Wenn gute Werke dem Glauben im Weg stehen

In seiner Römerbriefvorlesung von 1515/16 sagte Martin Luther:

Wohl finden sich viele, die die Güter zur Linken, die zeitlichen, um Gottes willen für nichts achten und gerne preisgeben, wie Juden und Ketzer tun; aber die auch die Güter zur Rechten, die geistlichen Güter und die rechtschaffenen Werke für nichts achten, um Christi Gerechtigkeit zu erlangen, deren sind es wenige. Das vermögen Juden und Ketzer nicht. Und doch wird, es sei denn, dass dies geschehe, niemand selig werden. Immer wollen und hoffen sie darauf, dass ihre eigenen Werke vor Gott geachtet und belohnt werden. Aber unverrückbar fest steht der Satz: „Es liegt nicht an jemandes Wollen und Laufen, sondern an Gottes Erbarmen“ (Röm. 9,16).

Anm.: „Jude“ ist hier im Sinne von „Werkgerechtigkeit“ zu verstehen und nicht antisemitisch gemeint.

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24 Kommentare
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Schandor

Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es zum Totlachen:

Arthur Pink behauptet (zusammengefasst) in seinem Büchlein das genaue Gegenteil:

Wer glaubt, aufgrund der Glaubensgerechtigkeit Christi gerettet zu werden und kein Leben führt, das nachweislich von Heiligkeit nur so strotzt, dem ist der heißeste Platz in der Hölle aufbewahrt.

Was soll man glauben?

Die alles entscheidende Frage unseres Lebens lautet:

Was muss ich tun/glauben, um gerettet zu werden?
Wenn es zu glauben gilt: Was ist der Inhalt des Glaubens

Hier wird die Beantwortung überaus schwer.

Johannes

Da kann ich nur zustimmen. Die Beantwortung ist alles andere als leicht. Es gibt so viele sich widersprechende Stimmen, dass es einem schwindlig werden kann.

Dennoch würde ich Luther eher zustimmen als Pink. Denn wenn er das wirklich so sagt (ich kenne Pink nicht), dann ist doch meine selbst fabrizierte Heiligkeit der Schlüssel zum Heil. Damit wäre die Gnade nichtig geworden – oder allenfalls ein Anstoß auf dem Weg zum Heil. (Wenn Pink recht hätte, würde der erste Korintherbrief wohl damit beginnen, dass die Korinther sich auf dem direkten Weg ins höllische Feuer befinden. 1Kor 1 hört sich aber ganz anders an – wiederum im Gegensatz zum Galaterbrief!)

Wenn ich auf diese schwere Frage eine einfache Antwort geben sollte, würde ich sagen: Inhalt des Glaubens ist der in der Bibel verkündete Jesus Christus. Durch die von Vertrauen getragene Bindung an ihn werden wir gerettet und nach und nach geheiligt.

Gast

@Schandor Was ist der Inhalt der Glaubens? Lesen Sie ein Glaubensbekenntnis! Oder stellen Sie die Frage, was ist richtig, was ist falsch? Nehmen wir als Beispiel einen promisken jungen Ehe-Mann, dem ein Seelsorger erzählt, dass Gott seinen fortgesetzten Ehebruch nicht gut findet – und das zeigt Wirkung: Der Mann hört damit auf. Äußerlich. In ihm tobt weiterhin der Kampf, erst recht dann, wenn der Frühling anklopft und die Sonnenzeit länger, die Röcke kürzer werden. Der junge Mann kämpft diesen Kampf. Er betet, spricht mit Seelsorgern, mit Freunden, macht eine Therapie, liest in der Bibel, geht in den Gottesdienst – und dann passiert plötzlich das Wunder, dass dieser Kampf gewonnen ist. Die Krähen kreisen zwar weiterhin um das Haupt, aber sie bauen keine Nester mehr. Das ist das Geschenk. Das ist die Gnade. Ohne diese Gnade geht es nicht. Denn: „Es liegt nicht an jemandes Wollen und Laufen, sondern an Gottes Erbarmen“ (Röm. 9,16). Damit ist es nicht vorbei. Das Leben… Weiterlesen »

