Oktober 2016

366 Liebesbriefe von Jesus – oder?

Sarah Youngs Andachtsbuch Jesus Calling (dt. Ausgabe: Ich bin bei Dir: 366 Liebesbriefe von Jesus) ist ein Phänomen. Obwohl die Entstehung des Buches allerlei Fragen aufwirft, lässt es sich seit Jahren hervorragend verkaufen. Leider.

Tim Challis erklärt, warum das Buch gefährlich ist:

Das Buch Jesus Calling gibt es nur, weil Sarah Young eine tiefe Sehnsucht danach hatte, neben der Bibel noch mehr von Gott zu hören. In der Einführung schreibt sie, wie Jesus Calling entstand: „Im folgenden Jahr fragte ich mich, ob ich in den Zeiten, in denen ich vor Gott still wurde, auch Botschaften empfangen könnte. Ich hatte schon seit Jahren Gebetstagebücher verfasst, aber es war eine einseitige Kommunikation gewesen: Der Einzige, der hier sprach, war ich. Ich wusste, dass Gott durch die Bibel zu mir spricht, aber ich sehnte mich nach mehr. Immer mehr wollte ich hören, was Gott mir an einem bestimmten Tag persönlich zu sagen hat.“ Mit diesen wenigen Sätzen erzeugt sie eine unnötige Konkurrenz zwischen ihrer Offenbarung und dem, was die Bibel in 2. Timotheus 3,16-17 sagt: „Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.“ Von seinem Geist und Wesen ist ihr Buch biblisch nicht einzuordnen. Von der Bibel her gesehen ist es weder erforderlich noch gibt es einen Grund, ein solches Buch zu erwarten oder zu beachten.

Mehr hier: www.evangelium21.net.

„Es gibt keinen christlichen Geist mehr“

John Stott schreibt (Es kommt auch auf den Verstand an, Hänssler, 1975, S 23–24):

Obwohl der menschliche Verstand verdunkelt und die menschlichen Augen blind sind, obwohl der Nichtwiedergeborene von sich aus die Dinge des Geistes nicht empfangen und verstehen kann, „weil sie geistlich begriffen sein wollen“, wendet sich das Evangelium doch an ihren Geist, ihren Verstand, weil das der von Gott gewählte Weg ist, ihre Augen zu öffnen, ihren Geist zu erleuchten und sie zu erretten. Zu diesem Punkt wird noch mehr zu sagen sein, wenn wir zum Thema Evangelisation kommen.

Die Erlösung des Menschen bringt die Erneuerung der Gottebenbildlichkeit, die durch den Sündenfall verzerrt wurde, mit sich. Dies schließt den Verstand ein. Paulus beschreibt aus dem Heidentum Bekehrte so: „Und zieht den neuen (Menschen) an, der da erneuert wird zu der Erkenntnis nach dem Ebenbilde des, der ihn geschaffen hat“ (Kolosser 3,10). Oder: „… die ihr erneuert seid im Geist eures Gemüts“ (Epheser 4, 2310). Er konnte noch weiter gehen: Ein geistlicher Mensch, ein Mensch, der unter der Leitung des Heiligen Geistes steht, hat eine neue Fähigkeit, geistlich zu differenzieren. Man kann sogar von ihm sagen, dass er den „Sinn Christi“ hat.

Diese Überzeugung, dass Christen einen neuen Geist haben, befähigte Paulus, sich voller Zuversicht an seine Leser zu wenden: „Als mit den Klugen rede ich; richtet ihr, was ich sage“ (1. Korinther 10, 15). Ich frage mich, wie der Apostel wohl reagieren würde, wenn er die westliche Christenheit heute besuchen würde. Ich glaube, er würde – genau wie Harry Blamires – den Mangel an Geist in der Christenheit beklagen [Harry Blamires, geb. 1916, ist ein anglikanischer Theologe und Literaturkritiker. Er war mit C.S. Lewis gut befreundet. Anm. R.K.]. Blamires beschreibt den Geist des Christen als „geschärft, informiert, fähig, Kontroversargumente aus dem säkularen Raum auf dem Hintergrund christlicher Gegebenheiten zu beantworten“. Christliche „Gegebenheiten“ wären zum Beispiel: die übernatürliche Wirklichkeit, die alles durchdringende Macht des Bösen, die Wahrheit, die Autorität und den Wert des Menschen. „Der christliche Denker“, so fährt er fort, „fordert die Vorurteile seiner Zeit heraus … stört die Selbstgefälligen … hindert die geschäftigen Pragmatiker … stellt alles um sich herum in Frage und … ist unbequem.“ Aber er sagt auch, dass christliche Denker mit einem christlichen Verstand heute nicht vorhanden zu sein scheinen. Im Gegenteil:

