„Wenn doch Franziskus nur Luther wäre!“

Gemäß mehrerer Pressemeldungen soll Papst Franziskus einem inzwischen homosexuell lebenden Missbrauchsopfer in einem persönlichen Gespräch gesagt haben:

Gott machte dich so und er er liebt dich so. Der Papst liebt dich so und du solltest dich selbst lieben und dich nicht sorgen, was die Leute sagen.

Das Treffen zwischen dem Mann und Papst Franziskus fand auf dem Hintergrund des Missbrauchsskandals statt, der die Kirche in Chile erschüttert. Missbrauchsfälle des früheren Priesterausbilders Fernando Karadima sollen über Jahre hinweg von der Kirche gedeckt worden sein.

Falls das Papst-Zitat authentisch ist, signalisierte es eine klare Abkehr von der bisherigen römisch-katholischen Moraltheologie, nach der Homosexualität als gegen den Willen Gottes gerichtet gilt. Ich würde den Vorfall allerdings nicht überbewerten. Der aktuelle Papst sympathisiert nicht nur mit Formen der Situationsethik, sondern sagt hin und wieder etwas, was ihm so rausrutscht und später richtiggestellt wird. Das muss nicht gleich bedeuten, dass die kirchliche Lehre „kippt“.

Spannender finde ich den Artikel „Wenn doch Franziskus nur Luther wäre!“, den Carl Trueman für FIRST THINGS geschrieben hat. Trueman nimmt Wim Wenders Dokumentarfilm über Franziskus zum Anlass, um über sein Verhältnis zu Luther zu schreiben. Dem Papst wurde mehrfach nachgesagt, er sympathisiere mit Luther. Die Zeitschrift L’Espresso hatte kürzlich sogar die Vermutung ausgesprochen, Franziskus verfolge den Plan, dem Katholizismus ein neues Profil zu geben. Dabei greife er den Ansatz der ‚Dekonfessionalisierung‘, wie ihn Walter Kasper vertritt, dankbar auf.

Trueman verbindet Franziskus hingegen weniger mit Luther als mit Erasmus:

Der Papst hat eine klare Vorliebe für die Armen. Er hat seine Besorgnis über die Ausgegrenzten und Entrechteten zum Ausdruck gebracht. Seine Offenheit gegenüber denjenigen, die die bürgerliche Gesellschaft als Außenseiter betrachtet, ist offensichtlich. Diese Einstellungen sind es, die sein Papsttum faszinierend und attraktiv machen. „Bete und tue Gutes“ scheint eine gute Zusammenfassung seiner Annäherung an den christlichen Glauben zu sein. Aber in theologischen und dogmatischen Fragen scheint Franziskus an den feinen Unterschieden und klaren Behauptungen, die das traditionelle katholische Denken kennzeichnen, nicht besonders interessiert zu sein. Die Unbestimmtheit seiner Herangehensweise an die kirchliche Lehre von der Scheidung scheint ein Beispiel dafür zu sein. Das Dogma mag für ihn wichtig sein, aber wahrscheinlich nicht so wichtig wie die Liebe – und das ist natürlich ein etwas nebulöser Begriff, wenn man sich vom Dogma löst.

In der Sprache des presbyterianischen Theologen J. Gresham Machen: Christliche Orthodoxie und christlicher Liberalismus sind nicht zwei Formen der einen Religion. Das eine ist das Christentum, das andere nicht. Machen betrachtete den orthodoxen römischen Katholizismus als Christentum, wenn auch eine sehr unvollkommene Form davon, während er den liberalen Presbyterianismus als Heidentum betrachtete. Der eine behauptet die übernatürliche Natur des Glaubens, die in der Geschichte begründet ist und sich nun in lehrmäßigen Behauptungen manifestiert; der andere sieht den Glauben als eine psychologische oder praktische Sache.

Deshalb sollten sich orthodoxe Katholiken weniger um die Ähnlichkeit des gegenwärtigen Papstes mit Luther als vielmehr um seine Ähnlichkeit mit Erasmus sorgen. Den Inhalt bestimmter Dogmen zu diskutieren, ist eine Sache; die Bedeutung von Dogmen im Allgemeinen zu diskutieren, ist eine ganz andere. Im ersten Fall besteht die Hoffnung, dass sich die Wahrheit durchsetzt; im zweiten Fall besteht die Gefahr, dass die Wahrheit irrelevant wird. Und ein Christentum, für das die dogmatische Wahrheit irrelevant ist, ist nicht das Christentum, auch nicht im abgeschwächtesten Sinne des Wortes.

Hier der vollständige Text, leider nur in Englisch: www.firstthings.com.

Christentum und Liberalismus: Wie die liberale Theologie den Glauben zerstört von J. Gresham Machen

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Kommentare

  1. DanielV meint:

    Es ist immer schwierig, wenn an sich gute, pastorale Anliegen und persönliche Schicksale in einen quasi absoluten Kontrast zu biblischen Wahrheiten gesetzt werden… mir scheint, da waren vorige Generationen ausgewogener und nüchterner. Truemans Analyse dazu finde ich mehr als treffend und auch auf den deutschen Kontext anwendbar.

    Unter Bibel-orientierten Christen in Italien gab es vor einem Monat wieder das gewohnte Kopfschütteln, nachdem Franziskus bei einer öffentlichen Audienz spontan betont hat, dass auch Atheisten in den Himmel kommen, wenn sie ihre Kinder katholisch getauft hätten. Mal abgesehen von der traurigen Situation des kleinen Fragestellers zeigte sich auch da wieder eine ordentliche Portion Situationsethik.

    Hier der entsprechende Video-Clip mit deutschen Untertiteln auf dem YouTube-Kanal der Bild-Zeitung: https://www.youtube.com/watch?v=1IqVtdZv8Fc

  2. Michael meint:

    Die „orthodoxen“ Katholiken machen sich über dieses Pontifikat mehr als Sorgen. Nicht nur evangelikale Christen schütteln über die Aussagen des Papstes ihren Kopf … Der Papst ist ein progressiver Liberaler (mit einer starken sozialistischen politischen Schlagseite). Es wird gerade massiv versucht, die kirchlichen Lehren zu unterlaufen. Natürlich wird kein Dogma angefasst, allerdings die pastorale Handhabung so eingestielt, dass die Lehre letztlich irrelevant wird. Seine liberale Agenda ist mit „Who am I to judge“ umfassend beschrieben.

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