseren Gemeinden könnten wir es anders machen!!

  4. Ich versuche, jeden Abend mit meinen Kindern Glaubenslieder zu singen (aus „Seht unsern Gott“ – Kinder können sie auch singen), einen Kapitel Bibel zu lesen, Gedanken dazu, beten. Es ist nicht kompliziert oder schwer. Man braucht keine extra Schulung dafür. Ich verlasse mich auf das Wort gesungen, gelesen, besprochen. Themen aus dem Schulleben und sonst kommen da vor, und sonst, und wir besprechen sie. Wieso haben wir Zeit dazu? Keinen Fernseher hilft, auch, dass ich nicht Vollzeit arbeite (Lehrer auf dem Land – geht schon). Es ist auch nur eine halbe Stunde, und das in bester Gesellschaft: P, M, A – und Jesus; die Frau und der Kleine, wenn er mitmacht, noch dazu. Wir brauchen nicht mehr Wissen, mehr Kurse, mehr Zeit weg von der Familie, um über Familie zu lernen. Kinder lieben es, wenn wir Zeit in sie investieren wollen. Das Wort wirkt.

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