Schandor

@Gast Die Frage ist leicht gestellt, aber sehr schwer zu verstehen. Es geht nicht um den formalen, es geht um den materialen Inhalt des Glaubens. Darauf kann es keine „einfache“ Antwort geben, kein „So oder so ist das“! Das Beispiel mit unserem jungen Schürzenjäger ist nett. Pinks Antwort: Ehebrecher wird Gott richten (=verdammen). So etwas ähnliches steht auch in der Bibel, wenn ich mich nicht irre. Greifen wir es auf. Der reflexive Denker sieht: Die Krähen, die entsteigen ja meinem eigenen Herzen! DA is ja das Problem! DA haben sie ja schon je und je ihre Nester! DA bleiben sie und weichen nicht, bis der Schatten im Alter dann weicht. Und selbst dann vielleicht nicht. Das Wunder, das erhoffte, das passiert ja gar nicht! @Johannes Pink hat wenigstens den Vorteil, dass er keine so hochkomplexe Theologie hat wie das Luthertum, das zwar als einziges(!) beanspruchen darf, Froh-Botschaft, also Evangelium zu sein. Das Reformierte, der Calvinismus hat kein Evangelium, nur ein… Weiterlesen »

Gast

@Schandor „Das Wunder, das erhoffte, das passiert ja gar nicht!“ Nö, da gibt es viele Beispiele. Der eine oder andere kennt vielleicht noch die Bibel. 😉 Aber es passiert auch heute noch – immer und immer wieder. Vielleicht erwarten Sie auch zu viel und vor allem von den anderen Menschen? Die Anfrage Gottes gilt zuerst Ihnen. Adam konnte sich auch nicht auf Eva berufen. „DA haben sie ja schon je und je ihre Nester!“ Das kann ich so als allgemein gültige Aussage auch nicht stehen lassen. Ich vertrete kein mechanistisches Weltbild. Es gibt kein fertiges Selbst. Und es ist wirklich fraglich, woher die jeweiligen Nester kommen. Manches haben wir von Geburt an. Aber man kann auch Luthers Reittier-Metapher aufgreifen, aber auch andere Menschen, die Umwelt und vor allem einen selbst: Nester kann man sich auch basteln – und die Krähen nehmen das dankbar an. „Ehebrecher wird Gott richten (=verdammen).“ Grundsätzlich richtig, gleichwohl können auch sie – wenn sie fünf vor… Weiterlesen »

Schandor

Die Nester sind jene, von denen in Jer 17,9 die Rede ist. Mit Weltbildern haben die wenig am Hut, noch am wenigsten mit mechanistischen, denn die wären gerade die Ausrede, die man am anderen sucht. Das Selbst ist nicht fertig, gleichwohl ist es sich vor- und aufgegeben, aber das geht alles völlig an der Fragestellung vorbei. Die Frage muss an sich gestellt werden: Jeder muss sie sich stellen, und nur unreflektierte Menschen tun es nicht, weil sie ihre Sicherheit im Wesen haben. Es sind nun mal die Gerichte Gottes ganz anders als die der Menschen, nicht wahr? Es ist übrigens keine Schande, die Frage nicht beantworten zu können – viele haben es versucht, indem sie starke Bücher gefüllt haben. Solange es niemand kann, bleibt die Frage offen, und jeder, der über genügend Autopsie verfügt, sieht sie in sich aufglimmen. Es müsste überzeugend dargetan werden können, was der Inhalt des Glaubens ist, inwiefern er sich von einem „zu wenig“ unterscheidet, was… Weiterlesen »

Gast

@Schandor „Es müsste überzeugend dargetan werden können, was der Inhalt des Glaubens ist,“ … und wenn jemand das könnte, dann würden alle glauben? Mein lieber Schandor, ich muß Ihnen gegenüber doch nicht darauf hinweisen, dass der Kampf erst entschieden sein wird, wenn der HERR wiederkommt. Es geht nicht NUR um das rationale Überzeugen, sondern – auf dieser Ebene bleibend – darum, Platz für den Glauben zu schaffen, also dass er sich ereignen kann. Überzeugen iSv. rationalem Herbeizwingen – das kann niemand. Aber ein Bekennen, ein Reden mit Vollmacht kann sehr überzeugend sein. „eine Art Zylinder“ Sie haben V. Frankl gelesen? Können Sie aus dem Zylinder auch ein Herz machen? Dann wären wir an jesuanischen und paulinischen sprachlichen Bildern näher dran (von denen Frankl als Jude wohl nicht so viel hält; auch habe ich eher den Eindruck, dass er – wie in der Philosophiegeschichte und leider auch in der liberalen Theologie anzutreffen – Nous und Pneuma im Grunde genommen synonym setzt).… Weiterlesen »

Schandor

@Gast

Ja, ich kenne Frankls Bilder, in der Tat. Daran habe ich bei meiner „Konstruktion“ gar nicht gedacht. Die Metapher des „Herzens“ ist zwar schön, aber durch psychologisiertes Christentum zu stark ins Gefühlsduselige (oder sollte ich sagen –dusselige?) hineingezogen, darum hab ich mich für den „Zylinder“ entschieden.