„Der Verstand der Christen hat sich dem Trend der Zeit gebeugt. Er ist so schwach und rückgratlos geworden wie nie zuvor in der Geschichte der Christenheit. Es ist schwer, den völligen Verlust intellektueller Standhaftigkeit in der Kirche des 20. Jahrhunderts in Worte zu fassen. Man kann das nicht beschreiben, ohne sich einer Sprache zu bedienen, die hysterisch und melodramatisch erscheinen würde. Es gibt keinen christlichen Geist mehr. Natürlich gibt es noch eine christliche Ethik, eine christliche Praxis und eine christliche Frömmigkeit … aber als denkendes Wesen hat sich der moderne Christ dem Säkularismus gebeugt.“

Dies ist eine traurige Verleugnung unserer Erlösung durch Christus, von dem es heißt, dass er uns „von Gott gemacht ist zur Weisheit“.

Arnold E. Loen

Herman Dooyeweerd und Arnold E. Loen sind zwei niederländische Philosophen, die im letzten Jahrhundert versucht haben, eine genuin christliche Philosophie zu entwickeln. Beide Denker sind in Deutschland wenig bekannt. Während Dooyeweerd immerhin in den Namensregistern einiger Werke zu finden ist (siehe z.B.: The Covenant of Redemption: Origins, Development, and Receptionvon John Fesko), in der englischsprachigen Ausgabe von Wikipedia mit einen eigenen Eintrag geführt wird und durch Francis Schaeffer popularisiert worden ist, ist Loen fast völlig von der Bildfläche verschwunden (das Buch Säkularisation: Von der wahren Voraussetzung und angeblichen Gottlosigkeit der Wissenschaft ist allerdings noch antiquarisch zu haben).

Die SMD hat jedoch, wie ich kürzlich entdeckte, 1982 einen Aufsatz zu Arnold E. Loen veröffentlicht (Porta, Heft 30, Frühjahr 1982, S. 33–39). Der Autor Brede Kristensen, ein Soziologe aus den Niederlanden, schreibt dort über Loens Erkenntnistheorie (S. 36–37).

Die Revolution Kants versinkt im Nichts im Vergleich zu der Revolution des philosophischen Denkens, die Loen fordert. Gott ist der feste Grund, auf dem wir leben dürfen, worüber wir aber nicht verfügen können. Und Gott offenbart sich in seinem Wort: Er spricht die Wahrheit. Der Mensch darf die Wahrheit mit Worten und Begriffen, die ihre Bedeutung dem göttlichen Wort entnehmen, nachsprechen. Die menschliche Erkenntnis setzt Wahrheit voraus, und es ist zumindest ihr Bestreben, die Wahrheit zu entdecken und auszusprechen. Diese Voraussetzung impliziert eine zweite Voraussetzung, nämlich die Aussprechbarkeit der Wahrheit. Ist die Wahrheit potentiell erkennbar? Diese Frage kann der Mensch von sich aus nicht beantworten. Descartes, Hume, Kant haben damit gerungen. Kant löst das Problem, indem er das Wissen auf menschliche Kategorien gründet. Das »Ding an sich« ist nicht erkennbar. Die letzten Fragen bleiben unbeantwortet. Auch Gott ist für ihn unerkennbar. Kant: »Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.« Mit anderen Worten, die in der Vernunft festgelegten Möglichkeiten des Wissens bestimmen, welcher Platz dem Glauben übrigbleibt. Dieser Platz ist bekanntlich immer kleiner geworden, und, wie ebenfalls bekannt ist, hat Kant keinen festen Grund für das Wissen finden können. Loen kehrt daher diese Beziehung um: Der Glaube weist der Vernunft ihren Platz. Dieser Glaube kann christlich oder nicht-christlich, prononziert oder bloß ein vages religiöses Existenzwissen sein, aber ohne Glauben wird es keine Philosophie, ohne Glauben auch keine Erkenntnis geben.

