Zeitgeist

Gedankenpolizei

Frank Furedi, Professor für Soziologie an der University of Kent in Großbritannien, warnt in einem Beitrag vor der Sprach- und Gedankenpolizei, die den Narrativ einer Elite etablieren möchte. Er untermauert seine Behauptung anhand konkreter Beispiele. Erschienen ist der Artikel bei SPIKED, in einer Übersetzung hier einsehbar. Ich zitiere:

Sprache, Denken und Kultur werden in einem erschreckenden Ausmaß überwacht. Während des letzten Jahrzehnts und besonders im letzten Jahr haben einflussreiche Personen versucht, das Narrativ, durch das sich die Gesellschaft selbst versteht, zu verändern.

Ein heimtückischer Kreuzzug ist im Gange, der darauf abzielt, zu kontrollieren, was die Öffentlichkeit sieht, hört, denkt und glaubt. Dieses Projekt, das in verschiedenen westlichen Kulturen nach Hegemonie strebt, ist nicht weniger gefährlich als frühere Versuche der Gedankenkontrolle durch totalitäre und theokratische Regime. Aber da diese Kampagne keinen Namen hat und keine explizite Ideologie fördert, wird ihre Bedeutung tendenziell unterschätzt, auch von denen, die sich den vielen Versuchen der Sprach- und Gedankenkontrolle widersetzen. Eine neue identitätsbesessene, antihumanistische und antizivilisatorische Erzählung hat sich durchgesetzt. Wir werden zunehmend gedrängt, unsere Sprache zu ändern, bisher unbekannte Wörter zu verwenden und zutiefst fragwürdige Behauptungen zu akzeptieren. Diese Kampagne ist deshalb so erfolgreich, weil ihre Gegner ihre Bedeutung nicht begriffen haben.

SPIEGEL: „Rowlings simpler Reflex“

Der SPIEGEL hat sich inzwischen auch in die Debatte über Transmenschen eingemischt (vgl. hier) und unterstellt J.K. Rowling eine unerträgliche und perfide Argumentation. Was ist denn so perfide? Rowlings setze voraus, dass es tatsächlich so etwas wie ein biologisches Geschlecht gebe. Der Autor beruft sich auf Judith Butler. Sie habe bereits in den 90ern zwischen biologischem und sozialem Geschlecht unterschieden. Wer heute noch behaupte, es gebe so etwas wie ein biologisches Geschlecht, sei nicht auf der Höhe der Zeit. Denn nach Butler sind die Begriffe biologisches Geschlecht und Geschlechtsidentität nur „Erfindungen“ durch soziale und sprachliche Aspekte der Gesellschaft. Alles andere sei Biologismus. Das klingt dann so:

Bezeichnend dabei ist, wie simpel Rowlings vermeintlich feministischer Reflex daherkommt. In der Welt von Forstater, Rowling und Co. existieren zwar Transmenschen, aber eben nur auf der sozialen Ebene des Geschlechts (gender), und nicht auf der Ebene des Geschlechts, das Menschen bei Geburt zugewiesen wird (sex).

Die Philosophin Judith Butler schrieb bereits in den Neunzigern, dass sowohl gender als auch sex soziale Konstrukte seien, die wir als Gesellschaft ständig durch Wiederholung reproduzieren würden. Und seitdem Butler dies in ihrem Standardwerk „Das Unbehagen der Geschlechter“ argumentierte, wird diese Debatte geführt. Der Diskurs ist dabei eigentlich längst weiter.

Was Rowlings Tweet unerträglich macht, ist aber nicht nur ihr Anachronismus, sondern verbirgt sich in der inhärenten Logik ihrer Äußerung. Rowling tut erst mal so, als wolle sie niemanden angreifen, alle sollen schön machen, was sie wollen – und attackiert dann doch. Denn alles ist erlaubt, aber eines geht ihr doch zu weit: „Frauen aus ihren Jobs für die Aussage zu drängen, dass das Geschlecht real ist“. Hier vermischt sie die Diskurse und rekurriert auf einen feministischen Gedanken: Es wurde gerade eine Frau aus ihrem Job „rausgedrängt“. Dabei scheint für sie unerheblich zu sein, aus welchem Grund. Rowling spielt hier die Rechte der Frauen und die Rechte von Transfrauen gegeneinander aus. Das ist perfide.

Es wird also vorausgesetzt, dass eine binäre Geschlechterunterscheidung falsch und übel ist. Wer streng zwischen Mann und Frau unterscheidet, huldigt aus Sicht dieser Perspektive Zwangsidentitäten, die letztlich zu Gewalt und Terror führen. 

