Martin Luther

Hin zur Schrift?

Bernhard Rothen schreibt in Die Klarheit der Schrift (Bd. 2, 1990, S. 96) zu Karl Barths Hinterlassenschaft:

Eine der m. E. schwerwiegendsten Fragen, die man an das Werk Barths richten muß, ist die, ob das rein äußerlich gesehen noch evangelisch ist: eine menschliche Lehre, die von den Mitarbeitern des spezifisch theologischen Dienstes am Wort so viel Zeit für ihr besonderes Denken fordert? Es hätte der Betonung der Begrenztheit des Lebens entsprochen, auch die eigene Lehre auf einem begrenzten Raum und möglichst leicht zugänglich zu entfalten. So breit und fordernd wie er sie nun vorträgt, hat Barth seine Lehre in den praktischen Konsequenzen mystifiziert, gegen Angriffe immunisiert und gleichzeitig längerfristig auch verflachenden Deutungen preisgegeben.

Im Vergleich dazu Luther: Er weist überdeutlich von seinen Büchern weg zum Studium der Schrift allein, und er verlangt zur Kritik seiner Lehre nicht ein Verständnis seiner Gedankengänge, sondern eine bessere biblische Textkenntnis, als er sie hat. Am besten, sagt er, würde man seine Bücher alle vergraben wegen des schlechten Beispiels, das ihre Vielzahl gibt. „Denn ich wohl sehe, was für Nutzen es in der Kirche geschafft hat, wenn man hat außer und neben der heiligen Schrift angefangen viele Bücher und große Bibliotheken zu sammeln“, sagt er mit polemischer Ironie in der Vorrede zu seinen deutschen Schriften. „Summa, wer im Text der Bibel wohl gefaßt ist, der ist ein Doktor.“ Damit ist bei Luther überdeutlich herausgestellt, daß der Gegenstand, auf den sich in der alltäglichen theologischen Arbeit das entscheidende Bemühen richten muß, der für alle gleichermaßen gegebene, die Gemeinschaft der Kirche stiftende und erhaltende Bibeltext ist.

Heil liegt außerhalb eigener Kräfte

Martin Luther schreibt (WA 18, 633):

Der Mensch kann aber erst dann vollständig gedemütigt werden, wenn er weiß, dass sein Heil gänzlich außerhalb seiner eigenen Kräfte, Absichten, Bemühungen und seines eigenen Willens, seiner Werke liegt und ganz und gar von der Entscheidung, der Absicht, vom Willen und Werk eines anderen abhängt, nämlich Gottes allein. Solange er sich nun einredet, dass er auch nur ein klein wenig zu seinem Heil beitragen kann, bleibt er im Vertrauen auf sich selbst und verzweifelt nicht vollständig an sich, demütigt er sich nicht vor Gott. Statt dessen nimmt er sich Ort, Zeit oder irgendein Werk vor oder hofft es oder wünscht es mindestens, mit dem er schließlich zum Heil gelange. Wer aber in keiner Weise daran zweifelt, er hänge ganz vom Willen Gottes ab, der verzweifelt gänzlich an sich selbst, der wählt nichts, sondern erwartet den wirkenden Gott. Der ist der Gnade am nächsten, dass er heil wird.

Wo die Kirche Evangelium lehrt, gibt es Verfolgung

Martin Luther schreibt in seiner Vorlesung zu Gal 5,12:

Alles in allem: die Kirche muß Verfolgung leiden, wenn sie das Evangelium rein lehrt. Das Evangelium predigt die Barmherzigkeit und Ehre Gottes und öffnet den Blick für die Bosheit und die List des Teufels, ja, es malt ihn mit seinen Farben und reißt ihm die Larve der göttlichen Majestät herunter, durch die er der ganzen Welt Eindruck macht, d. h. das Evangelium zeigt, daß alle Kultübungen, Religionsübungen, Ordensstände, die von Menschen erdacht sind, ferner alle Traditionen von dem Zölibat, von Speisen etc., dadurch die Menschen Vergebung der Sünden und die Rechtfertigung erwerben wollen, gottlose und dämonische Lehren sind. Durch keine Sache wird der Teufel mehr gereizt, als durch die Predigt des Evangeliums, die nimmt ihm die Larve Gottes weg und verrät, was er in Wahrheit ist, nämlich der Teufel und nicht Gott. Darum ist es unmöglich, daß dort, wo das Evangelium blüht, keine Verfolgung statthabe oder aber der Teufel ist mit Sicherheit noch gar nicht richtig getroffen, sondern höchstens leicht berührt. Wenn er wirklich getroffen wird, ruht er nicht, sondern fängt furchtbar an zu toben und alles zu verwirren.

