Autorenname: Ron

Schwarz-Rot-Gold ist wie der Regenbogen

Wenn durch Umdeutung ein Geschehen, ein Zeichen oder ein Begriff eine andere Bedeutung oder einen neuen Sinn zugewiesen bekommt, indem man das Geschehen, das Zeichen oder den Begriff in einen neuen Kontext stellt, nennt man das Reframing. Das Reframing ist heutzutage sehr beliebt, auch in der Theologie oder in der Ethik. Man spricht von „Sünde“ oder „Familie“, meint damit aber etwas ganz anderes als das, was diese Begriffe im christlichen Kontext über Jahrhunderte hinweg bedeutet haben. Sünde ist etwa nicht mehr Übertretung des göttlichen Gebots und damit Auflehnung gegen Gott, sondern selbstschädigendes Verhalten. 

Ein wunderschönes Beispiel für politisches Reframing bietet (wahrscheinlich unfreiwillig) aktuell der sächsische Ministerpräsident. Auf die Frage, was er von der Regenbogenflagge auf dem Reichstag hält, antwortet Michael Kretschmer dem Magazin Cicero:

Die deutschen Nationalfarben, Schwarz-Rot-Gold, drücken genau das aus, was auch die Farben des Regenbogens zeigen sollen. Unser Land steht genau für diese Freiheit, steht für Gleichberechtigung, für die Vielfalt der Lebensentwürfe. Dafür weht unsere schwarz-rot-goldene Flagge über dem Reichstag. Ein selbstbewusstes Statement: Die schwarz-rot-goldene Flagge bleibt hängen, weil sie die Farben des Regenbogens sozusagen mit enthält.

Kretschmer legt übrigens noch nach und bekennt, dass er den CSD klasse findet: „Und ich bin auch schon beim Christopher Street Day gewesen. Unsere Junge Union ist mit einem Wagen dabei gewesen. Die jungen Leute hatten unglaublich viel Spaß, und das freut mich. Wir leben in einem offenen Land, in dem vieles möglich ist.“

Bei so viel Euphorie darf man fragen: Was spricht eigentlich dagegen, die Regenbogenflagge als Flagge der Bundesrepublik Deutschland anzunehmen? Irgendwie steht doch der Regenbogen auch noch für die Einheit des Volkes und politische Mitbestimmung, und er steht auch für die Prioritäten des politischen Tagesgeschäfts.

Wenn der Glaube etwas kostet

Wir leben in einem säkularen Zeitalter (wie Charles Taylor sagt). Folglich kostet es immer häufiger etwas, als Christ zu seinen Glaubensüberzeugungen zu stehen. Carl Trueman berichtet für First Things, dass eine christliche Universität ihren Dozenten Bradley Nassif fallen ließ, weil er traditionelle Ansichten zu Sexualität und Ehe vertritt.

Trueman schreibt:

Im Mai 2021 stellte die North Park University (NPU) ihre Abteilung für Christliche Studien (CSD) wegen zu geringer Einschreibungen ein und entließ in der Folge vier fest angestellte Lehrkräfte, darunter Dr. Nassif. Eine Untersuchung durch eine neutrale externe Organisation zeigte jedoch, dass der Fachbereich Christliche Studien in Wirklichkeit finanziell gut dastand. Drei der vier Professoren wurden wieder eingestellt, aber Dr. Nassif blieb auf der Strecke. Jetzt unterrichten Lehrbeauftragte seine Kurse.

Der Grund dafür ist kein Geheimnis. Nassif behauptet, dass all dies geschah, weil er seine begründeten, orthodoxen Ansichten über Ehe und menschliche Sexualität zum Ausdruck brachte. Er war das einzige Fakultätsmitglied der CSD, das die Ansichten der Evangelical Covenant Church (ECC) zu Ehe und Sexualität unterstützte und der Meinung war, dass sie in den Lehrplan aufgenommen werden sollten. Einige Mitglieder des Lehrkörpers und der Verwaltung reagierten auf seine Sichtweise mit Feindseligkeit. Und diese Haltung zur Sexualität wurde ein wesentlicher Grund für seine Entlassung.

Der Anwalt von Dr. Nassif hat eidesstattliche Erklärungen von der AAUP-Präsidentin der NPU, Nancy Arneson, und dem ehemaligen Probst Michael Emerson erhalten, die diese Behauptung unterstützen. Obwohl North Park einer Konfession, der ECC, angehört, die traditionelle Ansichten über Sex, Sexualität und Ehe vertritt, will North Park offenbar nicht, dass diese Ansichten im Klassenzimmer gelehrt werden, und sei es auch nur als eine Option unter vielen, geschweige denn als die für alle Menschen verbindliche Wahrheit. Und Dr. Nassifs Einspruch dagegen hat ihn seine Karriere gekostet.