Gehe ich recht in der Annahme, dass in unserem Kontext mit Nous der menschliche, mit Pneuma der Geist Gottes bzw. das „Geistliche“ im Geist des Menschen gemeint ist?

Gast

@Schandor Wir können von den psychologischen Bildern viel lernen. Und vieles geht dabei ohnehin auf Platon oder Aristoteles zurück. Aber ich schätze die sprachliche Anschlussfähigkeit zum Alltag sehr, insbesondere weil heute fast jeder da schon Erfahrungen gesammelt hat. Die Psychopraxen sind übervoll – und es werden immer mehr. Glaube hat auch (!) etwas mit Gefühl zu tun (was immer auch ein Gefühl ist), denn wenn ich mich am HERRN erfreue, dann schlägt sich das auch in meinen Gefühlen nieder, dann wird das leiblich spürbar, es erfasst dann den ganzen Menschen – und eben nicht nur die Ratio. Ich weiß, dass man das Bild vom Herz schrecklich „gefühlsduselig“ missverstehen kann, aber ich greife da Röm 2,29 iVm Mk 7,21.22 auf. Und man könnte darüber nachdenken, ob die „Beschneidung der Herzen“ dann nicht darin besteht, aus dem groben Zylinder ein liebend Herz zu formen – mit Hilfe und Dank Gottes Geist. Und ja, das meinte ich mit Nous/Pneuma und greife damit die… Weiterlesen »

Anke

Zwischen Luther und Pink kann ich keinen grundsätzlichen Unterschied erkennen. Ja, dabei geht es um Werke, die dem Glauben nicht entgegenstehen. Insofern fällt das Ganze eigentlich nicht unter das eigentliche Thema. Dennoch möchte ich Folgendes gegenüberstellen: Luther (Römerbriefvorlesung zu Röm. 9, 16): „Man darf das nicht so verstehen, als läge es in dem Sinne allein an Gottes Erbarmen, dass man gar nichts mehr zu wollen oder zu laufen brauchte, sondern: dass der Mensch will und läuft, das verdankt er nicht seiner Kraft, sondern dem Erbarmen Gottes …“ Luther (Galaterbriefkommentar zu Gal. 4, 4.5): „Und so darfst du dir das Leben eines Christen nicht vorstellen als ein Stehen und Ruhen, sondern als ein Unterwegssein und Aufbrechen von den Lastern zur Tugend, von Klarheit zu Klarheit, von Kraft zu Kraft. Und wer nicht unterwegs ist, den halte du auch für keinen Christen, sondern für ein Volk der Ruhe und des Friedens, über das der Prophet seine Feinde heraufführt. Schenke also jenen betrügerischen… Weiterlesen »

Schandor

… „noetisch-praktische Daseinsform“, könnte man sagen … ja, das hat was. Kann es denn einen Glauben ohne Werke überhaupt geben? Oder anders gefragt: Wie sähe der aus? Oder noch einmal anders: Was alles zählt als „Werk“? Wahrscheinlich wird man gar nicht von „zählen“ sprechen dürfen, so als zählte Gott die Werke numerisch, und es käme dann ab einer kritischen Masse von sagen wir X Werken zum Umschlagen einer Quantität in eine Qualität. Vielleicht wird man eher so sagen dürfen: Der echte Christ sehnt sich nach Erlösung. Er fragt nach Gott, immer wieder, hört sein Leben lang nicht auf. Mal ist er müde, dann wieder eifrig, mal versagt er, dann geht er zu Gott und bittet ihn um Vergebung, geht weiter, sucht weiter, immer weiter, weiter, weiter – bis an seinen Tod. Das prägt sein Leben entscheidend mit. An der Himmelstür steht kein Puritaner, sondern Jesus Christus selbst, der Herr und Erlöser, aber eben auch der Erlöser und Herr (gegen Pink).… Weiterlesen »