Umgekehrt enthält auch der Glaube an Gott ein Erkennen. Ohne irgendeine Form von Wissen um Gott und sein Handeln wäre der Glaube absurd. Der Glaube kommt aus dem Hören; er ist Antwort auf das Wort Gottes, das zu dem Menschen gesprochen wird. Wissen und Glauben gehen Hand in Hand. Beide sind Gaben Gottes. Der Glaube ist das Fundamentalere der beiden.

Martin Heidegger: Ein moralisches Desaster deutscher Geistesgeschichte

„Schönzureden ist nämlich nichts mehr: Der Fall Heidegger ist ein intellektuelles wie moralisches Desaster deutscher Geistesgeschichte“, meint DIE ZEIT, nachdem sie den Briefwechsel zwischen dem Philosophen Martin Heidegger und seinem Bruder Fritz ausgewertet hat. Die Wochenzeitung schreibt:

Sensationell neu ist daran die ungeschminkte Selbstauskunft über die politische Gesinnung. Liest sich Heideggers Antisemitismus in den Schwarzen Heften, einer Art Denktagebuch, noch seinsphilosophisch überhöht, zeigt er sich hier ganz direkt und unverhohlen antisemitisch. Zudem kann man in den persönlichen Briefen detailliert sehen, dass der – anders als bislang gedacht – politisch bestens informierte Freiburger Professor ein früher und leidenschaftlicher Anhänger des Nationalsozialismus ist.

Bereits Ende 1931 schenkt der 43-jährige Heidegger seinem Bruder Mein Kampf zu Weihnachten und rühmt den „ungewöhnlichen und sicheren, politischen Instinkt“ Hitlers. Das rechte Minderheitskabinett unter Reichskanzler Franz von Papen, das mithilfe von Reichspräsident Hindenburg zwischen Juni und Dezember 1932 regierte, wird von Heidegger als jüdische Verschwörung kommentiert. Er beklagt, wie sich die Juden „allmählich aus der Panikstimmung befreiten, in die sie geraten waren. Dass den Juden ein solches Manöver wie die Papenepisode gelungen ist, zeigt eben, wie schwer es auf jeden Fall sein wird, gegen alles, was Großkapital und dergleichen Groß- ist, anzukommen.“ Am 13. April 1933 schreibt Heidegger schließlich begeistert: „Es zeigt sich ja von Tag zu Tag, in welche Größe jetzt Hitler als Staatsmann hinaufwächst. Die Welt unseres Volkes und des Reiches ist in der Umbildung begriffen, und jeder, der noch Augen hat zu sehen und Ohren zu hören und ein Herz zum Handeln wird mitgerissen und in eine echte und tiefe Erregung versetzt.“

Das Engagement Heideggers für Hitlers Staat inklusive NSDAP-Beitritt erweist sich als logische Konsequenz eines weltanschaulichen Gesinnungstäters. Keineswegs ist es die Entscheidung eines opportunistischen Karrieristen oder die ahnungslose Verirrung eines Unpolitischen, wie man es jahrzehntelang zur Entlastung des Philosophen hören konnte. Auch dürfte die Annahme eines sehr eigenwilligen Nationalsozialismus Heideggers, der angeblich frei von jedem Rassismus sei, nun endgültig revidiert sein.

Mal sehen, was die Fachwelt in zehn Jahren zu Heideggers Verstrickungen schreiben wird.

Mehr: www.zeit.de.

Akzeptanz statt Toleranz

Die Landesregierung von Hessen hat still und leise einen fachübergreifenden Lehrplan zur Sexualkunde eingeführt und lehrt nun die Vielfalt sexueller Orientierungen ähnlich wie in Baden-Württemberg. Der Widerstand wurde per CDU-Ministerentscheid gebrochen (siehe dazu hier, hier und hier).

Zu den Aufgaben und Zielen der schulischen Erziehung gehören nun mehr oder weniger sinnvolle Anliegen wie:

  • Gleichberechtigung von Frauen und Männern in allen Lebensbereichen;
  • Geschlechtergerechtigkeit;
  • Respekt der sexuellen Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen;
  • sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche unterschiedliche Werte und Normen, die durch die kulturelle Herkunft oder Religionszugehörigkeit geprägt sind;
  • Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen (LSBTI);
  • Partnerschaft und Sexualität von Menschen mit Behinderungen;
  • Verbreitung von HIV/Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten;

Immerhin soll neben dem „Coming Out“ und der “Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechteridentitäten“ auch über „die Bedeutung des Schutzes ungeborenen menschlichen Lebens“ aufgeklärt werden.