Mehr hier: www.firstthings.com.

Die gute Nachricht – Jesus kraftvoll verkündigen

FlyerSiegerland2022Am kommenden Samstag, den 10. September 2022, werde ich auf der 44. Regionaltagung des Bibelbundes im Siegerland zwei Vorträge zum Thema „Die gute Nachricht – Jesus kraftvoll verkündigen“ halten. Die Konferenz startet um 16.30 Uhr in der Christlichen Versammlung Geisweid (Breitscheidstr. 17, 57078 Siegen).

Eine Anmeldung ist nicht notwendig, aber aus organisatorischen Gründen erwünscht. Siehe die weiteren Informationen im Flyer: FlyerSiegerland T44-2022.pdf.

Sollte Gott gesagt haben?

In dem Booklet Sollte Gott gesagt haben?, das auf einen während der E21-Konferenz 2017 in Hamburg gehaltenes Seminar zurückgeht, skizziere ich die Entwicklung der neuzeitlichen Bibelkritik von den Anfängen bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Ich gehe dabei auf aktuelle Versuche ein, zwischen Vertretern und Gegnern der Bibelkritik zu vermitteln. Vor einigen Woche ist das Booklet in einer zweiten überarbeiteten und erweiterten Auflage erschienen.

Es kann hier heruntergeladen oder bestellt werden: www.evangelium21.net.

Martin Bucer: Gottes Wort in Drucksituationen ehren

Den nachfolgend zitierten Brief schrieb der Reformator Martin Bucer am 13. Mai 1549 an den Bürgermeister von Straßburg. Bevor ich das Schreiben wiedergebe, einige Hintergrundinformationen:

Nach seinem Sieg im Schmalkaldischen Krieg von 1546/47 versuchte Kaiser Karl V. das Problem der Kirchenreform einer Lösung zuzuführen. Da das 1545 in Trient eröffnete und im März 1547 nach Bologna verlegte Konzil von Trient aufgrund des machtpolitischen Gegensatzes zwischen Kaiser und Papst keine Lösung brachte, strebte der Kaiser auf dem im September 1547 „geharnischten Reichstag“ zu Augsburg nach einem Kompromiss. Das Ergebnis war das am 30. Juni 1548 den Protestanten auferlegte sogenannte „Interim“. Während es die Wiedereinführung katholischer Zeremonien beim Gottesdienst und die Abkehr von der reformatorischen Theologie forderte, gewährte es den Protestanten die Priesterehe und den Laienkelch. Das Interim sollte bis zur Regelung durch ein allgemeines Konzil gelten. Da es heftig umstritten war, rief es großen Widerspruch hervor und musste in manchen Gebieten gewaltsam durchgesetzt werden (vgl. dazu W.D. Hauschild, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte, Bd. 2, 2010, S. 148–151).

Martin Bucer (1491–1551), der führende Kopf der Reformation in Straßburg und unermüdliche Kämpfer für die Einigung der reformatorischen Parteien, vor allem der Schweizer und Wittenberger, war am 1. März 1549 infolge der durch das Augsburger Interim geprägten politischen Verhältnisse auf Befehl des Kaisers vom Rat entlassen worden. Er wurde von verschiedenen reformatorischen Wirkungsstätten eingeladen, unter ihnen zu arbeiten, darunter Wittenberg, Bern, Kopenhagen und England. Bucer nahm das Angebot des Erzbischofs von Canterbury, Thomas Cranmer an, um als Königlicher Lektor der Schrift in Cambridge tätig zu werden. Dort half er, das Book of Common Prayer (dt. Gebetsbuch der Anglikanischen Kirche) zu verfassen und krönte seine Lebensarbeit mit einem Großentwurf für die Reformation in England: De Regio Christi.

Der konkrete Anlass des unten abgedruckten Briefes, den er gleich nach seiner Ankunft in England verfasste, war die Tatsache, dass Jakob Sturm dem politischen Druck nachgegeben und der Einführung des Interim in Straßburg zugestimmt hatte. So erklärt sich der ermahnende Duktus in dem Schreiben.

Ich zitiere nach: H.A. Oberman, Die Kirche im Zeitalter der Reformation, 5. Aufl., 2004, S. 229–230. Die einleitenden Anmerkungen zu Bucer und Sattler oben orientieren sich ebenfalls an diesem Werk.