Anke

„Ein Glaube ohne Werke“, da hat nicht nur Jakobus Einiges zu sagen … Ist die Frage generell oder eher unter Berücksichtigung der Zuhörer? Würde man Werke (Frucht) generell als notwendigen Bestandteil des Ganzen (Glaube) fassen, wäre das ein Aus für Einige (Ungeborene aber dennoch existent, …). Man darf die angesprochene Zuhörerschaft nicht ausklammern und da gilt das: es gibt keinen Glauben, der nicht irgendwo Frucht (Werke) hat. Eine Quantität an Frucht kann gar nicht in eine andere Qualität umschlagen, weil diese Frucht eben von einer bestimmten Qualität abhängt. Der Apfel oder die Masse an Äpfeln machen eben nicht einen Baum zum Apfelbaum. Es gibt das Phänomen des zeitweisen unfruchtbaren Baumes und das wird sogar in der Bibel bedacht. … Meiner Meinung nach ergeben sich die Schwierigkeiten eher im subjektiven Bereich des Erkennens: Weil es nicht so läuft, wie ich dachte … – kann nicht sein, dass … Weil es nicht so viel ist, wie ich erwartete … – kann nicht… Weiterlesen »

Johannes

@Schandor: Zunächst würde ich zwischen Luther und Luthertum unterscheiden. In mancherlei Hinsicht ist das Luthertum vielleicht sogar als Rückschritt zu bewerten? Und wenn der Calvinismus ohne Evangelium näher an der Bibel ist, dann stimmt da was nicht. Aber zurück zur Sache! (Oder besser: zum Thema!) Auf die Frage, die Du (ich bin mal so frei) oben stellst (11. März, 2016 at 17:53) würde ich die Gegenfrage stellen, ob die Beantwortung nicht den Glauben aushebelt. Wäre nicht schon das Suchen nach der Antwort der menschliche Versuch, die Beziehung zu Gott in den Griff zu bekommen, zu kontrollieren und sich als Richter aufzuspielen? Das ist Gott vorbehalten! Wir sollen vertrauen, nicht kontrollieren. Urteilen wird Gott. Unsere Heil liegt in ihm, nicht in uns. Zu den Werken und dem Glauben: Es gibt keinen Glauben ohne Werke, denn bekanntlich ist der Glaube durch Liebe tätig – und ist er nicht mehr tätig, ist er tot (oder mindestens krank). Nur wird DIESER Glaube sich wenig bis… Weiterlesen »

Schandor

@Anke/Johannes

Das Urteil ist Gottes, Furcht und Zittern unser. Keine Erlösung auf Erden, sondern einzig und allein in der Promissio und nur dort gewiss.
Vielleicht ist die Frage: „Aber gilt diese Promissio auch mir?“ nur der Ausdruck nervöserer Naturen.
So ist nun der Glaube ein Möbiusband: Fährst du die mentale Außenseite entlang, gerätst du auf seltsam verschlungenen Wegen auf die praktische Innenseite und von da an wieder auf die Außenseite. Glaube und Werke verschmelzen zu jener „Daseinsform“ des hoffnungsvollen Sehnens und Strebens, welches wir als „Glauben“ bezeichnen.

Gast

@Schandor Was alles zählt als „Werk““, fragten Sie. Ich denke, dass das, was Sie hier tun, ein Werk ist. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass Sie hier die Dynamis ins Werk setzen (En-Ergeia) . Sollte Sie nur so tun als ob, dann wäre es Werkgerechtigkeit. Das Interessante ist, dass ich nicht wirklich weiß, was Sie antreibt – ich aber ihre Aussagen anhand der Schrift bis zu einem gewissen Grade verifizieren kann. @Anke Sie haben hier wunderbar gesprochen. Ist das Bild von Baum und Apfel von Ihnen? Und noch eine Rückmeldung zum Begriff „Tugend“, denn ich zucke da immer ein wenig zusammen. Vor einigen Jahren wurde ein Kardinal von einem Journalisten gefragt, was er denn machen würde, wenn er nach dem Tode erfahren muss, dass da nichts ist. Und dieser Kardinal antwortete: Dann habe ich wenigstens versucht, ein tugendhafter Mensch zu sein. Ich habe mich über diese Antwort sehr geärgert – und zwar nicht nur darüber, dass der Kardinal sich in… Weiterlesen »

Schandor

@Gast

Danke. Mich treibt die existenziell wichtige Frage, der „kierkegaardisch-innerliche“ Ernst der Lage an: Was muss ich „tun“, um gerettet zu werden?

