Rassismus überall

Der Feuilleton diskutiert in diesen Tagen darüber, ob das Gedicht einer farbigen Autorin von einer weißen Frau übersetzt werden darf. Es geht um Amanda Gormans Gedicht „The Hill We Climb“, das für die Amtseinführung von Joe Biden am 20. Januar 2021 verfasst und dort auch als Inaugural Poet von ihr rezitiert wurde. Dieses Gedicht sollte von Marieke Lucas Rijneveld ins Holländische übertragen werden. Die Aktivistin Janice Deul beschwerte sich in einem Essay darüber lautstark:

Dass eine Weiße das Gedicht einer Schwarzen übertrage, sei „unbegreiflich“.

Da half es Marieke Lucas Rijneveld auch nicht mehr, dass sie für sich ein diverses Selbst-Konzept entworfen hat. Schlussendlich zog sie sich nach einem Shitstorm reumütig zurück.

Das läuft, wenn es so weitergeht, auf den Tod von Dialog und Kultur hinaus.

Meiner Meinung nach ist das lupenreiner Rassismus. Wir diskutieren ernsthaft darüber, ob eine weiße Übersetzerin das Werk einer farbigen Autorin übertragen darf.

Wie wäre es, wenn die Verlage alle Bücher vom Markt nehmen, die nicht von Gleichfarbigen übersetzt wurden? Noch besser: Wie wäre es, wenn Farbige nur noch farbige Literatur lesen und Weiße nur noch weiße Literatur? Oder denken wir noch ein Stück weiter: Wie wäre es, wenn Männer nur noch mit gleichfarbigen und gleichaltrigen Männern sprechen? Ehepartner sollten aufhören, miteinander zu reden, denn immer wird der eine in der Sprache des anderen etwas Fremdes finden. Da wir uns nie vollständig in die Welt eines anderen hineinversetzen können, sollten wir lernen, die Einsamkeit zu lieben.

Angesichts dieser Absurditäten sei hier auf Worte von Wolfgang Thierse verwiesen, der eindringlich vor einer Überhöhung der Identitätskultur gewarnt hat:

Das Gefährliche und Illusionäre rechter Identitätspolitik besteht darin, dass sie kulturelle nationale Identität als ethnische und kulturelle Homogenität missversteht und als solche durchsetzen will, also nicht Unterscheidung, sondern Ab- und Ausgrenzung betreibt bis zu Intoleranz, Hass und Gewalt gegenüber den „Anderen“, den „Fremden“.

Linke Identitätspolitik ist in der Gefahr, die notwendigen Durchsetzungs- und Verständigungsprozesse zu verkürzen und zu verengen. Aber es wird nicht ohne die Mühsal von Diskussionen gehen. Diese zu verweigern, das ist genau das, was als Cancel Culture sich zu verbreiten beginnt. Menschen, die andere, abweichende Ansichten haben und die eine andere als die verordnete Sprache benutzen, aus dem offenen Diskurs in den Medien oder aus der Universität auszuschließen, das kann ich weder für links noch für demokratische politische Kultur halten. Für die gilt seit der Aufklärung: Es sind Vernunftgründe, die entscheiden sollen, und nicht Herkunft und soziale Stellung. Die eigene Betroffenheit, das subjektive Erleben sollen und dürfen nicht das begründende Argument ersetzen. Biographische Prägungen, und seien sie noch so bitter, dürfen nicht als Vorwand dafür dienen, unsympathische, gegenteilige Ansichten zu diskreditieren und aus dem Diskurs auszuschließen. Opfer sind unbedingt zu hören, aber sie haben nicht per se recht und sollten auch nicht selbst Recht sprechen und den Diskurs entscheiden.

Also: Verabschieden wir uns vom Postmodernismus und reden lieber miteinander. Ich sage es euch: Gespräche können gelingen!

Hier mehr zur Debatte um Amanda Gormans Gedicht: www.swr.de.

Ähnliche Beiträge:

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

Die Daten werden gemäß der Datenschutzhinweise gespeichert.

zu Datenschutz

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

1 Kommentar
Inline Feedbacks
View all comments
Simon Görler

In der Tat, diese Entwicklung kann einem wirklich Sorgen machen. Längst hat sich „Identitätspolitik“ von einem rein akademischen zu einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung verselbständigt.

Gut zu beobachten z.B. gestern in Bremen, zum int. Frauentag. Der massive Farbanschlag auf ein historisches Kirchengebäude richtet sich nicht etwa gegen einen umstrittenen Pastor sondern laut Bekennerschreiben gegen „die Evangelikalen“, den scheinbar neuen Klassenfeind. Zitat: „Solange die Evangelikalen unser schönes Leben bedrohen, werden wir sie weiter offensiv angehen“.

Am selben Tag, ein paar Straßen weiter: eine feministische Demo wird aufgelöst. Eine der Teilnehmerinnen der sog. „FLINTA“ („Frauen, Lesben, Inter-, non-binäre, Trans- und a-Gender-Personen“) trägt eine Graffiti-Schablone mit einem wenig subtilen Aufruf bei sich: „Männer ermorden!“.

Und das Besondere dabei: dank Identitätspolitik dürfen sich diese Halt-losen Menschen moralisch immer im Recht fühlen. Ziemlich egal, wie weit sie noch gehen werden. Deutschland 2021, wenn gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar aus dem Ruder laufen…

Dein Reich des Friedens komme, HERR!

Last edited 4 Monate zuvor by Simon Görler