Martin Bucer: Gottes Wort in Drucksituationen ehren

Gottes Ratschluß über uns und andere sollen wir nicht weiter erforschen, als er selbst geboten hat. Wenn aber offenkundig ist [patet], was der Herr gebietet, dann soll uns nichts davon abbringen; und was wir auch an Nachteilen für das Fleisch befürchten – wir sollen uns nicht bemühen, diese dadurch abzuwenden, daß wir auch nur einen Fingerbreit von den Geboten des Herrn abweichen. Dem Herrn gehört die Erde, also auch das Vaterland. Hier gab er uns de jure und de facto die Freiheit, nach unseren Vorstellungen zu leben, und diese hätte man sicher mit weit größerer Anstrengung festhalten müssen als alles andere. Deshalb hätte sich hier die Auffassung derer durchsetzen müssen, in denen Christus allermeist lebendig ist. Denn wenn die, die als Christen leben, zahlenmäßig auch nur einen winzigen Teil ausmachen, so ist auf sie, wenn sie in der Stadt des Herrn das Recht des Herrn verlangen, vor all den anderen zu hören, die doch nur Christi Reich und seine ganze Kraft bei uns beseitigen wollen, um nicht die Möglichkeit zu verlieren, weiter Geld anzuhäufen. Was der Herr bei den Türken, Römern und anderen Antichristen auch erleidet, hat uns nichts zu bedeuten. Wir wissen, was der Richter der Lebenden und der Toten von uns fordert, was er denen verheißt, die ihm gehorchen, und was er denen androht, die seine Befehle mißachten …

Als Du über die Menschen nachsannst, da mußtest Du daran denken, wie wenig es doch möglich ist, Gott zu gehorchen und seine Befehle auszuführen. Dazu kann ich nur eins sagen: Erinnere Dich daran, daß Gott allein es ist, der da wirket alles in allen [1Kor 12,6], allmächtig und ohne jeden Mangel [omnipotenter et optime]. Wenn Du aber auf den Gedanken verfällst, in irgendeiner Weise Gottes Gericht zu erforschen und ohne Ehrfurcht [irreligiosa] über die ewige Vorsehung Gottes nachzudenken, so bedenke: Wer bist du denn, daß du mit Gott rechten willst? [Röm 9,20]. Bei Gott gibt es keine Ungerechtigkeit [Röm 9,14], Ein Gefäß kann nicht zum Töpfer sagen: Warum hast du mich so gemacht? [Röm 9,20]. Dein Gericht, Herr, ist recht und bedarf keiner Rechtfertigung [Ps 19,10]. Es hat mich oft sehr beunruhigt, wenn ich Dir Worte Gottes vorhielt, daß ich dann Antworten von Dir bekam, die ich eher von einem erwartet hätte, der die Worte nicht ernst nimmt, als von einem, der sie als Gottes Worte verehrt.

TV: Jeden Freitag derselbe Krimi

Der ÖRR steckt nicht nur in einer System- und Personalkrise, sondern auch in einer Qualitätskrise. Giovanni di Lorenzo wies etwa kürzlich darauf hin, dass konservative Stimmen dort gar nicht mehr auftauchen (vgl. hier):

»Es sind ihrer vier: Kostenblöcke wie die für Gehälter und Pensionen, die sich nicht einfach reduzieren lassen. Die Altersstruktur der Zuschauer. Die Frage, worauf sich das Programmangebot konzentrieren soll. Und der Umstand, dass sich ein Teil der Bevölkerung vom Weltbild vieler öffentlich-rechtlicher Journalisten nicht repräsentiert fühlt, obwohl auch er für das Programm bezahlt. So gibt es heute im öffentlich-rechtlichen Fernsehen keine einzige profilierte konservative Stimme mehr.«

Claudius Seidl hat für die FAZ die desaströse Lage im Bereich Film so wunderbar beschrieben, dass ich es hier gern mal wiedergebe: 