Denn wie ich sehe (in meiner Umgebung, manchmal auch im Netz), glauben viele Menschen zu schnell und leichtfertig, „gerettet“ zu sein, obgleich sichtbar das nicht der Fall ist. Ja, meine Fragen sind durchaus ernst gemeint; ich versuche tatsächlich, so etwas wie einen theologisch-philosophischen Disput in Gang zu setzen, an dem sich jeder beteiligen soll/kann, der mitsuchen und mitfinden will und sich nicht einfach nur reflexhaftem Widersprechen hingeben will (diskutere/zerschlagen).

Mir geht es nicht um Rechthaberei oder um Besserwisserei. Dazu ist die Sache zu nahe, zu wichtig. Jetzt habe ich schon einiges erfahren, was mich ermutigt hat, was mir weitergeholfen hat. Somit freue ich mich über jeden, der mittut.

Liebe Grüße!

Gast

@Schandor Gerne – und ich danke Ihnen. Ich mag Kierkegaard, weil er einen guten Blick auf die anthropologische Problematik wirft. Ich bin vor einiger Zeit sogar nach Kopenhagen gesegelt, um zu seinem Grab und seinem Leben zu „pilgern“. Das kann ich jedem Kierkegaard-Freund nur nachempfehlen – und für unterwegs die Lektüre von „An einem Grabe“. Die viel interessantere Frage ist aber: Wo blieb Kierkegaard stecken? Oder anders gefragt: Was kann Kirche tun, um Menschen wie Kierkegaard zu helfen? Oder noch anders gefragt: Was kann uns von dieser elenden Dialektik erlösen? Kierkegaards landen heute regelmäßig – sofern sie nicht anderweitig verdrängen können – in der Psychotherapie, insbesondere wenn sie im liberalen landeskirchlichen Milieu inflationär mit einem jüdisch-philosophischen Freiheits-Begriff vollgesülzt werden. Doch es ist eben nicht alles gut. Im Innern toben die Kämpfe – und erst der hochbezahlte Psychotherapeut darf dann sagen, wo die Grenzen sind. Und witzigerweise (iSv Galgenhumor) sind es oftmals die Grenzen, von denen eigentlich die Kirche sprechen müsste.… Weiterlesen »

Schandor

@Gast Die Beschneidung im Herzen (besser: im Geist) ist eine schöne Metapher für eine Sache, unter der ich mir nichts Rechtes vorstellen kann. Ich habe bei Eduard Böhl einen Satz gefunden, einen Satz, der mich aufjubeln ließ, als ich ihn gelesen, der mich zwang, ihn wieder und wieder zu lesen, bis ich es endlich glauben konnte: Ja, Ja, endlich ein Theologe, der DAS sieht! Wenn ich mich recht erinnere, hat ihn ein Adolph Köberle dafür kritisiert, aber völlig zu unrecht. Bevor ich ihn zitiere, soll die kitschig-komische Ansicht diverser Allerweltstheologen und freier Radevangelikaler genannt werden: Bei der „Bekehrung/Wiedergeburt“ (oder wie sie das auch immer nennen) werden dem Herzen des Menschen neue „Neigungen“ verliehen. Zurecht schreibt Böhl dagegen: In der Wiedergeburt wird die Substanz des Menschen nicht geändert. Eine Eingießung neuer Kräfte, religiöser Qualitäten und Dispositionen (!) findet nicht (!) statt. Das ist osiandrisch und römisch“ (Dogmatik, S. 432). Das glaube ich von Herzen und weiß es aus eigener Anschauung. Und… Weiterlesen »

