Die Verborgenheit Gottes bei Siegfried Zimmer

Siegfried Zimmer hat es bei den Evangelikalen in Deutschland wie Rob Bell geschafft, populär zu werden. Dabei ist es interessant, wie sehr Zimmer die Verborgenheit Gottes „hervorhebt“. Ein Zitat aus meinem Aufsatz „Bibel und Bibelkritik“ (Daniel Facius (Hg.), Der Bibel verpflichtet: Mit Herz und Verstand für Gottes Wort, 2015, S. 277–279):

Letztlich ist Siegfried Zimmer – wie viele andere – auf der Suche nach einer metaphorischen oder symbolischen Wahrheit. Die Texte sind auf einen tieferen Sinn, auf einen allgegenwärtigen sensus plenior hin zu untersuchen. Wird die tiefere Wahrheit, also der Geist der Schrift im Gegensatz zu ihren bloßen Buchstaben, offengelegt, kann dies der Kirche geistliches Leben stiften.

Nun ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, in der Bibel nach mehr als nur nach historischen Wahrheiten zu suchen. Die Bibel enthält viele Erzählungen, Lieder, Gebete, Gleichnisse, Visionen usw. Das Ernstnehmen dieser Gattungen fördert zweifelsohne die ertragreiche Lektüre. Eine hervorstechende Leistung der vom Strukturalismus beflügelten Exegese ist es, Eigenarten von Textformen bis ins kleinste Detail zu beobachten und dadurch oft übersehene Feinheiten zutage zu fördern. Verfänglich wird es dann, wenn literarische Beobachtungen gegen die historische Verankerung von Erzählungen (so sie denn vorliegt) ausgespielt oder Denkfiguren einer doppelten Wahrheit eingeführt werden. Wir nehmen nach Zimmer die Bibel erst dann wirklich ernst, wenn wir (viele) ihrer Geschichten von ihrem Geschichtsbezug entbinden und symbolisch deuten. Der Graben zwischen der „Welt der Geschichte“ und der „Welt der Bibel“ bleibt also bestehen, ja es wird der Eindruck erweckt, Jesustreue ist daran abzulesen, dass dieser Graben akzeptiert wird. Auf der einen Seite haben wir die geschehene Offenbarung, auf der anderen die in der Heiligen Schrift aufgezeichneten Offenbarungszeugnisse.

Wir werden freilich mit den Schiffen oder Brücken der Symbolik, Allegorese oder Liturgie den garstigen Graben nicht queren. Wie soll aber Gott da noch klar reden? Führt das nicht zwangsläufig in die Unwirklichkeit Gottes? Ich finde es bemerkenswert, wie stark Zimmer die Verborgenheit Gottes herausstellt. Gottes „Wirken ist geheimnisvoll und unberechenbar“. Je „näher ich“ Gott „komme, desto geheimnisvoller wird er“. „Gott ist ein Geheimnis.“ „Auch in seiner Offenbarung bleibt Gott der verborgene Gott …“ „Wer sich dem verborgenen Gott anvertraut, wird erfahren, wie Gott durch die Bibel wirkt.“ „Es ist ein wichtiges Kriterium für die geistliche Qualität einer christlichen Gruppe, ob sie die Verborgenheit Gottes gebührend ernst nimmt, gerade auch in ihrem Verständnis der Bibel.“