In der FAZ vom 11. Oktober 2016 erschien zu dem Vorgang ein kluger Leserbrief von E.-M. R., den ich hier in Auszügen wiedergebe (Nr. 237, S. 6):

Aus dem Artikel „Akzeptieren oder tolerieren“ … geht klar hervor, dass Hessens Kultusministerium die Inhalte zur Sexualerziehung strategisch möglichst leise einzuführen versucht hat, um den massiven Widerstand der Bevölkerung zu verhindern, wie sich dieser in Baden-Württemberg formiert hatte. Dies ist für sich genommen politisch schon mehr als fragwürdig. Abgesehen von den Inhalten zur Sexualerziehung selbst, finde ich jedoch den neuen Bildungsplan staatsrechtlich äußerst bedenklich.

Der Kultusminister fordert als Ziel der Unterrichts, dass persönliche Wertvorstellungen und Orientierungen „wechselseitig diskriminierungsfrei akzeptiert“ werden sollen, … „Akzeptanz“ wird verlangt, weil nur sie „diskriminierungsfrei“ sei, „Toleranz“ soll nicht genügen. Die Wahl der Begriffe halte ich für einen wesentlichen Kernpunkt der Auseinandersetzung. Wenn man durch den Unterricht die „Akzeptanz“ bestimmter Werthaltungen fordert, beabsichtigt man, in die Identität des Schülers einzugreifen und sie entsprechend staatlich verordneter Bewertungen zu formen. Es genügt nicht, dass der Schüler andere in ihren Lebensweisen und Wertvorstellungen zu tolerieren lernt, nein, er soll diesen bejahend gegenüberstehen und sie sich selbst zu eigen machen, … Das ist nun ein großer Unsinn: Wo ich mit andern übereinstimme, stellt sich die Frage nach Akzeptanz oder Toleranz sowieso nicht. Da es in der Gesellschaft aber immer Unterschiede in Werthaltungen und Lebenseinstellungen geben wird, muss der Schüler die Toleranz als Wert verinnerlichen. Darum ist sie ein wesentliches Bildungsziel, auch im Hessischen Schulgesetz (HSchG §2). Der Schüler muss verstehen lernen, dass sie notwendig ist, damit in einer Gesellschaft Demokratie gelebt werden kann und der Frieden untereinander in all unserer Verschiedenheit gewährleistet ist.

Einen Bildungsplan, dem die verfassungsrechtlich vorgeschriebene Toleranz als Bildungsziel nicht genügt, sondern der stattdessen die Akzeptanz ganz spezifischer Weltanschauungen und Bewertungen zu implementieren versucht, kann man nur als Gesinnungslehrplan bezeichnen …

40 Jahre „Wie sollen wir denn leben“

Illustration von Richard Sullivan (richardsullivanillustration.com).

Al Mohler, einer der Hauptreferenten auf der Evangelium21-Konferenz 2017, spricht über den Einfluss, den Francis Schaeffer auf sein Leben hatte:

The main title of the book struck me as odd. It still does. It is correct, in terms of English usage, but I found it an odd way to ask the question. Then again, Schaeffer was odd. He famously dressed as if he had come down from the Swiss mountains in a previous century. In one sense he had. Francis Schaeffer and his wife, Edith, had founded and then directed L’Abri Fellowship, a ministry in the Swiss mountains, drawing disaffected and confused young people from around the world, mostly the United States, and presenting them with the gospel of Christ and, strangely and wonderfully enough, answering their questions with a rational and demonstrative apologetic for biblical Christianity. While other leaders were building the evangelical empire, the Schaeffers took in scores of long-haired and intellectually agitated young people, engaging their minds and interpreting the culture.

Hier er Artikel „Francis Schaeffer’s ‚How Should We Then Live‘ after 40 years“: www.sbts.edu.

Volker Beck erklärt uns die Philosophiegeschichte

David Berger hat sich Becks Kritik zu Kardinal Müllers neuem Buch Die Botschaft der Hoffnung genauer angesehen und befindet:

Die eigentliche intellektuelle Katastrophe beginnt aber so recht eigentlich dort, wo Beck sich zum Philosophiehistoriker aufzuschwingen sucht. So gut wie nichts stimmt an den Postulaten, die irgendwie nach Pseudophilosophie im Dienste des eigenen Trieblebens klingen.