Wie diese Gebühren verschwendet werden, offenbart sich nicht nur in der Affäre Schlesinger. Es genügt ein Blick ins Fernsehprogramm. Eine Folge „In aller Freundschaft“ kostet ungefähr ein Intendantenjahresgehalt. Ein Rosamunde-Pilcher-Film hat das gleiche Budget wie die Renovierung der RBB-Chefetage. Gegen beides wäre, da es ja seine Zuschauer findet, viel weniger zu sagen, wenn es nicht so viel davon gäbe. Zu viel, wie jede Stichprobe zeigt. An einem Montag: Donna Leon im Ersten, Bodensee-Krimi im Zweiten. An einem Dienstag: „Die Kanzlei“, danach „In aller Freundschaft“. Es gibt „Sokos“, fast schon aus jeder Mittelstadt, es gibt Barcelona-Krimis, Mordkommission Istanbul, alles aus deutscher Produktion. Und natürlich Spreewald-Krimis, Erzgebirgskrimis, „München Mord“. Was nicht nur die Verengung fast aller narrativen Möglichkeiten auf die Aufklärung von Morden und das Erfinden immer neuer und einander doch so schrecklich ähnlicher Motive zur Folge hat – letztlich also ein Bild der Gesellschaft als Ansammlung von Verdächtigen. Wer zum Beispiel die Angewohnheit hat, freitags das „heute journal“ zu sehen, und, um nichts zu versäumen, ein paar Minuten zu früh einschaltet, muss den Eindruck haben, es werde jeden Freitag derselbe Krimi immer wieder gesendet: so ununterscheidbar sind die betroffenen Gesichter, die Umarmungen der Davongekommenen, die Musik scheint ein endloser Loop zu sein.

Mehr: www.faz.net.

Fire in the Streets

Hanniel hat das Buch Fire in the Streets von Douglas Groothius gelesen. Es geht um die Kritische Rassentheorie. Hier ein Auszug:

Es wird die Aufgabe der Verkündigung innerhalb der nächsten Jahre zu sein, die biblischen Grundkategorien auf die aktuellen Fragen der Zeit anzuwenden. Dazu gehören:

  • Wahre moralische Schuld (Francis Schaeffer, zit. 30): Alle Menschen sind durch wahre moralische Schuld von Gott getrennt.
  • Versöhnung (32f): Die Wiederherstellung des Bruchs durch die wahre moralische Schuld geschieht durch Rechtfertigung von göttlicher Seite. Selbstversöhnung und Selbstrechtfertigung sind unzureichende, unmögliche menschliche Versuche.
  • Anbetung (36): Wenn jemand vor einem anderen Sterblichen niederkniet, kommt dies falscher Anbetung aufgrund von Selbsthass gleich.
  • Bundesschluss (43): Ein (nationaler) Bundesschluss wird mit dem Bewusstsein der Ehre und Verpflichtung gegenüber der transzendenten Realität geschlossen und verfügt über bindende moralische Kraft für alle Bürger.
  • Vaterlandsliebe (56): Qualifizierter Patriotismus dient dem Gemeinwohl. Gott hat uns als Bürger und Mitglieder einer Kirchgemeinde als handelnde Wesen in die Geschichte hineingestellt.
  • Rassismus (64): Individuen, die abwertende Überzeugungen und negative Emotionen über Mitglieder ausserhalb ihrer eigenen Rasse hegen und pflegen
  • Ideologie (88): Eine engstirnige und illegitime, von Eigeninteressen geleitete Sichtweise, die weder rational noch wahr sein kann;

Deshalb sind aus christlicher Sicht abzulehnen:

  • Vergangene Diskriminierung durch gegenwärtige Diskriminierung zu bekämpfen (61)
  • Unqualifizierter Egalitarismus: Er führt zu grassierender Ungleichheit (vgl. 62)
  • Pauschale Schuldzuweisung für sozio-ökonomische Ungleichheiten (66)
  • Standpunkttheorie: Menschen innerhalb einer Gruppe können sich nicht über ihren sozial konditionierten Standpunkt hinausbewegen (vgl. 76)
  • Weisse Menschen sind schwarzen gegenüber minderwertig (77)
  • Zugang zu Institutionen und Stellen nur aufgrund von Gruppenzugehörigkeiten (80)
  • Eine Sicht, die Diskussionen über andere Standpunkte ausser dem eigenen revolutionären ausschliesst (91)

Hier: hanniel.ch.

Liebe der Eltern zahlt sich aus

Wer in der Kindheit elterliche Zuneigung erhält, hat später seine Finanzen besser im Griff. Das haben Forscher in einer aktuellen Studie gezeigt. Die FAZ teilt mir: 

Dem südkoreanischen Wissenschaftler Tae-Young Pak und seiner Kollegin Lu Fan ist das gelungen. Sie haben sich ein Forschungsfeld ausgesucht, auf dem es aus Sicht vieler Laien eigentlich nicht allzu viel zu forschen gibt: die Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Dass elterliche Warmherzigkeit den Kindern besser durchs Leben hilft, ist so offensichtlich, dass die wissenschaftliche Beschäftigung damit überflüssig erscheint.