Verschwiegen wird, dass das Konzept von Judith Butler eben tatsächlich nur zusammengeschrieben (und nicht bewiesen) wurde. Gerade unter den harten Wissenschaften ist ihre These (von Theorie sollte man noch gar nicht sprechen)  äußerst umstritten, so dass manche von „unwissenschaftlicher Ideologie“ oder „universitärer Pseudowissenschaft“ sprechen. Ein Beispiel. Das biologische Geschlecht wird laut Butler durch „doing Gender“, also durch alltägliche sprachliche und kulturelle Interaktionen, hergestellt. Wir dürfen fragen: Wie entstanden denn die biologischen Geschlechter, ohne die es keine Fortpflanzung gibt, in der Tierwelt? Solche und ähnliche Fragen haben wir hier ja schon vor Jahren diskutiert (vgl. z.B. hier).

Ein Gespräch über solche Themen ist aber nicht erwünscht. Durch sozialen und rechtlichen Druck, also durch Diskriminierung, möchte man jene, die ein trans-inklusives Geschlechter-Konzept ablehnen, dazu zwingen, so zu denken und zu fühlen, wie sich die Gender-Mainstream-Gemeinde das wünscht. 

Also, es sollten mehr Menschen den Mut aufbringen, die Gender-Thesen zu hinterfragen. Das Gemecker der Schwarmintelligenten halten wir aus. Mögen noch viele „J.K. Rowlings“ den Mund aufmachen!

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J.K. Rowling löst Shitstorm aus

Wie absolutistisch die Gender-Mainstream-Gemeinde inzwischen auftritt, stellt dieser Stern-Beitrag zutreffend dar. Die Ökonomin Forstater, die bis Anfang des Jahres beim britisch-amerikanischen „Center for Global Development“ gearbeitet hatte, verlor ihren Job, weil sie via Twitter das Transgender-Konzept kritisiert hat. Der STERN schreibt darüber:

In ihren Tweets hatte sie unter anderem geschrieben: „Wenn Männer Make-Up, hohe Schuhe und Kleider tragen, werden sie nicht automatisch zu Frauen. Aber die Norm scheint zu sein, dass wir so tun, als wären sie es, um ihre Gefühle nicht zu verletzen.“ Ein Richter in England entschied nun, dass Forstaters Entlassung beim „Center for Global Development“ nicht diskriminierend und somit rechtens sei. Wie die britische Zeitung „The Guardian“ berichtet, rechtfertigte der Richter seine Entscheidung folgendermaßen: „Ich schließe aus den Beweisen, dass Maya Forstaters Einstellung zum Thema Geschlecht absolutistisch ist und beinhaltet, dass sie eine Person immer mit dem Geschlecht adressieren wird, das sie selbst für angebracht hält – unabhängig davon, ob dies die Würde ihres Gegenübers verletzt, oder ein einschüchterndes, feindseliges, erniedrigendes, beschämendes oder beleidigendes Umfeld schafft.“ Diese Herangehensweise sei in einer demokratischen Gesellschaft keines Respektes würdig.

Jetzt steht  die Buchautorin J.K. Rowling  (Harry Potter) in der Kritik, weil sie die Meinungsfreiheit und das Konzept eines realen Geschlechts verteidigt. Sie muss sich nun mit dem Vorwurf der Transphobie auseinandersetzen.

Da kann man nur hoffen, dass solche offensichtlich totalitären Ansprüche der politischen Elite durchschaut werden, bevor es zu spät ist. Man muss nicht besondern klug sein, um das zu durchschauen. Es reicht aus, eine ungefähre Vorstellung von Gerechtigkeit und Meinungsfreiheit zu haben.

Hier der Artikel: mobil.stern.de.

Einmal Mann sein – und wieder zurück

Immer mehr junge Menschen wollen ihr Geschlecht ändern. Hormone und Operationen sind so leicht wie nie zu bekommen. Absolute Zahlen liefert das Gesundheitsministerium in Großbritannien. Katrin Hummel hat in der FAS einen hervorragenden Artikel veröffentlicht. Darin heißt es:

In Englands einziger Klinik, die minderjährige Transgender behandelt, dem Tavistock Centre in London, haben sich vor zehn Jahren 32 Mädchen und 40 Jungen vorgestellt, weil sie sich im Unklaren darüber waren, welches Geschlecht sie hatten. Zwischen April 2018 und April 2019 waren es 624 Jungen und 1740 Mädchen, fast alle Teenager. Die Zahl der Mädchen ist also innerhalb von zehn Jahren um mehr als 5000 Prozent gestiegen.