Bergers Kommentar ist ein Genuss, auch wenn ich – anders als er – ein robustes teleologisches Naturrecht (griech. φύσει δίκαιον, ich vermute, auf das teleologische Naturrecht bezieht sich Beck) schon bei den Griechen in der Antike finde (Sophokles, Platon o. Aristoteles).

Davon abgesehen zeugt Becks Einlassung in der Tat von theologischer Ahnungslosigkeit, z.B., wenn er das Liebesgebot Jesu gegen Normen ausspielt. Diese naïve Liebesethik wird Augustinus’ „Liebe, und tue, was du willst“ ja auch gern untergeschoben. Aber da ist nachweislich etwas bei Augustinus hineingelesen worden, was er nie gesagt hat.

Zu Augustinus schrieb ich 2010 aus einem anderen Anlass:

»Alles, was aufgenommen wird, wird auf die Weise des Aufnehmenden aufgenommen«, sagten schon die mittelalterlichen Gelehrten. Diese Einsicht lässt sich wunderbar daran demonstrieren, wie … Luther, Bonhoeffer und Augustinus für die Rechtfertigung seiner sexualethischen Positionen in Anspruch nimmt. Auf Augustins »Liebe und tue, was du willst«-Zitat möchte ich kurz eingehen.

Augustinus von Hippo (354–430 n.Chr. ) schrieb auf Lateinisch. Das Zitat entstammt seinem Kommentar zum 1. Johannesbrief (In epistulam Ioannis ad Parthos, tractatus VII, 8). Er gebraucht dort für die Benennung der Liebe weder »amor« noch »caritas«, sondern »dilectio«. Die damit bezeichnete Liebe meint keine Gefühlsregung oder gar Sinnlichkeit, sondern die vernünftig ausgewählte Liebe (vgl. die etymologische Verwandtschaft zu »electio«). Augustinus fokussiert mit »dilectio« auf die Liebe, die den Menschen freisetzt, mit Freude das zu tun, was Gott gefällt, ganz im Sinne von Joh 14,15, wo Jesus sagt: »Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.« Gemeint ist also die Liebe, die dem Glaubenden durch den Heiligen Geist gegeben ist und die den Willen des Vaters im Himmel sucht (vgl. Röm 5,5). Der Kirchenvater kannte gar keine »wahre Liebe«, die sich über die von Gott geforderte Gerechtigkeit und die uns geschenkten Gebote hinwegsetzen könnte.

Es gibt in der Geistesgeschichte noch einen anderen »Großen«, der sich das »Tu, was du willst, soll sein das ganze Gesetz. Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen«, auf die Fahne geschrieben hatte, nämlich Aleister Crowley (1875–1947). Crowley verlegte den Schwerpunkt auf den »wahren Willen« des Menschen, wir könnten auch sagen: auf den Willen des Fleisches. Etwa so: »Wenn du tust, was du wirklich und bewusst willst, wirst du magische Macht (über andere) besitzen.«

Christen tun gut daran, Gottesliebe nicht mit Selbstliebe zu verwechseln.

Ungereimtheiten der politischen Korrektheit

Gina Thomas, Feuilletonkorrespondentin für die FAZ mit Sitz in London, hat sich eine Untersuchung der britischen Medienaufsichtbehörde Ofcom genau angeschaut und brisante (nicht überraschende) Einsichten ans Licht gebracht. Die Politik der politischen Korrektheit ist gegenüber bestimmten Interessengruppen akribisch korrekt, andere Gruppen bleiben jedoch auf der Strecke. Die Toleranz gegenüber Begriffen, die als rassistisch oder homophob gelten, ist gesunken. Gleichzeitig ist die Toleranz gegenüber krassen Schimpfworten, wie auch die Akzeptanz von Kränkungen älterer Menschen, gestiegen.

Der Bericht wertet die geringere Akzeptanz für den diskrimierenden Sprachgebrauch gegenüber Minderheiten zu Recht als „klare Anerkennung des Wandels und der sich verändernden kulturellen Normen“. Das aktuelle „Barometer anstößiger Sprache“ – so bezeichnet Ofcom die Übung – spiegelt freilich auch die Ungereimtheiten der politischen Korrektheit, die sich in den letzten Tagen wieder ballen. Ein BBC-Mitarbeiter, der seit achtzehn Jahren an einer Hörfunksendung mitwirkt, behauptet, er sei mit der Begründung entlassen worden, dass mehr Frauen und Vielfalt erwünscht seien. Wäre man ihn losgeworden, weil er nichts tauge, hätte er sich damit abgefunden, meinte der Moderator, die Stellenvergabe nach Geschlecht und Hautfarbe betone jedoch bloß jene gesellschaftliche Spaltung, die das Gleichheitsbestreben zu beseitigen suche.