Anke

@Schandor Furcht und Zittern ist sicher unser, aber nicht nur. Darüber hinaus haben wir im Hier und Jetzt durchaus noch mehr und das Ganze innerhalb des Bereichs „Urteil Gottes“. Aber ich gebe Ihnen Recht: angesichts des eigenen immer wieder neu und tiefer empfundenen Abstandes zwischen meinem Gott und mir – kann die Erlösung nur in dem Versprechen Bestand haben. Im praktischen Leben nehme ich mich eben nicht als heilig wahr, eben nicht als gerecht, eben nicht als substanziell gut …. Gleichzeitig ist das vorhanden: „hoffnungsvolles Sehnen und Streben“. Aber wie schon gesagt ich würde es in Anlehnung an das Streben des Sohnes bzgl. des Vaters als Ausdruck von Leben fassen. Insofern wäre es nicht unlogisch oder abnormal. Da gibt es natürlich auch die entsprechende Gegenseite. Die Vaterfrage ist ja der Bibel nicht neu. Die Ähnlichkeit zum Möbiusband gefällt mir gut, weil ich auch der Ansicht bin, dass die Wechselwirkung sehr komplex ist. Eine Reflektion des eigenen Tuns führt gar nicht… Weiterlesen »

Alexander

Ohne viel Zeit zum genauen Lesen dieser Diskussion gehabt zu haben, will ich gern einen kleines Beispiel der vielen Statements zu diesem Thema aus den lutherischen Bekenntnisschriften beigeben: Aus der Epitome: IV. Von guten Werken. ————— STATUS CONTROVERSIAE Die Hauptfrage im Streit von den guten Werken. 1] Über der Lehre von guten Werken sind zweierlei Spaltungen in etlichen Kirchen entstanden. Erstlich haben sich etliche Theologen über nachfolgenden Reden getrennt, da der eine Teil geschrieben : 2] 1. „Gute Werke sind nötig zur Seligkeit; es ist unmöglich, ohne gute Werke selig zu werden“; item: „Es ist niemals jemand ohne gute Werke selig [ge]worden“; der andere aber dagegen geschrieben: „Gute Werke sind schädlich zur Seligkeit.“ 3] 2. Danach hat sich auch zwischen etlichen Theologen über den beiden Worten: „nötig“ und: „frei“ eine Trennung erhoben, da der eine Teil gestritten, man solle das Wort: „nötig“ nicht brauchen von dem neün Gehorsam, der nicht aus Not und Zwang, sondern aus freiwilligem Geist herfließe; der… Weiterlesen »

Ron

@Schandor Mein lieber Schandor, herzlich sei Ihnen für die Rückmeldung gedankt, insbesondere weil sie für mich neue Anregungen enthält. (Nebenbei: Auf Röm 2,29 erhalte ich oft die Rückmeldung, dass man doch kein Jude sei, worauf sich dann spannende Gespräche über die buchstäbliche Lesart der Bibel ergeben und auch die Frage, in wie viel größerem Maße Röm 2,29 erst recht für den Christen gilt. Und noch eines: Sehen Sie mir die unkonventionelle Zitation „Mk 7,21.22“ nach, denn ich will Vers 22 lediglich nicht zum „f“ degradieren). Eine Präzisierung erlaube ich mir noch: Ich verstehe die „Beschneidung der (!) Herzen“ als „durch den Geist“ und „im Geist“. Und unter Beschneidung das, was Sie mit „trockengelegt, stillgelegt, abgeschaltet, ausgeschaltet, deaktiviert“ beschreiben. So wird ein „liebend Herz“ daraus (aus einem zuvor grobschlächtigem Herz oder dem Zylinder, um noch einmal Ihr Bild aufzugreifen) – und ein „liebend Herz“ meint eigentlich den „geistlichen Leib“. Ich habe mich hier schon an mehreren Stellen als Freund psychologischer Denkfiguren… Weiterlesen »

Schandor

@Gast

Interessante Betrachtung! Des Pneumas kann niemand „habhaft“ werden, es/er „wohnt“ und ein, aber durch die Schrift, durch die Tatsache der Wahrheit des Wortes Gottes, so weit gehe ich den Weg mit. Den Schluck Osiandrum aus Rom kann ich indes nicht schlucken, da leide ich an zu großer Autopsie …

Liebe Grüße und herzlichen Dank für die Worte!

Gast

@Schandor

Zumindest erkennen Sie, dass Sie „an zu großer Autopsie“ „leide[n]“. Das ist der erste Schritt zur Rekonvaleszenz. 😉 Die Anforderungen dieser Welt sind zu groß, um sich mit akademischen Geplänkeln (ich weiß, es sind nicht nur Geplänkel) aufzuhalten. Segensreiche Genesung!

Schandor

Danke! Und „möge die Übung gelingen“! 🙂