Wenn da mal der politische und mediale Hype keine Rolle spielt. Allerdings wird immer offensichtlicher, dass OPs die seelischen Nöte nicht langfristig lösen können.  Die FAS weiter:

Eine 2016 veröffentlichte Metastudie von Tamara Syrek Jensen vom Center for Medicare and Medicaid Services des amerikanischen Gesundheitsministeriums hat ergeben, dass geschlechtsangleichende Operationen die psychischen Probleme der transidenten Personen meist nicht lösen konnten. Und eine Langzeitstudie, in der transidente Personen, die Hormone genommen und sich hatten operieren lassen, mehr als zehn Jahre lang begleitet worden waren, ergab, dass das Selbstmordrisiko dieser Menschen um 19 Mal höher liegt als das der Allgemeinbevölkerung. „Die eigentliche Ursache, aus der diese Individuen ihr biologisches Geschlecht ablehnen, wurde nicht bearbeitet“, so das Fazit von Cecilia Dhejne vom Karolinska-Institut bei Stockholm in der Studie „Long-Term Follow-Up of Transsexual Persons Undergoing Sex Reassignment Surgery: Cohort Study in Sweden“.

In Deutschland werden trotzdem die Transitionen immer einfacher und schneller ermöglicht. „Eine neue Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Transsexualität, die vor rund einem Jahr unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (keiner ärztlich-medizinischen, sondern einer sexualwissenschaftlichen Fachgesellschaft) veröffentlicht worden ist, besagt, dass Therapeuten ‚den diagnostischen Prozess so kurz wie möglich halten‘ sollen.“

Steht alles in dem sehr empfehlenswerten Artikel. Die Lektüre lohnt sich, auch wenn er hinter einer Bezahlwand liegt: www.faz.net.

Johannes Calvin: Wie öffentliche Irrtümer entstehen

Johannes Calvin war ein guter  Beobachter des öffentlichen Lebens (aus dem Widmungsschreiben der Institutio von 1536):

Was man nämlich die Menge tun sieht, das behauptet sich als Gewohnheitsrecht. Und es hat kaum jemals so gut mit der Menschheit gestanden, daß das Bessere den Beifall der Mehrheit gefunden hätte. So entsteht aus den persönlichen Fehlern vieler einzelner in den meisten Fällen ein öffentlicher Irrtum aller oder richtiger: ein gemeinsamer Konsens in den Fehlern, und das – so wollen es diese guten Leute – soll nun als Gesetz gelten!

Glänzendes System der Weltweisheit

Der Erlanger D. Thomasius schreibt in seiner Dogmengeschichte der Alten Kirche (Bd. 1, 1874, S. 85) über das 2. Jahrhundert:

„Es ist die religionsphilosophische Weltanschauung der Gebildeten jener Zeit des zu Ende gehenden Heidenthums, die in dem Gnosticismus an das Christenthum, von dessen Strahlen sie bereits berührt ist, herantritt, um es sich zu assimiliren; es sind die geistigen Mächte der außerchristlichen Welt, die das Christenthum in sich hereinziehen und umsetzen, umbilden möchten. Sie wollen es, seines geschichtlich-soteriologischen Charakters entkleidet, aus einer ethischen Heilsanstalt für die verlorene Welt in ein glänzendes System der Weltweisheit umsetzen, in der That aber verwandeln sie es in ein philosophisch-phantastisches Zerrbild, welches die sämmtlichen Grundlagen des Christenthums entweder ganz alterirt oder doch in ein falsches Licht stellt.“

Also: Nichts Neues unter Sonne!

Ehe für alle: „Habt ihr nicht gelesen…?“

Noch gibt es in der Schweiz keine „Ehe für alle“ (Efa). Voraussichtlich im Frühjahr 2020 wird im Nationalrat über eine Gesetzesvorlage diskutiert werden, die auf eine parlamentarische Initiative der Grünliberalen zurückgeht. Vieles deutet darauf hin, dass mit Ausnahme der SVP und der EVP alle Parteien für die Einführung der Efa stimmen werden. Die Reformierte Kirche in der Schweiz unterstützt die Öffnung der Ehe und will gleichgeschlechtlichen Paaren eine kirchliche Trauung ermöglichen, auch wenn die letzte Kompetenz bei den Kantonalkirchen liegen soll (vgl. hier).