Wie anders redet doch Paulus. Natürlich kennt auch er den unausforschlichen, verborgenen Gott (vgl. Röm 9, vgl. Jes 45,15). Doch weiß er, dass sich dieser unsichtbare Gott in seinen Werken allen Menschen so unzweideutig offenbart, dass sie keine Entschuldigung für ihren Undank haben (vgl. Röm 1,18–22). Vor allem aber hat Gott ihm und anderen Aposteln und Propheten durch den Geist das Geheimnis des Christus, welches früheren Generationen verborgen blieb, offenbart (vgl. Eph 3,3–9). Der Apostel ist eingesetzt, das Wort Gottes auszurichten, nämlich „das Geheimnis, das seit Urzeiten und Menschengedenken verborgen war – jetzt aber seinen Heiligen offenbart worden ist“ (Kol 1,26). In Jesus, in dem gekreuzigten Christus, im Evangelium also, ist Gott offenbar und wird von den Seinen im Glauben erkannt. Der verborgene Wille Gottes – so hat Luther es einmal gesagt – ist „nicht zu erforschen“, sondern als ein Geheimnis „in Ehrfurcht anzubeten“. Erkannt und verkündigt wird Gott im Evangelium, bei dem allein wir Menschen Rettung und Trost finden (vgl. 1Kor 1,18–2,16). Jenen, die gerettet werden, ist dieses Evangelium Gottes Kraft und herrliche Freude (1Kor 1,18; 1Petr 1,8). „Was kann denn in der Schrift noch Erhabenes verborgen sein“ – schreibt Luther, „nachdem die Siegel gebrochen sind und der Stein von der Tür des Grabes weggewälzt worden ist? Womit das höchste Geheimnis an den Tag gekommen ist, dass nämlich Christus, der Sohn Gottes, Mensch geworden ist, dass Gott dreieinig ist und ein einziger, dass Christus für uns gelitten hat und in Ewigkeit herrschen wird.“ „Gott selbst wäre uns fern und verborgen, wenn uns Christus nicht mit seinem Glanz umstrahlte“, schreibt Calvin. Aber der „Vater hat alles, was er hatte, dem Eingeborenen gegeben, um sich uns in ihm zu offenbaren“. Deshalb ist in Christus „Gottes Herrlichkeit für uns sichtbar“.

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Kommentare

  1. Tim-Christian meint:

    Aber der Deus absconditus ist doch viel netter; hat er doch erwiesenermaßen keine Probleme mit der Frauenordination, gelebter Homosexualität, Scheidung oder Religionspluralismus … 😉

  2. @Tim-Christian
    LOL – aber vielleicht ist er gerade deswegen (momentan) abwesend 😉

  3. Tim-Christian meint:

    @PeterG

    Zum Glück sendet er uns von Zeit zu Zeit Propheten wie Siegfried Zimmer, die uns Fundamentalisten auf den geraden Pfad des Evangelischen Kirchentags zurückrufen sollen. 😉

  4. Roderich meint:

    Das Problem ist, dass Zimmer die „Verborgenheit Gottes“ nur selektiv anführt und sie dazu nutzt, unliebsame Bibelstellen auszuhebeln.

    Was den Zorn Gottes angeht, oder die Gerechtigkeit Gottes: Da ist Gott natürlich so verborgen, dass wir nicht wissen können, wie das gemeint sein soll.

    Was die Liebe Gottes angeht, da ist für Zimmer die Bibel plötzlich ganz klar. Da ist Gott dann plötzlich doch nicht verborgen, sondern den Teil der Bibel können wir klar verstehen.

    Schlimm, dass es in evangelikalen Gemeinden dann sorglose Leute gibt, die ohne viel nachzudenken Zimmers Hermeneutik übernehmen. Man lädt sich halt die Lehrer auf, nach denen einem die Ohren jucken.

  5. Alexander meint:

    Nur ein paar Gedanken apropos deus absconditus aus der lutherischen Perspektive – vielleicht weiß ja jemand von Euch noch ein bisschen mehr dazu: Ich habe ein wenig in von Loewenichs „Luthers Theologica Cruxis“ gelesen. Daraus und aus meiner weiterführenden Beschäftigung in diesem Bezug ergibt sich, dass Luther deus absconditus/deus revelatus gerade gegen die Scholastik, im Besonderen das Spekulieren verwandte. Zentrale Quelle hierfür ist v.a. in der Heidelberger Disputation. Die theologia gloriae sucht das zu ergründen, was Gott nicht von sich offenbart hat. Die theologia crucis sucht Gott nur dort, wo er sich offenbart hat. In diesem Sinne wäre Prof. Zimmers Lehre als spekulierende Scholastik und damit als theologia gloriae einzuordnen. Punkt zwei: Ist Prof zimmers Herangehensweise nicht eigentlich auch klassische Gnostik? Die geheime Lehre (hinter dem Text), die nur der Eingeweihte, Erleuchtete finden kann. Vielleicht sind das ja zwei fruchtbare Deutungswinkel.

  6. HINWEIS: Die letzten 3 Kommentare habe ich gelöscht, da sich nichts mit dem ursprünglichen Post zu tun haben. Bitte versuchen, beim Thema zu bleiben!

    Liebe Grüße, Ron

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