Doch weit gefehlt. Denn die beiden Forscher können in einer aktuellen Studie nachweisen, dass die Zuneigung der Eltern selbst dann noch einen positiven Effekt hat, wenn die Kinder längst erwachsen sind und schon viele Jahre im Berufsleben stehen. Wer nämlich in seiner Kindheit mehr elterliche Liebe erfahren hat, kann davon bis ins höhere Alter zehren – und zwar auch in finanzieller Hinsicht: Positive Kindheitserfahrungen helfen dabei, später weniger Schulden zu machen, ein größeres Vermögen aufzubauen und insgesamt ein Leben in größerer finanzieller Zufriedenheit zu führen. 

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Die bösen Geschlechtskonservativen

Überraschend ist es nicht, dass sich das Magazin DER SPIEGEL in die Debatte um das Selbstbestimmungsrecht einmischt und Anstoß an all jenen nimmt, die davon sprechen, dass es in der Biologie nur zwei Geschlechter gibt. Die Art und Weise, wie der Genderforscher Simon Strick für den SPIEGEL in die Debatte eingreift, ist freilich armselig. Ihm fällt nichts anderes ein, als zu sagen, dass die Wissenschaftler, die von zwei Geschlechtern sprechen, eine gefühlte Wahrheit als Letztwahrheit verbreiten. Er schreibt:

Es ist kein Zufall, dass sich im postfaktischen Zeitalter Diskussionen um gesellschaftliche Themen irgendwann auf vermeintlich sichere Letztwahrheiten berufen. Wo verschiedene Interpretationen der Gegenwart konkurrierend aufeinandertreffen, wird schnell der Ruf nach unhintergehbaren Fakten laut, um verschiedenste politische Projekte zu rechtfertigen und im Namen des »common sense« zu etablieren. Mechanismen und Akteure der sozialen Netzwerke und mit ihnen konkurrierenden Leitmedien beflügeln beide die Sehnsucht nach gefühlten Wahrheiten.

Da er – falls ich nichts übersehen habe – keine sachlichen Argumente vorbringt, führt er dann zum Abschluss seines Plädoyers noch zwei Argumentationsfiguren ein, die in den letzten Jahren immer häufiger zu beobachten sind. Er rückt zunächst die Naturwissenschaftler in eine verdächtige, rechte Ecke, unterstellt ihnen Geschlechtskonservatismus, Diskriminierungsbegeisterung und natürlich Phobien. Das klingt dann so:

Die Causa Vollbrecht hat wenig mit der Person oder Expertise einer Biologie-Doktorandin und Aktivistin zu tun. Vielmehr ist diese unsägliche Debatte Symptom eines radikalen Diskurses, in dem sich Antigenderismus, Transphobie, Geschlechtskonservatismus und der Mainstream wunderbar die Hände reichen. An der Wucht der Aufmerksamkeit lässt sich ablesen, wie verbreitet Ressentiments gegen trans* Personen sind und wie einfach – ein wenig Wissenschaftssimulation, ein Zensurvorwurf – sich eine breite Öffentlichkeit dafür mobilisieren lässt.

Das ist der zweite wichtige Punkt: Die Debatte über »nur zwei Geschlechter« ist einer Diskussion vorgeschoben, die im Kern die Existenzberechtigung von trans* Personen und nichtbinären Menschen verhandelt – also Menschen, die im biologisch-absoluten Zweigeschlechtersystem nicht repräsentiert und diskriminiert werden.

Zudem beruft er sich auf den Opferstatus der Transsexuellen, denen ja durch die Behauptung einer natürlichen Zweigeschlechtlichkeit ihr Existenzrecht abgesprochen werde:

Diese »Diskussion« ist menschenverachtend: Es gibt keine Transdebatte. Niemand kann trans* Personen das Recht auf Existenz absprechen – nicht im Namen von Biologie, Feminismus oder Meinungsfreiheit.

Damit macht sich der Autor (und der SPIEGEL) zum Mitgestalter des postfaktischen Zeitalters. Auf die Argumente der Biologie wird inhaltlich nicht eingegangen. Vielmehr wird das Narrativ verbreitet, Vertreter der Zweigeschlechtlichkeit seien gefährliche Menschen.

Das ist, ich kann es nicht anders sagen, primitives und autoritäres Gehabe, vorgetragen in einem Sprachduktus, der unter Anhängern der Frankfurter Schule beliebt war (wenn auch damals ohne Gendersternchen). Der Beitrag bestätigt den Abschied von der öffentlichen Vernunft und den oAntirealismus – zwei Phänomene, die in den aktivistischen Kreisen immer häufiger zu entdecken ist.

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