Über 200 reformierte Amtsträger haben allerdings eine Erklärung unterschrieben, die auf ein sehr grundlegendes Problem der Debatten- und Entscheidungskultur verweist und das christliche Eheverständnis verteidigt. Ich zitiere:

Im Hören auf das Wort Gottes gemäss der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments, im Wissen um unsere eigene Begrenztheit und in der Bereitschaft, uns durch das Zeugnis der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments und Gründe der Vernunft korrigieren zu lassen, unterzeichnen wir diese Erklärung, weil wir das Vorgehen und die Verlautbarungen kirchlicher Leitungsgremien rund um die kirchliche Diskussion zur «Ehe für alle» nicht akzeptieren.

1. Radikaler Bruch. Im radikalen Bruch mit der jüdisch-christlichen Tradition und der Gemeinschaft aller Konfessionen zu allen Zeiten und an allen Orten schlagen der Rat des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) sowie die Räte verschiedener Kantonalkirchen vor, die kirchliche Trauung auch für gleichgeschlechtliche Paare einzuführen.

2. Kirche nicht über der Schrift. Wo die Grundlage einer solchen Entscheidung nicht die biblischen Schriften sind, wird der Boden der christlichen Theologie verlassen. Die Kirche steht unter der Schrift und nicht über ihr. Sie verliert ihre Legitimation, wo sie nicht die Schrift zum Massstab ihrer Entscheidungen macht.

3. Gesellschaftlicher Mainstream wird nicht hinterfragt. Wo die Kirche gegenüber dem Wort Gottes nicht mehr eine hörende und gehorsame Kirche ist, bestimmen Veränderungen im gesellschaftlichen Mainstream sowie staatliche Entscheidungen und Definitionen in einer unhinterfragten Selbstverständlichkeit die kirchlichen Entscheidungen. Der Schöpferwille Gottes kann niemals aus dem gesellschaftlichen Mainstream abgeleitet werden. Ein gesellschaftlicher Mainstream kann auch nicht als Rahmen benutzt werden, um die biblischen Schriften zu interpretieren.

4. Keine theologische Diskussion mehr. Anstelle einer echten theologischen Diskussion zwischen verschiedenen Auffassungen tritt ein zunehmend absolutes Auftreten derjenigen, die eine kirchliche «Ehe für alle» etablieren möchten.

Hier mehr zur Erklärung zur „Ehe für alle“ in der Kirche: mt194.ch.

VD: LZ

Von Opferansprüchen und Schuldbekenntnissen

Sandra Kostner meint, die starre Einteilung in Träger von Opfer- und Schuldidentitäten führe die Gesellschaft nicht zusammen, sondern treibe sie weiter auseinander. Die Läuterungsagenda rege dazu an, immer neue Gründe dafür zu suchen, um den Läuterungsdruck aufrechterhalten zu können. In der NZZ schreibt sie:

Dass die negativen Folgen der Läuterungsagenda gerade in den letzten Jahren immer deutlicher zutage treten, hat mit dem erfolgreichen Einwirken der Identitätslinken auf Politik und Institutionen zu tun. Denn je mehr Benachteiligungen eine Gesellschaft abgebaut hat, umso schwieriger wird es für die Opferentrepreneure, den Läuterungsdruck aufrechtzuerhalten.

Um gesellschaftlich relevant zu bleiben, tun sie deshalb das Naheliegende: Sie halten fortwährend nach neuen Benachteiligungsindikatoren Ausschau. So prangern sie mittlerweile jeden statistisch feststellbaren Unterschied zwischen Opfer- und Schuldgruppen bei der Zusammensetzung von Belegschaften, Organisationen und Parlamenten als unerträgliche Benachteiligung an. Und sie verurteilen mit zunehmend unerbittlicherer Vehemenz Äusserungen und Handlungen von Mitgliedern einer Schuldgruppe, die von Opfern als ausgrenzend, abwertend oder auch nur als gefühlsverletzend wahrgenommen werden könnten, als rassistisch, sexistisch, islamophob oder transphob.

Mehr: www.nzz.ch.

VD: DV

Stoppt die „Influencer“ in der Kirche

Angesichts der Tatsache, dass sich junge „Influencer“ wie Joshua Harris oder Marty Sampson vom christlichen Glauben distanzieren, hat der Musiker John Cooper mit einem erfrischenden Post reagiert.

Ein Auszug:

Meine Schlussfolgerung für die Kirche (alle Christen) lautet: Wir müssen aufhören, Lobpreisleiter, Meinungsbildner, „Influencer“, „coole“ oder „relevante“ Menschen zu den einflussreichsten Persönlichkeiten in der Christenheit zu machen. (Und ja, das schließt Leute wie mich ein!) Ich sage seit 20 Jahren (und es erschien einigen meiner Altersgenossen wahrscheinlich recht verurteilend), dass wir uns an einem gefährlichen Ort befinden, wenn die Kirche auf 20-jährige Anbetungssänger als unsere Quelle der Wahrheit schaut.

„Schwangerschaftskommunismus“

Wenn ich in den letzten Jahren mit Freunden und Bekannten über den erweiterten Ehebegriff diskutierte, haben einige unter ihnen mit der Einführung der „Ehe für alle“ (Efa) im Jahr 2017 die Hoffnung verknüpft, dass „das Thema gegessen sei“ und man sich wieder den wichtigen tagespolitischen Themen zuwenden werde. Ich hörte sogar das Argument, bei dem Theater gehe es im Kern darum, den Schutz der Familie zu festigen. Schutz eben unter neuen Bedingungen. Die Gesellschaft entwickele sich weiter. Das „Prinzip Ehe“ solle gerade unter den Wandlungen, die die Spätmoderne mit sich bringt, erhalten werden.

Ich war hingegen immer der Meinung, dass genau diejenigen kulturellen Strömungen, die im Streit um die Efa vor „Familienfreundlichkeit“ strotzen, bei genauer Betrachtung das Anliegen verfolgen, die Familie abzuschaffen. Die Efa war nur ein durchschlagender Etappensieg. Weil – um es mal mit dem Neomarxisten Max Horkheimer zu sagen – Familien die „Keimzelle des Faschismus“ sind, kann erst durch deren Abschaffung Ruhe einkehren und sich der Mensch in herrschaftsfreien Räumen natürlich entfalten (siehe a. hier).

Die Wochenzeitung DIE ZEIT macht uns in einem aktuellen Beitrag mit dem Ideal einer elternlosen Gesellschaft vertraut. Aber nicht nur das. Sie rückt unverhohlen die Verteidiger der Familie in eine rechtsradikale Ecke und schreibt ihnen erhebliche Gewaltbereitschaft zu. So entsteht der Eindruck, Anwälte der traditionellen Familie zwischen einem Mann und einer Frau und biologischen Kindern seien per se Feinde der offenen Gesellschaft.

Mit Rückgriff auf die Arbeiten der Britin Sophie Lewis heißt es etwa:

Lewis stellt sich vor, wie es wäre, wenn wir Familien nicht mehr bräuchten, weil die Gesellschaft ausreichend Fürsorge und Nähe spendete, sie schreibt von „Polymutterschaften“ und „Schwangerschaftskommunismus“. Und ihre Hauptforderung lautet: „Wir müssen Wege finden, um der Exklusivität und Vormachtstellung ‚biologischer‘ Eltern im Leben von Kindern entgegenzuwirken.“
…
Kern dieser Revolution ist die Überwindung der Familie, eine Forderung, mit der Lewis längst nicht allein ist. Sie bezieht sich auf eine Reihe junger queerer Theoretikerinnen, die dazu forschen und schreiben. Jules Joanne Gleeson und Kate Doyle Griffiths zum Beispiel, die 2015 einen Essay mit dem Titel Kinderkommunismus veröffentlichten, „eine Analyse der Beziehungen zwischen Familie, Gender und der Reproduktion des Kapitalismus“. Oder die in Sydney lehrende Professorin Melinda Cooper, die in ihrem Buch Family Values aufzeigt, wie zentral die „Kernfamilie“ nicht nur für „sozial Konservative“, sondern auch für Neoliberale sei (in der Boston Review erschien ein Essay, der aus dem Buch destilliert war). Im Mittelpunkt beider Ideologien stehe am Ende, wie Cooper erklärt, immer noch die weiße, heterosexuelle Familie, als moralische und ökonomische Norm.

Ich lege aufgeweckten Christen die Lektüre des Artikels sehr ans Herz. Der Text stimmt auf die Kulturkämpfe der nächsten Jahre ein. Jene, die meinen, mit Weltflucht oder Resignation reagieren zu müssen, sollten nicht stolz auf ihre Haltung sein. Unsere Kinder und Enkel müssen es ausbaden. 

Also: Wir brauchen in dieser wichtigen Debatte weder aggressive Kampfschriften noch Gesten der Kapitulation, sondern Mut und Hoffnung, die sich auch darin kundtun, dass wir uns gründlich, vernünftig und praktisch in die Kontroversen einmischen.

Hier der Artikel „Die elternlose Gesellschaft“: www.zeit.de.

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