Reinschauen: www.faz.net.

VD: JS

Bobby Schuller: Vollkommene Freude

Ich habe heute, unter Umständen, die ich hier nicht erklären muss, einen Gottesdienst mit Bobby Schuller gesehen. In seiner Hour of Power, ausgestrahlt auf BibelTV, sprach der charmante Schmeichler über die Freude. Eine Offenbarung!

Wer gern mehr darüber wissen möchte, wie tief der weitere Evangelikalismus degeneriert ist (oder wer glücklich werden möchte), sollte sich die gesamte Predigt  aus der Serie „Daniel in der Löwengrube“ anschauen. Pelagius würde bei solch einer Verkündigung wahrscheinlich jubeln. Ob Bobby Schuller nach einem Praktikum in einer Gemeinde in Aleppo (Syrien) die Predigt noch einmal halten würde?

Hier das Video:

Paulinische Rechtfertigungslehre nur Missionstheologie?

Für Krister Stendahl und andere Vertreter der Neuen Paulusperspektive (siehe auch: Was ist die „Neue Paulusperspektive?“) geht es im Galaterbrief nicht um die Frage, wie ein Mensch mit Gott versöhnt wird, sondern vielmehr darum, unter welchen Bedingungen Heiden in das Volk Gott aufgenommen werden können.

Schon im „Paulus“ von William Wrede gehörte die Rechtfertigungslehre nicht in die Soteriologie. Sie erscheint bei ihm als Nebenkrater der apostolischen Missionstheologie. 1904 schrieb er:

Die Reformation hat uns gewöhnt, diese Lehre als den Zentralpunkt bei Paulus zu betrachten. Sie ist es aber nicht. Man kann in der Tat das Ganze der paulinischen Religion darstellen, ohne überhaupt von ihr Notiz zu nehmen, es sei denn in der Erwähnung des Gesetzes. Es wäre ja auch sonderbar, wenn die vermeintliche Hauptlehre nur in der Minderzahl der Briefe zum Worte käme. Und das ist der Fall; d. h. sie tritt überall nur da auf, wo es sich um den Streit gegen das Judentum handelt. Damit ist aber auch die wirkliche Bedeutung dieser Lehre bezeichnet: sie ist die Kampfeslehre des Paulus, nur aus seinem Lebenskampfe, seiner Auseinandersetzung mit dem Judentum und Judenchristentum verständlich und nur für diese gedacht, – insofern dann freilich geschichtlich hochwichtig und für ihn selbst charakteristisch.

Bei N.T. Wright klingt es folgendermaßen: (Worum es Paulus wirklich ging, 2010, S. 151):

Die Frage, um die es in der Gemeinde von Antiochien ging, auf die Paulus im 2. Kapitel [des Galaterbriefes; Anm. R.K.] verweist, lautet nicht, wie Menschen in eine Beziehung zu Gott eintreten, sondern sie lautete: Mit wem darf man essen? Wer gehört zum Volk Gottes? Sind ehemalige heidnische Konvertiten Mitglieder im vollen Sinne sind oder nicht.

Stephen Westerholm hält in seinem hilfreichen Buch Justification reconsidered entgegen (zitiert nach Stephen Westerholm, Angriff auf die Rechtfertigung: Die Neue-Paulus-Perspektive auf dem Prüfstand, Oerlinghausen: Bethanien, 2015, siehe meine Rezension hier):

Wie können Sünder einen gnädigen Gott finden? Diese Frage ist für den modernen westlichen Menschen alles andere als typisch; doch Paulus weckte diese Frage mit seiner Botschaft überall, wohin er auch ging. Paulus aber war nicht dazu gesandt, einen Notstand zu beleuchten, sondern einer Welt, die unter dem Gericht Gottes steht, Rettung zu bringen. Seine Antwort lautete (in den Thessalonicherbriefen inhaltlich, wenn auch nicht ausdrücklich; in den Korintherbriefen ausdrücklich, wenn auch nicht vorherrschend; im Galaterbrief thematisch und in seinen weiteren Briefen regelmäßig): Sünder, für die Christus starb, werden von Gott für gerecht erklärt, wenn sie an Jesus Christus glauben.

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