Luther und die Mystik

Vittorio Subilia schreibt über Luthers Sicht der Mystik (Die Rechtfertigung aus Glauben, 1981, S. 133):

Auch wenn zuzugeben ist, daß sich Luther in gewissem Maße der Sprache der Mystik bedient hat, um sein neues Verständnis der Gottesgerechtigkeit zu erläutern, wofür eine literarische Abhängigkeit nicht immer sicher und ohne Vorbehalte nachweisbar ist, muß man trotz seines Lobes für Tauler sagen, daß er Ausdrücke mit mystischem Klang in einem von jeder mystischen Voraussetzung entschieden abweichenden Sinn benutzt. Nicht umsonst erklärt er ganz deutlich, daß die mystische Theologie eher in platonische als in christliche Richtung führt und folglich nicht lehrt, Christus zu erkennen, sondern daß sie Gefahr läuft, ihn zu verlieren, selbst wenn man ihn kennt: Sie ist eine Theologie der Herrlichkeit, die nichts vom gekreuzigten Christus weiß.

Siehe dazu auch den Beitrag Martin Luther und die deutsche Mystik (der dazugehörige DLF-Beitrag ist leider nicht mehr online).

Schwang Luther 1517 den Hammer?

Martin Luthers Thesenanschlag von Wittenberg ist sicher der berühmteste, aber längst nicht der einzige: Der Historiker Daniel Jütte hat in der FAZ eine kurze Geschichte des Anschlagens von Zetteln an Kirchen veröffentlicht. Freilich bleiben wichtige Fragen nach wie vor offen.

Staat und Kirche haben eine „Lutherdekade“ ausgerufen, die im Jubiläumsjahr 2017 kulminieren soll. Denn am 31. Oktober 2017 wird sich zum 500. Mal der Thesenanschlag Martin Luthers jähren. Aber hat der Anschlag der 95 Thesen am Hauptportal der Wittenberger Schlosskirche tatsächlich stattgefunden? Die Frage ist bis heute nicht definitiv beantwortet und steht im Mittelpunkt eines seit Jahrzehnten erbittert geführten Streits unter Reformationshistorikern. Nach neueren Schätzungen gibt es nahezu dreihundert Publikationen zu dieser Kontroverse. Es scheint inzwischen fast alles dazu gesagt. Scheint.

Zunächst die Fakten. Luther selbst hat einen Thesenanschlag nie erwähnt. Die Befürworter der Faktizität des Thesenanschlags berufen sich daher vor allem auf ein Zeugnis von Luthers Mitstreiter Philipp Melanchthon sowie auf eine 2006 unter großem Medieninteresse wiederentdeckte Notiz von Luthers Sekretär Georg Rörer. In beiden Dokumenten ist von einem Thesenanschlag die Rede. Historiker, die diesen Quellen glauben, argumentieren, dass beide Berichte den Hergang unterschiedlich erzählen und zudem unabhängig voneinander entstanden sind; Rörers Bericht sogar noch zu Lebzeiten Luthers.

Mehr: www.faz.net.

Luther kann nichts für die Nazi-Verbrechen

Alan Posener hat kürzlich in einer Polemik Martin Luther eine Mitverantwortung für die Ausbreitung von Judenhass und Hexenwahn zugeschrieben, ja sogar in Luther denjenigen gefunden, der das antisemitische Aktionsprogramm der Nazis entwickelt hat. Annette Weidas hat die trüben Argumente Poseners unter die Lupe genommen:

In der „Welt“ vom 31. März schrieb Alan Posener wider Luther. Das zu tun steht jedem frei. Nur fragt sich, warum er es in so tendenziös verzeichnender Weise tut, bar jedes historischen Verständnisses für die Denk- und Handlungszusammenhänge eines Menschen, der 500 Jahre vor uns gelebt hat. Mit Aufklärung kann das nichts zu tun haben, denn die wurde geboren aus der Einsicht in die Notwendigkeit historisch-kritischer Betrachtung von (biblischen) Texten.

Zudem reißt Posener einzelne Äußerungen Luthers selbst aus ihrem damaligen Gesamtzusammenhang, was selbst ohne historischen Abstand zu grobem Missverständnis führen müsste. Er folgt hier einem für seine einseitige Interpretation vielfach kritisierten Amerikaner namens Richard Marius (1933–1999), einem ehemaligen Baptisten, der als junger Mann seinen Glauben verlor. Vollständig ignoriert hingegen wird von Posener die Fülle der seriösen Literatur über Luther.

Hier die Antwort von Annette Weidas: www.welt.de.

A. Kuyper: Martin Luther

Abraham Kuyper über Martin Luther:

Luther ist wahrlich nicht nur der Glaubensheld der lutherischen Kirchen, sondern ebenso für uns Reformierte der Mann unserer Sympathie, der Vertraute auch unseres Herzens, dessen Wort und Werk alle Kirchen der Reformation nicht nur vieles zu danken haben, sondern, was mehr sagt, das beseelende Element ihrer Erneuerung. Wir Reformierten können uns Calvin nicht denken ohne die breiten Schultern Luthers, auf denen sich eine schlanke Gestalt erhebt. 

Luther-Archäologie

Der DLF hat kürzlich einen Bericht über neuere Funde rund um Luther gesendet. Interessant, da zum Beispiel deutlich wird, dass „Luders“ Elternhaus gar nicht so arm war, wie bisher gedacht wurde. Auch zum „Turmerlebnis“ gibt es neue Vermutungen.

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner